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Die Stimme · 1930-10-16 · Heft 147 (16.10.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 147 (16.10.1930)
Date
1930-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME ÜÜHJC o . / Stimme der jüdischen Frau ä*A$£8k!»f Oauenworte aus Erez Israel Von Dr. Martha Hofmatin. ' Bis vor ganz kurzer Zeit galt das Wort zu Recht -- es gilt vielleicht noch heute — daß über Leben und Fühlen der Frauen der Mann ungleich mehr ausgesprochen habe als sie selbst, daß er als Dichter und Beobachter sic besser verstand, als die Frau sich selbst. Dies gilt für alle Völker und alle Kulturen. In drei Jahrtausenden haben nur wenige Frauen, von Deborah oder Sappllo angefangen, bis zu George Sand und Sigrid Undsel im 19, und 20. Jahrhundert, das Tiefste und Letzte ihrer weiblichen Persönlichkeit selbst auch nur annähernd so offenbarungsreich enthüllt, wie es den großen männlichen Dichtern aller Völker gelungen ist. Und auch in der neueren jüdischen Literatur danken wir den tiefsten Einblick in das innere Erleben der Frau Dichtern wie Mendele, Peretz, Scholem Alechem u. a. Die Ursachen dieser Tatsache liegen auf der Hand: Hörigkeit, Scham, Leid, selbstbetäubende Arbeit im engen Kreise, mangelnde Bildung, Angst, etwas Unschickliches zu tun, vor allem immer wieder das Fehlen des Mutes, der inneren Freiheit und Ueberlegenheit — das waren und sind vielfach noch immer die psychologischen Gründe, die die Frau am Ausdrucke ihres eigenen Wesens hemmten. Die Frau ist oder war bis vor kurzem weniger im Bewußten als im Unbewußten sie selbst. Und darum finden wir den unmittelbarsten Ausdruck, den eine Frau durch geschriebene Worte von ihrem Wesen geben konnte, zumeist in Briefen oder tagebuchartigen Aufzeichnungen, die für sie selbst oder für einen geliebten Menschen — nicht aber für 'die breite Oeffentlichkeit — bestimmt waren. Selbst die pragmatische, nüchtern sachliche Lebensbeichte der Gltickel von Hameln war nicht als Roman für die Allgemeinheit gedacht — davor wäre die jüdische Hausfrau zurückgeschreckt, — sondern als eine interne, für sie selbst und ihre Nächsten, bestimmte, private Aufzeichnung. Wieviel mehr gilt dies von den Briefen einer Rahel Lewin, die zweifellos zu dem Echtesten und Bedeutendsten gehören, das je eine Frau über sich selbst offenbart hat. Und auch bei den vielen, mehr oder minder namhaften, lesenswerten Autorinnen der Gegenwart, reicht fast niemals die als objektives Kunstwerk gestaltete Schöpfung an das innige Märchen heran, das die Mutier ihrem Kinde erzählt, oder an den Brief, den das Mädchen ihrem vertrauten Freunde schreibt. Es scheint, als öb nur durch solche Beziehung wirklich jede Hemmung von der Seele der Frau fiele und es ihr nur'.so erlaubt wäre, in ihren Worten ganz sie selbst zu sein. Am nächsten steht dieser Form unmittelbarer, persönlicher Mitteilung die Lyrik, und wieder ist es kein Zufall, daß von Sappho bis zu Else Lasker-Schüler gejrade auf diesem Gebiete die Dichtungen der Frau mit zu dem Größten gehören, das jemals geschaffen wurde. Weniger kann' dies von der erzählenden Dichtung, noch weniger vom Drama, gesagt werden. Der Frau fehlt im allgemeinen Distanz, die zu objektiver Gestaltung gehört Unerreichbar, und zwar gerade von männlicher Distanziertheit und bewußter Formung vor allem unerreichbar ist die Frau nur dort, wo sie sich unmittelbar selbst gibt, wo sie singt, einen Brief schreibt, ein Märchen erzählt. Die Richtigkeit des hier Gesagten wurde der Schreiberin dieser Zeilen (die sicherlich die Leistung der Frauen auf literarischem Gebiete nicht unterschätzt und wohl weiß, wie viel wertvolle Dichtungen von Frauen aller Kulturen und nicht zuletzt von jüdischen Frauen geschaffen werden) wieder einmal mit zwingender Deutlichkeit bewußt, als sie — nach der Lektüre des glänzend geschriebenen Romans einer englischen Jüdin, — das Buch der Briefe und Tagebuchblätter in die Hand nahm, das unter dem Titel „Djvre Hapoaloth“ vor kurzem von den Arbeiterinnen Palästinas herausgegeben wurde. (Tel-Aviv 1930.) Dieses Buch ist das erschütterndste Dokument des inneren Geschehens beim Aufbau von Erez Israel, das mir jemals vor Augen kam. Das, was diese Mädchen und Frauen ihrer Mutter, ihrer Freundin, ihrem Freunde oder sich selbst bekennen, — sei es innere Zerrissenheit und Qual der Einsamkeit inmitten der Genossen ihrer Kommune, sei es das Motiv ihrer Flucht aus dem Golus, sei es das Leiden um Mas Kind, dem : sie — die Mutter -*• sich nicht widmen kann, — sei es tiefsinnig Gedachtes' über aktives und passives Heldentum oder gar tiefster Schrei der Not über das innere, menschliche Versagen, der doch übertönt wird von der Kraft des „b’chol soth“ (trotz alldem) — das, was diese Mädchen hier Über ihr Lieben und Fühlen, Kämpfen und Erleiden mit aller Wahrheit der Selbstzergliederung und Beobachtung der anderen und doch mit der synthetischen Kraft der Hingabe und der Liebe bekennen — das hat wahrlich kein Mann jemals so ausger drückt. Dieses Buch zu lesen, heißt der inneren Wirklichkeit Erez Israels dem zuckenderi Herzen unsere^ Volkes ganz nahe kommen. Dieses Buch sollen vojr allem die Frauen lesen, die mitschaffen wollen an Erez Israel, damit sie verstehen lernen was wirklich die Fraueivn'i>Meme und Frauenschicksale des Landes sind, die .;ivh v. ahriieh nidd allein auf Konferenzen entscheiden lassen. Bücher wie diese sind geeignet, dem leeren Mechanismus,, der eine Organisation so leicht zu überwältigen droht, inneres Leben, Seele und Geist einzuhauchen. Und auch kein Mann, dem diese Bewegung etwas gilt, sollte versäumen, dieses Büch zu lesen. Der seelenvollc und liebende Genius der Frau wird ihm aus diesen so echten, so ungeschminkten, so lebensheiß zuckenden Worten entgegentreten, wird das von äußeren Kämpfen und täglichen Sorgen müde und kalte Herz der Zeit seltsam ergreifen und — im Innersten berührt — wird jeder fühlen: ,,Siehc, hier schlägt das Herz von Erez Israel.“ Ein persönliches Gespräch A on Irnm Singer-Berkowicz (Daganiah). Die Verfasserin des Aufsatzes ist unseren Lesern aus ihren herrlichen Gedichten («Licht im Lager») bekannt. Der Journalist, von dem hier die Rede ist, ist Märtin, der Chefredakteur des «Journal de Geneve», der in seinem Blatte schon öfters zionistenfreundliche, die englische Palästina-Politik angreifende Artikel veröffentlicht hat. Ein Auto fuhr in den Hof. Die Autohuppe gellte noch einmal auf, als wollte sie sich selbst avisieren, die bogenförmigen Aeste der Dattelpalme, vom Autodach gestreift, schüttelten glitzernde Regentropfen auf den schAvarzen Lack und Kot spritzte prasselnd zu beiden Seiten. Touristen kamen. Und einige Augenblicke nachher rief man mich und bat mich, dem Gast, Redakteur eines Schweizer Blattes, etAras von unserem Leben zu erzählen. Mir gegenüber stand ein mittelgrober, nicht mehr junger Mann, mit scharfen Augengläsern, I Wissen 'fie es schon 1 Schuh-Dorn bietet noch nie Dagewesenes in Qualität und Preisen. Moderne Krokodil- und Ejdechsschuhe . . . . S 39.50—S 45,— Aus ganz Krokodil u.'Eideehs „ 49.50—„ 55.— Herren-Schuhe in neuen Formen, rahmengenäfit . . . „ 29.50—,, 34.50 &ctkufä-&>oxm, II., iToißofsIvalle S a .^.^^^mirniMWiiiiiiiiyMiiiiiiiiiiii .im u m ui hinter denen ein Paar tiefer, hellbrauner Augen jung und verständnistief leuchteten. Instinktiv empfand ich eine ganze, reiche Welt, die durch diesen hellen Blick Funken ihrer Fülle ahnen ließ. Also wohl kein Tourist, der den Erfolg seiner Reise an der Zahl der „Kilometer-Steine“ mißt, die er auf seiner Fahrt passiert. Das Gespräch begann mit den obligaten Fragen: „Wie viele seid Ihr?“ — „Was baut Ihr an?“ — „Wie sind die Kinder?“ Und während -wir langsam uns in Fragen und Antworten und Dingen verloren, die sich nicht mehr leicht mit den zehn Fingern betasten lassen, kamen wir zu jener stillen Ecke des ewigen Flusses, die durch ihren Reiz und das mystische Raunen der Wellen den Alltag ganz vergessen läßt. Herr M. fragte mich aueh nach unserem Verhältnis zu den Nachbarn, eine Frage, die, von so vielen Journalisten, die gegenwärtig im Lande sind, gestellt, fast schon einen banalen Beigeschmack bekam, während mir die Antwort auf der Zunge einen säuerlichen Geschmack hinterließ, wie Speisen, die von gestern sind. Und plötzlich eine persönliche Frage: „Wie haben Sie sich hier eingelebt?“ Ich blickte ihm in die Augen. Die vielen Begegnungen hier mit Menschen von Namen und Rang haben mich gelehrt, vorsichtig zu sein. Erzählte ich nicht in naiver Begeisterung Reuben Brainin und sprach ich nicht, erfüllt von der subjektiven Wahrheit meines Ich einem Perez Hirecbbein — und verstanden diese nicht anders, so ganz anders, als ich erzählte? Deshalb forschte ich in seinen Augen. Aber dort, hinter diesen Augengläsern, weit hinter dem hellbraunen Bldek war ein Winken, das alles, was Rasse und Volkstum aufgebaut haben, vergessen ließ, das, was mich mit diesem fremden Mann verband, dessen Blut so ganz anders pochte, als das mein«: Das Ewig- Menschliche. Und ich begann: „Daß mein Einleben hier vielleicht schwerer war, als jenes der andern — ist ja klar!“ „Warum denn —“ unterbrach er mich. „Weil ich doch jahrelang hindurch die einzige Westjüdin hier in der Gemeinschaft war. Ist schon das Umschichten aus den Stadtsphären keine so leiehte Sache, wird es zehnfach schwerer in einer Gemeinschaft, die unsere Vergangenheit nicht kennt; ich meine nicht die Vergangenheit des cooooooooooooooooooooooooooooooooooooa Sei rlienmotififien Sdimerieit, flopp todj, @djmer$e* in beit ©etenfen ltnb ©liebem »irfen XogabSLd&tetten gang Ijemotvagenb. flbfolitt uitjdjäbUdj. ©in Setfudj fi&etjengt! — Sin nüen 9(potfjcfeit. — @ 2.40. (XXXXXXX)Q00OO00CXXXXXXXXXXXX)0000O00000 Individuums — ich meine die Vergangenheit unserer Art.“ „Woher sind denn die meisten Genossen liier?“ Avollte er wissen. „Aus russischen Kleinstädten. »Sehen Sie, ihnen, den meisten ist der Zionismus eine organische Entwicklung, ein leises Wachsen der .Kinderträume bis zur gewagten Wirklichkeit. Uns vom Westen ist das angeAvorbene, neue, heiße Judentum ein »Sprung vom Gestern zum Heute. Und in diesem Heute wandeln AArir und tasten erstaunt und oft unbekannt umher, mit dem brennenden Wunsche, es unser Eigen zu nennen. Und wir brechen uns zehnmal im Tag an Kleinigkeiten.“ In seinen Augen Avar ein feuchtes Verstehen. Plötzlich hatte ich das Verlangen, ihm Vieles, Vieles zu »sagen, vielleicht, weil ich es lange in mir getragen habe, als unnützen Ballast, sch Weier .Gefühle und vielleicht, weil die-Distanz von mir zu ihm, da er mich von tausend Kleinigkeiten des Alltages her nicht für geringer hielt, als ich mich selber, eine. Brücke war, über die es sich leicht und gut ging ... So fuhr ich fort. ..Und so wie wir das Judentum wie ein neues Gewand tragen — und wir wollen es — denn die Erkenntnis des vernachlässigten Blutes hat uns erweckt — so kleiden wir uns schwer in die neue Muttersprache. Es ist ja auch so schwer. Jetzt lernen die aus dem Westen kommenden Juden schon hebräisch. Wir hatten damals hoch keine Lehrer. Und im Jordantale, nach zehn- bis zwölfefündiger Arbeit eine fremde »Sprache zu lernen — und alle Liebe und Hingabe hilft nichts, wenn der Körper müde ist — ist eine unmögliche Sache. Und sehen Sie, Herr M., dies verstehen die Genossen so schwer. Sie begreifen nicht den Dualismus, in dem man als denkender Mensch lebt, sie fassen kaum, daß dies, gerade dies der wundeste Punkt unseres Seins ist . lind es wird einem oft als Leichtfertigkeit der Sprache gegenüber vorgeworfen.“ „Ja, sprechen denn die aus dem Osten Kommenden, alle Hebräisch?“ „Die, mit welchen ich zusammenlebe, sprechen es fast alle; außerdem wird ja das Jiddische in derselben Schrift geschrieben und ist mit hebräischen Worten geschmückt.“ — „Ja, sagen Sie mir einmal, wie haben Sie sich denn als Großstädterin hier eingelebt? Ist Ihnen denn nicht bange nach Musik und Kunst?“ Ich erzählte ihm von den einzelnen Konzerten, die wir manchmal haben, dem Genuß, weim sieh die „Habimah“ oder „Haohel“ zu uns verirren. „Nein, nach Musik und Theater war mir nie bange. Eher fehlte mir manchmal etwa« anderes . , Menschen.“ „Mensehen?“ Ganz erstaunt entglitt ihm dieses Wort. „Ja, es wird Sie wundern. Denn es. gibt kaum noch irgendwo in der Welt Menschen, die mit Gleichgesinnten so intensiv dem gleichen Ziele nachstreben wie hier .. . und doch .. . Aber Sie werden es gleich verstehen. Menschen sind Welten. Dies schaurig-süße Gefühl, das man hat, wenn man sich einem Menschen nähert und die Art seiner Welt zu erkennen versucht, haben wir einer an dem anderen bereits erlebt . . . Und von den Genossen ist man zu sich selbst zurückgekehrt, mit der Erkenntnis, sich selbst Quelle sein zu müssen. Denn der andere ist uns nur so lange Quelle, so lange wir ihn nicht kennen ... Ja, es ist manchmal seltsam im Lande; das Blut wird einem ausgedorrt und nicht von der Sonne . . .“ leb sprach fast mehr für mich. „Ja, nicht die Sonne Kleinasiens dorrt und sengt uns, aber dieses Ringen mit sich selber, diesef Sieh-Aug-in-Aug gegenüberstehen, so ganz ohne Ablenkung durch gleichgültige Menschen und Genüsse zu sein, immer sich Richter sein, immer sieh Feind. Nicht die Einsamkeit ist es, die uns daß Blut erstarren läßt, sondern dieses grausame zu zweit mit dem eigenen Ich, das man immer nur nackt sieht mul von dem mau jeden neuen Makel gleich beim Entstehen fühlt. Keiner ahnt, wie jeder einzelne sich quält und peinigt, zehnmal sich wägt und nicht für gut befmdel . . . Und doch nicht ander« kann.“

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