Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 147 (16.10.1930)
- Date
- 1930-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 DTE STTMWE Nr. 147 Bis 31. Oktober 1930 lelztfe Frist Mir die Seflaeleelalcilon 9990. Jeder Zlonlsl itrllfe, ob er selten den Schekel Mir das Jahr 9990 erworben taalf Der Schekel ist die Voraussetzung der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation. Stimmen der Presse „Times": „Der Siegeszug des Zionismus" Anläßlich der bevorstehenden Veröffentlichung des auf dem Simpson-Bericht beruhenden englischen Regierungsprogrammes für Palästina veröffentlicht die «Times» in ihrer Nummer vom 30. September eine ausführliche Darstellung der Verhältnisse in Palästina. Der Verfasser charakterisiert zunächst die Motive, die zu der modernen jüdischen Kolonisation in Palästina geführt haben: Erstens wollten die Juden nach 2000 Jahren der Zerstreuung in das Land zurückkehren, das kraft Religion, Geschichte und Tradition stets von ihnen als ihr Heimatland betrachtet wurde, und zweitens suchten die Juden nach so vielen Jahren der Entwürdigung und Verfolgung den Frieden und die Sicherheit, die sie in anderen Teilen der Welt, selbst unter den günstigsten Bedingungen, licht gefunden hatten. Der Krieg und das Palästinamandat rückten die Verwirklichung dieser Bestrebungen in den Bereich der Möglichkeit, und das in den wenigen Jahren Erreichte ist außerordentlich bemerkenswert. Der Verfasser schildert nun die verschiedenen kolonisatorischen Leistungen und Kulturwerke der Juden in den letzten zehn Jahren. Er beschreibt die Entwicklung von Tel-Aviv, die Entstehung einer hebräisch sprechenden jungen Generation von eigener kultureller Prägung und guter äußerer Haltung, die landwirtschaftliche Kolonisation, die Entwicklung sanitärer Institutionen, des Fürsorge- und Erziehungswesens usw., kurz die ganze Tätigkeit, die er «den Siegeszug des Judentums» nennt. «Der Enthusiasmus, die großen Geldmittel und die persönlichen Anstrengungen der Juden haben alle Schwierigkeiten überwunden. Kurz,, es ist ein triumphaler Erfolg der Juden.» Das schwierigste Problem, so fährt der Verfasser fort, ist jedoch die Haltung der moslemischen Bevölkerung, insbesondere in der Bodenfrage. Die in primitiver Wirtschaft und kulturell rückständig lebenden, aber begabten und sympathischen Moslems betrachten die Festsetzung der Juden mit Eifersucht und Argwohn. Sie haben mit Staunen gesehen, wie das unwirtliche Land fruchtbar gemacht wurde. Der Moslem, der den Juden stets als städtischen Kleinhändler zu betrachten pflegte, sah sich plötzlich auf seinem eigenen Gebiet* in der Bearbeitung des Bodens, von dem Juden übertroffen. Die Juden hatten alle Wohlfahrtseinrichtungen, die den Moslems fehlen. Darüber hinaus aber sehen die Moslems heute eine direkte Bedrohung ihres Landbesitzes, ihrer Existenz, ihrer Freiheit, ihres Volkstums und ihrer Religion. Der Jude ist, nachdem er viele Jahre der Knecht des siegreichen moslemischen Volkes war, jetzt der Herr geworden. Auch der Jude hat das begriffen, unef so wird die Kluft immer breiter. Nur wenig — so fährt die Zeitung fort — ist geschehen, um die beiden Völker zueinander zu bringen. Die Palästina- Regierung, äbseitsstehend wie alle ausländischen britischen Verwaltungen, obwohl voll hohen Pflichtgefühls, ist außer Kontakt mit beiden Seiten. Der größere Teil der Presse des Landes, sowohl die jüdische als auch die moslemische, scheint nur zur Verschärfung der Situation beizutragen. Die Juden, begeistert und anspruchsvoll, aber unlegitimiert, verbergen nicht einmal in voller Oeffentlichkeit, was sie als ihr Endziel in Palästina betrachten: daß es keine Heimstätte geben kann ohne deren Besitz. Mit immer größerem Argwohn beobachten die Moslems den fast unglaublichen Vormarsch des Zionismus. Es macht ihnen wenig aus, daß der Zionismus Verbesserung des Landes und verbesserte Lebensbedingungen mit sich bringt, an denen auch sie teilhaben werden. Für den linder der soignierten Herren aus der Berliner City im Parterreraum, auch sehe ich nicht mehr das edle Metall des heiligen Schreines und nicht den herrlichen Marmor der Estrade, nicht mehr die schweren Bronzekandelaber und auch nicht die in feinster, kunstgewerblicher Arbeit gehaltenen Thoravorhänge. All das Großartige und Schöne verschwindet im Dunkel angesichts des aus dem iängst verklungen scheinendem Gestern aufgestiegenen Bildes. In tiefer Stille liegt das kleine Judenstädtchen an der österreichisch-russischen Grenze an diesem Abend. Nur im Umkreise des Rabbihofes ist ein etwas bewegteres Leben und Treiben. Wie alljährlich strömen aus der ganzen Umgebung zahllose Christen zum Rabbihof zusammen und bilden seine Zaungäste. Auch sie wollen vom Zauber des jüdischen Kol-Nidre-Gesanges etwas erhäschen und etwas in ihren trostlosen Alltag mitnehmeh. Der Innenraum des Rabbihofes ist dicht gefüllt. Ein unentwirrbarer Menschenknäuel. Elektrisches Licht ist hier noch völlig unbekannt und doch ist der ganze Raum taghell beleuchtet. Auf allen Fensterbänken und auf besonderen langen Tischen sind große Kisten und Töpfe, angefüllt mit weichem Sand, aufgestellt, in denen eine Unzahl weißer und gelber, meterlanger Wachskerzen eingegraben sind. Es sind dies die „Seelenlichter“, die 24 Stunden hindurch zum Gedächtnis der Verstorbenen brennen sollen. Die Luft ist stickig. Hier sit?en sie nun alle, die Juden des kleinen Städtchens. An diesem Abend, am Kol-Nidre-Abend, sind sie alle über soziale und gesellschaftliche Grenzen hinweg, Reich und Arm, Patrizier und Proleten, Priester und gemeines Volk, Alt und Jung. Sie verrichten vor Beginn des Kol-Nidre ein kleines Gebet. Ueber alles, auch religiös Trennende hinweg wollen sie heute alle, Fromme und Ungläubige, | Moslem ist der jüdische Fortschritt der Vormarsch eines Feindes, eine täglich steigende Gefahr. Er begreift, daß die von ihm verkauften Böden, die an den Jüdischen Nationalfonds übergegangen sind, niemals wieder an ihn zurückfallen können. Auch er hat von einem nationalen arabischen Staat geträumt, und dieser Traum wird jetzt erschüttert. Er hat keine Möglichkeit, seine Stimme zur Geltung zu bringen, niemand nimmt sich seiner an, er besitzt keine Literatur, die er verteilen könnte, weiß nicht, wo er Sympathien suchen sol', hat kein Geld und keine Freunde. So ist er verloren und vergessen. Ein Pole Aber den Zionismus und die Palästinaarbeit Im Krakauer «C z a s» veröffentlicht der gewesene Sejmdeputierte Adam Piasecki eine Reihe von Aufsätzen über Palästina; das er kürzlich bereiste. Herr Piasecki ist, wie viele Nichtjuden, die Gelegenheit hatten, mit eigenen Augen die Aufbauarbeit im Lande wahrzunehmen, entzückt von den jüdischen Leistungen in Palästina; insbesondere bewundert er die aufopfernde Arbeit der Chaluzim, die in wenigen Jahren große Teile des Landes aus einer Wüste in ein blühendes Paradies verwandelten. Dies war nur deshalb möglich gewesen, schreibt Piasecki, weil die I d e e den jüdischen Chaluzim Kraft und Mut zur Entsagung und Aufopferung gab. «Diese Arbeit für die Idee ist das dominierende Merkmal im Aufbau Palästinas. Die Zionisten sind stolz darauf, daß sie ein jüdisches Leben schaffen, das eine soziale, wirtschaftliche und kulturelle organische Einheit bildet. Es ist wirklich eine nationale Renaissancebewegung; man sieht den Willen, der Welt zu zeigen, daß der Jude imstande ist, sein eigenes Leben zu gestalten, ohne auf fremden Organismen ein Parasitendasein zu fristen. Dieses Bewußtsein ändert vollständig nicht nur die Psyche, sondern auch das äußere Aussehen der dortigen Juden. Sie haben, obzwar sie in schwierigen Verhältnissen leben, ein starkes Gefühl des Selbstbewußtseins und der inneren Ruhe und verloren vollständig sowohl die Arroganz wie auch das Gefühl der Erniedrigung, das uns bei den Juden Nordosteuropas so unangenehm berührt . . . Die Idee der nationalen Renaissance in dem Lande der Väter beherrscht in dem Maße das ganze Wesen des Siedlers, daß sie schon fast an den Begriff der Religion grenzt. Nur auf diese Weise war es möglich, kollektive Dorfgemeinschaften zu gründen, die gar nichts mit dem Kommunismus, vieles aber mit einem Ordensleben gemeinsam haben . , .» Die Renaissance der hebräischen Kultur und Sprache führt selbstverständlich auch zur jüdisch-arabischen, jüdischorientalischen Annäherung: «Auf diese Weise kehrt die jüdische 'Welt zur Mitarbeit mit den asiatischen Völkern zurück. (Dies ungeachtet des heutigen Konfliktes mit den Arabern.) Es ist die Rückkehr nach dem Orient, die Entwicklungsbasis, die heute als Brücke für die europäisch-amerikanische Diaspora dient, und morgen? Wer weiß. Vielleicht wird Palästina zum Stützpunkt eines neuen Einflusses der Juden auf das weitere Schicksal der Welt? Vielleicht wird es zu einer Verschiebung der Zivilisation kommen. Es ist die Arche Noah, die heute schon die russischen Schiffbrüchigen aufnahm und die geeignet ist, auch andere semitische Schiffbrüchige aus der ganzen Welt zu sammeln für den Fall, das es zu neuen Kataklismen unserer Zivilisation kommen sollte . . .» zusammen bleiben; heute abends, wo sie alle Ihm, dem Ewigen gegenüber nur eine Einheit bilden. Sind sie doch alle Angeklagte. Angeklagte freilich nicht wie bei irdischen Gerichtsverhandlungen, denn es fehlt hier der Ankläger; Angeklagte, nicht wie vor Richtern auf Erden, denn sie verteidigen sich nicht, sie klagen sich vielmehr an. Sie stehen in langen weißen Kitteln, ihr Haupt mit langen, die Erde berührenden Gebettüchern ganz verhüllt, und bereiten sich vor. Eine schwere, eine undurchdringliche Atmosphäre beherrscht jetzt den ganzen Gottesraum. Man fühlt mit jeder Faser: es beginnt der Tag, den die Frommen Tag des Gerichtes nennen. „Wie wird das Urteil ausfallen, wem wird ein glücklich Jahr beschieden sein und wem nicht; wer wird in Ruhe und Sicherheit sein Leben verbringen und wer in steter Unrast; wer wird des natürlichen Lebensablaufs und wer vor der Zeit sterben müssen.“ Man fühlt die Bangigkeit, die Schwere, die auf jedem lastet und — es ist dies der ergreifendste Moment, Alt und Jung, Arm und Reich, Arbeitgeber und Arbeitnehmer reichen einander plötzlich die Hände und murmeln ihr „Selach-na“ und wünschen einander Glück, Bevor sie sich an Ihn, an ihren großen Vater wenden, Ihm ihr „Selach-na“ vortragen in quälender Angst, er könnte es überhören, in banger Hoffnung, er möge es erhören, wollen sie ihren Mitmenschen auf Erden gegenüber ganz frei sein., In die Ungewißheit , des Morgens wollen sie ohne Haß und ohne Nachtragen hineingehen. Und nun beginnt ihr Kol- Nidre in einem herzzerreißenden, unsagbar innigen und erschütterndem Gesänge. Ich bin längst nicht mehr in dem vor lauter Licht und. Glanz und Pracht und Reichtum kalten Wilmeredorfer Tempel, der der größte Kuppelbau Berlins ist. Berlin, Oktober 1930. Alle orieniattsefien fpexiatiiMen am 0iast u. S,pieü (JVottmlien, JÜlustnA iisvr.) Restaurant Mirabell Heiken clke/ 0rilnftertf C/vülkev Kofel Kollomai) Glossen Schlechte Methoden Einer J. T.-A.-Meldung zufolge wurde der britische Untenstaatssekretär Dr. Drummond Shiels in Tel-Aviv von einer Gruppe Jugendlicher ausgepfiffen. Es kam sogar zu einer kleinen Keilerei, bei der einige Ruhestörer verhaftet wurden. Angeblich soll es sich um Revisionisten handeln. Ein bedauernswerter Vorfall. Man braucht nicht gerade mit der englischen Palästinapolitik, auch nicht mit der des Herrn Shiels, einverstanden zu sein, um solch eine — schädliche — Zügellosigkeit zu verurteilen. Dr. Shiels kam als Gast und zu Studienzwecken nach Palästina. Der Tel-Aviver Zwischenfall muß als eine grobe Taktlosigkeit einem Gast gegenüber betrachtet werden; außerdem war dieser Zwischenfall wenig danach angetan, bei Dr. Shiels ein ungetrübtes Bild des jüdischen Palästina erstehen zu lassen. Das Bild des Herrlichen, das er sah und das er anerkennen mußte, wird eine peinliche Erinnerung trüben. Als Lord Balfour zum letztenmal vor seinem Tode Palästina und Syrien bereiste, wurde er in Beyruth von Arabern angegriffen, die sein Auto mit Steinen bewarfen. Dieser Vorfall erweckte sowohl auf englischer wie auf jüdischer Seite berechtigte Empörung. Man hat damals die barbarischen, ans «zivilisierte» Europa erinnernden Methoden aufs schärfste verurteilt. Mit welchen Argumenten werden wir jetzt entgegentreten können, wenn die englische Presse behaupten wird, daß die Juden nicht besser sind als Araber, daß sie einen Politiker, und sei es auch ein gegnerischer Politiker, ebenfalls mit Straßenkrawal'len begrüßen? Unsere Extremisten glauben, daß wir uns in jeder Beziehung ein Beispiel an den Arabern nehmen müßten. Von allen Methoden des politischen Kampfes ist aher die der exzedierenden Straßen die schlechteste. Der Schammes und die Stahlhelmleute Was ist das: ein Titel für einep «jüdischen» Kabarettsketch? Eine Gelegenheit für gepfefferte «Jargon»-Witze? Keinesfalls. Es ist eine wahre Begebenheit, die allerdings eines komischen Anstriches nicht entbehrt. Sie spielte sich vor einigen Tagen in Frankfurt am Main ab. Einige Dutzend Stahlhelmleute, die in der Altstadt spazierten, wurden von Kommunisten angegriffen. Zwei der Schwarz-weiß-roten erlitten eine Verletzung und die anderen flüchteten in eine Synagoge, wo gerade der Sukkoth-Gottesdienst abgehalten wurde. Ausgerechnet in die Synagoge . . . Die Stahlhelmleute waren anscheinend von ihren politischen Gegnern so hart bedrängt worden, daß sie keine Zeit hatten, einen «wprdigeren» Zufluchtsort in ihrer Not zu suchen. Die beim Gottesdienst versammelten Juden glaubten zunächst, daß es sich um. einen Ueberfall handelte. Bald wurde aber der Sachverhalt aufgeklärt. Der Schammes war der erste, der die Situation überblickte, und das tat, was ihm seine menschliche Pflicht gebot: er versteckte die Stahlhelmleute in einem Seitengange der Garderobe, wo sie vor den Kommunisten sicher waren. So geschehen im antisemitischen Hitler-Göbbels-Deutschland. Und nun warten wir auf die nächste Friedhofsschändung. S. rxf/n n h . b . r: UflCH * Richard Herzog WICH n., k>. Piarrg.se Tal. A-41-0-24 Sorecbmaschlnen, Schallplatten u. 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