Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 147 (16.10.1930)
- Date
- 1930-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 147 DIE STIMME Seite 3 Die rechte Poale Zion beteiligt sieb nicht an dem sozialistischen Wahlblock in Polen Warschau, 9. Oktober. (J. T. A.) Die rechte PoaJe Zion- Partei hat dem «Bund* mitgeteilt, sie könne sich an dem sozialistischen Wahlblock nicht beteiligen, weil der «Band» sich geweigert habe, die Proklamiorong des Kampfes für das arbeitende PalMs4ina unter die Wahilosungen aufzunehnren. 5IIfern? 2>te 3Brtffenf<fi<rfi gißt uns bte Sfttttel, lange jung au bleiben. SSobltuenfr unb erfrtfdjenb Bet offen 33orBöten bee> SCIternö bet älteren ßeuten. bte ftd? matt unb aBgefbanni füllen, über ftepff duner*, <3d}iutnbeIgcfüf)T, Cfnenfaufen., Sttemnot, gt#ttfdte unb rijeumatifdü« $8af<$»erben Magen, Boi ftd) fretbertäufIi<Be§ rafcmm* BattfgeS 9tebtof!Iettn etftnefen. föaibtofnetin frtfdf/t bas 931« t auf, BcmirTi Beffere ©urd^BIuttmg be§ ganzen Aötßerä, erhält getftige unb STrBetfsfäljigfctt bi? tn§ lfalje Silier. StabiumgeBalt arntlt# geprüft. ©encralbepof unb StuStunft: STpoiljefe ©apet, SB len. I. 2Söff*etIe 13. 'BrofbeTte gratis unb f raufe. Dr. Drummond Shiels in Palästina Aenderutig des Besuchsprogramtns infolge Erkrankung Jerusalem, 8. Oktober. (J. T. A.) Am 4. Oktober ißt der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond Shiels, in Jerusalem zu mehrtägigem Aufenthalt eingetroffen und hat noch 'am selben Tage die Klagemauer, die Grabeskirohe und die Omar-Moschee besucht. Dr. Shiels erklärte, daß ihn keine Spezialaufgabe naoh Palästina führe, sondern daß er nur beabsichtige, die Landesverhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen und mit offiziellen und niohtoffiziellen führenden Persönlichkeiten zu informativen Zwecken zusammonizukommen. Er wolle die schwierigen Probleme des Landes an Ort und Stelle studieren. Während bei der Ankunft Sir John Chancellors, die auf den Jom Kippur fiel, keine Vertreter der Jüdischen Bevölkerung zugegen waren, hatten eich zum Empfange Dr. Shiels' mit Ausnahme von Ragheb Bey Nashashibi, dem Bürgermeister von Jerusalem, keine Araber eingefunden. Die Vertreter der Juden bei seinem Empfang waren Colonel Kisch für die Jewish Agency, Haim Solomon für den Waad Leumi und Josef Mejuchas für die Jüdische Gemeinde Jerusalem. Die Palästina-Regierung war vertreten durch den High Commissioner Sir John Chancellor, den ersten Sekretär Young und den Dietriktskomraissär von Jerusalem Keitb Roach. Dr. Shiels hatte beabsichtigt, drei Tage im Distrikt von Haifa und zwei Tage in Transjordanien zu verbringen. Er wollte bei dieser Gelegenheit die Ebene Jezreel, die Kolonien der ,PJCA (unter der Verwaltung der Palestine iJewish Colonisation Association stehende Rotbjsohildsche Kolonien) Samariah, die Ruthenberg- IWerke und die Werke der Toten Meer-Konzes- [sion besichtigen. Er hatte ferner eine Konferenz jmit den Vertretern der Jewish Agency und des iWaad Leumi und inoffizielle Besprechungen imit der Exekutive des palästinensischen Ar- |heiterverbandes Histadruth Haowdim ins Auge gefaßt. Inzwischen ist Dr. Shiels plötzlich erkrankt. Sein Zustand ist nicht besorgniserregend, doch muß er auf Anordnung der Aerzte einige Tage lang das Bett hüten und kann daher sein Besuchsprogramm nicht ausführen. Colonel Kisch, der eine einstündige Unterredung mit Dr. Shiels an dessen Krankenbett hatte, erklärte, daß der Verlauf der Aussprache ihn sehr befriedigt habe. Shiels wiederhergestellt Jerusalem, 9. Oktober. (J. T. A-) Dr. Drumimond ShieJs ist nun wieder vollkommen hergestellt. Er besichtigte eingehend die Werke am Toten Meer. Seine Absicht, Transjordanien zu besuchen, mußte er fallen lassen, da er nur mehr 6 Tage im Lande bleiben kann. Shiels ist von Tel-Aviv begeistert Jerusalem, 10. Oktober. (J. T. A-) Einer Anregung der Arbeitertageszeitung „Dawar“ folgend, hat der britische Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond Shiels, am Mittwoch, den 8* Oktober, in Begleitung von Colonel Kisch die Hebräische Universität und das Spital der Hadassah in Jerusalem besucht. Am Donnerstag, den 9. Oktober verließ Dr. Shiels Jerusalem, um Jaffa, Tel-Aviv und Petach Tikwah, zu besuchen. In Tel-Aviv nahmen Doktor Shiels und seine Begleitung an einem ihnen zu Ehren von der Gemeindeverwaltung gegebenen TELEPHON rdLW U-22-3-B9 xßeizfiaus GEBRÜDER BRAININ WIEN, I. SBauevnmavAl 2a Lunch teil. Die Straßen, die Dr. Shiels auf der Fahrt zum Rathaus in Tel-Aviv passierte, waren von einer dichten Menschenmenge eingesäumt. Dr. Shiels äußerte sich begeistert über die Entwicklung der Stadt und die Schönheit ihrer Anlage. Anläßlich des Empfanges im Rathause wurden Dr-’Shiels die Wünsche der .Stadtverwaltung hinsiohtlich des Ausbaus des Hafens von Jaffa und der Verlegung des Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel-Aviv vorgetragen.. Vom Stadthaus begab sich Di*. Shiels zum Palatin-Hotel zu einer Aussprache mit sechs Mitgliedern der Exekutive des palästinensischen Arbeiterverbandes Histadruth. Demonstration gegen Shiels Als Shiels und seine Begleitung nach der Konferenz mit den Arbeiterführern das Palatin- Hotel verließen, demonstrierte eine vor dem Hotel angesammelte Menge gegen Shiels durch Pfeifen, Johlen und Pfuirufe. Vier Demonstranten, in denen man Revisionisten vermutete, wurden verhaftet. Unter den Verhafteten befindet sich das ehemalige Redaktionsmitglied des „Doar Hayom“, Akhi Mayer. Die Verfassungsfrage wird nicht erörtert Jerusalem, 8. Oktober. (J. T. A.) Die Differenzen zwischen der Partei des Groß-Mufti und den Führern der palästinensisch-arabischen Exekutive bestehen fort. Die Frage der Zusammensetzung der arabischen Delegation, welche bei Dr. Shiels vorsprechen soll, ist infolge seiner Erkrankung vorläufig nicht aktuell, aber es ist bezeichnend, daß das Organ des Groß-Mufti, «Jamea el Arabia», im Zusammenhang damit erklärt, kein Komitee und keine Delegation sei befugt, irgendeine konstitutionelle Regelung anzunehmen, sondern nur das Volk selbst, wobei offenkundig unter «dem Volk selbst» der Groß-Mufti und sein engerer Anhang verstanden wird. Jüdische und arabische Abordnungen bei Shiels Jerusalem, 10. Oktober. (J. T. A.) ln einem Kommunique der palästinensisch-arabischen Exekutive wird mitgeteilt, Dr. Drummond Shiels habe einer arabischen Deputation gegenüber erklärt, die Veröffentlichung des Berichtes von Sir John Hope Simpson werde gleichzeitig mit der Regierungserklärung über die künftige Palästina-Politik Ende Oktober erfolgen. Einer bei ihm erschienenen Deputation der Jewish Agency und des Waad Leumi, bestehend aus Colonel Kisch, Dr. Maurice B. Hexter, Dr. Werner Senator, Pinchas Ruthenberg, Meier Dizengoff, Dr. Arlosoroff, Rabbi Ostrowski und Josef Meyuchas, gab Dr. Shiels bekannt, daß zwischen der Regierung in London und der Jewish Agency gegenwärtig Besprechungen über Aenderung der palästinensischen Verfassung stattfinden. Wie die J. T. A. erfährt, beklagte sich Dr. Shiels gegenüber der jüdischen Abordnung über die von den Juden an den Regierungsmaßnahmen geübte Kritik und deutete an, daß sich die Regierung bereits ein festes Urteil über die wichtigsten Probleme gebildet habe. Mohammedanisch-christliche Differenzen in Jaffa J a f f a, 8. Oktober. (J. T. A.) Im HinbHck auf des* Besuch Dr. Shiels sind die arabischen Führer eifrig bemüht, die Differenzen zwischen Moslems und Christen in Haifa beizulegen. Inzwischen haben die Unruhen in Jaffa größeren Umfang angenommen. Ein angesehener Mohammedaner aus Jaffa, Achmed Anbetawi, wurde von arabischem Mob unter den Rufen „schlagt ihn nieder“ überfallen und mißhandelt Die Behörden haben die Schließung der Kaffeehäuser um 9 Uhr abends angeordnet Die britische und palästinensische Polizei in Jaffa wurde verstärkt Unsere geehrten Leser werden auf das Inserat der Feinwaschanstalt «Habsburg», Zentrale: VI., Wallgasse Nr. 4. (Seite 1) aufmerksam gemacht. Die Firma ist als einzige dieser Branche Mitglied der Rabattsektion des Keren Kajemeth, und die Mitglieder dieser Sektion genießen bei Bestellungen den üblichen Rabatt. Kol Nidre-Abend in Berlin- Wilmersdorf Von Dr. Jakob Rosenthal (Berlin). Auf dem glatten Asphalt der Prinzregentenstraße Im Berliner Westen gleiten in langer Reihenfolge langgestreckte elegante sechs- und rnehrzylindrige Privatautocars. Alle streben sie einem Ziele zu. Es ist Vorlabend des jüdischen Versöhnungsfestes, Kol Nidre- Abend. Von der Ferne her schon ragt aus dem flachen Dachgewirr eine helleuchtende Kuppel hervor. Es ist dies die des jüngsten Tempels und gleichzeitig des größten Kuppelhauses von Groß-Berlin. Herren im Frack und Smoking, mit schwarzem Zylinder und Damen in eleganter Abendtoilette entsteigen Ihren Wagen. Erster Eindruck: Auffahrt der großen jDesellschaft vor der Oper oder zu einer der großen repräsentativen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Nur mit größter Mühe und Geschicklichkeit können sich die rcreinzelten Fußgänger den Weg zum Tempeleingang fiindurchschlängeln. Berlin-Wilmersdorfs Judenhelt »trömt in ihre erst vor 14 Tagen elngeweihte Synagoge. £um Kol-Nidre. Mit einiger Mühe gelangen wir nun durch die Bronzetüren hindurch ins Tempelinnere. Eine weite kreisrunde Halle, von einer breitgespannten Kuppel Iberwölbt, empfängt uns. In feierlichem Halbdunkel liegt (er ganze Rundbau des Gotteshauses. Ringsherum die ohen, langgestreckten, bunten Kunstglasfenster, die las im goldigen Schein noch einfallende Tageslicht lämpfen und zur weihevollen Stimmung wesentlich beilragen. Der Raum, der 2000 Personen Platz bietet, ist dicht besetzt. Frauen und Männer sitzen gemeinsam 1 Es ist dies die erste der in Berlin bestehenden sieben liberalen Synagogen, in der das Beisammensitzen beider Geschlechter erlaubt ist Tiefe, weihevolle Stille beherrscht den ganzen Raum. Sie wird plötzlich unterbrochen durch die metallen klingenden Stimmen, die die an beiden Seiten des Allerheiligsten eingebaute große Orgel ertönen läßt. Gleich darauf dringt eine zarte, fast zerbrechliche, doch wunderbar schöne Frauenstimme — wie von weiter Ferne her — an unser Ohr. Das Kol-Nidre-Gebet hat im Berliner-Wilmersdorfer Tempel seinen Anfang genommen. Der Eindruck im Inneren ist dem von außen nicht unähnlich. Man glaubt sich — der Eindruck ist verstärkt durch die im Bachschen Stil gehaltenen Orgelchoralvorträge — in einem — allerdings prächtigen, nach modernsten architektonisch-künstlerischen Prinzipien erbauten — Konzerthaussaal zu befinden. Dieser erste Eindruck ändert sich auch nicht wesentlich im Laufe des Gottesdienstes, wird vielleicht noch verstärkt, wenn man erfährt, daß durch einen versenkbaren eisernen Vorhang die Apsis mit dem Allerheiligsten abgrenzbar ist und der Tempel so in einen wirklichen Konzerthaussaal verwandelt werden kann. Die Stimmung ist trotzdem weihevoll und feierlich. Aber kalt. Allzu entfernt von jener packenden, ergreifenden Wehmut, die einem am Kol-Nidre-Abend aus jüdischen Gotteshäusern — allerdings weit älterer Art — entgegenströmt. Kalt und feierlich. Kol-Nidre! Eine wahre magische Kraft wohnt ihm inne. Kol-Nidre: das Wort allein hat schon einen in seinen Bann ziehenden Klang . In der furchtbaren Zeit der Nöte eines verfolgten und gepeinigten Volkes, in der Zeit der spanischen Inquisition entstanden, wurde das Kol-Nidre-Lled im Laufe der Jahrhunderte zum stärksten, ergreifendsten, das religiöse Fühlen der Juden aufrüttelndsten und packendsten Gebete der jüdischen Liturgie. Von Dichtern und Sängern oft und oft besungen, auch den Nichtjuden zu einem förmlichen Begriff. Indes die Stätte seiner Pflege liegt weit, weit entfernt — nicht nur geographisch — vom WUmersdorfer Tempel, der von soviel Glanz und Pracht umgeben ist. Und es wurde genährt, freilich nicht von Menschen, die mit ihrem Sechszylinder-Wagen Vorfahren, nicht von diesen, die sich mittels Lift ins Gotteshaus geleiten lassen. Kalt und feierlich, sagte ich vorher, kalt für einen, in dem allzustark die Erinnerung an eben jene Stätte fortlebt, die selbst das moderne Leben nicht hcrauszureißen vermag, an jene Stätte, aus der des Kol- Nidre magische Kraft ihren Ausgang und den Weg in die weite Wett genommen. Es sind dies die schweren, von mystischem Dunkel und religiöser Inbrunst getragenen Ostjuden-Gotteshäuser, die dem Kol-Nidre jenen rätselhaften Zauber und Klang verliehen. Ein aus stärkstem religiösem Kindheftserleben erfülltes Bild ersteht plötzlich vor meinem geistigen Auge und läßt Gegenwärtiges ganz in Dunkel verschwinden. . Weit, weit fort bin ich auf einmal, nicht mehr sehe ich den trotz des feierlichen Halbdunkels blendenden Tempelraum, nicht mehr die überragend schöne, mit feinster Einlegearbeit versehene, golddurchleuehtcte Kuppel, ich sehe nicht mehr vor mir die mit schönen, eleganten Damen in Abendtoiletten besetzten, bewußt an die Form des neuen Theaters angepaßten freihängenden Ränge, ich sehe nicht mehr die schwarzen Zy-