Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 147 (16.10.1930)
- Date
- 1930-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Hf. 147 Die Juden und die Wahlen Der Beschluß, bei den kommenden Nationalrats wählen an der Mandatsbewerbung nicht teilzunehmen, ist dem zionistischen Parteirat keineswegs leicht, gefallen. Mag man über die Notwendigkeit der sogenannten Landespali tik welcher Ansicht auch immer sein, darüber, daß eine selbständig© Vertretung Jüdischer Interessen in den öffentlichen Körperschaften erstrebenswert wäre, besteht wohj keine Meinungsverschiedenheit. Es waren daher auch nicht grundsätzliche Bedenken, sondern vorwiegend praktische Erwägungen, welche es der aioniatisehen Organisation Oesterreichs ratsam erscheinen ließen, diesmal von der Aufstellung eigener Kandidaten Abstand zu nehmen. Jede Gruppe, die ernst genommen werden will, muß ihre Aktionen ihren Kräften anpassen. Von vornherein zum Mißerfolg verurteilte Unternehmungen schaden der Sache, entmutigen und verderben zukünftige Chancen. Demonstrationen verlieren mit der Zeit ihre Wirkung, Mehr aber ala die Wiederholung einer Demonstration, würde unter den gegebenen Verhältnissen eine zionistische Wahibewerhung kaum bedeuten. Das bestehende Wahlrecht ist auf die Nulüfizierung der kleinen Parteien zugeschnitten. Gruppen, die nicht die Aussicht haben, zumindest in einem Wahlkreise die notwendige Wahlzahl, die mit 25.000 Stimmen nicht zu hoch gegriffen sein dürfte, auf sich zu vereinigen, blejben im zweiten Skruünjum unberücksichtigt. Praktisch stellt sich also die Frage so, ob für uns die Möglichkeit besteht, in irgendeinem österreichischen. Wahlkreis die zur Erlangung eines Mandates erforderliche Wähleranzahl für unsere Liste zu gewinnen. Unsere Erfahrungen unter der Geltung der bestehenden Wahlordnung sprechen dagegen. Wenn auch im Wahlkreis Wien Nord-Get (2., 20. und 21. Gemeindobezirk) die Anzahl der jüdischen Wahlberechtigten zur Erlangung eines Mandates ausreichen würde, so fehlen doch alle Anzeichen dafür, daß die jüdischen Wähler dieses Wahlbezirkes einmütig unserer Wahlparole zu folgen bereit wären. Ömen durch eine vierwöchige Agitation die Ueberzeugung baibringen zu können, daß es ihre Pflicht ist, sich von bisherigen Bindungen loszulösen, bei den früheren Wahlen für sie maßgebende Erwägungen fallenzula&sen und die jüdischen Interessen allen anderen voranzustelien, liegt wohl außerhalb des Bereiches realer, auf dem Boden der Tatsachen fußender Möglichkeit. Was nur jahrelange, beharrliche, systematische Aufklärung«- und Erziehungsarbeit erreichen kann, kann in wenigen Wochen nicht nacbgebolt werden. Soll es sich aber um eine Zäh-lkapdidatur handeln, dann muß die Frage aufgeworfen werden, ob gerade diese Wahl, bei der es vor allem um die Erhaltung der verfassungsmäßigen demokratischen Grundlagen unserer Republik geht, der geeignete Anlaß Ist, di« Zahl unserer Anhänger statistisch zu erfassen oder ob nicht vielmehr die Aufstellung von Kandidaten im gegenwärtigen Zeitpunkte dazu führen kann, daß selbst treue Anhänger unserer Sache die Gefolgschaft für eine Politik ablehnen, deren ausschließlich demonstrativer Charakter durch keinerlei Argumente widerlegt werden könnte. Wenn aber durch Stimmonzäblung der Beweis erbracht werden soll, daß ©in zahlenmäßig beachtenswerter Teil der jüdischen Bevölkerung mit der von links und rechts betriebenen Hetze, mit Klassenbaß, mit einseitigen Standesvorurteilen, mit Vergewaltigung politisch anders Denkender, mit Diktatur und Putschgelüsten nichts gemein haben will, sondern unbekümmert seinen eigenen geraden Weg geht, dann dürfte die Aufstellung jüdisch-nationaler Wablwerber nicht auf einen Wahlkreis beschränkt werden, sondern es müßte auch den jüdischen Wählern de« Wahlkreises Nord-Ost die Möglichkeit gegeben werden, ihr Votum abzugeben, es sei denn, daß man eich über den berechtigten Vorwurf hinwegsetzen wollte, das Prinzip persönlichen Ambitionen geopfert zu haben. K3QOOCX2000CX>OOQOOOOQOQOQQC (VOOOOOOCOOOC || Treu 4er Zionisten 8 I im R Cafe „altes Rathaus“ (Caf6tier Leo Löwy) I Größere und kleine Klublokale I 1. Bez., WippUn&erslr&Be 24 8 8 Tel. ü 274-84, U 20-2-74 1 S , €>txxxxxxhoooooooooQooooooopoonoonoooooo Oll fTHBÜ 19b tet gewiß bedauerlich, daß 6m bewußt© Judentum Oestemjebs dazu verurteilt tot, In diesem Wahlkampf beiseite zu stehen, daß wir darauf verzichten müeaen, in dem herrschenden politischen Chaos uttaere gradlinige Einstellung sn den Problemen den öffentlichen Lebens aufziizel«en, nur deshalb, w©4! ein allseits als ungerecht empfundenes Wahlrecht uns mit Absicht daran hindert. Aber deshalb abdizieren wir nicht. Es wird auch für nns die Zeit kommen, in der di« Stimme der jüdischen Bevölkerung sich wirksam wird Geltung verschaff an können. Unsere Pflicht ist es, bis dahin durch den Ausbau und die Stärkung unserer Organisation, durch zielbewußte Verbreitung unserer Idee vorbereitende Arbeit zu leisten. Wird die Zeit gekommen sein, dann wird die jüdische Kandidatur nicht nur ein Gebot der Stunde, sondern auch ein Gebot der politischen Raison sein. Verhandlungen zwischen Jewish Agency and Britischem Kolonialamt Veröffentlichung der RegierungserklXrnng über die Palästina-Politik bevorstehend London, 9- Oktober. (J. T. A,) Der Präsident der Jewish Agency Dt, Gbaim Weismann ist in diesen Tagen nach London surückgekehrt; man erwartet nun, daß die Besprechungen zwischen Jewish Agency und dem britischen Kolonialamt wieder in Fluß kommen- Allerdings dürften die Besprechungen während der Fortdauer der britischen Reiohskonferenn, die die Mitglieder der Regierung stark in Anspruch nimmt, nur langsam vorwärts kommen. Nach Veröffentlichung der Regierungserklärung Uber die englische Politik in Palästina, die vermutlich noch vor Beginn der neuen Parlamentssession erfolgen wird, dürften die Besprechungen einen lebhafteren Fortgang nehmen* Die Regierungserklärung wird sich zweifellos hauptsächlich auf den Bericht Simpsons stützen. Wie die J. T. A. erfährt, wird Simpson in diesem Bericht einerseits seine Bewunderung für di© jüdischen Leistungen in Palästina zum Ausdruck bringen und die konstruktive Arbeit, welche durch die Initiative Jüdischen Unternehmungsgeistes geschaffen wurde, hervorheben, anderseits aber auch den Standpunkt der Araber darlegen, die sich durch das Waehstum der Jüdischen Siedlung in Landbesitz und materieller Existenz, ja selbst in ihrer Freiheit und Religion bedroht fühlen, da die Palästina-Regierung bisher wenig für das gegenseitige Verständnis von Juden und Arabern getan hat- Daher werden «He von den Juden erzielten Fortschritte als feindlicher Vormarsch aufgefaBt und besonders im Hinblick darauf, daß der vom Keren Kajemeth erworbene Beden nie mehr?;urückgekauft werden kann, mit Eifersucht und Mißtrauen verfolgt. Simpson wird wahrscheinlich versuchen, zwischen der Forderung naph Errichtung des Jüdischen Nationalheims und dem zweiten Teil des Mandats, welcher die Rochte der jetzigen niohtjüdisohen Bevölkerung des Landes sichert, einen Mittelweg zu finden. Inzwischen hat das Kolonialamt die im Mai dieses Jahres suspendierten Einwanderungszertifikate noch nicht freigegeben. Die wirtschaftliche Lage Palästinas, das durch die Weltkrise ln immer stärkerem Maße betroffen wird, dürfte durch das Zögern des Kolonialamtes in der Frage der Wiederaufnahme der Einwanderung eine weitere Verschlechterung erfahren. Die abwartende Haltung des Kolonialamtes ist auf eine geringe Steigerung der Arbeitslosigkeit in Palästina zurUckznfÜhren. Wladimir Jabotinsky 50 Jahre Wladimir Jabotinsky, der Schöpfer des zionistischen Revisionismus und Präsident der Weltunipn der Zionlsien-Revisionlsten, vollendet am 18. Oktober d. J, sein 50. Lebensjahr. Jabotinsky wurde in Odessa geboren. Er trat schon 1899 publizistisch hervor und erwarb sich ln der Polge als glänzender russischer Schriftsteller und Stilist einen bedeutenden Namen. Schon in früher Jugend schloß er sich der zionistischen Bewegung an und nahm später an mehreren Zionistenkongressen und an der Heisingforser Konferenz der russischen Zionisten teil. Zu Beginn des Krieges begründete er in Kopenhagen die Zeitschrift «Die Tribüne», ln der er die Idee verfocht, Juden müßten in freiwilligen Formationen für die Befreiung Palästinas vom türkischen Joch kämpfen. Aus den von Dschemal Pascha aus Palästina vertriebenen Juden bijdete Jabotinsky 1915 In Alexandrien ein Freir willigenkorpa, das England als. besondere Formation mit eigener Fahne, die den «Magen David» trug, übernahm und zunächst bei den Kämpfen auf GalfipoU als Maultier-Korps («Zion Mule Corps») verwendete. In London bildete Jabotinsky aus russisch-jüdischen Freiwilligen in Whitechapel ein Regiment, die «Ju* deans», dem er selbst als Leutnant angehörte. Diene «Legion» (Gedud) wurde an der Palästina-Front eingesetzt, aber nach dem Kriege wieder aufgelöst. Als 1920 Araber in Palästina blutige Demonstrationen gegen die Juden veranstalteten, organisierte Jabotinsky eine jüdische Selbstwehr. Er wurde dafür von einem englischen Militärgericht zu Jßjährjger Kerkerstrafe verurteilt und ln der Festung Akko Interniert, dann aber zusammen mit gleichfalls verurteilten arabischen Anführern begnadigt. 1921 trat er in die zionistische Exekutive und in das erste Direktorium des Keren Hajessod ein, trat aber schon 1023 wieder zurück, weil er die Politik der Exekutive gegenüber England für zu nachgiebig hielt Kr begründete die Partei der Zlonisten-Revislonisten als einen Sonderverband innerhalb der zionistischen Weltorganisation, um in ihr für die Propagierung des Herzischen Judenstaates, Bildung einer jüdischen Legion in Palästina und radikale Vertretung der zionistischen Forderungen gegenüber England zu kämpfen. Seither steht er in schärfster Opposition zu der vom Präsidenten der Zionistischen Organisation Dr. Weizmann repräsentierten Richtung. Seine Judenstaats- und Wehrideen vertritt Jabotinsky in dem in russischer Sprache in Paris erscheinenden Organ der Revisionisten, «Rasswjet», und in mehreren Broschüren, die in verschiedenen Sprachen erschienen sind. Jabotinsky besitzt eine außergewöhnliche Sprachbegabung, aU Redner erzielt er, in welcher Sprache immer er spricht, hinreißende Wirkungen. Ende 1928 nahm Jabotinsky seinen ständigen Aufenthalt in Palästina und wurde Chefredakteur der Jerusalemer hebräischen Tageszeitung «Ppar Hayom». Als er nach den blutigen Ereignissen Im August 1939; nach dem zurückgegchlagenen Angriff der nationalistischen Araber auf den jüdischen Jlsphuw, nach Palästina zurückkehren woljte (Jabotinsky hielt sich während der Ereignisse gleich den übrigen Jüdischen Führern Palästinas Im Zusammenhang mH der Tagung des zionistischen Kongresses in Europa auf), verweigerte Ihm die Palästina-Regierung die Erlaubnis zur Wiedereinrelae, eine Maßnahme, die den Protest nicht nur der Revisionisten, sondern auch aller Zionisten hervorrief. Das Verbot ist bis heute nicht zurückgezogen worden. Jabotinsky bat in russischer Spraebe, auch unter dem Pseudonym „Altulcna",. eine Reibe bedeutender Schriften verfaßt. Besonders gerühmt wird »eins russische Uebersetzung der Gedichte Bialiks. Obwohl er völlig russisch assimiliert erzogen wurde und die hebräische Sprache erst als Erwachsener lernte, ist er heute einer der glänzendsten hebräischen Stilisten und Redner und hat u. a. Dante Ins Hebräische übersetzt, 1938 erschien sein Roman „Slmson", der von der Kritik als ein Werk von starker poetischer Gestaltungskraft begrüßt und ln mehrere Sprachen (deutsch unter dem Titel „Richter und Narr") übersetzt wurde. Er schrieb auch mehrere Memoirenwerke, so u. a. die Geschichte der Jüdischen Legion. Dje Zionisten-Revisiopisten, weitere Kreise der Hebraisten und die russisch-jüdischen Kolonien in verschiedenen Ländern bereiten aus Anlaß des 50. Geburtstages Jabptinskys festliche Veranstaltungen vor. Noch stehen wir int Banne der hohen Feiertage mit ihren Gebeten und kantoralen Vorträgen und werden uns des großen Reichtums der Musik und des Gesanges bewußt Der glückliche Besitzer einer Sprechmaschine weiß die* zu würdigen und sammelt fleißig die neuesten Schallplatten der großen Sänger, wie Joselt Rosenblatt, SaweJ Quartin, Besser, Bert Chaggy usw. Verlangen Sie sofort die neuen Kataloge des Musikhauses Excelsior, Wien, I., Adlergasse 5. 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