Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 146 (9.10.1930)
- Date
- 1930-10-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 14* OIE STIMME säfe* Aus affet Wett Der Finch von Grodno. Im Jüdischen Kultur-Museum zu Odessa, das unter der wissenschaftlichen Leitung von B. Rubstein im Laufe der letzten drei Jahre Schätze aus dem ostjüdischen Kulturkreis gesammelt hat, befindet sich ein tragikomisches Dokument aus der letzten Periode des Weltkrieges, das im «Prager Tagblatt» zum ersten Male mitgeteilt wird, «Wir, das Rabbiner-Kollegium von Grodnö, rufen mit Zustimmung der Bevölkerung der Stadt Grodno und der Rabbiner der Umgegend einen feierlichen Bannspruch aus, mit Trauerlicht. Mit einem strengen Befehl, mit den Worten der Heiligen fluchen und beschwören wir laut dem Gebot des Allmächtigen, laut dem Wunsch der Versammlung,, durch die Heilige Schrift, durch die 613 Gebote, ebenso wie der Bann- Elisar seine schlechten Kinder verdammt hat, wie Balak gegen Moses den Bannspruch ausgesagt hat, wie der Sinedrion zu Esras Zeiten gegen die Samariter aüfgetreten ist, mit allen Ergänzungen, welche seit Moses bis jetzt hinzugekommen sind, mit allen heiligen Zitaten, welche in solchen Bannsprüchen erwähnt werden. Verflucht sei im heiligen und Ehrfurcht gebietenden Namen Gottes, welcher vom Oberpriester nur am Versöhnungstag genannt werden durfte, jedermann, der einen von den folgenden Punkten Übertritt: 1. Es wird durch einen strengen Synagogenbann verboten, von der Stadt Grodno sowie vom Kreis Grodno, wie es auch sei, mit der Eisenbahn, mit Wagen, mit Auto, weder selbst, noch durch einen Genossen, oder Boten, oder einen Vermittler, durch einen Juden oder Christen, folgende Lebensmittel zu exportieren: Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Mehl, Graupen, Kleie, auch Brot und Kuchen, Erbsen, Bohnen, Zirsen, Möhren, Rüben, Kohl, Zwiebel, Kartoffel, Obst, auch den hiesigen Kaffee-Ersatz. Diese sollen auf keinen Fall exportiert werden. Ebenso auch Eier, Butter und Honig. Auch gilt das Verbot für Zucker und Zuckermehl. 2. Der Spruch gilt auch für die Herstellung von Branntwein aus Met oder von Seife, aus Fett und Butter. 3. Der Spruch gilt auch für die Käufer und Verkäufer und allerlei Vermittler. 4. Der Fluch bezieht sich auf die hiesigen Einwohner und auf die nichthiesigen, auf alle, welchen der Fluch bekannt ist. 5. Waren, welche durch Eisenbahnstationen im Kreise Grodno zur Verladung kommen, dürfen nicht weiter aus dem Kreis Grodno exportiert werden. 6. Der Fluch wird auch gegen diejenigen ausgesprochen, die in diesen Waren spekulieren, um die Preise in die Höhe zu schrauben. . 7. Das Verbot gilt von diesem Tage an bis zum 27* August 1919. Die Rabbiner sind berechtigt, es völlig oder ganz außer Kraft zu setzen. Es werden die Frommen, die dies Verbot nicht übertreten, gesegnet. Bemerkung (im Original Fettdruck): An die deutschen Militärpersonen ist es gestattet, bis 5 Pfund insgesamt zu verkaufen.» Die jüdische Sklavengemeinde auf Malta. Die Hospitaliterorden vom Orden St. Johannes beherrschten Malta seit 1530, Die dort lebenden levantinischen Juden wie auch jüdische Seefahrer wurden ihre Beute. In den Augen des Judentums war damals‘Malta das Symbol für alles, was in der christlichen Welt grausam und haßerfüllt war. In vielen Ländern bildeten sich Chevroth Pidion Schewuim, Brüderschaften für den Loskauf der Gefangenen. Man kann nicht genau bestimmen, wie lange die in Sklaverei gehaltene Judengemeinde ununterbrochen als Sklavengemeinde existierte. Im Jahre 1749 waren die Sklaven auf der Insel noch so zahlreich, daß es mit ihrer. Hilfe der türkischen Flotte beinahe gelungen wäre, Malta wieder unter die Herrschaft des Halbmondes zu bringen. Die Sklaverei wurde auf Malta erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgehoben, offiziell am 15. Mai 1800. Bis dahin wurden oft fremde Juden Opfer der Sklaverei auf Malta. Im Jahre 1752 mußten der Jude Benjamin Silva und seine Frau mit 200 Dukaten losgekauft werden. Noch im Jahre 1768 kaufte die Londoner jüdische Gemeinde 14 Juden, die in maltesische Gefangenschaft geraten waren, um den Betrag von 80 Pfund frei. Erst zur Zeit der französischen Revolution wurde der Seeverkehr sicherer. In der letzten Zeit ihrer Herrschaft waren die Ordensritter toleranter und einige jüdische Geschäftsleute siedelten sich in Malta an. Auch einige freigelassene Sklaven blieben in Malta. Als Malta 1802 unter englische Herrschaft kam, war bereits ein Kern für eine jüdische Gemeinde vorhanden. Heute existiert in Malta eine gut fundierte Gemeinde mit einem Rabbiner und einer Synagoge. Unter ihren Mitgliedern befinden sich vielleicht noch Nachkommen der jüdischen Sklaven. So eigenartig, wie die Geschichte der Judengemeinde auf Malta dürfte die Geschichte einer anderen Judengemeinde kaum sein. Fälle merkwürdige Entdeckung Der in Paris erscheinende «Univers Israelite» veröffentlicht einen Aufsatz über die von Juden abstammende christliche Bevölkerung von Monsac, der Hauptstadt des Departements der Seealpen. Der Verfasser des Artikels lebte drei Jahre lang in der genannten Stadt und hatte Gelegenheit, die Gebräuche und Geschichte dieser Judenstämmlinge genau kennenzulernen. Schon bei seiner Ankunft fielen ihm verschiedene Eigentümlichkeiten der Bevölkerung auf. Vor allem der jüdische Typus der Einwohner, der demjenigen der Juden in Französisch-Nordafrika ähnlich ist. Dieselben Bewegungen, derselbe Akzent in der Aussprache wie bei den Juden in Nordafrika. D.ie Frauennamen Esther und Rachel sind sehr verbreitet und sehr häufig sind die Familiennamen biblischen und überhaupt hebräischen Ursprungs, wie Abraham, Levi, Meir, Salomon, Goliath, Samuel, David und andere. Dazu kommt eine ausgesprochene Sympathie der Bevölkerung von Monsac für die Juden, die sicherlich in ihrer Abstammung vom Judentum ihren psychologischen Grund hat. Im nordwestlichen Gebiet von Frankreich war zu allen Zeiten der Geschichte eine starke jüdische Siedlung ansässig, aus welcher viele Männer hervorgingen, die in der Geschichte Frankreichs bedeutende Rollen gespielt haben. Seit dem 12. Jahrhundert ist Monsac in vier Bezirke geteilt, von denen der bedeutendste den Namen «Hebracorde» führt. Hier befand sich das alte Ghetto. Die Juden dieser Stadt waren im 14. Jahrhundert sehr wohlhabend. Dann kam eine lange Periode von Verfolgungen, die mit der Einsperrung der Juden im Ghetto endete. In diesem ehemaligen Judenviertel gibt es auch heute noch zwei schöne Gebäude, die sich durch ihre herrliche Architektonik von den übrigen Häusern abheben. Eines wurde später in eine Kirche und dann in ein Theater umgewandelt. Das zweite Synagogengebäude blieb unbenutzt und verfiel allmählich. In den verschiedenen Archiven befinden sich mehrere Dokumente, die sich auf das Leben der Juden von Monsac beziehen. Das älteste von ihnen stammt aus dem Jahre 1211. In einem dieser. Schriftstücke wird beim Stadtrat darüber Klage geführt, daß .die Juden auf dem öffentlichen Markt kein Koscherfleisch erhalten können. Der Beschluß des Stadtrates lautet: «In Anerkennung der gerechten Forderung .der Juden erhalten sie von heute an auf dem Marktplatz zwei Fleischstände, damit sie ihren rituellen Gebräuchen entsprechen können.» , Am 5. Mai 1495*zog die christliche Bevölkerung von Monsac unter Führung der Geistlichkeit vor die Synagoge, die erbrochen und vom Pöbel zerstört wurde. Ermutigt durch diesen Sieg, ging es dann gegen das Ghetto, das völlig ausgeplürtdert wurde. Damals sind offenbar viele Juden der Taufe zugeführt zugeführt worden und von diesem Tag datiert der völlige Untergang der jüdischen Gemeinde von Monsac. ‘ Abadja Bartinuro auf Reisen Der Kommentator der Mischna, Ab ad ja aus Bartinuro in Portugal, machte in den Jahren 1478 und 1479 eine große Reise nach Italien, der Türkei und Aegypten und berichtet darüber an seinen Vater in einem hebräisch geschriebenen Brief. Er ist auf einem kleinen Segler unterwegs, hat mit widrigen Winden zu kämpfen, muß oft wochenlang ans Land und ist inehreremal in Gefahr, zu ertrinken. Auf einer französischen Galeere kommt er von Palermo hach Messina und gibt von dort folgenden Bericht: «Messina ist ein Handelsplatz für alle Nationen; von allen Gegenden kommen Schiffe dahin. Die größten Schiffe können hier bis ans Ufer gelangen. Messina ist nicht so groß wie Palermo und hat auch nicht solch gute Quellen, aber die Stadt ist sehr schön und hat eine starke Festung. Es sind etwa vierhundert jüdische Familien hier, die ruhig in einer Straße leben; sie sind reicher als die in Palermo und fast alle sind Handwerker; doch gibt es auch einige Kaufleute unter ihnen. Sie besitzen eine Synagoge mit einer . Vorhalle, die oben offen, aber an den vier Seifen. geschlossen ist; in der Mitte der Synagoge ist ein Brunnen, mit Quellwasser. Sie haben eine Verwaltung, die jedes Jahr neu ernannt wird. Ich habe bei einer Trauung dort folgendes gesehen: Man hat die Braut, nachdem man die sieben Segenssprüche verrichtet hatte, auf ein Pferd gesetzt; sie ritt durch die Stadt. Die ganze Gemeinde ging vor ihr her zu Fuß. Der Bräutigam befand sich in der Mitte der Aeltesten. Vor der Braut, die allein zu Pferde war, trugen Jünglinge und Kinder brennende Fackeln und machten ein lautes Geschrei, so daß die ganze Stadt erschallte. Man machte die Runde in den Straßen der Stadt und in allen jüdischen Höfen. Die christlichen Bewohner sahen es mit Vergnügen und niemand störte die Festlichkeit.» Von Messina fuhr Abadja Bartinuro nach Rhodus, wo er 22 jüdische Familien traf. Sie waren alle arm und ernährten sich kümmerlich. In Kairo wurde er von dem Rosch Galutha feierlich empfangen« In Jerusalem fand er nur 70 jüdische Familien, die in einem desolaten Zustande waren, und begann eine starke Aufbauarbeit Er will dort noch bedeutende Ueberreste des salomonischen (?) Tempels gesehen haben. Das älteste Testament Eine köstliche Geschichte ereignete sich kürzlich vor dem Gericht der Insel Man (England). Es ergab sich der seltene Fall, daß ein Jude als Zeuge beeidet werden mußte. Der Richter gab dem Gerichtsdienev den Auftrag, ein Altes Testament zu bringen. Nach langem Warben r] erschien endlich der Gerichtsdiencr und legte dem jüdischen Zeugen ein altes, schmutziges, zerfranstes Buch vor. Der Jude betrachtete es argwöhnisch, öffnete es und stellte fest, daß es sich um eine sehr alte Ausgabe des Neuen Testaments handelte und protestierte energisch gegen die anscheinend beabsichtigte Irreführung. Der Richter überzeugte sich nun, daß der Gerichtsdiener wirklich das Neue Testament gebracht hatte und äußerte seinen Unwillen. Da antwortete ihm aber der Gerichtsdiener:. «Entschuldigen Sie, Mylord, aber ich dachte, das Testament wäre alt genug. Jedenfalls war es das älteste, das ich finden konnte.»' , . * F „Stahlhelm“-Leutc finden Schutz in einer Synagoge Der «Neuen Freien Presse» wird aus Frankfurt am Main berichtet: Auf der Rückfahrt von Koblenz kam gestern ein Lastauto mit etwa vierzig «Stahlhelm»-Leuten nach Frankfurt am Main. Als sie sich in die Altstadt begaben, wurden sie von etwa hundert Kommunisten verfolgt. Es entwickelte sich eine Schlägerei, in deren Verlauf zwei «Stahlhelm»-Leute schwer verletzt wurden. Eine große Anzahl der «Stahlhelmer» flüchtete in die Synagoge auf dem Börseplatz, wo anläßlich des Laubhüttenfestes ein stark besuchter Gottesdienst stattfand. Die Gemeinde .glaubte zunächst, daß ein Störung beabsichtigt sei. Als aber ,der Sachverhalt bekannt wurde, wurden die «Stahlhelnr»-Leute von den Juden geschützt. Der Pförtner der Synagoge versteckte sie im Garderoberaum und benachrichtigte das Ueberfallskommando. Die Kommunisten standen, in der Erwartung, die «Stahlhelmer» würden aus der Synagoge gewiesen, vor ihr. Als das Ueberfallskommando im Auto herbeikam, flüchteten sie. Die «Stahlhelm»-Leute wurden zu ihrem Auto geleitet und konnten dann unbehelligt weiterfahren. Errichtung von fünf staatlichen jüdischen •* . Schulen in Saloniki Saloniki, 5. Oktober. (J. T. A.) Der griechische Unterrichtsminister hat in Uebereinstimmung mit der jüdischen Gemeinde von Saloniki die Errichtung von fünf Volksschulen in dieser Stadt, die ausschließlich für jüdische Schüler bestimmt sein sollen, angeordnet Im Lehrplan sind 10 Stunden in der Woche für Unterricht in hebräischer Sprache und in jüdischen Fächern vorgesehen. Die Lehrer für diese Fächer werden wie die übrigen Lehrer vom Staat entlohnt, aber von der jüdischen Gemeinde ernannt und kontrolliert werden. Von dem Jahresbudget dieser Schulen in Höhe von 2,500.000 Dinar sind 400.000 Dinar für die Kosten des Unterrichtes in jüdischen Fächern bestimmt. Die fünf neuen jüdischen Staats- Schulen werden jene 1600 jüdischen Schüler aufnehmen, die bisher Schulen ausländischer Gesellschaften, vor ällenr solche der französischen Laienmission und italienische Schulen besucht haben. Griechischen Untertanen wird der Besuch der ElementarkJassen fremder Schulen künftig untersagt sein* >- Wiener Bet Hamidrasch/ Wiien, IL, Tempelgasse Nr. 3* Vorlesungen im Wintersemester 1930/31 (5691%, Sonntag, 5 bis 6 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Midrasch; 6 bis 7 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin* Talmud (Berochoth). Montag, 6 bis 7 Uhr: Rabb. Dr. Rosenmann, Ausgewählte Kapitel aus Jesaia; 7 bis 8 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Geschichte der Juden im Mittelalter. Dienstag, 6 bis 7 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Geschichte der Juden im Mittelalter; 7 bis 8 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Entstehung und Bedeutung der Synagoge. Mittwoch, 6 bis 7 Uhr: Rabb.Dr. Rosenmanh, Ausgewählte Kapitel aus Jesaia; 7 bis 8 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Midrasch. Donnerstag, 6 bis 7 Uhr: Rabb. Dr. Taglicht, Koheleth; 7 bis 8 Uhr: Rabb. Dr. Murmelstein, Geschichte der Rabbinischen Literatur. Samstag, 11 bis 12 Uhr: Prof. Dr. Kraus, Entstehung und Bedeutung defcSynagoge; 4 bis 5 Uhr: Rabb. Lektor Dr. Rubin, Bibelvortrag. Die ersten Vorlesungen finden Samstag, den 18. Oktober (Schabbos Bereschas) von 11 bis 12 und von 4 bis 5 Uhr statt. Die feierliche Eröffnung des Wintersemesters Ist S o n ntag, den 19. Oktober, 6 Uhr abends, IL, Tempelgasse 3. Für den Vorstand: Ernst Vogel m. p. Dr. Jakob Ornsteln m, p. Schriftführer. Präsident. Rheuma und Gicht. Bei rheumatischen, gichtischen Schmerzen sowie verwandten Krankheitserscheinungen Hegt bekanntlich eine Stoffwechselstörung infolge fehlerhaftes Blutbeschaffenheit vor. Zur Ausscheidung der schädHche« Bestandteile im Blute ist nun Togal in hervorragender Weise eeignet Togal hemmt die Ansammlung der hamsatren alze und vermehrt ihre Ausscheidung. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo jetzt zu Beginn des neuen Schuljahres für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, auch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Für Anfragen Telephon R 41-4-20.