Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 146 (9.10.1930)
- Date
- 1930-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 146 DIB STIMME *9 f in affe iesei und freunde unseres (Bfattesf Wir wenden ans an alle unsere Leser, Freunde und Gönner, mit der Bitte, uns in dem Amben unseres Blattes zu helfen. Der Monat Oktober so tteinPropagandamonat für «Die Stimme» sein. Es gibt in Wien 200,000 Juden. Es gibt in Wien viele Zehntausende von Juden, die dem Zionismus fernestehen. ln der Stadt, in der ein da l H e rzl gewirkt hat, hat sich die Assimilation breitgemach t. Nur ein verhältnismäßig kleines Häuflein blieb der nationalen Wiedergeburtsidee, deren Instrument die zionistische Organisation ist, treu. Nur eine verschwindend kleine Zahl schart sich um die blau-weiße Fahne. Es gilt nun, diesen beschämenden Zustand zu ändern. Es gilt, den stolzen zionistischen Gedanken in die weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung Wiens zu tragen* Es gilt, in den heutigen schweren, von Ungewißheit, u><w der Morgen bringen wird, umnebelten Tagen, eine Stärkung der zionistischen Idee und der zionistischen Organisation in Oesterreich herbeizuführen. Es ist ein Gebot der Stande, den Erschütterungen, die das österreichische, insbesondere das Wiener Judentum vielleicht schon morgen treffen können, heute vorzubeugen. Es gibt leider in Wien keine jüdische Tageszeitung, die unsere Interessen vertreten könnte. Aber es gibt doch einen Ersatz dafür, unser Parteiorgan «Die Stimme», ein Blatt, das mit Hilfe Euer aller über all dorthin dringen kann, wo man bis nun dem nationalen Judentum gegenüber sich indifferent verhalten hat. Helfet uns, die «Stimme» zu verbreiten! W er b et Abonnenten in Eure m Bekannten- und Freundeskreise! Trachtet, die Zahl unserer Leser zu vervielfachen! Wir wollen die weitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung unserer Stadt über die Ereignisse in der ganzen jüdischen Welt informieren. Wir wollen sie für unsere Idee und für unsere Arbeit gewinnen. Vir Mimen dies Xiet nur dann erreicfieis, nenn es uvm gelingt» eine gro/feligige Propaganda für „Die Stirn me“ in äüenegung *u seinen. Helfet uns dabei! Denket bei jeder Gelegenheit: Der Monat Oktober ist ein Propagandamona.t für die «Stimme»! Wir werden auch alles mögliche tun, um unser Beatt in redaktioneller und jeder anderen Hinsicht auszubauen. Wir werden den Wünschen und Anregungen unserer Leser Rechnung tragen. Wir wollen nicht mehr ein exklusives Organ für eine kleine Gruppe sein. Wir wollen aus unserer Zeitung ein wahres Blatt der national-jüdischen Bevölkerung unserer Stadt machen, das allen Juden in Zeiten der Not beisteht und das von allen Juden als ihr Organ gefördert wird. Darum nochmals: Werbet Abonnenten und machet Propaganda für unser, für Euer Blatt! ®ie Stimme ioned in arabischen Händen, davon aber nur 6 MflHonen be* baut, während 3 Millionen Brachland sind; eine Million ist ln jüdischem Besitz, aber nur zur Hälfte besiedelt. Weat- und Ostpalästina zusammen haben eine nutzbare landwirtschaftliche Bodenfläche von 2,150.000 Hektar. Berechnet man tfie Aufnahmefähigkeit dieser Fläche für landwirtschaftliche Siedlung unter Zugrundelgung der «Arbeitsnorm», d. h. jenes durchschnittlichen Minimums von Boden, welches zur Erhaltung einer Bauernfamilie nötig ist, und gleichzeitig das Maximum dessen darstellt, was eine Bauernfamilie ohne Hilfskräfte zu bestellen vermag (nach Oppenheimer und gemäß praktischen Erfahrungen in Europa und Palästina eirka 5 Hektar), so kommen wir zu einer Ziffer vön 437.000 Bauernfamilfen oder 2,150.000 Seelen, das bedeutet eine Verdreifachung der heutigen landwirtschaftlichen Bevölkerung. Die Generaldebatte Bin Gurion über die Begehung zum arabischen Volk und zur Mandatar« macht In der am Dienstag, den 30. September, begonnenen Generaldebatte sprach als Erster der Fraktionsvorsitzende der Linken Poale Zion, N i r. Er führte ungefähr aus: Englands Interessen in Palästina sind: Schutz des Suezkanals, sonstige militärische und wirtschaftliche Interessen, da Palästina das Uebergangsgebiet nach den Oelfeldem von MossuJ ist; Aufbau des Jüdischen Nationalheims ist nur Vorwand. Wie in Indien und Aegypten sät England auch in Palästina Zwietracht zwischen den einzelnen Teilen der Bevölkerung. Wir wenden uns gegen die von Brith Schalom gesuchte Verständigung mit den Arabern als Gesamtheit. Pap arabische Volk ist nicht einheitlich, es besteht aus Klassen. Die Leitung der Histadfuth ist aber dem Verständig gungswillen der arabischen Arbeiterschaft nicht entgegeugekommen. Pie palästinensischen Arbeiterfragen müssen mit Hilfe der außerpalästinensischen jüdischen Arbeiterschaft gelöst werden, Palästina ward durch Privatkapital aufgebaut, daher muß der Klassenkampf dort ebenso geführt werden Wie in allen anderen Ländern. Bin Gurion hielt ein Referat über «Unsere Beziehungen zum arabischen Volk und zur Mandatarmacht». Mit dem Zionismus beginnt zum erstenmal nach der Zerstörung des jüdischen Reiches eine jüdische Staatspolitik, die den Erfolg gehabt hat, daß das jüdische Volk als Einheit und sein Anspruch auf Palästina völkerrechtlich anerkannt wurden. Die Möglichkeiten des Mandats sind noch nicht vollkommen praktisch ausgewertet, das Resultat von zehn Jahren ist aber immerhin die Einwanderung eines vollen Achtels der heutigen palästinensischen Bevölkerung, Für die zukünftige Entwicklung des Landes besitzen wir zwei Schlüsselstellungen: die Elektiro- und Wasserkraftkonzession und die Tote-Meer-Konzession. Die Bestrebungen eines Teiles des Brith Schalom sind utopisch, wenn sie den Verzicht auf unsere Aspirationen, ein möglichst großer Jischuw zu werden, aussprechen. Einen solchen Schritt des Brith Schalom wird das jüdische Volk stets desavouieren. Aus nationalen und international sozialistischen Gründen bestreiten wir das Recht der gegenwärtigen Bevölkerung Palästinas, sich gegen die übrige Welt abzusperren. Selbstbestimmungsrecht ist nicht identisch mit der Anmaßung der Herrschaft über den gesamten Boden eines Landes. In das Präsidium des Kongresses wurden hinzugewählt: Tartakower (Hitachduth) und Jaari (Ha sc ho m er Haxalr). Der Kongreß stellt fest, daß England seine Aufgaben nicht erfüllt. — Manifest an die jüdische Arbeiterschaft und die jüdische Jagend — Proklamierung einer Weltliga für das arbeitende Palästina — Wahl eines Ugliedrigen Rates Am Dienstag, den 30. September, nachmittags, wurde die Debatte fortgesetzt In der Nachtsitzung kamen Lev, Benderski, Jaari, Sefubowd und Tiger zu Wort, worauf Tabenkin für die Histadruth das Schlußwort hielt Der Führer der Linken, $ e r ubowel, gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß eines der wichtigsten Probleme, der Boykott des Jüdischen Arbeiters in Palästina durch den jüdischen Kolonisten, auf dem Kongreß gar nicht zur Spräche gekommen sei, Der Kumpf in Palästina und für die Oeffnung der Tore dieses Landes vor der jüdischen Einwanderung müsse gemeinsam mit der arabischen Arbeiterschaft geführt werden. Nachdem Tiger diesen Ausführungen scharf entgegengetreten war, stellte Tabenkin namens der Histadruth fest, daß die Unke Poale Zion sich stets darauf beschränkt habe, die die jüdische Arbeiterschaft betreffenden Ereignisse inner- und außerhalb Palästinas dalektisch zu kommentieren. Im Laufe der Nachtsitzung traf ein überaus herzliches Begrüßungsschreiben des Dichters Schalom Asch ein. Nach Schluß der Generaldebatte wurde eine Reihe von Resolutionen eingebracht, und zwar für die Histadruth von Rubaschow, für die Linke von Serubowel, für Haschomer Hazalr von Lurje, Während sich die Resolution der Histadruth nur mit der politischen Situation in Palästina, Arabertrage und Mandatarmacht befaßt, berührte die Resolution der Linken auch Fragen der Arbeiterpolitik in Polen und enthielt heftige Angriffe gegen die Rechte Poale Zion und die Histadruth. Der Kongreß einigte sich auf die Resolution der Histadruth, welche feststellt, daß England seine Aufgaben gegenüber dem jüdischen Volke und der Arbeiterbewegung in Palästina nicht erfüllt hat. Rubaschow verlas ein Manifest an die jüdische Arbeiterschaft, die jüdische Jugend und die jüdischen Volks» massen. Zum erstenmal ln der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung — heißt es in dem Manifest — sei ein Kongreß zur Förderung des Aufbaues eines arbeitenden Palästinas zusarnmengetreteni hinter dem eine Viertelmhlion von Wählern steht, Arbeiter und Intellektuelle, Menschen, die der zionistische« Arbeiterbewegung angehören, und Menschen, die mit ihr aus sozialistischen oder nationalen Erwägungen heraus sympathisieren. Der Kongreß proklamiert eine Weltliga für das arbeitende Palästina und konstituiert sich als Gründungskongreß dieser Liga* Der Kongreß der Weltligä soll eine dauernde Institution sein und alle drei Jahre tagen. Die Liga gelobt der Histadruth treue Gefolgschaft, sie wird für deren wirtschaftliche und politische Autonomie kämpfen und sJe finanziell stützen. Das Manifest stellt fest, daß die jüdische Arbeiterschaft Palästinas nicht bloß eine Idee, sondern eine fertige Tat gebracht bat Die Hilfe der jüdischen Arbeiterschaft in aüer Welt nimmt sie nicht für sich selbst in Anspruch, sondern für das Ziel der Errichtung einer freien jüdischen Heimstätte, gebaut auf der Grundlage gerechter Arbeit nationaler Befreiung, sdzialistiacher Verwirklichung und internationaler Solidarität lieber Vorschlag von Efflezor Kaplan wurde ein Rat der Liga geschaffen, der 25 Mitglieder zählen soll 13 davon wurden vom Kongreß gewählt die restücheu 12 werden von den einzelnen Ländern entsandt werden. Der Rat welcher mindestens einmal im Jahre zusantmentretet! soll, wird sich eine ständige Exekutive wählen und deren Sitz bestimmen. Unter den gewählten Mitgliedern des Rates befinden rieh Bin Ourion, Sprin* zaJc, Neustadt Locker, Dobkin, SHberscbeid, Naphtati, Dr. Hsümann-Rlga, SWpüakoff, Finestone, Jaari; den Unken Poale Zion wurde ein Sitz reserviert Nach einer Schlußansprache Bin Gurions, in der er die vom Kongreß geleistete Arbeit und die erzielten Resultate würdigte, wurde der Kongreß am Mittwoch, den 1. Oktober, 10 Uhr vormittags, geschlossen. Der Kongreß stimmte in das Schwuohlied ein, während die Linke die Internationale sang. Unter Absingen des ßialikschen Liedes «Techesaknah» gingen die Teilnehmer am Kongreß auseinander. 0- T. A.) GrsBfleischhausral SIEGM. KORNMEHL Zentrale »X, Barggtsaa 1», Tai. A17-3-59 u. A lä-9-34 Lieferant für Heilanstalten AMrilunj^^ unter Aufsicht des Ehrwürdiges Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien autosiwisllunp ko»(«nios IX, Beregasae 1% XVIII, WähringeratraBe 97 Zwei Briefe Hans Herzls Von unserem Gesinnungsgenossen Herrn E, Torczyner erhalten wir folgende Erinnerung an Haiis Herz!: Beim Ableben des Vaters war Hans gerade 13 Jahre alt geworden. «Barmizwah» wurde er gerade in den «Schiwah»-Tagen und er legte «Tfilim» an. Ich, meine älteren Söhne und einige andere Herren veranstalteten im Trauerhause täglich Minjan und Hans sprach das Kadischgebet Bei diesem traurigen Zusammentreffen zogen wir ihn oft in ein Gespräch, um ihn und uns vom großen Schmerz teilweise abzulenken, und hatten Gelegenheit, seine Umgangsformen und seinen Verstand zu bewundern. Er wurde bald ein Freund meiner Kinder und ließ sich von ihnen so manches, was ihm bis dahin unbekannt war, erklären. Nie versuchte er zu widersprechen, oder seine eigene Meinung aufzudringen, sondern er schwieg. Diese Eigenart — wie konnten wir Jamals die Zukunft voraussehen —- erweckte in uns große Hoffnungen ... Als nun im selben Jahr das Chanukkafest herännahte, zu welcher Jahreszeit er bei Lebzeiten des Vaterg immer reichlich beschenkt wurde, fühlte ich mich gedrängt, ihn zu beschenken und sandte ihm ris Andenken eine Pfrinadel. Hier sein Brief, mit dem er sich bei mir bedankte: Wies, 8. XII. 1904. Lieber Herr Torczyner! Meinen innigsten Dank sende ich Ihnen für die wunderschöne Nadel. Sie hat mir außerordentlich gut gefallen. Besonders freue ich mich darüber, weil sie ein Beweis ist, wie gern Sie, sehr geehrter Herr Torczyner, meinen armen Vater gehabt haben. Vielleicht werde ich Ihnen einmal würdigen Dank abstatten können. Bitte grüßen Sie Ihre Söhne herzlichst von mir. Hochachtungsvoll bin ich Dir dankbarer Hans Herzl. <* ■ Der zweite Brief wird uns von unserem 'Warschauer Berichterstatter, Herrn Dr. Arnold Friedmann, zur Verfügung gestellt. Hans Herzl schrieb ihn nach dem Tode seiner Großmutter Jeanette. Hotel du Croissant 23. FH. 1911. Indre-et-Loire Frankreich. An den Präsidenten des Vereines zionistischer Hochschüler «Theodor Herzl». Sehr geehrter Herr! Durch Krankheit war ich verhindert, den Emp fang Ihres werten Schreibens zu bestätigen. Nu« aber eile ich, Ihnen, als dem Präsidenten des Vereines «Theodor Herzl», in meinem Namen und im Namen meiner Angehörigen für Ihr warmes Beileid an meinem Verluste au danken. M;t herzlichem Zionsgruße ihr ergebener Han« Herzl Verein Zionistischer Hochschüler «Theodor Herzl», Lenaugasse 7, Tür 10^ Vienne VIR* AuUicta*^