Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 146 (9.10.1930)
- Date
- 1930-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 146 DBS STIMME Stifte 5 Der Golem Eine literarische Würdigung Von Dr. M. Stockhammer (Schluß.) Wie bereits angedeutet, unterscheidet sich der Grimmsche «Golem» von dem der Habima noch in folgender Hinsicht: Während dort das Problem allgemein gestellt ist, wird es hier speziell politisch aufgerollt. Besiegt dort — unabhängig von der nationalen Frage — der Geist die Materie schlechthin, so gewinnt hier im Kampfe zwischen Juden und Christen das vermittelnde Friedensprinzip die Oberhand über das gewalttätige Unterdrückungsprinzip. Erst die historischen Reibereien zwischen diesen beiden Religionsgemeinschaften bringen das nationale und das politische Motiv, die ursprünglich der Golem-Sage fehlten, aufs Tapet Und die materialistische, von nationalpolitischen Leidenschaften durchtobte Gegenwart streift das philosophische, unpolitische Gewand des in spekulativen Märchensphären schwebenden Mittelalters gar ab, um das Werktagskleid des politischen Zwistes anzulegen. Aber sowohl die idealistische als auch die prosaische Schale—- diese Wandlung des Stils ist ein Stück' Kulturgeschichte — umhüllen denselben Kern: immer siegt die Idee über die Gewalt. Die aufgezeigte Verdrängung des aristokratischen Elementes durch das demokratische spiegelt ebenfalls die Entwicklung der Staats- und Geschichtsauffassung wider: die Masse will den Führer ersetzen. Nicht der rabbinische Einzelheld, sondern: «Die Massen sind selbst die Kämpfer» (Moskauer Theater Habima, S. 30) ist das moderne Ideal. In der Sonderstellung des Rabbi Löw will man sogar interessanterweise dessen tragische Schuld sehen: «Der Dichter hatim «Golem» den Alleinkampf des Maharal diskreditiert». (Moskauer Theater Habima, S. 30.) Auch sonst weisen die verschiedenen Golem-Sagen einschneidende Differenzen auf. Vom Chelmer Golem heißt es: «Der Vorzug des Golems Israel über alle anderen bis dahin erschaffenen Golems war, daß er auch da$ Sprachvermögen besaß, freilich nur in jenen fällen, da dieses Vermögen nötig war. (Ch.: Bloch, Israel, der Gotteskämpfer, 1920, S. 39.) Der Besitz des Spraphyermögens ist aber hier ein großer Nachteil, weil zum. Charakter der Golem-Gestalt überhaupt nicht passend. Der Golem als Verkörperung der un- oder vormenschlichen, tierisch-wilden, materiellen Gewalt kann nämlich nicht mit der geistigen Eigenschaft des menschlichen Sprachvermögens begabt und ausgestattet sein* Tatsächlich berichtet R. J. Emden auch vom Cheinier. Golem, daß dieser «das Sprachvermögen nicht besaß» (Ebenda,. S. : 14), was richtigerweise der Golem- Konzeption entspricht. Unhaltbar ist Blochs Interpretation, der meint: «Der Widerspruch, daß der Golem in den vorliegenden Sagen das Sprachvermögen besitzt, könnte dahin beantwortet werden, daß der Golem, wenn er Privatarbeiten verrichtete, das Sprachvermögen nicht hatte, hingegen sprechen konnte, wenn er seine Handlungen im Interesse der Judenschaft verrichtete.» (Ebenda, S. 14.) Entweder ist etwas eine blinde Naturkraft — oder ein menschliches Wesen. Doch kann nichts charakterologisch hin- und herpendeln. (I wunderbarem Gegensatz zum vormenschlichen G'Ve■ steht der Begleiter des Messias, der Prophet I/.l«- ■'!| «mit seinem stillen Gesang». [Moskauer Theater Habima, S. 30.] Auch Eliahu kann nicht sprechen, ihn’ fehlt aber das menschliche Sprachvermögen, weil er bereits übermenschlich-göttlich ist.) Anderseits bat der Cbettner Golem eitlen bedetrtsamen Vorzug. Es heißt nämlich von ihm: «er nahm gegen Rabbi Elijahu eine drohende Stellung ein* (Bloch, Israel, der Gotteskäihpfer, S. 156) und: «ef raffte sich auf und machte sich daran, sich auf sie den Rabbi und dessen Jünger Sittiche — zu werfen». (Ebenda, S. 158.) Von einem Angriff auf die Juden ist aber beim Chelmer Golem keinerlei Erwähnung. Wie bei Grimm, so wütet der Chelmer Golem nur gegen seinen Meister. Der Prager Golem dagegen «bedroht die ganze Stadt» (Bloch, Pragef Golem, S. 16), «lief in der Judenstadt wie ein Wahnsinniger umher und wollte alles niederreißen». (Ebenda, S. 170.) Der Prager Golem rast und tobt ausschließlich gegen das Volk und nicht gegen seinen Schöpfer, den Rabbi Löw. Diesen gedanklich-dramatischen Fehler haben wir schon oben bloßgelegt. Wie man aber zwei Dinge, die miteinander nichts zu tun haben, dennoch durcheinander werfen kann, lehrt die immer wieder herangezogene, grundfalsche Analogie zwischen dem «Golem» und Goethes «Zauberlehrling». Gewiß, wie der Golem dem Rabbi, so wächst auch der «verruchte Besen» dem Zauberlehrling über den Kopf. Doch handelt es sich in der Golem- Sage um ein ganz anderes Problem als um Goethes Moral: Lehrling, bleib’ bei deinem Leisten, nur der Meister darf die Geister ans Licht zitieren. Nicht gegen die unbefugte Beschwörung von Geistern, sondern Wissen Sie es schon 1 Schuh-Dorn bietet noch nie Dagewesenes in Qualität und Preisen. Moderne Krokodil- und Eidechsschuhe . . . . S 39.50—S 45.— Aus ganz Krokodil u. Eidechs „ 49.50—„ 55.— Herren-Schuhe in neuen Formen, rahmengenäht . . . „ 29.50—„ 34.50 dtcfkufk-2>own, MM., (faboTsiwa&o Sol gegen jegliche Schöpfung und Anwendung von materieller Gewalt richtet sich der außerordentlich tiefe Sinn des «Golem». Mari sieht: zwei wesentliche Unterschiede. Uebrigens ist des Zauberlehrlings Beser.streich durch einen ähnlichen Vorfall im «Golem» antizipiert. Es heißt: «Der Golem nahm die Kanneristange und lief eiligst zum Brunnen. — Nach einigen Stunden war der Hof des Rabbihauses von Wasser überflutet und die Leute schrien: «Wasser, Wasser!» — Der Golem aber, als ginge ihn die ganre Gescfttchte nichts an, setz»*.* seine Tätigkeit fort, ging zum Brunnen um Wasser zu schöpfen. Da schrie Rabbi Löw: «Genug, genug des Wassers!» Und er stellte, ohne Zaudern die Kannen nieder.» (Bloch, Prager Golem, S. 53 f.) Die Leute spielen hier die Rolle des Zauberlehrlings, der Rabbi die des Meisters bei Goethe. Was die Leute nicht bewirken können, das bringt Rabbi Löw fertig. Der Hauptsinn beider Wasserfabeln ist identisch, daß sich nämlich die unbefugte Inanspruchnahme — geistiger und materieller— Hilfskräfte rächt. Mit diesem humoristischen (.inlem-Intermezzo darf aber nicht das tragische -: 11'eilOtiv des «Golem» verwechselt werden. Jenes i'än-v pro « ist hier nicht am Platze. < i i nit v"-den wir unsere oben angedeutefe Ansh. irt, (i i «Golem» eine spezifisch jüdische Dichtung isr. 0 »gt. Rein äußerlich weist vielleicht der Li.eratihscjn rz *ines jeden Volkes eine Figur wie die des- Aber nur am jüdischen Lehmkoloß ist Hütten und Zelte Von Schi m’on ben Nathan. Uebertragbare, aus Zweigen in aller Eile errichtete Wohnstätten, das waren die Laubhütten jener Urzeit. Nach vier Jahrhunderten der Sklaverei in steinernen Städten am Nilus erfolgte die Rückkehr ins ungezügelte, freie Nomadentum. In den Hütten der sjnaischen Halbinsel hatte man vierzig Jahre lang Zeit, an die Fleischtöpfe Aegyptens zurückzudenken und gegen den Meister, der das hartnäckige Volk in die Freiheit führte, zu revoltieren; aber dennoch war jene Zeit die Zeit der Wiedergeburt. Man ging“ nicht mehr gebückt herum: man blickte aufwärts und konnte durch die Dächer der Hütten nachts den besternten Himmel sehen. Den Hebräern blutsverwandte, jedoch kulturell fremde Stämme, nomadisierten auch zu jener Zeit. In schwarzen Kamelhautzelten pulsierte das freie Leben der Wüstensöhne, die immer auf der Suche nach Weiden für ihre Herden waren. Schwarze Zelte \yaren auch später im Lande Kanaan verstreut,, als der Schöpfer des Hohen Liedes der Sulamith die Worte in den Mund legte: «Schwarz von der Sonne bin ich, o Töchter Jerusalems, wie Zelte des Kedar». Schwärze Beduirienzelte wachsen auch heute über Nacht auf den Steppen am Jordan, im Galiläiscnen Gebirge und im Süden Judäas. , Der große Gesetzgeber kannte die suggestive’ Macht des Symbols; er verstand es, der unendlichen Kette der Geschlechter die Erinnerung an wichtige Geschehnisse im Volksleben einzuprägen. «Sieben Tage werdet ihr in Hütten wohnen, damit eure Nachkommen wissen, daß die Söhne Israels ln Hütu-n y inen, als ich sie aus Aegypten hinausgeführt habt. » Dieses Gebot, das befiehlt, jährlich für eine'V/oche zur primitivsten Art des Wohnen» zurückzukehren, damit man nicht vergesse, damit man unabhängig vom Freiheitsfeste des Frühlings auch an der Sommerswende die Mühsal des noma,- .dischen Lebens feiere; dieses Gebot, das für ewige Zeiten an den schweren Preis der vierzigjährigen Wanderung, gezahlt für die Freiheit, erinnern sollte, schuf vor Jahrtausenden das Fest «Sukkoth». Heute wird die jüdische Heimat von neuem aulgebaut und heute seh$n wir: die Geschichte wiederholt sich. In der Alltagschronik aus depi Leben des alt-neuen Landes finden wir oft den neuen, vor unseren erstaunten Augen wachsenden Mythos, der einmal vielleicht wieder zum Symbol werden wirc». Heute sind in Judäa, Samaria, im Emek und in Galiläa, .in den Kolonien, Stätten und Kwuzoth, doch am häufigsten dort, wo noch eine Oede ist, Zelte aufgestellt. Am häufigsten dort, wo man mit Dynamit Felsen sprengt, um aus dem Gestein Chauseen zu bauen; wo man das Land qntsumpft uncj bis?u den Knien im mörderischen Moraste watet, um die Malaria zu drosseln; wö eine neue Siedlung, eine neue Stadt, ein neuer Posten entstehen soll. Ueberall kann man dort die weißen, regelmäßigen Kegel aus Leinwand sehen, die primitiven Wohnungen der Pioniere. fOhel», das palästinensische Zeltj ist keine ephemäre Erscheinung auf einem Pfadfinderausflug, kein Schutz für Soldaten,, die in einen imperialistischen Krieg ziehen, sondern das übertragbare Haus des palästinensischen Arbeiters; der Ort, wo er ißt, wo er ruht, wo er ein Buch liest, plaudert oder träumt; die Wohnung für den Chaluz, der die europäische Bequemlichkeit von sich geworfen hat der Dualismus xnrtoehen Geist und Materie, zwischen friedfertiger Demokratie und gewalttätiger Diktatur zur Darstellung gebracht worden. Diesen «großen» Sinn des «Golem» — um ein auszeichnendes Adjektivum Nietzsches zu verwenden — hat auch Ch. Bloch verkannt, der meint: «Die schließliche Raserei des Golems, dieser so auffalendc Zug aller Golem-Sagen, muß mit dieser Deutung (wonach der Golem ein Symbol der Hilfe Gottes ist) nicht gerade in Widerspruch stehen. Es könnte einfach ein fremdes Motiv sein, das aus naheliegenden Gründen mit diesen Legenden verquickt wird: das Motiv von den «Geistern, die er rief und nicht mehr los wird», die dem Meister schließlich über den Kopf wachsen.» (Bloch, Prager Golem, S. 16 f.) Also: der auffallende Zug aller Golem-Sagen — das wesentliche und originelle Kernstück, das den Schlüssel zur Deutung der Dichtung enthält — wäre ein entlehntes Motiv! Eine unmögliche Auslegung! Statt den Boden an den Früchten zu erkennen, statt aus der Raserei des Golems gegen die Juden auf dessen Gottlosigkeit zu schließen, setzt Bloch, offenbar durch die momentane, ephemere Scheinhilfe des Golems (die Niederwerfung der Christen) irregeführt, die Gottähnlichkeit des Golcins voraus, um aus dieser falschen Prämisse dessen Toben gegen die Juden als zufällig hinzugekonimenen Vorfall abzuleiten. Bloch läßt sich durch das Danaergeschenk des Golems blenden. Denn der Golem Ist nicht eine wirkliche, erlösende Endhilfe von Gottes Gnaden, sondern, eine teufiisch-versucherische, antimessianiscHe, nur vorübergehende «Hilfe», welche in Wahrheit — wie das trojanische Pferd —: Unheil und Verderben mit steh führt. Fast überflüssig ferner zu erwähnen, daß Blochs Analogie — wie oben dargelegt — hinkt, da der Golem kein Geist, sondern materielle Gewalt ist. Ausdrücklich heißt es: «Der Rabbi Maharal schafft aus Lehm einen Gölem — die physische Kraft des künftigen Kampfes.» (Moskauer Theater Habima, S. 29.) Seine These von i der Göttlichkeit des Golems widerlegt Bloch selbst, in- ' dem nach dessen eigener Auffassung der Golem nicht I den Frieden^ sondern den Krieg symbolisiert: «Und lii diesen unheimlichen Zeiten "(1916), da die ganze Welt vergolemt vor unseren Augen tobt...» (Bloch, Prager Golem, S. 18.) In der Titulierung des Chelmer Golems als «Israel, der Götteskämpfer» steckt übrigens dieselbe falsche Theorie. Eigentlich wird auch Rabbi Löw durch die Annahme, daß der Golem göttlich sei, dazu verleitet, den Golem zu schaffen; freilich wird er bald eines Besseren belehrt und macht den Fehler "durch die Zerstörung seiner Kreatur wieder gut. Ebenso erfolglos scheint uns H. L. Heids gezwungener Versuch, den Golem .als den psychologischen Doppelgänger seines Schöpfers nachzuweisen. (Held, Das Gespenst des Golem, 1927.) Dagegen trifft Bernhard Diebold den Nagel auf den Kopf: «Aus Lehm wird der Golem geschaffen, damit er mit Dämonenkraft die Judenfeinde vernichte, wie Simson die Philister»; «der Rabbi Löw glaubt stärker an den Golem als an den ewig erwarteten Messias. Er glaubt eher an das Erdgeschäfferie als an das Himmlische»; «Der Golem ist die Erde, das Werkzeug der Macht, die Naturgewalt, vom Geist gelenkt. Aber man hüte sich, die Elemente zu zitieren;» (Vorzüglich ist'Vön materiellen Elementen und nicht von Geisteril die Rede. Das.Element wird erst «vom Geist gelenkt».) «Herbeigerufen sind sie bald, sie dienstbar für das Güte zu machen, ist viel schwerer»; . «zuviel der Erde beiip Golem». (Hebräisches Theater, zweiunddreißig Bilder und ins wilde Heimatland kam, um dort zu bauen; um. dort wochen-, monate- und jahrelang in den Kegeln aus dickem Segeltuch zu wohnen, im Somuier und auch im Winter, wenn der Regen sein eintöniges Poem auf dem Zelte trommelt. Es. leben fn diesen Zelten Menschen,, deren Gesichter von Sonne gebräunt oder vom Fieber blaß sind: dem Fieber der Tat oder dem Fieber der Krankheit. Dort liegen sie auf ihren Feldbetten oder sitzen im Kreise und sprechen von ihrer Zukunft, vom Wachsen des harten, herben, von Heroismus durch tränkten Lebens und träumen von der Zeit, in der sie nicht mehr in Zelten, (sondern in Baracken wohnen werden. In Baracken . . . Gibt es ein größeres Glück, als die Gewißheit, daß der Regen nicht mehr durch die Löcher der abgenützten Zelte auf die gebebten : Frauen und Kinder rieseln wird? Zelt — Baracke —! Haus. Haus — das ist der Gipfel des Wunschj traumes, Wie ein$jt, werden diese «Wohnungen» von | Ort zu Ort getragen, imnier dorthin, wo die Front I ist: wo neue Arbeit begonnen werden soll. Und die Zeltbewohner, die sich nicht an die Fleischtöpfe Europas erinnern, nomadisieren int Lande ihrer Väter und ihrer Kinder und in ihrer Nachbarschaft befinden sich noch immer schwarze Beduinenzelte aus Kamelhaut. Heute ist das Fest, der Laubhütten, Aber heute ist au<?h der Alltag der Pionierzelte. An die Erinnerung; der Erlösung äus Aegypten reiht sich das Wissen um den Befreiungskampf, dessen Schauplatz. Palästina heute ist, an. Wir wollen hoffen, daß die Wanderung in Zelten, freiwillig von denjenigen angefangen, deren Ziel das Gelobte Land der wiederaufgebauten Heimat ist, keine vierzig Jahre währen wird.