Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 146 (9.10.1930)
- Date
- 1930-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seifte i * iJSE&JEOHSSti Mr. 146 Biit §ch6n— H«tm durdi > T*£HETm& Tawiß'TapeteoflMtlra Wien, 1., Schottenbastei 10. finale BrAtta, 3. Oesterreich vor den Wahlen Im Abgeordnetenhaus der Öeterreichischungarisohen sagte einmal Adolf Stand, der unvergessene zionistische Abgeordnete: „Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Oesterreich das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten.“ Ein wahrhaft prophetischer Satz! Die ganze Welt steht fassungslos vor der Tatsache, daß ein 6r.-Schober. dem Oesterreich zu ewigem Dank verpflichtet ist, hinausgeekelt wurde. Nun, der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, die neue Verfassung war unter Dach und Fach, die Anleihe war genehmigt, Schober konnte gehen. Starbemberg wurde Minister. In dem entstandenen politischen Chaos will Schober kandidier n. Was soll nun die jüdische Bevölkerung tun? Wir stehen vor einer einzigartigen, plötzlich hereingebrochenen Situation. Dieser Umstand Und der von der Regierung offenbar zur möglichsten Verhinderung der Neubildung bürgerlicher Parteien schon fiir den 9. November angesetzte Wahltag, stellen den jüdischen Wähler vor ein schweres Problem. Auch wenn heute die dem nächsten De legierten tag vorjjiehaltene Beschlußfassung darüber vorläge, ob wir Zionisten Landespolitik betreiben sollen, ob wir als Zionisten eine politische Partei sind oder nicht, wären wir jetzt in der Frage der Wahlpolitik nicht um ein Jota besser daran und nicht um ein Haar gescheiter. Die Gründe hiefür sind mannigfaltig. Zunächst muß festgestellt werden, daÄ wir eine Wahlkreisgeometrie haben, die sich als gegenseitiger Mandatsversicherungspakt zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten darstellt. Dadurch wird die Wahlwerbung kleiner Parteien, inbeeondere durch da« starre Listeneystera und die Unmöglichkeit der Listenkoppelung, bedeutend erschwert. Dazu kommt das österreichische Spezifikum, daß es keine nicht jüdische bürgerliche Partei gibt, die nicht programmatisch oder faktisch antisemitisch wäre. Die österreichische Sozialdemokratie, auch das ist ein Österreichisches Spezifikum, steht als einzige Sozialdemokratie der Welt uns ablehnend gegenüber. Ob eine neue Schober-Partei zustandekommt, ist derzeit noch unsicher. Bietet aber Schober, der mit den antisemitischen Großdeutschen und Landbündlern zusammen kandidiert, dafür Gewähr, daß seine neuen Partner oderdie Abgeordneten, der von ihm gegründeten Partei sich uns gegenüber nach der Wahl so ehrlich verhalten werden, wie wir es von Schober erwarten? Geben wir Juden uns selbst politisch auf, wenn wir auf eine eigene Kandidatur verzichten? Ist eine eigene Kandidatur eventuell unter Zuziehung nichtzionistjseher Kreise notwendig, um klar zum Ausdruck zu bringen, daß wir uns als friedliche und loyale Staatsbürger in die politischen Tagesstreitigkeiten der großen Parteien nicht einmisohen wollen? Diese und noch andere Fragen sind es, die den Parteirat der österreichischen Zionisten beschäftigen werden. Es ist ein altes Wort, daß nie soviel gelogen wird als vor einer WahL Von allen Seiten buhlt man jetzt um ujM»W Stimmen. Nach Tisch wird man es anders lesön. Wir stehen vor der Tatsache, daß die Juden Oesterreichs seit dem Kriegsende systemaMönh politisch degradiert werden. Besteht für uns heute noch die Möglichkeit, im-ere latel^gcn# im Richtordlensto oder sonst im Staatsdienste unterzubringen? Lueger ist lange tot. Wo sind die jüdischen Mägistratsboamten? Gibt uns der Staat einen Groschen zur Erhaltung unserer Kultusgemeinden? Kann in Oesterreich ein Jude ordentlicher Univereitätsprofessor werden? Wir stehen vor der Gefahr eipee wüsten Radauantisemitismus. Können wir diese Gefahr durch unsere Stimmzettel bannen? Vielleicht werden heute jene jüdischen Kreise, die eich als Juden aufgegeben haben, einseben, daß ihre Würdelosigkeit in jüdischen Angelegenheiten ihnen nichts geholfen, sondern geschadet hat, weil ihnen kein Unterkriechen etwas nützt. Der Zionistische Parteirat steht In der Frage der Wahlpolitik vor einem gewaltigen, vielgestaltigen Problem, das viele Losungen zuläßt, dcTen Richtigkeit oder Unrichtigkeit haute eben#© gut bejaht als verneint werden kann* Hoffen wir» daß wir zu Nutz und Fromm unsere? jüdischen Mitbürger den richtigen Weg gehen werden. Abgesehen davon, besieht kein Anlaß» den Kopf wu verlieren. Weder das wüste Geschrei dar Antisemiten, dereeit eordtatort durch amtliehe Dementia, noch dae Geedhralbael wtir« deloser jüdischer Journalisten, die ihr Ffthtifthon nach dem Winde drehen, dürfen uns irre machen. Wir auf rech tan Juden werden auch diesen Sturm überstellen. Die ganze Welt blickt auf Oesterreich und Oesterreich braucht dringender denn je die Welt. Palästina-Beschluß der Sechsten Kommission des Völkerbundes Genf. (J. T. A.) Die gegenwärtig in Genf tagende Sechste (politische) Kommission des Völkerbundes hat eine Resolution zwecks Weiterleitung an die demnächst zusammentretende Vollversammlung des Völkerbundes irtgenotnmen, in der der Befriedigung über die Wiedereinkehr von Frieden und Ordnung in Palästina Ausdruck gegeben wird. Der Berichterstatter Dalvanne erklärte, die Kommission könne nicht daran denken, auf die Positionen der verschiedenen Mandatsterritorien im einzelnen einzugehen; sie hebe nur einige Punkte von besondferer Bedeutung hervor. Mit großer Genugtuung habe sie von der Besserung der Lage in Palästina Kenntnis genommen. Sie verfolge mit Befriedigung dfe von der Mandatarmacht gemachten Anstrengungen zur Wiederherstellung einer Atmosphäre der Ruhe, sowie die von der Mandatarmacht ergriffenen Maß^ nahmen zur Verhütung der Wiederkehr so tragischer Ereignisse, wie sie die Völkerbundversammlung im vergangenen Jahre beklagt hat. Amtsantritt des neuen Chefsekretäfs Ybemg Jerusalem. (J. T.-A) Die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency trafen mit dem neuen Chefsekretär der Palästina-Regierung, Mark Atchinson Young, der bereits sein Amt angetreten hat, zusammen. Unruhen in Tel-Aviv bei Aufführung eines jiddischen Tonfilms Tel-Aviv. (J. T.-A) Bei der Aufführung des Tonfilms in jiddischer Sprache, betitelt «Die jüdische Mutter», kam es zu sehr schweren Ausschreitungen seitens jugendlicher Kreise, idle gegen Jiddisch und für Hebräisch eintreten. Die Demonstranten schleuderten Tintenfässer und Stinkbomben gegen die Leinwand und brachen in Zischen und Pfeifen aus, sobald jiddische Textworte von der Leinwand ertönten. Auf Ersuchen des Vizebürgermeisters von Tel-Aviv, Rokeach, hat die Polizei der Ruhe halbeütfdle wefteren Vorführungen des Films verboten. Die britische Polizei half den lokalen Behörden bei der Herstellung der Ordnung. Der revisionistische «Doar Hayom» billigt das Vorgehen der «Verteidiger der hebräischen Sprache gegen die Unverschämtheit einer Jargon-Vorführung». Die Arbeiter- Tageszeitung «Davar» wendet sich gegen den Fanatismus gewisser Hebraistenkreise. «Für Antisemitismus ist In der Tschechoslowakei kein Platz.» Genf. (J. T.-A.) Der ln Genf weilende tschechoslowakische Außenminister Dr, Benesch erklärte auf die Frage des Vertreters der Jüdischen Telegraphen- Agentur über Charakter und Tragweite der jüngsten Ausschreitungen in Prag, es wäre irrig, diese Ereignisse als einen Ausbruch des Antisemitismus zu betrachten; für den Antisemitismus bestünde keine Aussicht, daß er in der Tschechoslowakei Verbreitung finde, Die Regierung ist Herrin der Situation Und wird jede Wiederholung der Unruhen zu verhindern wissen, Antisemitische Stimmung hi Sriget und in Borste» Marmarös-Szlget. (J. T.-A) Das Gericht in Marmaros-Sziget hat die Forderung dar jüdischen Gemeinde, den Prozeß gegen die Urheber der antisemltiaqheji Exzesse in Borscha der Sicherheit halber nach einer anderen Stadt zu verlegen, weil in Szlgftt ununterbrochen antisemitischer Terror herrscht, zurückgewiesen, so daß der Proaeß am 7. Oktober in Marmor rp^Sziget stattfindet. Dadurch iist nicht allein dtä Jtjld}r sehe Gemeinde von Szlget gefährdet, sondern man he<- fllrchtet, daß das Gericht unter dem Terror der Straße den 17 mitangeklagten jüdischen Bürgern von Borscha po v« ofctgehelt Pflanseentett?&*$! ■rbifmcb Unter Atffiidtt des Herrn Obwrabfeiitt* Fürst CSchiÄiehuD NUSSOL iCkaWHWgCWQOOOriOOQriOOCWOOOOOOOCXIOOOOOOQ MM Üf MdB im Gatt „illtes Rathaus“ (Cafdtier Leo Löwy) Groflere and kleine Klublokele 1* Bez.y Wipplingerstraße 24 fei. U 27-4*84, U 26-2-74 oocjdotioooocxxxxioocxipoqoo^xxxioopoecxyv» keine Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. In Borscha fanden zuletzt von tausenden Personen besuchte anti- * semitische Versammlungen statt, in denen die Agitatoren Cttfas die Lösung ausgäben: «Keine Steuern zahlen, mit denen man die Juden entschädigt! Rein christliche Stadtverwaltungen! Nicht mit Juden zusammen wohnen!» Keine Krise im Waad Leunii — Eine Aktion für Schiedsgerichtsbarkeit bei Arbeitskonflikten Jerusalem, 3. Oktober. (J. T. A.) Am 28. Sep tember wurde in Tel Aviv eine geschlossene Sitzung des Waad Leumi abgehalten, in welcher eine Erweiterung der Exekutive beschlossen würde. In dieser Sitzung, an der auch Colonel Kisch als Vertreter der jewish Agency teilnahm» wurde auf Vorschlag von Pinchas Rutjienberg, Vorsitzenden des Jüdischen Nationalrats in Palästina (Waad Leumi), beschlossen, die Initiative für den Abschluß von oblfgätoriu Schiedscerichtsverträgen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu ergreifen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Berlin hatte Ruthenberg Rücktrittsabsichten geäußert. Er wollte damals auch den Abbruch der Beziehungen des Waad Leumi zur Jewish Agency herbeiführen, da die Jewish Agency seiner Meinung nach den Ernst der Situation in Palästina, besonders im Hinblick auf den bevorstehenden Bericht Sir John Hope Simpsons, nicht genügend erfaßt hat. Ruthenberg hat nun seine Rücktrittsabsichten fallen gelassen. Offener Brief an Jabotinsky Der Warschauer «Moment» veröffentlicht einet? offenen Brief an Wladimir Jabotinsky, verfaßt vön Zwi Prilutzky. Nachstehend bringen wir Auszüge aiis dieser interessanten Publikation: «...Man muß sich fragen, wie kannst Du jetzt mit Deiner eigenen Hand das zerstören, was Du selbst mit soviel Mühe aufgebaut hast. Ich sage «Zerstören», denn was anderes machen Deine im Pariser «Raßwjet» veröffentlichten Artikel, als zerstören? So beschimpfst. Du in unqualifizierbarer Weise einen derart verdienstvollen Schriftsteller und Politiker wie Nahum Sokolow nur deshalb, weil er anders al6 Du über die Realisierungsmethoden des Zionismus denkt; oder Du erniedrigst aus denselben Motiven Chaim Weizmann, wobei Du vergißt, welch ungeheure Verdienste er sich um die zionistische Sache erworben hat; schließlich vernichtest Du eine Persönlichkeit wie Felix Warburg, der doch seinerzeit den «Jöinb gegründet hat, eine Hilfsorganisation, die die jüdische Bevölkerung in Palästina und Osteuropa zur Zeit der schweren Nachkriegswehen gerettet hat. All das schien Dir aber noch zu wenig zu sein; dejin knapp darauf hast Du einen zweiten Artikel veröffentlicht, der bereits den Charakter eines Pamphlets bat. Muß man denn nicht den Ausdruck «Pamphlet» für folgende von Dir gebrauchten Sätze anwenden: «Flüchtet aus dem Friedhof, der sich die zionistische Partei nennt»; oder «Es sollen diejenigen aussterben, für die es schon Zeit dazu ist»? Upd was kann man zu Deiner Beziehung zur palästinensischen Arbeiterschaft sagen, die doch eine dfe menschlichen Kräfte übersteigende Arbeit seihafft; wie viele dieser Arbeiter Imbon bereits mit ihrem Leben den teuersten persönlichen Preis bezahlt; wie viele von ihnen wurden Invalide. Und all das hat andere nicht abgeschreckt, Ihre Plätze einzunehmen» um die Aufbauarbeit weiter fortzusetzen. Heute wagst Du, diese Arbeiterschaft mit schlimmsten Beschimpfungen anzugreifen? ... Warum kannst Du Deinem politischen Gegner gegenüber nicht wenigstens eine gewisse Dosis von Toleranz aufbringen? Pu bist von der Richtigkeit Deiner zionistischen Methode tiefst überzeugt, aber Du vergißt, daß auch Dein Gegner die Ueberzeugung hat, daß seine Methode die richtige ist. Wie konntest Du also, anstatt eine sachliche Polemik zu führen, den Weg der niedrigsten persönlichen Beleidigungen beschreiten, die doch gar nichts beweisen und niemanden überzeugen können? ...Bedenke doch, daB Deine merkwürdigen Angriffe von unseren Feinden verschiedenen Lagers auegenützt werden können... Und Ziehe auch ln Erwägung, daß derartige Angriffe Imstande gtnd, die ganze zionistische Bewegung in den Augen der Engländer und anderer maßßebender Faktoren des Völkerbundes, auf die Du doch immer stark gehofft hast, zu erniadrign -.