Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 145 (2.10.1930)
- Date
- 1930-10-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 145 Seite 9 THE STIMME Mus affet Wett Der Segen des Rabbi Aus Anlaß des 80. Geburtstages des Geheimen Konsistorialrates D. Dechent in Frankfurt erinnern die Zeitungen an eine merkwürdige Ueberlieferung, die sich in der Familie Dechent erhalten und die der Jubilar selbst gern erzählt: Es war nach dem „großen Judenbrand“, der am 14. Jänner 1711 im Hause des Rabbiners ausgebrochen war und die gesamte Judengasse zerstört hatte. 500 Häuser lagen in Schutt und Asche und gegen 8000 Juden waren obdachlos geworden; eine Anzahl fand bei christlichen Mitbürgern in menschenfreundlichster Weise Unterkunft. Dem Rabbi Naphtali Cohen wurde bei dem Ururgroßvater der Gattin Dechents, bei dem hier eingebürgerten Schneidermeister Johannes Finger in der Lindheimergasse oder Schnurgasse Nr. 18 „zum Kaltenbach“, gütige Aufnahme und Zuflucht gewährt. Doch die Beschuldigungen, die gegen den Rabbi erhoben wurden, verleideten diesem den Aufenthalt in der Stadt. Er verließ Frankfurt und ging nach Prag. Von dort aus wollte er nach Palästina auswandern, kam aber nur bis Konstantinopel, wo er im Jahre 1719 gestorben ist. Bei seinem Scheiden von seinem Frankfurter Wirt und Schützer soll Cohen als das einzige, was er seinem Wohltäter zurücklassen konnte, diesem seinen Segen gegeben haben. Der Rabbi segnete zuerst die ganze Familie Finger sowie deren Nachkommen und erflehte für sie alle dauernden Wohlstand und Bewahrung vor außergewöhnlichem Unglück. Von Geschlecht zu Geschlecht sollten sie alle ein friedliches Leben, führen, ein hohes Alter erreichen und überall und immer geachtet, geehrt und geliebt sein. Dann erweiterte er den Segen noch und wünschte, daß Fingers Haus und die Wohnungen seiner Nachkommen von Ratten und Mäusen frei bleiben möchten. Diese Tiere sollen nämlich zu jener Zeit durch ihre große Zahl eine wahre Plage für die Bewohner Frankfurts gewesen sein. Jüdische Familien, unter denen der Segen des Rabbi in der Ueberlieferung erhalten blieb, haben, so lange ein Nachkomme Johannes Fingers hier ein offenes Geschäft betrieb, es als eine Ehrenpflicht betrachtet, dort ihre Einkäufe zu besorgen. Bis heute hat sich, wie Pfarrer Dechent gern und dankbar bestätigt, der Segen von 1711 an der Familie Finger fast immer bewährt, deren Vorfahren einst dem armen verfolgten Juden Obdach-und Schutz nicht versagt' haben.*- Die Juden in der Marine der U. S. A. Während des Weltkrieges dienten viele Juden in der amerikanischen Marine. Kapitän U. P. Levy, der die Abschaffung der Prügelstrafe in der Marine durchsetzte, war während des Weltkrieges der ranghöchste jüdische Marineoffizier. Konteradmiral Marix, der mit der Untersuchung über den Untergang des Schlachtschiffes „Maine“ vor Ausbruch des spanisch-amerikanischen Krieges betraut wurde, war einer der drei Juden, die in der amerikanischen Marine den Rang eines Konteradmirals erreichten. Nun hat aber ein Jude den Admiralsrang erreicht. Josef Strauß, der sich schon im Weltkriege hervorragend bewährt hatte, wurde durch Präsident Hoover zum Chef-Kommandanten der amerikanischen Kriegsmarine befördert. Einige Bezeichnungen für Jiddisch Der innige sprachliche Zusammenhang des Jiddisch mit dem Mittelhochdeutschen ist bekannt. Die deutschen Juden nannten ihren Dialekt „Teutsch“. Dann gab es eine Zeit, in der die Bezeichnung „iwre-teutsch“ oder „jüdisch-deutsch“ gebräuchlich war. Häufig spricht man von „Mamme-loschen“ (Muttersprache), manchmal auch von „Prost-jüdisch“ (einfaches Jüdisch). In den Tagen der Haskalah wurde der Ausdruck Jargon gebräuchlich, inbesondere in der Literatur. In England und Amerika wurde die Schreibweise „Yiddish“ gebräuchlich. Professor Gotthard Deutsch behauptet in seinem Buche ,Jew and Gentile“, daß Israel Zangwill den Ausdruck „Yiddish“ prägte. Der jüdische Friedhof von Toledo wird ausgegraben Wie der Redakteur des „Israelitischen Familienblattes“, Esriel Carlebach, der im Aufträge jüdischer Zeitungen eine Spanien- und Nordafrikareise unternimmt, erfahren hat, beschloß die Altertumsabteilung im spanischen Kultusministerium, die Ausgrabung des jüdischen Friedhofes von Toledo in Angriff zu nehmen. Der Kunstwart von Toledo, Francisco de B. San Roman Fernandez, erklärte Esriel Carlebach, daß die Arbeiten noch vor Eintritt des Winters beginnen sollen. Man erwartet von ihnen umfangreiche Aufschlüsse über die spanischen Juden und hofft, auf Ueberreste jüdischen Lebens von 500 v. Chr«, der Zeit, zu welcher Juden die alte Kaiserstadt gegründet und den Friedhof angelegt haben, zu stoßen. Das Interesse der spanischen Oeffentlichkeit soll auf die Ausgrabungen dadurch hingelenkt werden, daß eine Ausstellung sämtlicher in spanischen Museen aufbewahrten Judaica in Toledo veranstaltet wird. Diese Ausstellung, für die die Regierung bereits Mittel bewilligt hat, findet im Hospital Santa Cruz in Toledo statt und wird in wenigen Monaten eröffnet Die Ausgrabungen auf dem Wormser jüdischen Friedhof Wie die „J. T.-A.“ bereits mitgeteilt hat, wurde unter dem israelitischen Friedhof zu Worms ein unterirdischer, einst zur Wormser Stadtbefestigung gehörender Gang aufgefunden. Dank der Initiative des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde in Worms ist der Zugang zu diesem unterirdischen Wehrbau, der einst das Innere mit dem äußeren Andreastor verband, freigelegt worden. Das Interessanteste dieses etwa aus dem 15. bis 16. Jahrhundert stammenden Ganges ist ein Bodenbelag. Es sind jüdische Grabsteine, teilweise sehr hohen Alters. Da sie mit der Schrift nach unten lagen, ist diese verhältnismäßig gut erhalten. Einer der ältesten Steine datiert von 1305 und ist deshalb von kulturhistorischer Bedeutung, weil es der Grabstein des Rabbi Eliaser ist. Er war, wie die Inschrift erzählt, ein bedeutender Gelehrter. Ein Stein aus dem Jahre 1645 bringt in der innigen, bilderreichen Sprache seiner Inschrift bemerkenswerte Einzelheiten aus dem Leben einer Cipore Gütlin, Frau des Rabbiners Abraham Walch. Grabsteine von 1541, 1556 und 1562 kamen ans Licht mit teilweise sehr schönen, reich verzierten Buchstaben und Ornamenten. Dann wieder solche, deren Schriftcharakter in das 12. und 13. Jahrhundert weist. Alle Steine werden sorgfältig instand gesetzt und auf dem alten Friedhof an gesonderter Stelle aufgestellt werden. Die Juden in Belgien Belgien feiert heuer die Hundertjahrfeier seiner Selbständigkeit Die Juden Belgiens bestehen größtenteils aus Einwanderern aus Rußland, Polen, Oesterreich und Ungarn, die hauptsächlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erwanderten. Die jüdischen Einwanderer hatten unter Antisemitismus nicht zu leiden und so entstanden einige blühende jüdische Gemeinden. Insgesamt gibt es heute in Belgien zirka 70.000 Juden, von denen in Antwerpen ,30.000, in Brüssel 6000, in Lüttich 6000 und in Genf 5000 wohnen. Dem Prozentsatz nach besteht zirka 1 Prozent der belgischen Bevölkerung aus Juden. Papi Hymans, der belgische Minister des Aeußeren, ist jüdischer Abstammung. I. de Jong, der Gründer der «Minervas-Motorenwerke, war ein Jude. Der Dianiantenhandel befindet sich iii jüdischen fänden. Während der belgischen Jahrhundertfeier wird vom offiziellen Belgien in besonders ehrenvoller Weise das Andenken Georg Montefiores gefeiert, der den Ehrennamen «Vater der belgischen Industries führt. Georg Montefiore, ein Nachkomme des großen Moses Montefiore, wurde in Streathamr 1832 geboren. Er verließ in jungen Jahren seine Heimat und kam, 20 Jahre alt, zufällig nach Lüttich. Tagsüber arbeitete er als Bergmann, während der Nacht studierte er. In unermüdlicher Arbeit wurde er Ingenieur. Seine wissenschaftliche Tätigkeit, seine Erfindungen zur Verbesserung des Kohlenbergbaues und Vervollkommnung von Elektrizitätswerken machten ihn und Lüttich reich. Lüttich wurde die größte Industriestadt Belgiens. Montefiore gründete das Montefiore-Institut, das er mit Millionen jährlich dotierte. 2000 Patienten wurden in seinem Spital gepflegt, tm Montefiore-institot lebten «rid studierten tausende jüdische Stutenden, Im Jahre 1882 wurde Montefiore in den belgischen Senat gewählt. Er wollte Kapital und Arbeiterschaft versöhnen. Im Jahre 1906 lud er den belgischen Arbeitsminister zu einer diesbezüglichen Besprechung ein, bei der er plötzlich einem Herzschlage eriag,. Lüttich feierte ihn als seinen großen Toten. Eine Straße, ein Platz, eine Universität, ein Fonds und eine Medaille tragen seinen Namen. Lüttich und der belgische Staat errichteten ihm in Lüttich ein Monument, das inr Montefiore-Park steht. Gelegentlich der belgischen Jahrhundertfeier wurde ein Montefiore-Fonds gegründet, «für diejenigen, die wie Montefiore sich auszeichnen durch besondere Fähigkeiten und Dienste zur Hebung der Wohlfahrt». Jüdischer Gottesdienst in einer protestantischen Kirche? Mehrere amerikanisch-jüdische Zeitungen berichten, der Pastor, der King Highway Köhgregatiönskirche in Brooklyn, Reissig, habe der Vorstellung des dortigen Reformtempels den Vorschlag gemacht, die genannte Kirche für die Abhaltung des jüdischen Gottesdienstes während der kommenden hohen Feiertage zu benützen. Der Refbrmtempel, eine liberale Institution, die von Rabbi Samuel Peiper geleitet werde, habe das Anbot des Pastors, das «von wirklich schönem christlichen Geiste» zeige, angenommen und es werde sogar zwischen Pastor Reissig und Rabbi Peiper ein Schüleraustausch stattfmden, — Da staunt woftl der europäische Leser, «The American Hebrew» und «The Jewish Tribüne» heben aber noch hervor, das Anbot des Pastors Reissig sei der Ausdruck, besonderer Wertschätzung für Rabbi Peiper, der sich um die Erbauung der Kirche des Pastors Reissig besonders verdient gemacht habe. Hat etwa diese Tätigkeit des Reformrabbi dazu geführt, daß seine Reformgemeinde nun selbst keinen Tempel hat, oder handelt es sich um ein Zeitungsprodükt, das eine Ausgeburt der letzten amerikanischen Hitzewelle faß Unser Fürsorgewerk «Mitteilungen der israelitischen Ku 11u sge m ein de Wi e n», Nr. I. Zum ersten Male tritt die Wiener Kultrn gemeinde ohne weithin sichtbare äußere Veranlag sung, wie Wahlen oder Jubiläen, mit einer selbständigen Publikation hervor. Ein Blick in das mit Illustrationen reich geschmückte Heft zeigt aber, daß die umfassende Arbeit der Kultusgemeinde auf dem Gebiete des Fürisorgewesens selbst dazu drängen mußte, mit der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens, um deren Wohl es sich handelt und deren Mitarbeit nicht entbehrt werden kann, in nähere Fühlung zu treten. Es ist unser aller Fürsorgewerk, wenn auch die Kultusgemeinde die wichtigsten Institutionen selbst leitet und alle bedeutenderen privaten jüdischen Fürsorgeanstalten und Vereine subventioniert. r Selbst der Eingeweihte ist überrascht von der Vielseitigkeit des jüdischen Elends, das nicht immer nur als Teilef^cfteinung der allgemeinen Notlage gewertet werden kann, sondern vielfach auch eine speziell jüdische Note trägt. Freudig erkennt man aber aus der wertvollen Publikation, daß die Bekämpfung des Elends seitens der Kultusgemeinde und der ihr angeschlossenen Korporationen ebenso vielseitig" ist. In hunderten Fällen, besonders dort, wo die Hilfsbedürftigen^in Waisenhäusern, Krankenanstalten oder Versorgungshaus untergebracht werden können, sind die Fürsorgemaßnahmen für die Einzelnen befriedigend, in tausenden aber kann dem Elend auch nicht bei weitem zureichend gesteuert werden. Die «Mitteilungen» wollen sich als einfacher, objektiver Bericht geben. Ein von großer Sachkenntnis getragener fließender Stil gestaltet ihn durchaus fesselnd und dort, wo das rtienschliche Mitgefühl den Berichterstatter mitreißt, wie zum Beispiel in der' Schilderung , des Versorgungs- und Siechenhauses, erhebt sich die Darstellung zu fast künstlerischer Höhe. Nicht allzuviele, doch immer prägnante, augenfällige Zahlen, die in die Aufsätze eingestreut sind, illustrieren deutlich, was geleistet wurde und oftmals auch, was zu leisten wäre. Besonders das Kapitel von der Entwertung der Stiftungen laßt schaudernd erkennen, mit welchen Schwierigkeiten die Kultusgemdfhde bei ihren humanen Werken zu ringen hatte und wie sehr sie noch kämpfen muß, auf diesem und wohl auch auf anderen Gebieten die ihr durch die Krise der Nachkriegszeit zugefügten Schäden wieder, auszugleichen. Der jüdische Lebensimpüls ist durch nichts zu besiegen. Ein wohldurchdachter umfassender Plan einer Neuorganisierung und Zentralisierung der gesamten jüdischen Fürsorge Wiens läßt manchen schönen Erfolg für die Zukunft erhoffen. Es durfte die Kultusgemeinde drängen, nicht nur Fürsorgeangelegenheiten, sondern auch andere allgemein jüdische Fragen mit ihren Mitgliedern za besprechen und diese haben wieder ein Recht darauf, von der Tätigkeit ihrer repräsentativen Körperschaft möglichst viel zu erfahren. Das «Nr. 1» darf also wohl dahin gedeutet werden, daß es allmählich zu einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift der israelitischen Kultusgemeinde kommen wird, wie solche in Berlin, Frankfurt am Main und anderen Städten seit langem bestehen. Das Heft «Unser Fürsorgewerk» bedeutet einen wertvollen, helltönenden Auftakt hiezu. PlonL Organisierung der Wanderfürsorge Zwecks endgültiger Schaffung der seit langem angestrebten Organisation für die jüdische Wanderfürsorge in Oesterreich wurd$ von der Zentralkommission für soziale Fürsorge der israel. Kultusgemeinde Wien, in deren Bereich die nötigen organisatorischen Maßnahmen bereits getroffen wurden, eine Konferenz einberufen. An dieser am 8. September d. J. im Sitzungssaal der israel. Kultusgemeinde Wien abgehaltenen Beratung nahmen neben den Vertretern der Wiener Kultusgemeinde und fast sämtlicher jüdischen Provinzgemeinden Oesterreichs Delegierte aus Deutschland (Hauptstelle für jüd. Wanderfiirsorge in Berlin), aus der Tschechoslowakei (Fürsorgezentrale in Prag, Brünn und Lundenburg), Polen und Jugoslawien, sowie der israel. Allianz und der Chewra Kadischa Wien teil. Nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Teilnehmer durch den Vizepräsidenten der israel Kultusgemeinde Wien, Dr. Jakob Ornstein, und Eröffnung der Tagung durch den Obmann der Zentralkommission für soziale Fürsorge, Dr. I. Kl ab er, erstattete Dr. Kreutz berge r (Berlin) ein ausführliches Referat über den derzeitigen Stand der jüdischen Wanderbewegung. Der Amtsvorstand der Fürsorgezentrale der israel. Kultusgemeinde Wiren, Emil Engel, skizzierte sodann den Zweck der Beratungen, worauf der Abteilungsleiter für Organisation Dr. Nahun Blauer an Hand der statistisch erfaßten Daten der Wanderfürsorge die Richtlinien und den Aufgabenkreis der Organisation darsteHte. In der darauf folgenden Debatte, die unter lebhafter Beteiligung der anwesenden Delegierten den ganzen Fragenkomplex der praktischen Arbeit zum Gegenstand hatte, kam der einmütige Wille zum Ausdruck, dieses für die jüdischen Wanderer selbst und nicht zuletzt für alle Beteiligten so wichtige Problem nach einheitlichen Gesichtspunkten zu behandeln. So wurde denn auch als Abschluß langjähriger Bemühungen von der Konferenz beschlossen, die Fürsorge-Zentrale der israel, Kultusgemeinde Wien als Z e n t r a 1 e für die jüdische Wanderfürsorge in Oesterreich zu konstituieren, Ferner wurde eine Kooperation mit den in Betracht kommenden jüdischen Gemeinden und Verbänden der an Oesterreich angrenzenden Länder angebahnt und der Zusammenschluß der Zentralen für die jüdische Wanderfürsorge » Deutschland, der Tschechoslowakei und Oesterreich voilzoggen. > * 1 i