Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 145 (2.10.1930)
- Date
- 1930-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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v DTE STIMME Nf. 145 deutet etwas anders, ob eine hochgestellte Pefsönllcitkeit vom Range eines Rabbi oder nur jemand aus dem Volke vom Golem bedroht wird; selbst eine Massenschlächterei würde kaum einen Totschlag an Rabbi Löw aufwiegen. Der Rabbi ist es auch, und nicht das Volk, der den Golem schafft. Darum muß er seine Schuld büßen, und schlägt es wider alle Vernunft, das Volk an seiner Statt zu strafen. Tatsächlich wendet sich ursprünglich — so auch im Chelmer Golem nach Bloch — der Golem ausschließlich gegen den Rabbi, bezw. gegen den Juden, der sich von ihm die Stiefel ausziehen läßt, in beiden Fällen also nur gegen seinen Erzeuger und nicht gegen das Volk, welches, insbesonders in der Grimmschen Wiedergabe, gar nicht auf den Schauplatz tritt. So ist aus dramatischen und gedanklichen Gesichtspunkten heraus der Anschlag gegen Rabbi Löw der erschütternde Höhepunkt des Golemspieles. Die demokratische Einstellung der „Habima'1 macht es verständlich, warum von ihr das Volk in den Mittelpunkt gestellt wird. Dann müßte aber folgerichtig der demokratische Zug auf der ganzen Linie beibehalten, nicht aber auf halbem Wege abgebrochen werden. Dann müßte auch das Volk — und nicht der Rabbi, wie es dem aristokratischen Geiste entspricht — den Golem ins Leben rufen. Ist die Masse der Golemschöpfer, so ist es vollkommen gerechtfertigt, sie auch die Konsequenzen tragen zu lassen. Aber die Rollen verteilen: den Rabbi Schuld begehen — und die Gesamtheit dafür büßen zu lassen, ist dramatisch-gedanklich Halbheit und Stückwerk. Denn auf diese Weise zerreißt man das für den „Golem“ wesentliche Band zwischen Schöpfer und Geschöpf. Daß der Golem nur das Werk des Rabbi Löw ist, unterliegt keinem Zweifel. Der Zweck der Golemfigur ist sowohl für die Familie des Rabbi, der er den Entstehungsprozeß und die „wirkliche Bedeutung des Golem verheimlicht“ (Moskauer Theater „Habima“, S. 49), als auch für das Volk ein esoterisch gewahrtes Geheimnis. Selbst das Ende des Golems bleibt im Dunkeln verborgen*. „Des Morgens erfuhr man in der Judengasse, Josef Golem sei nachts aus der Stadt entwichen. Nur einzelne Leute, „Mähner höherer Stufe“, wußten die Wahrheit.“ (Ch. Bloch, Prager Golem, S. 175.) Für diesen „Alleinkampf des Maharal“ (Moskauer Theater „Habima“, S. 30) darf logischer- und billigerweise nicht das Volk zur Verantwortung gezogen werden. Oder besser: Der Massenszene des Massakers unter den Christen hält die Massenszene des Gemetzels unter den Juden das Gleichgewicht. Das Furchtbare, dieses jüdischen Blutbades muß aber . dtirch den heimtückischen Anschlag des Golems auf den Rabbi Löw begleitet und gesteigert werden. Aehnlich wird zwar in An-skis „Tag und Nacht“ eine Stadt wegen der Vergehen eines Rabbi durch einen Brand eingeäschert, jedoch findet auch der sündige Rabbi zur Sühne den Tod in den Flammen. Die gegenseitige Haftung: „Einer für alle, alle für einen“ zugegeben, darf sie nicht derart auf die Spitze getrieben werden, daß der Schuldige straffrei ausgeht. Der Schrecken des Golem-Gespenstes muß auch Rabbi Löw in die Glieder fahren. (Schluß folgt.) Locarno SWsctiwciz w pensfon Villa Montana Tal. 766, Haut I. Runges. FUaSandaa Waaaar, aohBnata Lage, grofler Park. VoreUgllohe Verpflegung. Sehr müßige Prelae. Frau F. KAHN .'TED Kol Nidre ... ■ a Hiver will auch singen. Er kennt doch das Lied. Aber er kann nicht singen. Denn die Mauer lastet schwer auf seiner Brust. Seine Augen, die nooh immer feucht sind von den Tränen der Mauer, sehen: auf dem flachen Dache des gegenüberstebenden Hauses spielt jemand auf einer Geige. Das ist doch der alte Bekannte, der Primas aus der Wiener Bar. Er spielt Kol Nidre. Doch ist er ee wirklich? Denn plötzlich wandeln sich seine Züge in ein zynisches, von höllischem Grinsen verzerrtes Gesicht. Da nähert sich ihm der Großinquisitor aus dem Romane von Doetojewsky, reicht ihm einen großen Stein und flüstert ihm ins Ohr: „Wirf ihn in die Masse der Juden!“ Hiver sieht alles, hört alles, weiß, daß ein Unglück geschehen wird, aber er kann nicht sprechen, er kann seine Brüder nicht warnen — die Augen sind voll von Tränen, auf der Brust liegen Steine und nur die Lipuen bewegen sich jetzt im stillen, herzzerreißenden Gebet, Kol Nidre. Tags darauf war der Malariaanfall vorüber. Hiver fühlte sich wohl, so wohl, daß er sogar die Zeitung lesen konnte. Und dort fand er an leitender Stelle die Nachricht vom perfiden Angriff der Araber auf Juden, die vor der Klagemauer beteten. Unter anderen wurde auch ein junges Mädchen verwundet, das von einem vom Daohe des gegenüberliegenden Hauses geschleuderten Stein getroffen worden war. Die jüdischen Massen haben das Heimweh verlernt Von Ottilie GröbeL «Nicht eher werde ich glücklich sein, Bis ich noch einmal erblick* jene Wiesen Und Länderei’n.j» (Julius Slowacki.) An diesem großen Vorbild von nationalem Empfinden und heißer Sehnsucht nach der Heimatscholle gemessen muß festgestellt werden, daß der großen Masse unseres Volkes noch immer das Gefühl von Heimweh fehlt. Die jüdische Masse hat das Heimweh verlernt. Wer hat ihr ein Lied der Freiheit gesungen? Wie lange ist es her? Der an der Assimilation irregewordene Jude geht seinen alten Trott im Daseinskampf weiter, ohne zu merken, welch bitteren Kelch er in der Galuth zu leeren hat. Dieser Kelch ist ihm zur Gewohnheit geworden. Er gehört zu seinem Leben, zu seiner Sonderstellung und Eigenart. In seinem Unterbewußtsein fühlt wohl jeder Jude, daß er sein ganzes Leben lang eine drückende Last, einen «gelben Paß» mitschleppt, daß er gebrandmarkt ist. Schon als spielendes Kind auf der Straße, als Student, als Beamter oder Kaufmann, immer spürt er jene Last, die er zu tragen hat, nur deshalb, weil er Jude ist. Und dennoch — wieviele nehmen diese Schmach apathisch in Kauf, wie wenige lassen sich aus der Lethargie wachrütteln. Der Masse fehlt der notwendige Drang nayph Freiheit, sie hat sich an die Schläge gewöhnt, sie weiß zu wenig von der schon lange verlorenen Mutter Erde, von der eigenen Heimat, Was nützt es da, daß Ghettomauern gefallen sind. Neue, unsichtbare, aber weit größere Mauern entstehen immer wieder. Schon sehen wir unser Land im Aufbau, blicken in Liebe auf die teure Heimatscholle, glauben uns so nahe der heißersehnten Erfüllung, da richten sich plötzlich Mauern auf: Araber, die uns gegenüber feindselig eingestellt sind, und englische Politiker, die das Werk hemmen. Zehn Jahre lang ziehen opferwillige Chaluzim nach dem Gelobten Land, um im Schweiße ihres Angesichtes dem harten, karstigen Boden neues Leben abzuringen. Aus der Oede der Wüste zaubert jüdischer Fleiß das alte biblische, Milch und Honig fließende Land hervor. Und wie verhalten sich die Völker? Hemmnisse, allerlei Schwierigkeiten, Suspendierung der Einwanderung . . . Wir bluten aus tausend Wunden. Ist euch all das, ihr Stammesbrüder und -Schwestern, die ihr noch vom langen Schlafe nicht erwacht seid, zum Bewußtsein gelangt? Wenn die 17 Millionen Juden vom Heimweh ehrlich durchbebt wären, wir stünden unmöglich dort, wo wir heute stehen. Ein neues Jahr löst jetzt das alte ab. Wollen wir hoffen, daß uns baldiger Friede beschert ist. Wollen wir hoffen, daß die Verwirklichung unseres Freiheitsideales nahe ist, dieses Ideales, an dessen Segnungen alle, auch jene, die das große Heimweh verlernt haben, teilhaft werden mögen. Berichtigung In bezug auf die in der letzten Nummer der «Stimme» veröffentlichte Erklärung des derzeitigen Präsidiums der Misrachi-Zentrale, ersuche ich um folgende Richtigstellung: Daß die Misrachi-Zentrale am 20. d. M. eine Sitzung abgehalten hat, muß unwahr sein, weil festgestelltermaßen 15 Vorstandsmitglieder keine Verständigung erhalten haben. Es kann daher auch nicht richtig sein, daß sich der Vorstand des Misrachi nrit der am 14. August 1930 von mir erschienenen Flugschrift befaßt hat, zumal eine stattfindende Sitzung nur den Rat erteilen könnte, gegen mich die Klage wegen Ehrenbeleidigung zu überreichen, wozu sich die Angegriffenen allerdings bisher nicht entschlosen haben. Ueber Tatsachen, welche in dieser Flugschrift enthalten sind, kann nicht mit Vertrauens- oder MiBtrauenskundgebungen, sondern nur durch Richterspruch entschieden werden. Tatsache ist es leider, daß die Herren Bloch und Genossen, gegen welche eine strafgerichtliche Untersuchung schwebt, nur auf Grund eines gefälschten Drohbriefes mit meiner gefälschten Unterschrift trötz Ablehnung seitens des Pöllzeikommissariates Leopoldstadt und des Untersuchungsrichters erst bei der Ratskamtner meine Verhaftung erreichen konnten, die jedoch auf Veranlassung meiner Verteidiger Dr. Emil Neuspiel und Dr. Leopold Plascnkes binnen 48 Stunden aufgehoben wurde. Das Strafverfahren gegen Bloch wird fortgesetzt und erst die Entscheidung des Gerichtes wird einwandfrei .beweisen können, auf wessen Seite das Recht ist. Wien, 30. September 1930. Maikiel Grünwald, Wien,!!., Rembrandtstraße 34. Anm. der RejL: Aus Versehen wurde der in der vorigen Nummer veröffentlichten Erklärung des Präsidiums der Misrachi-Zentrale, die als Inserat von uns aufgenommen wurde, das vorgeschriebene «E» (Entgeltlich) nicht beigefügt Mit der heutigen Berichtigung ist die Angelegenheit für uns abgeschlossen und wir werden künftighin weder von der einen noch von der anderen Seite irgendwelche Veröffentlichungen entgegennehmen. GraWleucMMiam SIEGM. KORNMEHL Zentrale »X, Berggasae 19, Tel. A17-3-99 u. A18-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen^^ unter \ufalcht des Ehrwürdigen Rabblnats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien AutoaueMMJuno kostenlos IX, Beregasse 1) XVifl, Wfthrlngerstfaße 97 Rede des Dr. D. Juris am Grabe des Dr. Chaim Koffier Lieber Chawer! Za jäh hat dich uns der Tod entrissen, daß wir den Schmerz dem ganzen Umfang nach fassen könnten; zu unerwartet hat ein unbegreifliches Schicksal in unseren Kreis eine Bresche geschlagen, daß wir begreifen können, was wir an dir verloren haben. Ich bin gekommen, um den wenigen, die dich nicht kennen, zu sagen, wer du warst und was du sein wolltest; nicht nur was wir sind, sondern auch und noch mehr, was wir zu sein anstreben, macht unsere sittliche Größe aus. Nichts war so gut, das du nicht besser hättest haben wollen. Wie oft hast du im Ausschuß der Theologia Beschlüsse umgeworfen, die unter deiner Mitwirkung entstanden sind; und nachdem es dir gelungen war, uns von der Richtigkeit deiner Vorschläge zu überzeugen, sagtest au oft in edler Scham, daß auch dieser abgeänderte Beschluß noch nicht entsprechend sei. Vor 37 Jahren hat der Rektor des Rabbinerseminars Hofrat Dr. Schwarz aus Anlaß der Eröffnung dieses Institutes gesagt, diese Anstalt werde die Aufgabe haben, Männer heranzuziehen, die das Gebot von lilmoud ulelamed lernen und lehren zu erfüllen haben werden. Wie oft kamst du bei der Besprechung der Wahl deines künftigen Berufes auf diese Worte zurück. «Am liebsten,» sagtest du, «würdest du einem Berufe nachgehen, der zugleich eine Berufung wäre.» So sehr empfandest du einen senderischen Drang. Als du Lehrer wardst und ich dich fragte, wie du dich in diesem Berufe fühlest, warst du erstaunt über diese Frage; «weißt du,» sagtest du mir gleichsam als Antwort auf meine Frage, «daß alle Attribute Moses, Mausche isch Gudoul, Mosche unow me out, von der ständigen Beifügung, ohne die der Name Moses fast nie ausgesprochen wird, Rabenu aufgewogen wird. In diesem so schönen Berufe sollte ich mich nicht wohl fühlen?» Nun ftpothtty? Ridor Groß nnd Frau VIII., Alserstraße 71, gratulieren allen Verwandten und Bekannten herzBcbst zum Neuen Jahre! folgte aber dein bekanntes «Aber». «Aber,» sagtest du, «der Wirkungskreis sei beschränkt.» «Du wirst doch nicht wollen,» antwortete ich ihm lächelnd, «daß man hier alle Kinder Israels versammle und du ihr Lehrer seiest?» Und das Lächerliche ward zur Wirklichkeit. Bald umarmtest du das ganze Volk. Den Rucksack auf der Schulter und den Wanderstab in der Hand durchmaßest du das ganze Land; leuchtetest in alle Schlüpfe hin, tratest in die Hütten der Armen ein, lauschtest ihrem Sehnen, horchtest auf ihre Wünsche und Leiden und tauschtest den vom Unwetter gebleichten und vom Staub zernagten Rucksack gegen ein geistiges Behältnis ungeahnter Schätze ein und brachtest diesen neuen Rucksack, der gegen jedes Wetter gefeit ist, und ludest seinen Inhalt an wertvollen Kleinodien vor unseren Augen aus. Du kündetest von einem Lande, das so schon, nnd von Menschen, die so gut, und von ihren Idealen, die hoch in den Himmel ragen, und ihren Zielen, die, an die Sterne geknüpft, kein Ziel kennen. So bautest du an dem großen Werke Herzls fort und arbeitetest an dem großen Bau mit, die fernen Geschlechtern künden soll, was jüdischer Geist und jüdische Tatkraft vereint, bei edlen Menschen vermag. Nichts sagtest du, was du nicht gehört, nichts lehrtest du, was du nicht gelernt hättest. Nur Erlauschtes und Erhorchtes gabst du wieder. So erfülltest du in idealster Art das Gebot vom Lehrer und Lernen. Ueber deinem offenen Grabe schwebt dieses Gebot, welches du gleichsam über dein Grab hinaus erfüllst, Indem du uns sein leuchtendes Beispiel treuer Pflichterfüllung bist. Zu deinem Ruhm gereiche es dir, daß wir, Deine Chawerim, dich zugleich mit Rücksicht auf deine strenge Pflichterfüllung unseren Lehrer nennen. Zwischen den Zeilen Jüdischer Herbst Br ist nicht an eine geographischen Begriff gebunden er ist interterritoriale Stimmung. Jüdischer Herbst: Tränen, die sich im Laufe des Jahres angesammelt haben, brechen hervor; Schluchzen, zwölf Monate lang in der Brust verhalten, wird hinausgeschrien. Vielleicht scheint anderswo die Sonne, vielleicht ist irgendwo diese Jahreszeit aus Gold und Purpur — jüdischer Herbst weint und schluchzt, auch wenn der Himmel blau ist. Tischri: Zwei Tage Neujahrsfest — Abrechnung, Einkehr und Wehmut; dann ein Tag des Gerichtes. Ein hoher Tag, vom Pathos getragen, streng, unnachgiebig und traurig in seinem Stolze. Das ist der jüdische Herbst: Beten, beten, beten für begangene und nichtbegangene Sünden. Vielleicht auch für Sünden, die andere an uns begangen haben. Wer weiß es? Wer kann klar denken, europäisch denken in diesen, mit urzeltlichem Mythos getränkten Tagen, an denen zwanzig Jahrhunderte Mittelalters haften? Jüdischer Herbst — Tlschrl-Stimmung. Es regnet, auch wenn der Himmel blau ist. Denn es regnet Tränen. Sem