Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 145 (2.10.1930)
- Date
- 1930-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. *45 «• *tp nr'.»-. Der Goletti Eine literarische Würdigung Von Dr. M. S t o c k h a m m e r In unserem gleichnamigen Artikel in der Wochenochrift «Die Menschheit» (4. November 1929, Nr. 47) versuchten wir zu zeigen, daß der «Golem» ein politisches Problem behandelt und dieses Problem einer pazifistischen Lösung zuführt. Die Frage: «Soll im Streite der Parteien, und Völker Gewalt angewendet werden?» beantwortet der «Golem» mit einem strikten Nein. «Kämpfe nur mit den Waffen der Idee!», lehrt uns mit wunderbarer Eindringlichkeit die Golemsage, — wie aus folgender gedrängter Schilderung der Haupthandlung hervorgeht. Verkörpert der Messias das Friedensprinzip, so stellt der Golem das Kriegsprinzip dar. Die Wandlung von diesem zu jenem versinnbildlicht der «hohe» Rabbi Löw, der, ursprünglich Gewaltpolitiker, später überzeugter Anhänger der friedlichen Methode Wird, indem Cr eine innere Läuterung durchmacht und seine Schuld einbekennt. Der Rabbi Löw hat nämlich das jüdische Blutbad auf seinem Gewissen. > Die Juden siegen mit Hilfe des Golem, doch jeder Sieger durch Gewalt ist auch nur ein Besiegter. Der Golem richtet zwar unter den Christen ein Massaker an, aber in seiner Raserei metzelt er auch — blind und wahllos ist alle Gewalt — die Juden nieder. Damit nicht genug, will der Golem auch den Rabbi Löw, den Repräsentanten des jüdischen Volkes, mit der Hacke erschlagen. Innerlich bekehrt, wird aber der Rabbi gerettet, der , nunmehr den Golem wieder zu Lehm und Staub verj wandelt. Die Moral dieser Abkehr von der Gewalt, , welche auch den Juden nur Unheil und Verderben bringt, verkündet ein Ideal des Friedens: Nur unter dem Banner des Geistes werdet ihr einen wirklichen Sieg erringen 1 Soweit der — politische — Sinngehalt der Golemsage, deren literarische Seite nun beleuchtet werden soll. ' Sonst" pflegen Alchimisten und Formelkünstler Geister hervorzuzaubern. Aber im «Golem» wird einmal originell verfahren: nicht die Materie beschwört den Geist herauf, sondern umgekehrt, der Geist fühlt sich zu schwach und ätherisch und erschafft sich deshalb die Materie. Geister sind es auch, welche normaler Weise zur Ueberwindung von Natur und Mensch um. Beistand angefleht werden. Doch hier erzeugt sich der Logos wirkliche Realität, um der härten Welt, statt mit besseren, mit gleich harten Waffen zu begegnen; Das ist seine große Schuld, die er wird voll büßen müssen; Vielleicht übertreibt Sombart, der meint: «Die Juden haben rhtfe überwiegende Geistigkeit auch immer empfunden und haben sich und ihre Eigenärt immer in Gegensatz gestellt zu der brutalen Gewalt der Gojim». Das drücken ein paar polnisch-jüdische Sprichwörter wiederum mit schlagendem Witz aus; wenn sie sägeh: «Gott soll behüten var gojische Händ und vär jüdische Köpp»; und: «Gott soll behüten var jüdischen Mojech Und var göjischen Köjech». Mojech c/a Köjech: diese Worte enthalten im Grunde die ganze J'udenfrage. Auch' dieses •* Buch soll die Ueberschrift tragen: «Mojech 1 c/a Köjech!» (Werner Sombart: Die Juden und das 'Wirtschaftsleben 1928. S. 315.) Vielleicht ist aber tatsächlich der Mangel an physischer Kraft eine nationale Eigentümlichkeit dieses alten, durch die Jahrhunderte und die Intellektualität verbrauchten jüdischen Volkes. So muß sich die schwach gewordene Rasse — im Notfälle,, von Feinden bedroht —• erst einen Malaria Eine Jom Kippur-Erzählung Von Sem Wolf Sie packte ihn sofort nach Rösch- Haschanah. Das ganze Jahr hielt er sich ausgezeichnet: weder die Sümpfe des Gan Schmuei noch die Moraste der Jesreel-Ebene konnten ihm etwas anhaben.,Aile seine Kameraden hatten schon die Malariataufe erhalten, nur er nicht. Bis endlich ... Das Pe'ch wollte es, daß die Erfeger der Krankheit ihm das Blut zu vergiften begannen, gerade als er im Zug Haifa—Jerusalem saß, als et seihen alten Plan, einen Ausflug nach Judäa zu machen, realisierte. Ünd in Jerusalem selbst, am Vorabend des Join Kippurfestes,’kam der erste Anfall. Der Anfall der verbündeten Kräfte beider palästinensischen Malarien, der maläria tropica und der malaria; tertiana. Man brachte ihn ins Hospital der Arbeiterkrankenkasse. Ich vergaß, zu sagen, daß mail ihn Hiver nannte. Hiver heißt auf Deutsch „Der Blasse“. Zu seinem größten Leidwesen hätte er auch unter der palästinensischen Sonne seinen großstädtsich-europäischen Teint behalten. Deshalb nannte man ihn richtig „Das Bleichgesicht“. Aber an jenem Tage, als er den Malariaerregern von Nahalall unterlag, gerade am Vorabend'des Jom Kippurs, strafte sein Gesicht diesen Spitz* namen Lügen. Denn es war rot und flammende so rot wie eine reife Tomate oder wie arabische Tücher im Basar von Haifa,' und so flammend wie die Liebe seiner Ruth, des schwarzhaarigen und blauäugigen Mädchens ... Uttgeafynfe erleicBlermtg SBieSwfrele&uitg gefeinten Organi-?miitJ Bciüirfen Bei?fftet'§etfdjciniuigen, twie fflenOHUften* Tjeit, ©djtüinbcIgcfiUjr, ßopffdjtmxjcn, Atemnot, gtdjttfdje uni* rljcumatif^c SJefd&ttjefc&tft bit ärätlidj empfohlenen, frei Oer fau flidjen {Rabiofflerin* £af>retfen. 9tai>ijmrtjattige§ IHabio* fllerin förbert bie 33Iutätrliüation, Berieft beit Ebern bie noüuenbigc ©laftiaität mtb Beugt bftbttrdj $aIfaBI<tgerutigen unb ben batnit jttfammenhängenben Eftet§erftheinungett bot. DtabtitmgeljrtH amfltcB geprüft, ©cnerarbepot uttb Eusfunfi: Epot&cfc a p e r, SBiett, I., SSoHscilc 13. ^tofpefte gratis unb franto. energiegeladenen Körper zum Zwecke des Widerstandes erzeugen. Denn was man nicht hat, muß man sich erst beschaffen. Jüdischem Wesen und Gemüt entsprungen, ist die kraftstrotzende Golem-Gestalt ein spezifisch jüdisches Literaturprodukt. Mojech c/a Köjech: diese Worte enthalten die Judenbezw. die Golem-Fräge. Es wird eine Ansicht vertreten, wonach der Golem von der jüdischen Literatur aus der römischen übernommen worden wäre. Selbst wenn diese These auf Richtigkeit beruhte, so wäre der «Golem» dennoch eine echt jüdische Schöpfung. Ritterromane wurden allerwärts geschrieben, den Don Quixote verfaßte erst ein Spanier. Zauberkünsteleien und Wachsfigurengeschichten kennt jedes Voik. Aber das Problem, daß sich der Geist eine materielle Hilfskraft schafft und ihr abschwören muß, ist nur an der jüdischen Lehmfigur demonstriert worden. Mit diesem Problem beschäftigt sich schon im Prinzip eine der ersten Golem-Fassungen. Jakob Grimm erzählt in der «Zeitung für Einsiedler» (23. April 1808. Nr. 7): «Die polnischen Juden machen nach gewissen gesprochenen Gebeten und gehaltenen 'fdmh-'Mß orn bringt eine fabelhafte Auswahl schicker, reizender Modelle ‘.n Eidechse, Krokodil gnd Chevreau in erstklassiger Qualität. Die soliden fixen Preise, sind allgemein bekannt. //., ‘Gaborstraße 8 a Festtagen die Gestalt eines Menschen aus Ton oder Leim, und wenn sie das1 wundertätige Schemhamphoräs darüber sprechen, so muß er lebendig werden. Reden kann er zwar nicht, versteht aber ziemlich, was man spricht und befiehlt. Sie heißen ihn Golem; und brauchen ihn zu einem Aufwärter, allerlei Hausarbeit zu verrichten, allein er darf nimmer aus dem Hause gehen. An seiner Stirn steht geschrieben aemeth (Wahrheit, Gott), er nimmt aber täglich zu und wird leicht größer und stärker denn alle Hausgenossen, so klein er anfangs gewesen ist. Daher sie aus Furcht vor ihm den ersten Buchstaben auslöschen, so daß nichts bleibt als «meth» (er ist tot), worauf er zusammenfällt und wiederum in Ton aufgelöst wird. Einem ist sein Golem einmal so hoch geworden und er hat ihn aus Sorglosigkeit immer wachsen lassen, daß er ihm nicht mehr an die Stirn hat reichen können. Da hat er aus großer Angst den Knecht geheißen, ihm die Stiefel auszuziehen, in der Meinung, daß er ihm beim Bückep, an die Stirn reichen könne. Dies ist auch geschehen und der erste Buchstabe glücklich ausgetan worden, allein die ganze Leimlast fiel auf den Juden Weiße Möwen des mittelländischen Meeres füllten das Krankenzimmer. Sehrweiß waren die Möwen. Merkwürdig stachen sie. ah von der Röte des brennenden Gehirnes und des flammenden Herzens. Ja, das Herz war in Flammen, wie damals, als unter dem Olivenbaum Ruth ihm zum . erstenmal die halbgeöffneten Lippen reichte. Es ist nichts, als eine Erinnerung, doch die Erinnerung wird langsam zur-Wirklichkeitserscheinung. Langsam verschwimmen die weißen Vögel zu eiriem Ganzen uiid aus dem lichten t^ebel steigt eine schlanke Gestalt qmpor. Schon wachsen ihr die Arme, schon schauen ihre dunklen, blauen Augen auf das Bett. Reich* mir deine Hand, Ruth! Leg* deine Hand auf meine Schläfe. Durst peinigt mich ~r Meer, nur Meer rings herum, doch man kann das Salzwasser nicht-trinken. Deshalb Sind meine Lippen verbrannt, deshalb hämmert mir das Blut in den Schläfen. Gib deine Hand auf meine Schläfe, Ruth. Doch ich weiß, das hist nicht du. Nicht du, Ruth, sitzest bei mir; Es ist die Schwester, die gute Krankenschwester, die die Eisumacijfläge wechselt. Doch wie kommt es, daß es in Palästina Eis gibt? In Palästina ist es doch immer heiß. Und sogar jetzt — es ist doch schon Herbst — glüht der Körper wie das Straßenpflaster. Dieses Straßenpflaster in Jerusalem ist eine Marter. Wie'ermüdend ist es, an diesem heißen Tage durch die kleinen Gäßohen, der Altstadt zu gehen. Zynische Augen arabischer Verkäufer stechen wie Damaszener Dolche. Syrische und erdrückte ihn.» Welch entwicklungsreicher Gedankenweg von dieser embryonalen, noch mittelalterlich-märchenhaften, idealistischen Darstellung zur späteren, lebensnahen, realistischen Auffassung, die bereits in die Niederungen der politischen Ereignisse hinabsteigt. Aber schon in der kleinen, ebenso poetischen wie geistvollen Fabel ist das tragende Leitmotiv aller nachfolgenden Bearbeitungen deutlich vorgezeichnet: Die unheimlich dumpfe, über Nacht blind atischwellende Substanz überrumpelt ihren erschreckten Erzeuger und muß, Unheil stiftend, vom erkennenden, durch Schaden klug gewordenen Menschen kassiert werden. Unerbittlich und monumental die kühne Konsequenz: der Jude wird beileibe nicht verletzt, sondern ganz und gar vom um fallenden Golem-Klotz erdrückt. (Aehnlich wird in R o 11 a n d s pazifistischer Erzählung «Peter und Lutz» das Liebespaar vom einstürzenden Kirchenpfeiler zerquetscht.) In einem wichtigen Punkte weist die neuere Go-; lem-Fassung sogar einen Rückschritt auf. Zwar rebelliert noch immer der Golem, aber das Objekt, die Zielscheibe der Raserei, ist sinnwidrig verschoben. Bei der „Habima“-Auftuhrung z. B. ist das Gemetzel unter den Juden in der Synagoge zum Höhepunkt der Handlung vorgerückt und deshalb auch in den dritten Akt verlegt. Dagegen wird der Anschlag des Golem auf den Rabbi gleich im ersten Akt, gewissermaßen nur als Auftakt zum Golem-Pogrom gespielt. Die Schwergewicfctsverlegung geht so weit, daß in den zwei existierenden Schriften über die „Habima“ die Szene, wo der Golem den Rabbi mit der Hacke erschlagen will, nicht einmal in der Inhaltsangabe aufgenommen ist, geschweige denn gewürdigt wird. In instinktivem Gefühl für die zentrale Bedeutung dieser Szene hielt man es allerdings für angebracht, sie in einem photographischen Bilde dem Leser vor Augen zu führen (Moskauer Theater* „Habima“, S. 25). Lediglich im Abschnitt „Verwirklichungen“ heißt es zur Belobung der Schauspielkunst der „Habima'’: „Meßkin gestaltet den Golem als einen naiven Riesen. Naiv, aber schon seine wilde Kraft zeigend,, steigt der Golem auf des Maharals Stuhl und droht seinem Schöpfer mit blitzenden, schlauen. Augen und der Hacke in der Hand.“ (Ebenda S. 30.) Schon in diesem Auftritt offenbart nach der Regie der „Habima“ der Golem seine Kräfte,, die .sich später voll entfalten sollen. Aber gerade dieser Anschlag gegen seinen Schöpfer ist die ruchloseste, tückischeste, entscheidende Tat des Golems; die anderen zwei Akte sind nebensächlich und können — siehe die Fassung von Grimm —, ohne den. Sinn des Dramas zu stören* entfallen. In der Darbietung der „Habima“ ist sowohl der dramatische als auch der gedankliche Gehalt der Dichtung abgeschwächt und verwässert. Denn es ist viel wirksamer, daß der Golem nicht bloß die Juden, . sondern auch den Rabbi, den Repräsentanten des jüdischen Volkes, angreift. Es be- Tüeber schreien, mit ihren bunten Farben. Wo ist dein weißes Zelt, Ruth? Dein sauberes, einfaches Zelt, darin ein Feldbett steht und ein ungehobeltes Tischchen. . . . Ich will mit dir plaudern, Zigaretten rauchen, durch die Zeltöffnung auf die Sterne schauen. Aber hier gibt es kein Zelt, keine Sterne, nur Glut. In der Sonnenglut verbrennt mein Schädel, da ich auf dem Jerusalemer Pflaster gehe. Endlich am Ziel. Nicht ich bin es, der hieher kam. Die Beine kamen von . selber, die schweren, fremden Beine. Sie blieben vor einer riesengroßen Wand stehen. Schwere Steinquader, einer auf dem anderen, turmhoch. Und ganz unten, unter der Mauer —er, Hiver. Auf seiner Brust steht die Mauer. Seine Augen sind feucht von Tränen, die die Mauer herunterrinnen. Denn die Mauer weint. Die Mauer hat Millionen von roten? kranken Augen und mit diesen Augen weint sie schon zweitausend Jahre lang. Die Tränen rinnen die Steinquader herunter und tropfen in die Augen des am Rücken liegenden Hiver. Und die Tränen brennen, als wären es eigene. Und durch die Augenhöhlen fallen sie bis tief in den Schädel hinein. Menschen kommen, Menschen in weißen Ger wändern, Menschen mit weißen Bärten. Lippen murmeln etwas im Chore. Das Murmeln wird zum Flüstern, das Flüstern wächst zum SeuJfzer, der Seufzer wird zur Klage,; die Klage schluchzt auf. Ein Lied wird geboren, ein markerschütterndes Lied, das mit grellen Tönen bis zum Himmel schlägt, ein Lied, das die betende Masse auf die Knie wirft, das ewige Lied: