Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 145 (2.10.1930)
- Date
- 1930-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DTE STIMME Nr. 145 Ethrogim aus Erez Israel erhältlich beim Keren Kajemeth Wien, I. Kärntnerstraße 28, Telephon R-27-3-20 Rosch Haschatiah in Venedig Von Jakob Singer. Venedig, im September. Rosch Haschanah in Venedig — es ist natürlich das äußere Bild nicht zu vergleichen mit dem, das sich dem Spaziergänger in Wien oder gar in irgendeiner Stadt im Osten darbietet. Keine geschlossenen Läden, nichts von jener unausgesprochenen Feierlichkeit, die sonstwo am Rosch Haschanah über den Straßen liegt. Und doch gibt es in Venedig eine jüdische Gemeinde mit mehr als 2000 Seelen. Man merkt es nur nicht; nicht'die Schilder mit den jüdischen Namen verraten es (wie denn überhaupt wenig von Namenschildern zu sehen ist), nicht die Menschen lassen es gewahr werden; die Juden sind eben, scheint es, keine Juden. Rührt es daher, daß, wie alle Juden, mit denen ich gesprochen habe, in Venedig und Triest versichern, in Italien keinen Antisemitismus gäbe, keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjut>n? Vielleicht, Aber gerade darin liegt das Problem des italienischen, aber nicht nur des italienischen Judentums. Darauf werde ich noch zurückkommen. Nichts also verrät das äußere Bild vom Rosch Haschanah, und die Vielfältigkeit des Lebens dieser Stadt, die Vielfärbigkeit und die prachtvolle Schönheit, die über diesem einzigartigen Fleck der Erde ausgebreitet ist, könnten dich vergessen lassen, daß zu der gleichen Zeit, da du am St.-Markus-Platz stehst und alles um dich mit Sonne übergossen ist und du dich nicht genug sattsehen kannst — es anderswo Juden gibt mit weißen Bärten und schwarzseidenen Gewändern, die in großen grauen Häusern ihre tiefen, heißen Gebete zum Himmel hinaufsenden: lange, grübelnde Selbstgespräche eines Volkes, das sich aus der Enge hinaussehnt... Und wüßtest du es nicht, du könntest es vergessen. Aber auch hier wirst du daran erinnert, und was dich daran erinnert, ist eine Begegnung, die sich dir tief einprägt. Begegnung am Lido. Wir treten in die große Vorhalle des «Bagno- Lido“ ein und sehen über die breite Glasveranda hinaus auf die sanftgrün schimmernde Adria, da dringt ein warmes «Schalom alejchem» an unser Ohr. Vor uns steht ein junger Mensch in einem weißen Kellnerrock. Er lächelt. Daran, daß wir Hebräisch sprechen, mag er erkannt haben, daß wir Juden sind. Und jetzt sagt et ein wenig verschämt: «Anochi Goj! Aber im Herzen Jude!» Zunächst wußten wir nicht, was er damit meinte, aber später ist es uns klar geworden: damit wollte er sagen, daß er nicht Hebräisch sprechen könne wie wir, daß er nicht viel Jüdisches gelernt habe und daß er das tief bedauere. Dabei schlug er sich mit der Hand auf die Stirne. Aber einiges weiß er doch, und die wenigen Worte, die er in sehr gebrochenem Deutsch spricht, eröffnen uns eine ganze Welt. Die Tragik des jüdischen Volkes steht vor uns, verkörpert in diesem jungen italienischen Juden, der hier durch ein halbes Jahr an der Kassa des «Bagno- Lido» sitzt, um Badekarten zu verkaufen. Und die andere Hälfte des Jahres lebt er das Leben eines Italieners und ist doch keiner... Im Herzen wird .er doch immer Jude bleiben, aber Jude zu sein, hat er verlernt. Die wenigen hebräischen Worte, die er weiß, hütet er, wie man ein Kleinod bewacht, und mit unsäglicher Liebe spricht er sie aus... Da es Mittag ist, darf er den Kassaschalter für eine Stunde verlassen. Er tritt aus der Halle und setzt sich auf eine der kunstvoll aus Baumstämmen gezimmerten Bänke, die entlang der Allee stehen. Wir fühlen er hat das Bedürfnis, mit uns zu sprechen, l 9 »* *’ •r! UriFH* Richard Herzog UlLll »*- K<.pr«rrs.28 T#l. A-41-4-24 Sprectimasctilnen, Schallplatten u. Rurulfiaiilcgrerlftte jüdischen und hebräischen Schallplatten sowie alle modernsten Tanzu. Gesangsschlager in reichster Auswehl am Lager Auch Teilzahlungen! Provinzversandl Soeben neue original-amerikanische Lieferungen eingelangt Okkasiona-Verkaui neuer Schallplatten k S 3 80 viel mehr, als er sagen kann, hat er uns mitzuteilen, Wir treten auf ihn zu, und da er uns kommen sieht, geht ein freudiges Lächeln über sein Gesicht und er pfeift eine Melodie vor sich hin — erst glaubte ich, falsch zu hören... aber nein, es war wirklich die Melodie der Hatikwah... Auf unsere Frage, was es hier zu sehen gäbe, zeigt er mit der Hand in die eine Richtung: «Dort ist Bet-Hachaim». Da wir zuerst nicht wußten, was er damit meinte, erklärte er: «Bajith-Haus; Chaim-Leben». Wir wußt”: der jüdische Friedhof (der bekanntlich im Osten Bet-Olam heißt). Er freute sich sichtlich, uns etwas erklären zu können. Dann sagte er, daß heute Rosch Haschanah sei — o, er wußte es — und im Ghetto vecchio gäbe es zwei Synagogen, eine sephardische und eine aschkenasische... Später sagte er unvermittelt, er würde sich ein «Sus» holen und eine halbe Stunde reiten. Wir wußten, er meinte ein Pferd, und verstanden, daß er uns das ndr erzählte, um das Wort «Sus» zu sagen und zu zeigen, daß er noch ein hebräisches Wort wisse. Und als wir uns von ihm verabschiedeten, rief er uns nach: «Schalom alejchem 1 Leschanah towah! Lechajim towim!» Es war eine wunderbare Begegnung am Mittag Rosch Haschanah 5691 am Lido. Im Ghetto vecchio. Wer erwartet, im Ghetto ein jüdisches Viertel zu sehen, wie etwa die Leopoldstadt links von der Taborstraße, der irrt sich. Es ist das Arbeiterviertel. Hier, in den engen, schmutzigen Gäßchen, wohnen die Aermsten, wobei allerdings der Schmutz nicht ein Vorrecht dieses Stadtteiles ist: diesseits und jenseits des Canale Grande kennzeichnet er in gleicher Weise die engen Gäßchen und die grauen Höfe, Gegen Abend begegnet man vielen Männern, mit blauen Arbeiterblusen und russigen Gesichtern. Man sagte ntir, daß nicht mehr , als sechs bis zehn jüdische Familien im Ghetto wohnen; viele Judenkinder habe ich gesehen und einige abgehärmte alte Frauen mit matt glänzenden Augen ... Der «Schamasch» der aschkenasischen Synagoge, ein rüstiger Mann, dem man es nicht ansehen würde, daß er schon 70 Jahre alt ist, spricht Deutsch. Wir erfahren von ihm, daß es in Venedig auch eine zionistische Organisation gäbe, und er wundert sich mit Recht darüber, daß wir das nicht wissen: «Es gibt nur ein Venedig, aber Städte wie Wien gibt es viele.» An der sephardischen Synagoge fällt es zunächst auf, daß die Bänke in der Längsrichtung aufgestellt sind. Aber auch sonst ist viel Seltsames an dieser Synagoge, vor allem die Juden selbst. Nur wenige in Feiertagskleidung. Die meisten in gewöhnlichem Straßenanzug mit Strohhüten oder Stoffkappen. Wenn , auch nur stumjn zugehört wurde, so konnte ich doch bemerken, daß da und dort eine Handbewegung, ein verhaltenes. Ausrufen sich loslöste ... In allem schien es mir, wie wenn nur ein ganz kleiner Teil noch zu beten verstünde, die anderen aber allem entrückt wären: über einzelne Gesichter ging es wie ein leises Sich-Erinnern, wenn der Kantor ein Wort besonders betonte, und die Menschen griffen es auf, freudig, traurig... Hier ist die Assimilation ein geschichtlicher Prozeß. Die Assimilation, die nicht das Produkt eines äußeren Zwanges, nicht das Ergebnis eines bewußten Sich-Anpassens an die Umgebung ist, sondern eine Assimilation aus Mangel an Judentum, aus dem Fehlen eines eigenen jüdischen Lebens. Denn der italienische Jude trägt mit Stolz den Namen Jude — wir konnten es sehen. Wir sahen ein junges.Mädchen, das mit sichtlichem Stolz auf ein Medaillon wies, das in hebräischer Schrift den Namen «Schadäj» trug. Das Wort Jude ist kein Schimpfwort, wie vielleicht anderwärts, aber wie lange wird all das noch halten? Ein Volk, das nicht schöpferisch tätig ist, ist zum allmählichen Untergang verurteilt. Das sagte am nächsten Tag der Dichter Bialik vor einer kleinen Versammlung in Triest. dem Ostjudentum. Der einzige Winkel ln der Welt, wo eine andere Entwicklung vor sich geht, ist Palästina. In Erez Israel ist nicht ein Ende, sondern ein Anfang wahrzunehmen. Das ist das Große an unserem Werke in Palästina: es wurde geschaffen, es ist nicht ein Produkt günstiger wirtschaftlicher Bedingungen. «Wir sind hier,» sagte Bialik, «eine kleine Versammlung. Aber unsere Aufgabe ist es, in alle Welt diese Angst vor dem bevorstehenden drohenden Ende hinauszuschreien. Es gibt nur einen Weg, diesem Ende zu entgehen, und nur eine Lösung: Palästina.» Es ist sicher, daß man ein wenig enttäuscht ist, wenn man Bialik zum ersten Male sieht. Ein einfacher Mensch steht vor uns, nichts ist an ihm, das der Vorstellung, die man sich vom großen Dichter Bialik gemacht, entsprechen könnte. Er ist ein Mensch aus dem Volke, der die Nöte des Volkes ausspricht, dessen Zorn und Angst verkündet. Er ist ein kleiner Mann mit einem glattrasierten Gesicht, aber seine Sprache ist stahlhart und seine Worte sind fest und wohlgeformt. Die ihm zuhören, sind Zionisten. Aber es ist doch notwendig, daß eine wörtliche Uebersetzung seiner Rede gegeben werde. Und es wirkt ein wenig eigentümlich, die hebräischen Worte in formvollendetem Italienisch wiederzuhören. «Es gibt einen einzigen Winkel in der Welt ... Erez Israel.» Am Tag nach dieser Versammlung war ich bereits in Gesellschaft von Palästinensern auf dem Schiff. Ein anderer Abschied als der, an den wir gewöhnt sind. Keine dunklen Bahnsteige, keine weinenden Mütter, keine schluchzenden Väter — nein, ein heller, leuchtender Himmel über freudigen Menschen, ein Gewirr von hebräischen Worten und Zurufen,. Juden mit langen Bärten und andere Juden — viele Juden. — Das Schiff führt namentlich Heimkehrer. Es wurde mir klar, was Bialik mit den Worten sagen wollte: «Es gibt nur einen Winkel in der Welt, nur einen Weg, nur eine Lösung — Erez Israel.» Wann werden das die Juden in der Galuth begreifen? Energische Maßnahmen gegen einen arabischen Hetzer Jerusalem. (J. T. A.) Der bekannte arabische Führer Subhi Kadra, den, wie erinnerlich, Sir Boyd Merriman vor der Shaw-Kommission als eine der dunkelsten Erscheinungen Palästinas charakterisierte, wurde zum Erjftg einer Kaution von 400 Pfund und einjährigem Zwangsaufenthalt in Safed mit regelmäßiger Meldepflicht bei der Polizei verurteilt. Subhi Kadra war wegen der Verfassung der Streikproklamation der arabischen Palästina-Exekutive und eines aufreizenr den Artikels in der Zeitung «El Jamea el Arabia» angeklagt worden. Es wird Subhi Kadra in Haifa nicht gestattet werden, das Haus nach. Sonnenuntergang öder vor Sonnenaufgang zu verlassen. In führenden zionistischen Kreisen Jerusalems wird die Konfinierung Subhi Kadras als die bedeutendste Maßnahme der Engländer gegen die arabischen Agitatoren angesehen. «Doar Hayom» bezeichnet dieses Urteil als einen Fall konsequenten und logischen Einschreitens gegen die arabische Agitation, der ohne Präzedenz ist,. < Ein Abend in Triest. Man sagte mir, Triest sei eine deutsche Stadt. Ich habe davon nichts gemerkt. Jedenfalls aber ist Trjest eine große Stadt mit breit angelegten Straßen und vielen engen Gäßchen. Triest ist aber noch etwas: der Hafen, die Pforte nach Erez Israel. Dadurch gewinnt es für uns an Bedeutung. Davon legt auch das stattliche Haus in der Via del Monte 7 Zeugnis ab, das Haus, das das Palästina-Amt und das ßet-Olim beherbergt. Wir blieben dort einen Abend lang. An diesem Abend nun hielt Bialik einen Vortrag, der all das, was ich in den letzten drei Tagen gesehen hatte, deutlich illustrierte. Größer als jemals sei jetzt die Judennot. Die Schicksalsstunde des jüdischen Volkes habe geschlagen, und wer wisse, ob nicht gerade in unseren Tagen der letzte Akt der Tragödie, die jüdisches Volk heißt, auf der Bühne der Weltgeschichte zu Ende gespielt werde? Was heute das Schicksal des italienischen Judentums Ist, ist auch das Schicksal des französischen und fyann morgen das Schicksal des deutschen Judentums sein. Und nicht anders ergeht es Große jüdische Bodenkäufe in Palästina Jerusalem, 26. September. (J. T. Ai) Nach einer Meldung des «Al Hayat» hat die Palestine Jewish Colonisation Association (P. J. C. A.) ein Areal von 4500 Dunam im Dorfe Baraka (Jaffa-Distrikt) aus dem Besitz eines schwer verschuldeten arabischen Kaufmanns erworben. Das Blatt verzeichnet mit Bedauern, daß von jüdischer Seite eine weitere Erwerbung von 35.000 Dunam im Süden des Landes geplant sei. Lord Pässfield bedauert London, 26. September. (J. T. A ) Lord Paßfieid, der englische Minister für die Kolonien, hat das Ersuchen der Jüdischen Tetegraphen-Agentur, eine Rosqh Haschanah-Botschaft an die Judenheit zu erlassen, mit folgenden Worten abgelehnt: «Im Hinblick darauf, daß eine Erklärung der britischen Regierung über ihre künftige Politik in Palästina gegenwärtig Gegenstand von Beratungen ist, bedaun ich, Ihrem Ersuchen nicht Folge leisten zu können.» WO BLAIH80HEINB WO Pflanzen* Margarine TERNO Unerreicht ln Qualität und Preis! Erzeugt unter streng ritueller Ansicht Seiner Ehrwurden des Heim Oberrabbineri S. Fürst P«f In keinem jüdlsoben BenekeU fehlen! Ueberall erhältlich! 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