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Die Stimme · 1930-09-22 · Heft 144 (22.9.1930) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 144 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 mp STIMM*. scher Philantropen verloren gegangen und alle jugendbünde mitsamt dem 70jährigen jüdischen Portier mußten ausziehen. Fast alle diese Vereine haben kein Heim und — kein Geld, daher fällt es ihnen schwer, auch nur ein kleines Kellerloch zu finden. In Prag, Berlin und in an deren Städten mit kleinerer jüdischer Einwohnerzahl haben wir schöne Volkshäuser, die allen Vereinen Unterkunft gewähren. Auch dort ist nichts von selbst geschehen; rastlose Arbeit der Jugend mit Unterstützung der kompetenten Stellen haben diese Heime geschaffen. Wenn wir das Geld zusammenrechnen, das an Mieten für Kellerlöcher, an Bezahlung von Saalmieten, an Konsumation anläßlich zionistischer Abende in Kaffeehäusern ausgegeben wird, so haben wir schon jenen Betrag, der für den Kauf eines Volkshauses notwendig wäre. Die Jugend würde sicherlich ihre ganze Kraft in den Dienst der Sache stellen und sich durch Veranstaltung von Akademien einen Teil des nötigen Geldes verschaffen. Ich weiß nicht, ob es opportun war, jetzt, im Zeitpunkte der großen wirtschaftlichen Krise, diese Frage anzuschneiden, aber gerade heuer beweisen die Hilferufe der Jugendbünde — ich kenne 6 Bünde, die ein Lokal suchen, — daß etwas geschehen muß. Entweder nimmt das Landeskomitee die Sache auf sich oder es hat sich ein .interfraktionelles Komitee zu bilden, das die nötigen Schritte unternimmt. Absichtlich fehlt meinei Anregung jedes nähere Detail, doch leider hat es noch keinen Sinn, über Einzelheiten zu schreiben; denn zuerst muß die Arbeit begonnen und müssen die primären Voraussetzungen geschaffen werden. Es wäre hoch an der Zeit, daß wir endlich auch hier zu einem Beth-Am be Winat, kommen. Fredl Morgenstern. Gerschele Handle Von Beno Neumann. Hat der Herr vielleicht abgelegte Kleider zu verkaufen? Ich kaufe alles und zahle die höchsten Preise! Wenn der Herr will, komme ich ins Haus, und wenn nicht, kann der Herr zu mir kommen. Ich wohne in der Krummbaumgasse auf Nr. 1. — Nr. I ist leicht sich zu merken. Die Krummbaugasse ist eine Nebengasse des Karmelitermarktes. Wenn der Herr von der Stadt kommt, — che, natürlich kommt der Herr von der Stadt! — dann muß er die Salztorbrücke passieren. Auf der Brücke sitzt ein alter Jude mit einem Steifhut und spielt Geige. Joj, Mama, spielt er Geige! Das Herz zerfließt einem . . . Auf der anderen Seite der Brücke ist ein Kaffeehaus, das Cafe zur «Salztorbrücke». Ja, ja, ganz richtig, dort haben die Valutenhändler ihren Sitz! Woher weiß es der Herr? Der Herr ist unsereiner? Da* hätten Sie mir aber gleich sagen können! Mit unsereinem spricht es sich ganz anders . . . Aus welcher Stadt sind Sie, wenn ich fragen darf? Aus Gwozdziec? So, so, — aus Gwozdziec! Was Zufall im Leben ist... Ich bin nämlich auch aus Gwozdziec! Wer sind Sie aus Gwozdziec? Des roten Antschel Sohn, was Sie nicht sagen! Und ob ich Ihren Vater gekannt habe! Ich habe gehört, er ist hier gestorben. Eine halbe Welt Ist hier, in Wien schon ausgestorben . . . Schade, Reb Antschel war zufällig ein guter Jude und ein anständiger Mensch! Ich erinnere mich noch an jene Zeiten, als er die Gastwirtschaft beim Pferdemarkt in Pacht hatte. Wer ich bin? Ich bin Gerschele Schames. Zu Hause war Ich Sohames, jetzt bin ich ein Hand]6 . . . Und womit beschäftigen Sie sich? Mit Textilwaren . . . Haben Sie ein offenes Geschäft oder einen Engros-Handel? Sie arbeiten nur en gros. Zufrieden? Schlecht, natürlich schlecht! Die Leute haben kein Geld ... Ich weiß es ja von mir aus. Mein Geschäft unterscheidet sich zwar von allen anderen Geschäften: In guten Zeiten herrscht ein Ueberfluß am abgelegten Kleidern, dafür aber ein Mangel an Käufern. Jeder Pülcher will neue Kleider haben! Und in schlechten Zeiten mangelt es an abgelegten Kleidern, dafür gibt es eine Masse von Käufern. Mit einem Wort, eine komische Welt! Aus einem Sohames ist ein Handle geworden, aus einem Pferdehändler ein SeidenfabrÜkant, aus einem Rabbi ein Schieber, aus einem Belfer ein Bankdirektor, aus einem reichen Mann ein Schnorrer — ich sage Ihnen, komisch, komisch! . . . Ob ich Familie habe? Fragen Sie mich lieber nicht! Meine Frau Sara ist auch hier gestorben. Krebs . . . Ich bin mit Ihr herwngerannt von einem Spital ins andere, von einem Professor zum anderen — und genützt hat es, wie einem Toten Blutegel nützen . . . Sagen Sie, ich bitte Sie, was ist mit diesem Krebs, daß sie ihn nicht heilen können? . . . Wollen Sie noch etwas über meine Familie wisse«? Meine Tochter Feigele (d. h. zu Hause hat sie Felgele geheißen, Wer heißt sie Fifil), ist eine ganze Sportdame geworden! Sie Ist Beamtin, wohnt separiert, geht tanzen, schwimmen und wi* vom Heiraten nichts wiesen. Hat man schon so was gehört?! . . . Wollen Sie noch etwas über meine Familie wissen? Ich habe auch einen Sohn. Ich habe immer gehofft, daß mein Sohn mindestens Rabbiner werden wird. Plötzlich ist ihm eingefallen ztt studieren. Und was glauben Sie, studiert er? Psy-psy-psychoanalyse! «Was ist das, Psychoanalyse?» habe ich ihn gefragt. «Psyche heißt Seele», hat er mir erklärt, «und Analyse heißt zerlegen. Zerlegen der Seele.» «Um Gottes wüten», rief ich, «seit warm zerlegt man dem) die heilige menschu<y fr) IISSahlvng 1 DI AN AB AD HH50O7 tt.ÖS'öQi liehe Seele? Das ist ja ein frevlerischer Götzendienst!» Und darauf hat er mir geantwortet: «Du verstehst nichts», und gelacht . . . Gelacht! Gegen Worte kann man ankämpfen, man setzt sich auseinander. Aber gegen «Du verstehst nichts» und gegen Lachen ist mit Worten nichts auszurichten . . . Das konnte ich mir nicht gefallen lassen. «Höre mich an, mein Sohn», sprach ich zu ihm, «du behauptest, ich versteh’ nichts — gut, angenommen! Einen alten, erfahrenen Kopf kann man nicht einem jungen Nacken aufsetzen . . . Dein Pferd, dein Wagen ... Ich habe dich gewarntl Aber, daß ich mit dir und deiner Seelenzerlegung unter einem Dach wohne, dazu kann mich niemand zwingen. Gott sei Dank, ich bin kein verfallener Mensch und kann mir mein Brot selbst verdienen. Ich ziehe aus!» Gesagt — getan. Ich habe meine Habseligkeiten zusammengerafft, mein Warenlager (ich habe immer einen kleinen Vorrat an alten Kleidern) eingepackt und bin ausgezogen ... Ob ich es nicht bereue? Hm, Ich bereue ja! No und? Ich konnte trotzdem nicht mit'einei Sportdame und einem Seelenzerleger zusamm-neben! Wissen Sie, was mein Sohn einmal mit mir, um seine Seelenzerlegung auszuprobie en, g macht hat? Einmal hat er mich auf ein Bett nied;rgJegt und gesagt: «Tate, erzähl’!» — «Was soll ich dir erzählen?» fragte ich ihn. «Erzähl’etwas aus deinem Leben», antwortete er mir. «Was heißt, aus meinem Leben?» fragte ich ihn «Was habe ich schon zu erzählen? Zores, viele Zores habe ich erlebt . . .» «Erzähle, was du verdrängt hast!» sagte er zu mir. Verstehen Sie vielleicht so eine Sprache? «Was heißt verdrängt?» fragte ich ihn. «Wen konnte ich schon verdrängen? Ich war doch Zeit meines Lebens ein armer Schames ...» Da antwortete er mir: «Ich meine Erlebnisse, mit Weibern zum Beispiel...» Das war mir schon zu viel. «Du Lump, du, mit Weibern sagst du?» schrie ich. «Wie sprichst du denn zu mir?! Ich war doch mein ganzes Leben lang mit deiner Mutter Sara verheiratet!» . . . No, was sagen Sie dazu? Ein feiner Sohn, was? Und jetzt muß ich weiterlaufen. Wie sagt der Amerikaner: Zeit ist Geld . . . Und wenn Sie einmal einen abgelegten Anzug tatrn, dann verständigen Sie mich sofort Oder bemühen Sie sich zu mir hinüber. Erinnern Sie sich noch an meine Adresse? Guten Tag! Handel Handlö! . . . Erster Besuch bei Lessing Aus einem Moses Mendelsohn-Roman von Hermann Blumenthal. Als Moses Dessau eines Tages das Gumperzsche Haus betrat, begegnete er dem Freunde auf der Treppe. «Ich habe eben vor, Lessing zu besuchen», rief ihm Doktor Gumperz zu. «Wollen Sie mich zu ihm begleiten?» «Ich bin bereit», entgegnete Moses Dessau, doch im nächsten Augenblick meinte er zögernd: «Wä.e es nicht besser, wenn Sie sich vorher überzeugten, ob ihm mein Besuch erwünscht ist?» «Man sieht, Sie kennen Gotthold nicht», rief Doktor Gumperz lachend. «Er ist der einfachste, liebenswürdigste Mensch und ich bin überzeugt, daß Ihr gut zueinander passen dürftet. Rein äußerlich seid Ihr wohl verschieden von einander. Während Gotthold eine Kampfnatur ist, sind Sie ein stiller, schüchterner Mensch, den man erst bei näherer Bekanntschaft richtig schätzen lernt. Wenn ich recht überlege, muß ich allerdings befürchten, daß der erste Eindruck, den Gotthold von Ihnen empfängt, nicht der beste sein wird.» Doktor Gumperz blieb eine Welle nachdenklich stehen, dann rief er lächelnd aus: «Um das zu verhindern, will ich Ihnen folgendes vorsohlagen: Gotthold ist ein leidenschaftlicher Schachspieler. Schon vor einiger Zelt ersuchte er mich, ihn mit einem Schachpartner bekannt zu machen. So werde ich Sie vorläufig bei ihm nur als guten Schachspieler einfü'hren. Wenn Sie mit ihm erst einige Partien gespielt haben, werden Sie sich an seine Gesellschaft gewöhnen und dann wird Ihre Befangenheit weichen.» Moses Dessau war mit diesem Vorschläge einverstanden und min machten sich die jungen Leute auf den Weg zu Lessing. Der Dichter bewohnte aim Nlcolaiklrchplatz, in einem alten Hause, zwei Treppen hoch, ein schmales Zimmer, mit einem «Wiener Fenster», das auf den Kirchenplatz führte. Sie trafen Lessing bei der Arbeit. «Hier bringe ich Ihnen meinei» Freund Moses Dessau, der es als Schachpartner mit Ihnen auineiMnen wül», sagte Doktor Gumperz beim Eintritt «Famos», rief der Dichter, indem er den Papierbogen, den er eben beschrieben hatte, beiseite schob und den jungen Leuten die Hand reichte. «Sie konnten mir keinen größeren Gefallen erweisen, lieber Doktor. Herr Klopstock, mit dem ich ln der letzten Zeit häufig spielte, wird so unangenehm, wenn er eine Partie verliert und das verleidet mir das Spiel mit ihm.» 144 «Bei unserem Freunde ist so etwas nicht zu befürchten», erwiderte Doktor Gumperz. «Wie iah sehe, haben wir Sie beim Schreiben gestört. Wenn Sie noch zu arbeiten haben, soll Sie unsere Gegenwart nicht genieren. Wir können uns inzwischen die Zeit mit Lektür« vertreiben.» «fch bin gerade zu Ende gekommen», entgegnete Lessing. «Voß hat mich aufgefordert, für seine neue Zeitungsrubrik „Von gelehrten Sachen” eine Kleinigkeit zu schreiben. Damit habe ich mir nun den Nachmittag verdorben und dachte eben darüber nach, wie ich mir ein wenig Ablenkung verschaffen könnte. Ihr Besuch kommt mir daher sehr gelegen.» Moses Dessau trat zum Fenster und versenkte sieb in den Anblick das Kirchturmes, der fast in greifbarer Nähe wuchtig in die Höhe ragte. «Welche Schönheit liegt in diesem schlanken Turmbau», rief er aus. «Meister Peter Ottner Mühlenmeister hat ziu Anfang des 16. Jahrhunderts den Knopf und die Spitze dieses Turmes gebaut», sagte Lessing, zu ihm tretend. «Tag für Tag darf ich dieses Kunstwerk bewundern und zuweilen bilde ich mir ein, daß es der Künstler nur für mich errichtet hat.» Das Spiel nahm seinen Anfang. Doktor Gumperz, der es sich ln der Sofaecke bequem gemacht hatte, nahm den «Göttinger gelehrten Anzeiger» und las. Langsam verging eine Viertelstunde nach der anderen, bis die Dämmerung ihre Fäden in der stillen Stube spann. «Genug für heute», rief Lessing plötzlich aus. «Ich sehe schon, daß wir gleichwertige Gegner sind.» «Ich habe mich inzwischen Uber den Artikel dies Herrn Professor Michaelis höchst amüsiert», erklärte Doktor Gumperz. «Er hält es für allzu unwahrscheinlich, daß sich unter unserem Volke ein so edler Charakter, wie Sie ihn in fremden Reisenden geschildert haben, bilden könne.» Lessing erhob sich. «Da behauptet ein Mann von Bildung ganz ernsthaft, daß ein Jude nicht so edel umu gut wie der Held meines Schauspieles sein kann», sagte er nachdenklich. «Aus diesem Volke sind ehedem so viele Helden und Propheten hervorgegangen und jetzt zweifelt man, ob ein ehrlicher Mann unter ihm anzutreffen sei.» «Man nimmt sich nicht die Mühe, uns näher kennen zu lernen», meinte Doktor Gumperz. «Und beurteilt ein ganzesVolk nachdem liederlichen Gesindel, welches auf den Jahrmärkten herumschweift», fügte Lessing hinzu. Das Abendrot blickte zum Fenster herein und die Dunkelheit wurde durch grelle Lichtreflexe erhellt. " Doktor Gumperz und Moses Dessau saßen still und versonnen da, während Lessing unruhig auf und ab ging. «Man wirft mir vor, daß ich mit den Verstoßenen der Gesellschaft, mit Juden, Soldaten und Schauspielern Umgang pflege», fuhr Lessing nach einer Weile fort. «Darauf kann ich nur erwidern: Diesen Geächteten gehört die Zukunft. Sie werden dem verdorbenen Geschmack und dem Hochmut der herrschenden Klasse eines Tages ein Ende machen. Was die Juden anbetrifft, so erkläre ich, daß ich viel Interesse für sie habe und daß ich ihr Leben ganz erforschen möchte.» «Ihr Eintreten für unser Volk, das trotz der freiheitlichen Regierungsform unseres Kön'gs verachtet und verhöhnt wird, kann nicht ohne Wirkung bleiben», bemerkte Moses Dessau ernst. «Das Pfahlbürgertum nimmt es mir auch übel, daß ich mich gegen die Versklavung der Soldaten und gegen die Beschimpfung der Komödianten gewendet habe», versetzte Lessing. «Was wäre der große Friedrich ohne die Opferwilligkeit seiner Soldaten? Und die Schauspieler, die uns ein Abbild des Lebens geben, verdienen wahrlich, daß man nicht zu gering von ihnen denkt.» Es war jetzt ganz dunkel im der Stube und Lessing zündete eine Wachskerze an. Die jungen Leute saßen in eifriger Unterhaltung beisammen. Lessing sprach von seinen schriftstellerischen Plänen, von Shakespeare, den er überaus schätzte, und vom italienischen Dramatiker Goldoni, dessen Schauspiele er ins Deutsche übersetzen wollte. «Alle meine Kräfte sollen jetzt dem Theater gewidmet sein», rief er aus. Da setzte das Abendläuten vom Kirchturm gegenüber ein. Ehern und gebieterisch hallten die Klänge und irgendwo in der Nähe gab eine zweite Glocke Antwort. Lessing setzte sich und blickte verträumt, den Kopf auf die Hand gestützt, vor sich hin. Doktor Gumperz lehnte regungslos in seiner Sof* ecke und sah den Rauchwolken seiner Zigarre n; , die sich mit dem roten Licht der Kerze vermischten, und Moses Dessau stand, an die Wand gelehnt, mit geneigtem Kopfe da. Als der letzte Glockenton verklungen war, trat eine sohwere Stille ein. Eine Weile verharrten die jungen Leute schweigend. Dann erhob sich Doktor Gumperz und langte nach seinem Hute. Moses Dessau folgte seinem Beispiele und Lessing begleitete seine Gäste ein Stück Weges.

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