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Die Stimme · 1930-09-22 · Heft 144 (22.9.1930) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 144 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 144 DIE STIMME Sefte 9 Schuld zu begleichen. Und indes er dies sagt, steigt flwn tiefe, dunkle Röte in sein blasses Gesicht. Hat er doch nie bekommen, worum er so oft den Magister gebeten, seine verzweifelte Zuflucht — Arsenik. Nur Arzneien, fdwnäWiche Pillen und Tränke für diesen ärmlichen Leib, die hat der Magister geliefert. 0, wie er ihn haßt, ,wle er sich selber haßt! Nur fort, hinweg, so schnell als möglich! Doch noch kann er sich nicht trennen. Noch einmal, einmal noch fühlt er sM die Qual und all die Wonnen, die er in diesem Hause erlitten. Wie hatte Henriette doch gesagt? «Nach vielen Jahren, mein guter Louis, wollen wir von der heutigen Zeit sprechen.» Ha, wie ein Kind ihn zu behandeln, wie ein unreifes Kindl Mit einer einzigen ihrer stillen Gesten abzutun, was ihn so tief durchwühlt, so sehr erschüttert! «Nach vielen Jahren, mein guter Louis . . .» Als wäre er ein Kind! Und ist er’s denn nicht? Ja, wohl ist er dessen sich bewußt, in dieser herben Abschiedsstunde klar bewußt, ein breiter Strom der Zeit fließt zwischen ihm und seiner Liebe, er steht traurig am Ufer, nirgends ein Kahn, ihn hinüberzurudern . . . Und wenn er selbst einen fände, was wäre er denn? Ein blinder Schiffer auf reißendem Strom — ein liebendes Kind . . . «Nach vielen Jahren, mein guter Louis!» Sehr wohl, Frau Professorin, Sie haben recht, es wind vergehenI Sie können meine Liebe zu nichts gebrauchen, sagen Sie mir; ich danke Ihnen für dieses Wort, es hat mich nüchtern gemacht, klug, um hundert Jahre klüger. Ich will fort — ganz fort — Sie nicht mehr sehen, obwohl loh ja so leicht zu Ihnen hinausfahren könnte nach OharlOttenburg, wohin Sie mich so beundlich eingeladen — zum Henkersmahl. «Nach vielen Jahren . . .» Ganz recht, ich werde genesen; «nach vielen Jahren» — verstehen Sie auch, was das heißt? Welch eine Genesung! Welch selbstmörderisch -furchtbares Beginnen ist dies — o, erschrecken Sie nicht, nicht mehr an Vergiftung denkt der gute Louis, wie ehemals, vor all den langen, furchtbaren Wochen, wo er dem Wahnsinn so nahe war; das ist vorüber. Vorbei. Verstehen Sie mich, verstehen Sie, in welchen Tod Sie mich schicken? Es wird vergehen, so meinten Sie, die Zeit wird meine Gesinnung ändern. Ist dies so wünschenswert — wahrhaftig — so wird es kommen — von selber kommen — mit der Zeit und der Verderbnis meines Herzens . . . Ein bitteres Lächeln zuckt ihm um den knabenhaften Mund, verzerrt dessen Weiche für die Dauer eines Herzschlages — verfliegt. Aber eine Spur tiefer, wie verächtlich, sind die Mundwinkel ein gekerbt und ein i starrer Glanz inbrünstiger Entsagung brennt in seinen Augen. Hastig klettert der Student in den Wagen und ruft den Kutscher herbei. Der schnalzt noch einmal mit der langen Peitsche hinterhältig schmunzelnd hin nach den gaffenden Mägden, die schreckhaft schreiend davonstieben, und fort rollt die schwere Kutsche, holpernd und knarrend, mit der leichten, geduckten Gestalt im Wagenfonds, dem schwächlichen Knaben, aus dessen magerem Jungengesicht zwei große, dunkle Augen tiefsinnig, schmerzlich wissend, sehnsüchtig hervorgeistern. Fort fährt die Kutsche, biegt um die Ecke zur Königsstraße, rollt diese entlang und biegt wieder um, dem Stadttore zu, ächzend und knarrend, wie unter schwerer Last, Irgendwie scheint sie dooh von Gewicht zu sein, diese leichte Fuhr ... Der Seher Von David Rothblutn. Es war einmal ein Pferd — und dieses Pferd hat \et Seher Rabbi Mendele, dessen Augen nichts verengen blieb von all’ dem, was in der Seele des jüdichen Volkes vorging, seinem Helden Israel vorgeführt. Ind Israel sah es auf der Wiese weiden, nicht a u f der Wese, wo sich alle Pferde, Abkömmlinge verschiedenter Rassen, tummelten und sonnten und fütterten, sonern am Wiesenrande, um nicht aufzufallen, zu stören, ie Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Israel hatte bellte mit dem Pferde Bekanntschaft geschlossen, er ist o ihm in menschliche Beziehungen getreten. Denn das ferd konnte reden, was Ihm, dem Juden, nicht besoners auffiel, denn er wußte ja von Bileams Esel her, aß es Vierfüßler gibt, die sprechen können. Da kamen Buben herangebraust und schlugen das 'ferd. — Israel ist einem Fieberhaften Zustand, dem Wahnitm, nahe. Warum schlagen die Buben grundlos dieses arme ‘ier? Gleicht das Los dieses Geschöpfes nicht dem des liob? Und ist nicht Hiob selbst an seinem Schicksale :huld? Und als die Mähre eines Tages, gerade als sie an inet schweren Last schleppte, herzlos geprügelt wird, »ißen Israel alle Nerven, und er zeigt den Missetäter ei der zuständigen Behörde an. _ Seine Anzeige ist ein flammender Protest, eine nkiage voll des heiligen Zornes, ein Schrei, ein vtrianiscber Ausbruch verhaltener Leidenschaften, zurückedrät^gkr Empörung, die sich Jahrtausende aufeestapeft hat. — Daher kann diese Anklage nicht urrgehört verhallen. Die Behörde setzt eine Untersuchungskommission ein. Diese verlegt Ihre Tätigkeit auf das Gebiet der Erörterung des Fragenkomplexes, wieso es eigentlich komme, daß man Israels Pferd so häufig schlage. Die Kommission tut viel in dieser Richtung auf, man kann nicht sagen, daß sie umsonst getagt hat. Aber zur praktischen Lösung der Frage wird eine zweite Kommission gewählt, ein Unterausschuß, mit weniger Mit gliedern, um konzentrierter arbeiten zu können. Der Unterausschuß meint — das Pfeid sei schuld. Israel versteht nicht — das ist aber klar, denn er fiebert, ist krank, sehr krank. Sein Hirn leidet, die Phantasie gaukelt, die Pulse fliegen, die Augen gühen - wie soll man da die logisch aufgebauten Entscheidungsgründe eines gerechten Urtelles erfassen? Und in einem lichten Augenblick hört Israel die Worte: Hol' sie alle der Teufel! Die Klatsche aber ist, von einer Gloriole umgeben, in den Himmel geflogen. Dein Andenken sei gegrüßt, Rabbi Mendele, tausendfach gegrüßt! Was Du warst, ist noch nicht erschöpfend gesagt worden, ich aber sage, Du warst ein Seher! Gestalten schildern? Das haben auch andere getroffen. Unsere Wunden bloßlegen? Viele hab;n es getan. Unsere zermarterte Seele, unsere Hoffnung, Kraft, Glauben, unsere Schande, jawohl, unsere Schande, auf all das hinzu-weisen —, wieviel Edle unseres Stammes haben es nicht versucht? Du aber hast es getan wie ein Seher. Dein Mund ist stumm. Sonst würde ich Dich fragen: Großväterchen, Seide, hat Dir damals, als Du Deine Klatsche schriebst, der Rua h Hakodesch auch schon die Namen preisgegeben? Shaw . . . Simpson ... In der Bibel steht geschrieben: «Und es war in jenen Tagen, als Moscheh groß geworden war und er hinausging zu seinen Brüdern, da sah er ihre Lasten. Und er sah einen ägyptischen Mann, der da schlug einen hebräischen Mann, einen von seinen Brüdern. Und er wendete sich um, hin und her, und sah, daß kein Mann da war ...» Also, schon damals war kein Mann weit und breit zu sehen, wenn ein Aegypter einen Juden schlug . . . So und nicht wie herkömmlich ist das Bbriwort zu verstehen. Ein Mann vermochte dem Sklavenvolke die Freiheit zu geben. Was vermag dann ein ganzes Volk, wenn es will? . Die Tragödie Hans Herzls Von Dr. T. Nussenbiatt «Die Ohnmacht des Menschen zur Mässigung oder Hemmung seiner Affekte nenne ich Knechtschaft, denn der von seinen Affekten abhängige Mensch ist nicht Herr seiner selbst, sondern dem Schicksal untertan.» Spinoza: Ethik. Unter den 30. Jänner 1902 schreibt Herzl in seinen Tagebüchern: «Wenn ich bald sterbe, werden um mich meine Eltern am meisten, dann, weniger, durch ihre Jugend getröstet, meine Kinder — und das ganze jüdische Volk trauern. Ein schöner cortege: Tragisches, Liebliches und das Erhabene.» Doch die Kinder Theodor Herzls trauerten mehr um den Tod ihres Vaters, als er vermutete. Sein jäher Tod ward zum Beginn der Tragödie seiner Kinder. Sie trauerten ihr ganzes Leben. Einzige Söhne haben es, wir wisen es heute genau, auch in ganz geregelten Verhältnissen nicht leicht in ihrer geistigen Entwicklung. Hans, der einzige Sohn eines großen Vaters, der noch dazu, bevor er flügge geworden, seinen Väter, seine Mutter, sein ganzes Heim verloren, hatte es besonders schwer. Hans und seine beiden Schwestern blieben bei all der Liebe ihrer vom Vater bestellten Beistände und der Liebe eines ganzen Volkes — einsam. Die Freunoe und, Beschützer der Kinder: Cowen, Kremenetzky, Reichenfeld und Wolfsohn taten alles, um Hans zu der seiner harrenden Arbeit zu erziehen — doch es kam anders. In Hansens Seele senkte sich schon früh die Unsicherheit. Sie machte ihn schwach und krank. Von Natur eigensinnig — er war sein ganzes Leben ein Eigenbrödler — blieb er lebensunfähig und hinfällig. Hinter seiner Abgeschlossenheit verbarg sich eine kaum geahnte Mutlosigkeit. Er hatte keinen Mut — zu seiner Vergangenheit und zum Leben. Das von einem ganzen Volke heilig gehaltene Andenken an seinen Vater blieb ihm wesensfremd. Wer war er? Doch nur der Sohn eines großen Vaters. Wenn man ihm irgendwelche Aufgaben gestellt hatte, glaubte V stets, den ihn erdrückenden Schatten seines Vaters zu sehen. Hansens Weltbild nahm in der Folge einen abnormalen, verzerrten Ausdruck an. Das Problem, was Krankheit sei, soll hier nicht aufgerollt werden. Sicher ist es, daß es Namen für Veränderungen gibt, deren wahres Wesen uns unbekannt bleibt, und daß diese Namen nur gewisse Komplexe von Svmotonien «inordnen. Sie, die ihm wohtwFreunde, sagen) Hans wäre schwer zu behandeln gewesen. Was Hans unternimmt, bleibt für seine Umgebung unverständlich. Es ist wahr, daß Hansens Taten unverständlich bleiben, aber auch daß er sich und die Welt nicht mehr versteht. Herzl träumte davon, daß sein einziger Sohn dereinst sein Werk fortsetzen würde. Die Beschützer der Kinder Herzls, Direktor Reichenfetd und Ing. Kremenetzky, fassen in Fortentwicklung des Gedankens Theodor Herzls den schönen Plan, Hans zum Bewahrer des dem ganzen Volke teueren schriftlichen und literarischen Nachlasses zu machen. Doch er, der auch die Tagebücher seines Vaters glänzend ins Englische übersetzte — sie erscheinen gegenwärtig in Fortsetzungen im Organ der Exekutive «New-Judaea» — kaum, daß diese Übersetzung gänzlich vorlag, hat er den ganzen Plan durchstrichen, denn in jenem Moment vollzog er seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft. Gewiß unterlag Hans dabei auch äußeren Einflüsterungen. Diese wirkten sich aber in erster Reihe bei der Aufmachung der Zeremonie aus. Zunächst waren daran seine Zwangsvorstellungen schuld. Der Sinn ging ihm auf in Gestalt von Sinnestäuschungen, und so wie er daran war, die jüdische Gemeinschaft, den jüdischen Glauben zu verlassen, verlor er vollends den Glauben an sich selbst. Ein krankhafter Ehrgeiz durchwühlte sein Inneres. Er grübelte in sich, suchte und riß sich zur Höhe empor. In seinem Blute tobte ein tragischer Kampf zwischen seinem Willen und seinem Können. Denn er wollte seinen Vater überflügeln, er wollte zumindest in dessen geistige Nähe rücken. Doch seinem Können blieb dieser Adlerflug versagt. Aus diesen Quellen kommt bei Hans Herzl das ewig-wache Interesse für das geschriebene Wort seines Vaters, das er ins Englische übersetzte und letztens auch ins Französische übersetzen wollte. Er war persönlich von einer gewinnenden Schlichtheit und ungewöhnlichen Selbstlosigkeit. ln seiner Schrift glich er seinem großen Vater. Die Unterschriften von Theodor Herzl und Hans sind kaum voneinander zu unterscheiden. Im Leben Hansens war vieles irrationell — getrieben von einem ihn erdrückenden, irrationelleii Schuldbewußtsein, dem er auch letztwillig Ausdruck gibt, indem er sich der Mitschuld an dem Tode seiner Schwester anklagt. Das tragische Ende Hans Herzls gewinnt eine ganz andere Bedeutung und beleuchtet grell sein ewiges Suchen, Finden und Verlieren, wenn man die von ihm zurückgelassenen letzten Worte berücksichtigt. Bis die entsprechende Distanz gewonnen sein wird, werden berufene Personen, die sich Hans Herzls in seinen Jugendjahren annahmen und den Werdegang der letzten Jahre beobachteten, auf Grund eigener Wahrnehmungen vieles zur Klärung seines Lebens berichten können. Vielleicht hat unter anderem auch der «große» Krieg viel zur Verwirrung seiner Sinne beigetrageri. Er bedauerte, als er von den Feldern Flanderns, wo er als englischer Soldat stand, nach Hause kam, nicht als jüdischer Legionär in Palästina gekämpft zu haben. Heute, auf Grund des mir gewährten Einblickes in die letzten Briefe Hansens, sei hier für das objektive Verstehen des Lebens Hans Herzls mitgeteilt, daß er seinen seinerzeitigen Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft bereut hat. Er starb als Jude, aus der Kirche exkommuniziert. Nach seinen letzten eigenen Worten warf er sein Leben, weil es infolge seiner Fehler für ihn wertlos geworden war, von sich weg. Und sein letzter Wunsch war, mit seiner Schwester im Grabe seines Vaters in Wien und dereinst alle zusammen in Palästina begraben zu sein. Das tragische Ende des einzigen Sohnes Theodor Herzls fügt der tragisch-heroischen Symphonie, welche das Leben Theodor Herzls darstellt, noch ein von ihm kaum geahntes, aus dem Inferno menschlichen Schicksals stammendes Motiv ein. Für ein jüdisches Volkshaus in Wien Inmitten der hochpolitischen Aulgaben des fraktionellen Kampfes, der Aktionen für Sonderfonds und Parteikongresse, deren absolute Notwendigkeit für einen nüchternen Menschen nicht ganz klar scheint, haben wir in Wien schon seit einiger Zeit vergessen, unsere organisatorische Arbeit auszubauen und in geeigneter Weise , ziu fördern. Es ist wahr, daß das zionistische Landeskomitee in letzter Zeit Überlastet war; es hatte nicht nur die Verantwortung für die LandespolitHc zu tragen, sondern wurde für alle Aktionen verantwortlich gemacht, die nur irgendwie mit Palästina zusammenhingen. Die Anteilnahme der Fraktionen u-nd Sonderverbände an diesen Aktionen war ziemlich gering, hatten sie doch ihre eigenen Sorgen; wollten doch kleine Grüppohen kostspielige Wahlkämpfe mitmachen und eigene Zeitungen herausgeben. Doch davon soll ein andermal die Rede sein, ich habe dies nur zur Entlastung der verantwortlichen Menschen im Lande u v e band angeführt. Bis vor kurzer Zeit hatten die Jugendverbärvdt in der Leopoldstadt ein zentral gelegenes Heim, das Ze.itrum. Dieses ist ras nun durch die Hecriotfgkeit jüd -

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