Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 144 (22.9.1930)
- Date
- 1930-09-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053897--1923-3057314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite N DIE STIMME Nf. 144 das endlich entscheidende Aufflammen in der Seele Tsraels, einer sehr stolzen Seele. Der Zionismus ist der Frühling der Nation. Ist es nicht, als erklänge das Hohe Lied Salofnonis wieder, das Schir-ha-schirin, das Kind «sorgloser Tage der Lebensfreudigkeit»? Singt nicht die Hirtin Sulamith, die «unter Lilien weidet,voll Taubenunschuld», ist es nicht, als tauchten idyllische Bilder auf, voll Schmelz und Weichheit, fatamorganenhaft, aus einer schöneren Zeit «malerischer Naturpoesie»?! «Gib deinem Volke barmherzig nur ein Stückchen Erde, o starker Gott! Bau deinem Volke eine neue Feste! Erbaue Zion wieder!» . . . Ein großer jüdischer Poet hat diese wundervollen Worte niedergeschrieben. Sie erklangen, als er todeswund aus dem Schützengraben getragen wurde und seine edle Heldenseele aushauchte. «Gib deinem Volke nur ein Stückchen Erde!» Ich kann nicht ohne das tiefste Mitgefühl die Ereignisse in Palästina mitansehen. Wir dürfen nicht gleichgültig an ihnen vorübergehen, wir müssen die Augen öffnen und in unser Herz greifen und es erklingen lassen wie eine Harfe. Die Vorgänge in Palästina sind nicht nur eine jüdische Angelegenheit, sie sind eine allgemein menschliche, eine Solidarität aller Völker. Das jüdische Volk ist auf das innigste mit uns allen verbunden durch Titdition und Sittengesetz, durch Glaubenslehre und Gebräuche. Wir verdanken ihm unsere «moralische Kultur» wie den Griechen unsere künstlerische. Moses, der «größte Ethiker» aller Zeiten, mit dessen zehn Geboten die erste Morgenröte der Menschlichkeit dämmerte, und Jesus Christus, diese «erhabene Persönlichkeit» nach Renan, die «jeden Tag von neuem das Schicksal der Welt bestimmt», beides jüdische Gestalten, sind die Säulen, auf denen unser ganzer Fortschritt beruht. Ich begreife nicht, wie man ein Kulturmensch sein kann und kein Zionist! Noch eher begreife ich es von einem Israeliten, weil dieser wie vor einem moralischen Spiegel sitzt und sich selber beständig studiert. Er hat kein Vertrauen zu seinem eigenen Gefühl, sein Gemüt ist unter Ironien wie eine Rose unter scharfen Dornen verborgen. Auch klingt in ihm vielleicht unbewußt das verbissene Wort Fichtes nach, das von seiten der Gegner so oft mißbrauchte, «das gesamte jüdische Volk möge wieder nach Palästina auswandern», was an sich schon eine Absurdität ist. Der große Zionistenführer Theodor Herzl, dieser vollkommene Mensch, der noch nach dem Tode seinen Getreuen die Fahne im Kampfe •voranträgt, glaubte an sich und, in überquellender Begeisterung, an seines Volkes höhere nationale Mission. Als er vor etwa 33 Jahren mit seinem Buche der «Judenstaat» und seinem Projekt Alt-Neuland hervortrat, da waren es die «Neuen» und «jungen», die sich um ihn scharten, die Einsamen, die Innenverkiärten, die nichts gemein haben wollten mit Schacherern und Pharisäern, Philistern, Kreuzkriechern und Abtrünnigen (Typen, wie sie in jedem Volke Vorkommen!), es'waren die Schengebliebenen, die Unversöhnlichen, die keine Konzessionen machten. Diese .Gruppe freier, selbstbewußter Menschen hat seither unermüdlich an dem Aufbau Palästinas gearbeitet und mit nachtwandlerischer Sicherheit ihr Ziel verfolgt. Einen Platz an der Sonne für ein vielgeprüftes Volk erringen, das allein war ihr Bestreben! ... . Eine Schar von Idealisten — friedfertige Ansiedler, bescheidene Arbeiter, nicht brutale Eroberer — kämpft in Palästina um Leben, Heimstätte, verbrieftes Recht und nationale Freiheit. Sie wehrt sich gegen Beduinenhorden und fanatische Mohammedaner! Es sind ihrer hundertmal so viele als Juden! Doch «wenn die Welt voll Teufel wär’», diesem jungen, aufstrebenden Volke muß die christliche Welt Wort halten, diese Schutzlosen schützen! Die ganze Menschheit hat mit inniger Sympathie Anteil genommen an dem nationalen Ringen anderer Völker, der Polen, Griechen, Armenier, Buren, Iren, sogar der Uralvölker und der Neger — warum sollte sie dem an Zahl kleinen, aber an Widerstandskraft so großen Volke der Juden ihre gerechte Teilnahme versagen? Die Ereignisse in Palästina haben sich seit langem vorbereitet, waren vorauszusehen, aber mußten sie sich so tragisch gestalten? Welche geheimen Mächte waren da am Werk? Welche politischen Ver sehen sind begangen worden? Durch Verträge kann Verträglichkeit erzielt werden! Die Liebe i stein Kulturzustand, der erlernt werden muß. Die abgeleierte Behauptung, nur durch Kampf könne der Frieden erkauft werden, wird, je mehr die Menschheit fortschreitet, um so unrichtiger werden. Der ahnende, prophetische Geist des Jesaias verkündete schon der Menschheit ein höheres Ideal: «Und es wird Frieden sein zwischen den Völkern und keines mehr das Schwert gegen das andere zieh’n!» Araber und Juden waren einander in der Geschichte nicht fremd. Sie sind oft in naher und guter Beziehung gestanden, wiewohl sich gerade die semitischen Rassen untereinander oftmals erbittert befehdeten. Die arabische Sprache war den Juden vielfach gettafig* Qxßfi* jüdische Gelehrte und Dichter« der Poet Maimun (Kordova 1T35) und der edle Juda Ben Halevy (1086, Altkastilien) dichteten arabisch, Ihn Sahal (Sevilla 1211), ein Lyriker, dessen 2trte, süße Liebeslieder ebenfalls in arabischer Sprache gedichtet waren, bezauberte die zeitgenössischen Araber derart, daß sie für ein Exemplar seiner Dichtungen 10 Goldstücke zahlten, wogegen eine Koranrolle um den zehnten Teil feil war. Die Blütezeit der Araber, in der sie den Islam vom Tajo bis über den Indus pflanzten, Hegt weit zurück. Damals waren sie ein Volk, das in Kunst und Wissenschaft seiner Zeit voraus war. Sie haben in ihrer weiteren Entwicklung mit der westlichen Kultur nicht Schritt gehalten. Die Leistungen der Juden dagegen, allen Hemmungen zum Trotz, waren stetig fortschreitende im Völkerleben. Palästina in den Händen der Juden wird ein Bollwerk europäischer Zivilisation sein. Dafür bürgt die Vorgeschichte der jüdischen Nation, die Kulturarbeit, die dieses Volk geleistet, seine geistige Zucht, sein Wissensdrang, sein fortschrittlicher Erfolg und seine natürliche Begabung. Irma Singer (Dagania) Wir bringen im folgenden drei Gedichte, entnommen dem vor kurzem erschienenen, auch in diesen Blättern bereits gewürdigten Gedichtband «Licht im Lager». Die Redaktion. Erfüllung Daß ich das doch erleben konnte, Was nur im Traume ich gewagt: So über unsere Heimatserde Zu schreiten, eh’ der Morgen tagt! Und Samen in die Erde legen, Daß grün sie dann von Segen grüßt Und jenen Winkel auf der Erde Mein nennen, wo mein Leben fließt. Und daß mein Kind mit blanken Augen In heiliger Sprache zu mir spricht Und Blumen, Schmuck der Mutter Erde, In seine weichen Locken flieht. Vermächtnis Das also blieb uns: Eine blasse Mauer Aus sagenschweren Quadersteinen Becher der Tränen und Trauer. Nur eine alte Mäher. Altar dem Volk zum Weinen, Grabmal verwelktem Scheinen. Fluchschwere Klagemauer... Freitag Abend Es ist eine junge Freitag Runde. Mancher denkt: «Um diese Stunde Weiht Meine Mutter die Kerzen ein.* Und er sieht ihr Antlitz Nur einen Putsschlag lang Bei flackerndem Kerzenschein. Und er denkt wieder: «Bei uns entzündet Der Sabbat die Augen. Uns taugen Keine stillen Kerzen, Aber in unseren Herzen Stürmen Lieder, Die haben Glut.» Da beginnt aus dem Freundeskreise Irgendeine Horaweise Sich zu regen. Sie fließt durch das Blut Wie roter Karmelwein Und berauscht Und klingt Wie Siegeslieder der Wü * Und dringt In die Herzen Als Heldensage... Da wird das Zimmer Zu einem Gelage, Wo alle trunken sind Von Kraft und Klang. Klaviervirtuose Professor JuHus. Wolfsohn ist zurückgekehrt und hat seine Lehrtätigkeit in seiner Wohnung (UI., Pfarrhofgasse 16, Tel. U 16-1-32) wieder aufgenommen. Aus der großen Zahä seiner berühmten und bekannten Schüler seien folgende Namen zu erwähnen: Mische Lewitzki (New York), Stephan Bergmann (Holland), Ignatz Waghalter (Berlin), Ignatz Neumark (Sheveningen), Nelly Friedländer- Reichlin, Betty Fischer, Hyppolit Tschapek, Leo Birkenfeld, Sina Magasanik, Anne Michelsohn (Baltimore), Max Reichiin (Prof, am Konservatorium für Musik und dramat. Kunst) sowie die Professoren am N. W. Konservatorium: De. Emst Kante Egon Lustgarten und Jean Tyschfcowski. aioBoioiGaoiotoioaoioaoBo Union der Zionisten-Revisionlsten Oesterreichs fersammland Montag, den 29. September 1930, um '/29 Uhr 0 abends, im Cafö Arkaden (Souterrain), Wien, Q L, Universitätsstraße. ■ 0 ■ o a o a o B 0 ■ OlOIOIOIOIOIOIOIOiOIOlO Der Abschied des jungen Börne von Berlin 0 a o a o B 0 a i Debatte über den Bericht der vierten Weltkonferenz der Zionlsten-Revisionisten. Einleitung: Paul Haller. Eintritt frei. Gäste willkommen. Von Martha Hofmann (London). Schwer holperte die große, gelbe Kutsche um d e Ecke der Neuen Friedrichstraße, die verschlafen dalag in der trägen Mittagsschwüle. So still schien es hier, st» friedlich abseits der jungen Regsamkeit Berlins, daß die Einwohner, wie aus dem Schlummer erschreckt, jäh emporfuhren, so oft eine schwere, knarrende Kut che die Gasse durchquerte. Und so war es an jenem schwülen Julitage anno 1803. Die Nachbarinnen stürzten ans Tor und blinzelten unter den breiten Schuten und Hauben erstaunt in das grelle Mittagslicht, geplagt von Neugier, wer da wohl angefahren käme mit der noblen «Gelegenheit»? Und nun hielt die§e ja schon, hielt — wie konnte es auch anders sein! — vor dem hochgiebeligen Wohnhause der schönen Hofrätin Herz. Nun würde wohl einer jener vornehmen und gelehrten Herren aus der Kutsche klettern, wie sie hier aus- und einzugehen pflegten. Doch die Kutsche ist leer. Nur der Kutscher klettert von seinem hohen Bock herunter und klopft mit depi schön gearbeiteten eisernen Widderkopf an das geschwärzte, hölzerne Tor. Dieses öffnet sich und läßt ihn ein. Und dann tritt aus der dunklen Einfahrt, gefolgt von dem Kutscher, der einen Koffer schileppt, ein schmächtiges, bieichwangiges Bürschlein hervor, das kaum 17 Jahre auf den schmalen, etwas abfallenden Schultern tragen mag, indes aus dem mageren Jungengesicht zwei dunkle Augen groß, tiefsinnig und schmerzlich hervorgeistern. - - Ah, der Herr Studiosus, der junge Herr Louis Baruch, reist ab. Ein halbes Jahr hatte die Herain allein mit ihm und der Demoiseile Brenna gehaust — daß dies die alte Doktorin nur zugegeben hat! Denn schön ist sie noch, die Herzin, mit ihren 38 -—, das muß ihr der Neid lassen, groß und schlank, mit samtenen Augen und einem Lächeln —, das kann solch jungem Menschen schon den Verstand kosten! Freilich — dies Bürschlein! Der und die Herzin! Nein, da kräuselten die Berlinerinnen, spöttisch, wie sie nun einmal sind, nur verächtlich die Lippen und verziehen der guten Hofrätin gerne, daß sie ein halbes Jahr nach ihres Mannes Tode den Pensionär im Hause behalten. Reputierlioh war es ja nun nicht — und sie hielt doch so viel auf Reputation —, aber freilich, solch Lämimerschwänzchen! Der so verächtlich Bezeichnete stand indessen, nachdem auch der letzte Koffer auf den Wagen gehoben und ordentlich verstaut worden, noch immer, wie zögernd, neben dem Kutschenschlag, als könne er sich nicht entschließen, Ernst zu machen. Immer wieder umfing sein Blick das teure Haus, in dem er acht kurze Monate daheim gewesen war. Wie hatte ihn hier alles so wohl berührt! Der Kamin und die Bücherschränke, ja, selbst Kissen und Fußbank atmeten Geist, Bildung und Schönheitssinn. Wie ehrwürdig, wie väterlich sorgend war ihm der Professor begegnet, welch geistvolle Stunden widmete ihm sein Lehrer Bcndavid, der gar nicht so hochmütig war, wie er anfangs gedacht, wie munter und witzig war Brenna-Rafaele (sie mailte nicht schlecht, darum hieß er sie so) — und die Hofrätin selbst — Henriette-Jette! Noch einmal will er sie so nennen. Eine dunkle Woge der Zärtlichkeit rauscht auf in ihm, wie gebettet ist er in den Strom dieses einzigen Gefühles, sein ganzes Sein ist Strömen, er möohte sein Leben, sein Ich, all seine Fähigkeiten, Hoffnungen und Kräfte zusammendrängen, wie in ein Amulett, und es ihr darreichen, wie man am Altar sich selbst zum Opfer bringt. Er biegt den Kopf in den Nacken, in seinem mageren, blassen Gesicht malt sich angespannte Qual, ein dunkler Strom saust ihm vor dem Antlitz vorüber — erst schwarz, dann feurig, flammend, er taumelt, hält sich am Wagenschlag. Der Kutscher tritt, die Bewegung mißdeutend, an ihn heran und mahnt zur Fahrt. Man dürfe die Pferde nicht durch langes Stehen ermüden. Und wie zur Bestätigung beginnt der Braune nach dem Falben zu beißen. Doch der Student wehrt matt ab. Und er zieht einen Brief aus einer der tiefen Manteltaschen hervor, prüft sorgsam Wachs und Siegel und übergibt ihn dem Kutscher: er möge doch noch rasch um die Eoke laufen, xai Apotheker Uzkas in die Königstraße, dort m eins