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Die Stimme · 1930-09-22 · Heft 144 (22.9.1930) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 144 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 144. DTE STIMME Sette T In memoriam Louis Marshall Zur ersten Wiederkehr seines Todestages Von Dr. Jakob Rosenthal Noch umrauschte uns der helle Jubel, der in jenen Augusttagen des Jahres 1929 aus der Züricher Tonhalle strömte, wo sich eben, im Angesicht der besten, größten und bedeutendsten Geister des heute lebenden Judentums, die Einigung eines seit 2000 Jahren uneinigen Volkes vollzogen hatte, als wir durch die Hiobsbotschaft von Massakers in Palästina jäh aufgeschreckt wurden und sich auf unsere kurz zuvor so hoffnungsvoll gestimmte Seele ein schwerer Alpdruck lagerte. Noch hörten wir ganz lebensnah die mächtige Stimme, mit der Louis Marshall sein «Palestine will be rebuilt» in die Versammlung hineindonnerte, noch war feucht seine mit goldener Feder unter den Pakt der Jewish Agency gesetzte Unterschrift, als uns aus dem Züricher Kantonspital sein Tod gemeldet wurde. Am 11. September, um 3 Uhr nachmittags, starb Louis Marshall. Um dieselbe Stunde, in der einen Monat zuvor jene historisch bedeutsame Tagung des von ihm miteinberufenen Councils eröffnet wurde, schloß er für immer seine Augen. Das echt jüdische Schicksal fügte es, daß gleich nach der mit so ungeheurer Begeisterung — vielleicht nur jener des Ersten Zionistenkongresses vergleichbar — aufgenommenen Gründung der Jewish Agency zwei so tragische Ereignisse die jüdische Welt erschütterten und in Trauer versetzten. Indes, dieser sein Tod, so viel Tragik er für uns gerade in jenen bangen gedrückten Tagen in sich barg, war doch nichts anderes, als der dramatisch-erhabene adäquate Abschluß eines starken, ganz großen Daseins; er bildete den klassischen Schlußstein eines Lebens, das die höchsten Gipfel menschlichen Wirkens erklommen. Seine letzte Tat, die Konstituierung der Jewish Agency in Zürich, war zugleich die Krönung seines Lebenswerkes. Vierjährig verläßt Louis Marshall sein Heimats¬ und Geburtsland Amerika, um mit bewundernswerter Jugendlichkeit und ungebrochener Kraft den Weg für die Rückkehr in die Urheimat Erez Israel zu bahnen. Louis Marshall ist nach Amerika nicht mehr zurückgekehrt. Er starb unterwegs — doch nicht aut halbem Wege. Erreicht war, wofür er ein Leben lang auf den verschiedensten Posten gekämpft: die Einigkeit des jüdischen Volkes. i: Sein letzter Blick war nach Erez Israel gerichtet, ihm galt sein letztes Sinnen und Trachten; sein letzter Gedanke, sein letzter Atemzug gehörten noch den von Horden überfallenen Brüdern in Erez Israel. Das erste Beben der herannahenden Stürme erreichte noch sein Ohr, die ersten Schatten der kommenden, schweren Ereignisse zogen noch an seinem bereits todgeweihten Auge vorüber, doch das ganze, dunkle Geschehen jener schicksalsschweren Tage blieb ihm, dem großen Kämpfer für Recht, erspart. Er war vorher heimgekehrt zu seinen Vätern, er, der so vielen Vater, Führer und Bruder war. Und groß wie der Abschluß seines Lebens war auch sein Leben selbst. Seit der Zeit, da er auf der Bildfläche des öffentlichen Wirkens erschien, gab es in diesem reichen Leben keinen Augenblick, in dem er nicht für die Ehre und Würde seines Volkes tatkräftig eingetreten wäre, keinen Augenblick, in dem er nicht für das Judentum gefochten, keinen Augenblick, in dem er nicht mit unbeugsamem Rechtsgefühl für die Gerechtigkeit in der vordersten Reihe erfolgreich gekämpft hätte. Recht und Gerechtigkeit, dies waren die Leitmotive all seines Tuns und Handelns, waren der Schlüssel zu dieser großen Persönlichkeit. Dieser starke Gerechtigkeitssinn, dieses unbeugsame Rechtsgefühl waren es, die ihn nicht nur zum Führer der amerikanischen Judenheit, sondern auch zum hilfebringenden Anwalt aller unterdrückten und verfolgten Judenmassen, insbesondere der osteuropäischen, machten. Das gigantische, zwei Erdteile umspannende Werk des «Joint Distribution Committee», dessen segensreiche Tätigkeit für die jüdischen Opfer des Weltkrieges unvergessen bleibt, schuf Marshall gemeinsam mit M. Felix Warburg. Unvergessen bleibt auch sein erfolgreich geführter Kampf für die Einwanderungsmöglichkeit der vom Zarismus verfolgten russischen Juden nach Amerika, den er als Mitglied der vom Staate New York ernannten Einwanderungskommission führte. Wie groß und mächtig sein Einfluß im politischen Leben Amerikas war, geht aus der fast unglaublich anmutenden Tatsache hervor, daß der erst kürzlich verstorbene, seinerzeitige Präsident der Vereinigten Staaten, Taft, den zwischen Amerika und Rußland seit 66 Jahren bestandenen Handelsvertrag auf Drängen der von Marshall geführten amerikanischen Judenheit als Protest gegen die Verfolgungen und Pogrome in Rußland auflöste. Dieser Sieg, den er als Präsident des im Jahre 1906 gegründeten American Jewish Committee errungen, war einer seiner größten politischen Erfolge. Hier sei auch an seine Wirksamkeit und die zielbewußte Energie erinnert, die er .als einer der Führer des ComitS des DölSgations Juives an der Versailler Friedenskonferenz gemeinsam mit Leo Motzkin und dem kürzlich verstorbenen Dr. Leon Reich entfaltete, als es galt, die nationalen und kulturellen Rechte der jüdischen Minderheiten in den osteuropäischen Ländern zu schützen. Ein weiterer, bedeutender Erfolg, der in die jüngste Vergangenheit fällt, ist sein Sieg über Henry Ford, ein in der Geschichte der Bekämpfung des Antisemitismus wohl einzig dastehender Fall. Für Judentum und für Juden kämpfte Marshall sein Leben lang. Sein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl, die große Schicksalsverbundenheit waren es, die ihn zum führenden Kämpfer fürs Judentum prädestinierten, sein echt jüdischer Gerechtigkeitssinn, sein soziales Empfinden ließen ihn für die Einzelnen eintreten. In diesem Zusammenhang verdient erwähnt zu werden, daß sein warmfühlenles Herz und sein scharf denkender Geist nicht nur den eigenen Volksgenossen, sondern auch allen anderen Schwachen und Unterdrückten Beistand leisteten. Bekannt ist, daß er in Amerika oft als Anwalt und Fürsprecher der Farbigen auftrat. Doch nie war sein Helfen ausschließliches Endziel. Nie blieb seine Hilfe bloße Philantropie. Dies ist es, was ihn aus der nicht unbeträchtlichen Zahl jener reichen, amerikanischen Juden, die an jüdischen Hilfsaktionen hervorragenden Anteil genommen und nehmen, hinaushob. Louis Marshalls Hilfe war ganz anderer Art. Immer lag seinen Aktionen, außer dem Wunsche, Leiden zu lindern, Schmerzen zu stillen, Unglück zu verhüten, eine stark bewußte, volkserhaltende Tendenz zugrunde. Und wo diese Tendenz durch augenblickliche Tagesnotwendigkeiten nicht deutlich zu erkennen war, aus der Art seines Kampfes, seiner aufrechten Haltung und Stellungnahme als Wahrer I Gemäldeausstellung im Theseus-Tempel (Volksaarten) In der reichbeschickten Ausstellung des Malers Karl Schneider ragt dasrgroßangelegte Gemälde «Vor der Klagemauer» besonders hervor. Reproduktionen desselben si-nd Im Verlag Artur Wolf, Wien, erschienen und sind Bestellungen hierauf an die Adresse «Die Stimme» zu richten. Preis: elnfärbig . . . . S 6.— koloriert . . . . „ 25.— jüdischer Interessen, traten ihre Konturen immer scharf und eindeutig hervor. Mochte es sich nun um kulturelle oder materielle Interessen handeln, ihm galt es nicht nur, seinem Volke die augenblickliche Hilfe zu bringen, sondern darüber hinaus die Anerkennung, den Stolz und die Würde des Volkes zu wahren und zu vertreten. Denn Louis Marshall war Volljude. Louis Marshall war die stärkste Persönlichkeit des nichtzionistischen Teiles der Jewish Agency. Aber wenn man Marshall reden hörte, verschwanden auf einmal Begriffe von «Zionisten» und «Nichtzionisten». Marshall selbst kannte sie ja im Grunde genommen überhaupt nicht. Es ist absolut keine Phrase, aber für ihn waren sie alle, Über alles Trennende hinweg, Juden, Glieder, eines Volkes, Kinder eines Gottes, Anhänger einer einzigen Lehre. Am klarsten hat er es selber, knapp vor seinem Ableben, ausgesprochen: «Wohl gibt es zahlreiche und verschiedene Standpunkte und viele Traditionen in bezug auf das Judentum, aber in seinem Wesentlichen ist das Judentum eine Sache: Es ist eine große Einheit. Unsere Aufgabe ist es, wie ein Mann zu stehen für die große Idee: ein Gott, ein Volk und ein Judentum.» Eo ipso war Marshall «Zionist», mußte er es sein. Denn für ihn bedeutete Zionismus gleich der jüdischen Religion «die Schöpfung eines gesunden ethischen Ausblicks und die Fortdauer der Prinzipien des Judentums». «Der Zionismus« — sagte Marshall — «hat in den letzten 25 Jahren Wunder vollbracht, indem er den jüdischen Gedanken unter unserer Jugend in der ganzen Welt geweckt hat. Er hat eine Renaissance des jüdischen Lernens und der jüdischen Gelehrsamkeit hervorgebracht und das Hebräische wieder zu einer lebendigen Sprache gemacht. Er hat Tausenden von uns, die unserer Geschichte früher gleichgültig gegenüber standen, etwas gegeben, für das es sich lohnte, zu leben und zu sterben.» So sprach der «Nichtzionist» Marshall I Louis Marshall» »eine ganze Persönlichkeit, war die Verkörperung des Jewish-Agency-Grundgedankens. Der Zweck der Schöpfung der Agency Wir nicht, aus allen Juden Zionisten im Sinne der Parteizugehörigkeit zur Zionistischen Weltorganisation zu machen. So etwas läßt sich nur durch evolutionäre Methoden und mit revolutionären Kräften erreiche« und bedarf Generationen. Das ist ein Weg, der der erzieherischen Propagandatätigkeit der Zionistischen Weltorganisation auch weiter offen bleibt und, wie es gleich vorweggenommen werden soll, mit bedeutend günstigeren Perspektiven. Man kann wohl den Weg zu dem auf gleichem Plateau stehende« Partner finden; schwer jedoch ist es, eine Brücke zu dem Abseitsstehenden zu schlagen, zum ferne« Gegner. Die Schaffung der Agency war echtester Herztscher Zionismus, war nichts anderes, als die Anerkennung des «Baseler Programms» von der ganzen Judenheit. Herzl selbst hätte kaum je an eine solche Einheitlichkeit des gesamten Weltjudentums in der Akzeptierung seines Grundgedankens, der Bildung des Judenstaates, geglaubt. Marshall war es, der als erster Prof. Ch. Welzmann — dessen eigentliches Werk und historisches Verdienst die Agency ist und der mit ihrer Gründung nach der Balfour-Deklaration und San Remo den politisch-staatsmännisch größten, noch immer zu wenig gewürdigten Triumph der zionistischen Idee erzielte — die Hand und die Möglichkeit bot, das so schwierige Terrain zu bearbeiten und zu einem fruchtbaren Ende zu bringen. Marshall war es, der das gesamte amerikanische Judentum, ohne dessen tatkräftige Hilfe eine Kolonisation Palästinas in den letzten Jahren fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, für Palästina zu bestimmen wußte. Sein politisch menschlicher Sinn sagte es ihm, daß ein Palästina mit Balfour-Declaration und Mandat nicht bloß ein Produkt romantischer Träumer, nicht mir eine Domäne eines Teiles der Juden, der Zionisten, sein könne und daß man andererseits vor sich, dem Weltjudentum und der ganzen übrigen nichtjüdischen Kulturwelt gegenüber die Verpflichtung hätte, dieser Heldentat von Menschen, die sich eben anschickten, eine jüdische Welt neu aufzubauen, ein zerstreutes Volk wieder zu sammeln und es in das Land seiner Väter zurückzuführen, beizuspringen und sie ja nicht im entscheidenden Moment im Stiche zu lassen —- dem Weltjudentum und der übrigen Menschheit gegenüber. Man merkt bereits hier die geistige Konzeption, die Louis Marshall an der Schaffung der jüdischen Heimstätte in Palästina hatte, von ihrer Bedeutung nicht nur für die Zionisten allein, sondern darüber hinaus für das Weftjudentum. Und so verstehen wir die Hingabe und Begeisterung, mit der er vor einem Jahre bereits als Todgeweihter in Zürich die noch Zaudernden und Schwankenden zur Mitarbeit am Palästinaaufbaifr werk mitzureißen wußte. Auf die Gewinnung dieses einen Mannes konzentrierte sich daher Weizmann, der es sofort erfaßt hatte, daß er mit Marshall die gesamte amerikanische Judenheit für den Palästinagedanken heranziehen konnte, mit der ganzen ihm innewohnenden Ueberzeugungskraft Es gab genügend Schwierigkeiten, die für Marshall nicht leichter zu überwinden waren, als für Weizmann selbst. Aber diese einmal überwunden, stand man nahe, ganz nahe dem Erfolg. Fünf lange Jahre, von 1923 bis 1928, währte das Ringen dieser beiden großen Führer.- Und als die Idee siegte und sie sich anschickten, den schweren Weg zum gemeinsamen Ziele nunmehr gemeinsam zu gehen, ward Louis Marshall von dieser Erde abberufen. Wir waren um einen ganz Großen ärmer ge worden. Nachdruck verboten. Die Seele Israels Von F. C. Kruczynska «Hört Ihr, daß irgendwo trm eine Faha sich zehn Verwegene gesteht. Lacht nichtI — Ideen brechen sielt Bahn! Zehne bekehren die Weltl Guido Münzer. Der Zionismus ist die schönste Idee des Jahrhunderts, die uneigennützigste, die lyrischeste. Die Seele Israels hat wieder ein Palladium: die Rückkehr in das Land der Väter, zurück zur Scholle! Hinweg von Zivilisation und Kulturbedürfnissea zu rauher Arbeit und Entbehrungl Es liegt darin eine geradezu rührende Naivität, eine Religiosität des Gefühls, die an die unschuldvollen Kreuzzüge holder Kinder erinnert. Singend, hoffend zogen sie aus nach Jerusalem, in spontaner Hingebung, mit grünen Reisern geschmückt. Dieses alte Kulturvolk der Juden ist Jung geblieben, wehrhaft und lebenstüchtig. Es hat brodelnde Kraftquellen in seiner Tiefe, die eines Geisers, nicht nur sprudelnde Fontänen. Der Zionismus entstand aus der Abwehr des jüdischen Volkes gegen jahrtausendealtes Unrecht Er ist die Antwort auf Pogrom und Verfolgung, der ideale Aufschwung, das Sich-zur-Wehr-Setzen getretener Würde gegen nationale Verfehmtheit, der Funke des Stolzes, der zur Flamme emporloderte.

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