Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-09-22 · Heft 144 (22.9.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 144 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053897--1919-3057310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 4 Oft STIMME Nr. 144 Joden! Gedenket beim Thoraanfrnf des Keren Kajemetii! DIE STRENG ORTH, ISD SELCHWARENFABRIK > PETYAJV & CO. ENTBIETET ALLEN IHREN FREUN¬ DEN» KUNDEN UND LIEFERANTEN rata nDwn nnvo besetze^. Nicht weniger wichtig ist es, möglichst viele * Schäler aas der Diaspora nach Erez Israel zur Erziehung zu ^sefetckea. Seit der Begründang der hebräischen Mittelschulen in Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa kommen alljährlich einige Dutzend Schäler aus den Galuthländern nach Erez Israel. Die Eltern haben dienen mit gewissen Opfern verbanden«! Schritt nicht zu bereuen, denn unsere Abiturienten gereichen uns zur Ehre an europäischen und ,aiuenikamschen Hochschulen. Die Organisation des hebräischen Schulwerkes in Erez Israel könnte ohne Schwierigkeiten viele tausende Schüler aus der Diaspora aufnehmen, aber dem löblichen Beispiel folge« nur wenige Eltern. Bei der hingebungsvollen Liebe der Jude« zu ihre« Kindern ist diese Zurückhaltung begreiflich. äb wir an unseren Mittelschulen tausende auswärtiger Zög- Rnge sehen werden, dürften wohl noch Jahre vergehen. M*t den gegebenen Verhältnissen rechnend, hat eine Gruppe hebräischer Schulmänner für jüdische Studenten m der , Diaspora die Parole ausgegeben: Schana ba-Araz — eia Jahr in Erez Israel, i Zwölf Jahre verbringt der jüdische Schüler auf der Schulbank in einer nichtjüdischen Umgebung, bis er für die f Hochschule reif wird; das dreizehnte Jahr sei dem! jüdischen Volke gewidmet Mit anderen Worten: wir fordern einen einjährigen freiwilligen Dienst für das Judentum. Aber nicht eitlem Waffenspiel gelte dieses cFreiwffligen»-Jahr, sondern intensiver geistiger Arbeit im Lande f der Väter, ln diesem Jahre soll der junge jüdische Mensch sidi seine eigene Sprache, die hebräische, in Wort and Schrift aneigne^n, Erez Israel in Vergangenheit und Gegenwart und den Zionismus an seiner Arbeit kennen lernen. Alljährlich kommen junge Studenten nach Erez Israel mit dem Vorhaben, hier länger als nach Touristenart zu bleibe«. Jeder geht seine eigenen Wege, ohne erfahrenen Rat und ohne Anleitung. An wen sollten sie sich denn wenden? Um jüdische» Abiturienten und Hochschfilem zu ermöglichen, ihr «FreiwilligenM-Jahr in Erez Israel voll auszunutzen, wird bei der hebräischen Lehrerbildungsanstalt in Jerusalem — Beth Hakerem, ein Schana ba-Arez Kurs gegründet, der ausschließlich für Juden aus dem Ausland berechnet ist und auch Anfänger im Hebräischen zuläßt. Dje Lehrerbildungsanstalt mit ihrem fünfjährigen Lehrkurs reicht in den zwei oberen Klassen über das Niveau einer Mittelschule hinaus. Die Anlehnung an eine Lehrerbildungsanstalt wird es ermöglichen, die Kenntnis des Hebräischen, nötigenfalls durch individuellen Unterricht, in einem Jahre zu erzielen. Die Landes- und Volkskunde soll itejt zahlreichen Wanderungen verbunden werden. Das gl ff cm» gilt für die Kenntnis der jüdischen Institutionen. NichFbrit der Hast eines Touristen im dahinsausenden Auto, sondern auf Fußpartien in ruhiger Betrachtung unter wissenschaftlicher Leitung soll der junge Jude sein Vaterland kennen lernen. Von gleicher Wichtigkeit wie der Unterricht ist für unsere Jugend aus dem Westen das Leben in rein jüdischem Milieu, die Teilnahme an den Mühen und Sorgen des Alltags wie an den Freuden der Feste. Denn eines muß den Brüdern in der Galuth gesagt werden: das junge, schaffende Erez Israel hat sich nie von Klein- und Schwermut überwältigen fassen. Das Erez-Israel-Jahr wird unseren ausländischen Brüdern nicht nur ein nützliches und lehrreiches, sondern auch ein recht frohes Jahr sein. Und wenn alljährlich Scharen von Einjährigen mit den Klängen der hebräischen Sprache in die Galuthländer zurückkehren, dann wird mit ihnen frisches jüdisches Blut in die Kehilot kommen und jede jüdische Familie wird eine Erez-Israel-Insel im Weltmeer der Galuth bilden. Fürwahr, Schana ba-Arez ist kein Märchen. Anmerkung der Redaktion. Anfragen sind zu richten an: Teachers Training School, Jerusalem, Beth- Hakerem. Unsere geehrten Leser werden auf das Inserat der Feinwaschanstalt «Habsburg», Zentrale: VI., Wallgasse 4 (Seite 1), aufmerksam gemacht. Die Firma ist als einzige dieser Branche Mitglied der Rabattsektion des Keren Kajemeth, und die Mitglieder dieser Sektion genießen bei Bestellungen den üblichen Rabatt. Locarno Sädjdiweiz W Pension Villa Montana Tat. 706, Haus I. Rang««. FllaSandas V/asaar, schSnate Lage, groBar Pari«. VorzUgltaha Verpflagung. 8«hr mSBIga Praia«. Frau F. KAHN1 “ltD m too nt* Fettgehalt Gelb, geschmeidiges Pflanzenfett, überall erhältlich Unter Aufsicht des Herrn Oberrabbiner Fürst CSchiffsschul) Tozereth-Haarez! Das Judentum erfand stete Formen, um den Zusammenhang zwischen Erez Israel und dem jüdischen Volk aufrecht zu erhalten. Hier soll das stete Gebet um Tau im Sommer und um Regen im Winter erwähnt werden. Diese Gebete meinen Tau und Regen für — Palästina. Im tiefsten Winter feiern wir Juden ein Frühlingsfest — Chamisclia-Assar bi’Schwat, weil zu dieser Zeit in Palästina der Frühling beginnt. Zu Sukkoth verlangt das Judentum von seinen Söhnen, daJß sie Erez Israel wieder gedenken, und zwar durch Bezug von Früchten aus Palästina, die gerade zu Sukkoth dort reifen, speziell der Ethrog. Und da geschah etwas merkwürdiges: Die Judenheit vergaß das eigentliche Ziel — Zusammenhang mit Erez Israel und seiner Pflanzenwelt — und klammerte sich bloß an die Form: Die palästinensischen Ethrogim wurden beiseite geschoben und an deren Stelle Ethrogim aus Korfu für religiös entsprechender erklärt. Die Folge war, daß in Korfu die Ethrogen- Kultur zu einer sehr lohnenden Beschäftigung Hans Herzls letzte Nacht | Ein Schattenbild von Z. F. Finkelstein Er irrte wie im Fiebertraum auf dem Deck umher und beachtete kaum die spähenden Blicke des Schiffspersonals. Es wird eine stürmische Ueberfahrt geben — vielleicht eine Decke gefällig, Sir? No, Thank you. i Er erschauerte unter dem Klang seiner eigenen Stimme. In den letzten Monaten lebte er in seiner Londoner Mansarde so weltabgeschieden, daß ihm plötzlich seine eigene Stimme hohl und fremd vorkam. Mit verzerrtem Blick starrte er in die Finsternis. Wüst und kalt lag da das Meer, umbraust von den üblichen Mütemachtsstürmen auf der Strecke Dover—Calais. Nur rase hex! rascher!! — Rasende Ungeduld peitschte seine Sinne. Vor kaum einigen Stunden traf iba wie ein Keulenschlag die kurze Nachricht von der schweren Erkrankung Paulines und wie in einem Taumel packte er rasch seine Koffer und stürzte sTch hi den ersten Boss zum Bahnhof, um noch rechtzeitig den nächsten Passagierdampfer zu erreichen. Vor kurzer Zeit sah er noch seine Schwester. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie da im Krankenzimmer der Irrenanstalt und klammerte sich aufschiuchzend an den Bruder. Mit glühenden Kü96en bedeckte sie seine Hände, sein Antlitz. — «Hans! Haas! Bleib bei mir! Verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!!» schrie sie m lahmender Angst. Nein, nein! — Es ist eine infame Lüge, schoß ihm durch den Shm. — Sie ist nicht geisteskrank! —* Nur e r versteht sie. Niemand versteht Herzls Kinder — diese unendlich traurigen Königskinder, die mutterseelenallein au der Erbsünde des letzten Geschlechtes verbluten . . . Ein kalter Schauer kroch Run über den Rücken. Seit dem Abschied vom Krankenhaus verfolgt ihn dieses verstörte Antlitz mit den schreckensstarren Augen uod bohrt sich mit Feuersglitt m seine wunde Seele. «Hans! Hans!» — geitt ihm noch der mark erschütternde Schrei in den Ohren. — «Der Vater mit mich — laßt mich zu ibm gehen — laßt mich! . , .» Die Wärter stieße* Om brutal aus dem Zimmer. Doch lange noch hörte er dieses Schreien hinter der Tür, bis es in einem winselnden Schluchzen erstarb: «jUhteNbHBttm Vater * Auf dem obersten Schiffsdeck kauerte er sich auf einer Bank hin. Eine Meereswelle stürzte plötzlich über den Bug und in dem furchtbaren Gebrüll aufschäumender Wogen schien 'er das weite Rufen seiner Schwester zu vernehmen. Seiner Schwester? Kindheitserinnerungen durchzuckten seine Gedanken. War es nicht seine Mutter, die er erst unlängst im Krankenhause gesehen hat? Diese Augen, diese Lippen, das aufgelöste blonde Haar und die todmüden, weitausholenden Gebärden der Verstorbenen. Bald nach dem Tode seines Vaters wurde sie ihm jäh entrissen, doch schwand sie ihm nie aus dem Gedächtnis — tieftraurig, hoheitsvoll und von namenlosem Schmerz eines freudelosen Daseins gezeichnet. Und als er heranreifte, da traten cHe Schwestern an ihre Stelle. Die einzigen, die ihn verstanden und mit grenzenloser Zärtlichkeit seinen wirren Lebensweg begleiteten. Lebensweg? . . . Wie ein erbärmliches Wrack lag plötzlich dieses Leben vor ihm. Eine ewige Hetzjagd unter fremden Menschen, die für ihn nur Trost und Mitleid hatten, wo er sich krampfhaft nach stolzer Liebe und Gegenliebe sehnte. Eine wühlende Unruhe trieb ihn stets nach eigenen Gedanken und eigener Schicksalsformung, dieweil jeder in ihm nur den Sohn des toten Führers sah und den vorgezeichneten Vollender seines Werkes. Und so lastete diese Erbschaft zeitlebens wie ein Fluch über ihm und zehrte an seinem Lebensmark. Was war ihm dieser Vater? . . . Aus den Tagebüchern schlug ihm wohl unzähligemal wie ein Sturmhauch seine übergroße Zärtlichkeit entgegen, aber er erinnerte sich nur an die ragende Gestalt, die ewig müde, abgespannt, gehetzt von Furien schwerer Sorgen zwischen einer Reise und der anderen durch das Kinderzimmer vorüberhuschte. Wie z* einem Turm mußte das Kind aufblicken in die traurigen Augen des Vaters und so verblieb auch nach dessen Tode der übermenschliche Schatten, in dem sein Eigenleben verschwindet . . . Theodor Herzls Sohn! . . . Wie ein Hohnschrei von Jahrhunderten treibt ihn dieser Fluch. Von Land zu Land, von Beruf zu Beruf, von Gott zu Gott. Er war ein Waisenkind, das m der Fremde heranwuchs, dann wurde er Bankbeamter, Soldat, Schriftsteller, Stundenlehrer, Reporter, Uebersetzer — von Stufe zu Stufe gleitet er zusehends ab. Doch stolz lehnte er stets jede Gnade ab. Nur keine Gnade! . . . Nur kein Mitleid mft dem Sohn und Erben Theodor Herzte. Ein Königssohn! Was wissen die Menschen vom wühlenden Schmerze des Letzten aus dem Geschlechte Herzls? ... Was wissen sie von dem Fieberschauer einer kämpfenden Kreatur, die zeitlebens nur im Lichte wandern muß? . . . Stets auf der Hut sein, ewig die bohrenden Blioke voll Angst, Neugierde und Erwartung auf sich gerichtet fühlen. Kein Eigenleben, keine Liebe um seiner selbst willen, im besten Falle Pietät und auf der Höhe seines Lebens Abscheu und Verachtung des ganzen Volkes für den Abtrünnigen . . dieses Volkes, für das sein Vater verblutete . . . Ich kann nicht weiter — ich kann nicht! schrie er beinahe laut auf und ein Schluchzen schüttelte seine Brust. Ein Regenschauer klatschte über seine fiebernde Stirn und riß ihn aus dem dumpfen Brüten. Bis zum Hals klopfte ihm das Herz. Er griff nach dem Rockkragen, da es ihn schüttelte und berührte unwillkürlich das Kreuz aus Elfenbein, das er seit fünf Jahren als Amulett bei sich trug. Wie ein Knochengerippe hing es an einer Halskette und schmiegte sich kalt an seine nackte Brust. Der gute Kaplan Hechler — durchzuckte ihn der Gedanke. — Wenn er wüßte, wie mir dieses Sinnbild des Leids in letzter Zeit zu einem wesenlosen Schema zerrann? . . . Nach Erlösung suchte krampfhaft meine wunde Seele und für eine Weile dachte ich das würgende Erbe kn All der Christenliebe zu ersticken. Doch bald, allzu bald siegte das Erbe des Blutes über den Menschensohn aus Nazareth . . . Nein! neki! — Ich laß mich nicht — ich laß mich nicht!! ... Auf den wildtosenden Wellen schaukelte das Schiff und die furchtbare Anspannung der letzten Monate peitschte sein krankes Herz in Angst und Schauer. Mit einem Ruck riß er das Kreuz von der Brust und schleuderte es in die Wellen. Wie von einem Alpdruck befreit, löste sich seine Beklemmung. Nur weg von mir! weg! hämmerte es dumpf In seinem Hirn . . . Er war so müde —: müde. Die Augen brannten in Fieberglut und ein Gefühl des Losgelöstseins von all dem Wirrsal seiner letzten Jahre entspannte langsam seine Glieder. Nur sich nicht unterkrfegen lassen! — Sie muß gesund werden, meine Pauline — Blut von meinem Blut, stolz wie ich — und ach! wie ich, unendlich einsam in der großen, wüsten Welt Mut-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.