Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 144 (22.9.1930)
- Date
- 1930-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 144 DIE STTMME oeite 6 wurde, während in Palästina dieser Zweig sich gar nicht entwickeln konnte. Kein Wunder also, daß seit der Entstehung der zionistischen Bewegung von führenden religiösen Kreisen ein Kampf für den palästinensischen Ethrog eingeleitet wurde, der bis zum Mutigen Tage noch nicht beendet ist. Nun glauben wir, daß die Zeit hierfür endlich gekonrnnqi ist, daß sich nationale und zionistische Kreise mit aller Energie in diesen Kampf für den Palästinensischen Ethrog — soweit er von Juden gezogen wird — stürzen. Die beste Form wäre, daß die Zionisten vom religiösen Judentum den Ethrog-Brauoh übernehmen: Zu Sukkoth soll in jede m j ü di s ch e n Ha u se ein Ethrog aus Palästina seinen Platz haben. Mit einem Schlag werden zwei Zwecke erreicht: 1. ein lebender Gruß aus Erez Israel; 2. die jüdische Produktion Palästinas wird gefördert. Dr. Chaim Tartakower. Die gefährlichen Jahre beginnen bei dem Menschen Anfang der Vierzigerjahre. Benommenheit des Kopfes, Nervosität, Schwindelgefühl, Kurzatmigkeit, Herzbeklemmung, frühzeitige Ermüdung, allgemeine Mattigkeit, Arbeitsunlust, Schlaflosigkeit usw. sind die ersten Anzeichen und sind diese Beschwerden nicht ernst genug zu nehmen. Beizeiten bekämpfe man sie mit R a d i o s k 1 e r i n, den frei verkäuflichen, radiumhaltigen Tabletten, wodurch die Blutzirkulation in de» Pulsadern gefördert, die Arbeitskraft erhöht wird. Radiumgehalt amtlich geprüft. Depot und Auskunft: Apotheke Bayer, Wien, I., Wollzeile 13. Prospekte gratis und franko. Seittffe englifdje 6foffe ALBERT HARDT gegr. 1797 WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 20-3-47 § SVünan&eäö» Schulersfa“ Gvtha&ßQarQ» si&cfisf dnx&e&nspTdLiz HütiEPÄAAS »Sohne Erinnerungsblatt Von Marek Scherlag Der Abend naht. Kolnidre wird heute im Gotteshause angestimmt. Ehe die ersten Sterne erglimmen, gilt es, im Bethaus zu sein. Eile tut also not Schon ist die üppige Mahlzeit, die man zum Verfasten nimmt, vorüber. In den silbernen Leuchtern brennen die Kerzen wie jeden Freitagabend auf dem blendenden Tisch. Außerdem eine riesige gelbe Wachsstange, die in einem tönernen, mit Erde gefüllten Topfe steht. Wie eigentümlich ist ihr Flackern, wie düster. Da hüllt sich der Großvater in das weiße Totenhemd — ein Schauer geht mir durch Mark und Bein — er nimmt seinen großen, seidenen Talles mit der silbernen Borte um und steht in Pantoffeln eine Weile unschlüssig da. Auch seine Frau ist zum Gehen bereit. Nun schlüpft er über die Gasse zu einem Nachbarn — ist es nicht Leibele Schuster? — und reicht ihm, mit dem man eine Zeitlang wegen eines Tratsches in Unfrieden lebte, die Hand zur Versöhnung. Dann küßt er mich auf den Mund, segnet mich dabei mit einem Spruch und murmelt: «Bete auch du für Vater und Mutter, auf daß sie gesund bleiben und sieh versöhnen.» Bald schreiten wir schweigsam durch die stille Stadt der Synagoge zu. Stolz erfüllt mich, daß kh wie eia Großer zu fasten begonnen habe. Gestalten eilen dahin, alle festlich gekleidet, gehoben, geläutert, versöhnt. Im Bethaus wendet sich die Großmutter zor Treppe, die in die Frauenschul hinaufführi Der Großvater streift die Pantoffeln ab und läßt Sich gleich beim Eingang in der kleinen Vorhalle auf die Knie nieder. Stroh und Heu bedeckt den Boden, damit man in den Socken etwas leichter herumgehe. Da versetzt dem demütig knienden Greise eia finsterer Man«, eine Art Schames, mit einer Rute einige Streiche auf den Rücken, vielleicht ein Zeichen der Sühne für Sünden. Wir suchen unsere Plätze unweit von dem Stand des Vorbeters auf, nicken und grüßen nach allen Seiten. Hier oben sitzen der Propinationspächter, der Eisenhändler, beide Harnisch, der Matrikelführer, der reiche Klar, der Onkel Schije und andere Persönlichkeiten, während drüben, dem Tore zu, sich die minderen Juden drängen. Von den Onkeln betet keiner hier, jeder gehört einem anderen Bethausverein an. Onkel Noah, als Anhänger des Husiatyner Rabbi, ist sogar bis nach Husiatyn zum Beten gefahren. Von den minderen Juden kenne ich nicht viele, ich nehme nur Leibele Schuster aus, dann sehe ich dort einige kleine Handwerker, ja auch Schnorret, Bettler und den unheimlichen Belfer. Auch einige bekannte Knaben sind im flimmernden Schein der vielen Kerzen zu sehen, alle sind sie jetzt ernst, erwartungsvoll. Und ganz drüben, schon dem Ausgange za — glaube ich —, der Rothaarige. Aber heute flößt er mir keine Angst ein. Es flimmert mir vor den Augen, als wären sie angestrengt. Nun ertönt das erhabene Kolnidre, bei dessen | langgezogenen riefen Klängen es kalt und heiß meinen Rücken überläuft, daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann. JÜDISCHE ELTERN! Kauft SchulbllcIMr für Eure Kinder nur in der JQdlsdtaa Buchhandlung Hermann Tuchner Wien, II., Gr. Stadtgutg. 7 (Ecke Taborstraße 52) Tel. 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Fremde Menschen kommen auf ihn zu und starren ihn mitleidsvoll an. Hat er , seine Ankunft angekündigt? Er beachtet sie kaum, bis sie ihn gewaltsam aufhalten. Pauline? Pauli n el? — schrie er wie wahnsinnig nod blickte in die finsteren Augen der Wartenden. Wie ein wilder Aufschrei der Verzweiflung kam es aus seiner Brust. Er taumelte. Tot? Tot?!!. . . bi grellen Blitzen ballte sich die dumpfe Ahnung zur Gewißheit Auch sie verloren! Auch sie! Ohne das Gewimmel der Menschen za achten, rannte er wie geistesabwesend ins Krankenhaus. Gebt mir meine Schwester! — gurgelte es aus ihm heraus. — Sie ist nicht tot! — Sie lebt noch! — Sie muß noch leben — Herzls Tochter — die Königstochter 1 kh maß sie wecken! Laßt mich! Laßt mich! . . . Sein markerschütternder Schrei erfüllte dos Krankenhaus. Wie ein Wilder stürzt er sich auf die Bahre, bis man ihn gewaltsam fortriß. Sein Hirn brannte und jäh blitzte in ihm der Gedanke auf, daß lein Lebensweg durch eine ewige Grabesreihe sich windet Es versinkt der Reihe nach Herzls Geschlecht — vorzeitig — mit gebrochenen Adlerschwingen ... Spät abends brachte man hm in ein Hotelzimmer. Ein Weinkrampf, den er stolz m ersticken versuchte, schüttelte noch leise seinen Leib. Die große, hagere Gestalt sank förmlich ln sich zusammen. Apathisch starrten die blutunterlaufene« Augen in die Ferne und unzählige Runzeln durchfurchten das bartlose Gesicht wie Runen schwerer,; Mwggr Kämpfe. Er brütete vor sich hin. Noch dröhnte in seiner Hirnschale sein dumpfes Rufen nach der toten Schwester. Pauline! Pau—li—ne!... Wo ist er jetzt? — Wohin brachten ihn diese Menschen, die er zum ersten Male sah, und die ihn so fürsorglich betreuten? — Dunkel erinnert er sich nun, daß er vor der Abreise den guten Pater Hechler anrief und durch ihn ein Hotelzimmer in Bordeaux bestellen ließ. Eine Krankenschwester in weißer Tracht berührte sanft seine heiße Stirn. «Sie müssen sich fassen. — Es ist unser aller Schicksal. — Fassen Sie Mut, Monsieur Herzl.» — Der Klang seines Namens rüttelte ihn auf. Wie aus einem dumpfen Todesschlaf kam er langsam zur Besinnung. Wie ausgeleert von all den Qualen des Lebens lag er kraftlos auf dem Bett. Er blieb allein im Zimmer und hörte nur sein krankes Herz gewaltsam hämmern. Müde bin ich, müde — schwirrte es ihm im Kopfe. Für eine Weile umklammerte ihn ein bleierner Schlaf, doch bald erwachte er, wie durch das Schaukeln des Schiffes geweckt. Dieses Schaukeln steckte ihm noch in allen Gliedern und das Geheul der Wellen fließt merkwürdigerweise mit seinem Schluchzen an der Bahre Paulinens zusammen. Wie ein müdes, krankes Kind kommt er sich vor. Ein Kind, das hilflos in einer finsteren Nacht nach der Mutter weint Unwillkürlich kommt ihm ein Wiegenlied in den Sinn, das ihm einst sein Vater vorzusingen pflegte: «Kam ins Dorf eftn armer Jod — lud, Jud, Jud, -~ Riefen ihm die Jungen nach: Jud, Jod, Jud. Einer warf ihm einen Stein, Fiel er in den Graben ’rein, Voll Blut, Blut, Blut!...» Mit einem grenzenlosen Schreck schnellte er plötzlich empor. Ein blutender lüde! — Isfs nicht ein Sinnbild seines eigenen Lebens? Wo er zeitlebens hinblickte — strömendes Herzblut — fremden und eigenen Leids, das ihn erbarmungslos überflutete. Blut —Blut — Blut — noch hört er die todmüde, traurige Stimme seines Vaters, die ihn in den Schlaf wiegte. Ist es nicht derselbe Schlaf, den er jetzt mit allen Fibern seiner Seele gewaltsam herbeisehnt? Nur Ruhet Ruhe! Ein ruheloser Wanderer war er Zeit seines Lebens. Wie eine heißgelaufene Maschine kam er sich vor. Maschine — nur Maschine . . . Vater! Isfs nicht genug des Gaukelspiels der Vergangenheit? ,G e n u gl — schrie er in wahnsinniger Pein. — Ein Erlöser deines Volkes wolltest du sein. Vater. «mH wie ein Schatten hurt dein Sohn durch die Welt mit dem Wundmal des blutenden Juden. Soll ich vor dein Volk treten und meine unendliche Schwäche bekennen? Ich, der jüdische Königssohn? Soll ich deinen Namen wie eine würgende Fessel wegschleudern und unbekannt tmd unerkannt in der Fron des Tages untergehen? — Nein, kein Vollender deines Werkes kann ich sein, aber auch kein Werkzeug fremden Willens. —-So ringt, Vater, dein Sohn seit 25 Jahren mit dem Schicksal, darbt, beißt in namenlosem Schmerz seine Lippen zusammen, schweigt und kämpft, bis ihm sein Leben in ein Nichts zerrann ... Es klopfte an die Tür. Er erschauerte. Rasch überflog er den Brief, den ihm der Hateidiener überbrachte. — «Einige Herren und Damen von Bordeaux wollen dem Sohne des großen Herz] die Aufwartung machen.» Wie ein Dolchstoß traf ihn diese Botschaft — «Bedauere lebhaft, bin heute zu müde — vielleicht morgen», ließ er durch den Diener ausrichten. Grenzenlose Raserei packte ihn. Dem Sohne — dem Sohne! — wühlte es in ihm. Sogar in meinem tiefsten Weh sieht man nur den Sohn Herzls. Wo bin i c h denn mit meinem wühlenden Schmerz, der mich bei lebendigem Leibe zu Tode martert? Alles fließt nur von der Urquelle des Vaters. Seine Augen, sein Atem, sein Schmerz, seine Sendung! Bin i c h denn nicht ein Mensch wie tausend andere? Mußte gerade dieser Vater mit seinem Todeshanch die Seele seines Kindes auslöschen? . . . Aufbrüllen möchte er wie ein verwundetes Tier. Verkriechen sich vor all den Menschen, denen er nur Enttäuschung ist oder gar ein nichtswüidiges Abbild des Toten. Wie ein Fieberschauer durchzuckte ihn das würgende Bewußtsein eines fremden, übermächtigen Willens, der ihm sein Rückgrat brach. Zornerfüllt sperrte er die Tür ab. — Niemand, niemand soll mich sehen! — Ich bin ja nur der Sohn, nichts als der Sohn. — Sein Atem stockte. Mit langen Schritten durchmaß er das Hotelzimmer und heftete seinen Bück auf die Wände, die ihm weiß und leer entgegengrinsten. Mit einem Ruck blieb er plötzlich stehen. Ueber seinem Bette hing ein Kreuz mit dem Heiland. Ein Kreuz im Hotelzimmer? War es ein Zufall oder die Fürsorge seines Schutzgeistes Hechler, der ihn auch in einem Hotelzimmer Bordeaux’ nicht ohne dem trostspendenden Anblick des Kreuzes lassen wollte? Mit angsterfüllten Augen starrte er in dieses Sinnbild des Leids. Der Blick des Uekreuzigten weitete sieb, der Bart breitete sich Über das