Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 142 (11.9.1930)
- Date
- 1930-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sri fö' fl'** ’ DIE STIMME Nf. 142 Misrachi-Zentrale, Wien, II., Praterstr. 11 Anläßlich der h, Feiertage veranstaltet die Misfachl-Zentrale in ihrem geräumigen Lokalitäten - wie alljährlich - einen feierlichen OTTESDIENST und ist für ausgezeichnete Vorbeter gesorgt. Karten sind Im Misrachi-Büro zu haben: von 10 — 12 und von 4 — 6. Um all diesen Hindernissen und Beschränkungen in der akademischen Laufbahn von Juden begegnen zu können; ist schon vor längerer Zeit das Projekt einer jüdischen Universität in Amerika aufgetaucht. Vor allem ist es der jüdische Kongeßmann Dr. William Sirovich aus New York, der seit fünf Jahren die Idee einer jüdischen Universität unablässig propagiert. Ebenso wie an allen anderen Hochschulen der verschiedenen Religionen, Konfessionen und Sekten Studenten jeden Gu-ubens Zutritt haben (oder zumfndestens haben sollten), wird auch: die jüdische Universität bei der Aufnahme von Studenten. verschiedener Religion und Nation keine Unterschiede machen, aber sie wird doch die einzige Hochschule sein, wo der junge lernbegierige jüdische Student sich nach jeder Richjtung hin entfalten 'kann. Es ist noch unsicher, ob und wann (dieser Plan verwirklicht werden wird. Dr. Sirovich .beabsichtigt, in nächster Zeit einen 25-Millionen-DoUar-Drive für diesen Zweck durchzuführen. In diesem Zusammenhang sei auch auf die kürzliche fi-Millionen-Dollar-Stiftung des greisen Newarker jüdischen Millionärs Louis Bamberger hingewiesen, die er für den Aufbau einer vorgeschrittenen Lehr- und Lernanstalt mit hochschulmäßigem Charakter bestimmte. Diese Anstalt, wlro American University heißen und Angehörigen aller Rassen lind Glaubensbekenntnissen offen stehen. IV. Wie stark die Judenfeindlichkeit in den Vereinigten Staaten um sij;h gegriffen hat, mag man etwa aus der Tatsache erkennen, daß sich ihr jüngst sogar der alte Freunddes jüdischen Volkes, Präsident Hoover, beugen mußte., 'Als nämlich vor nicht langer Zeit ein Sitz im Supreme Court- [(Oberster Gerichtshof) frei wurde, zögerte Hoover nicht,, iden anerkannt besten praktischen und theoretischen Juristen 'der Vereinigten Staaten, Richter Benjamin Cardozo aus 'New York, für dieses hohe Amt vorzuschlagen. Sachlich hatte niemand gegen diesen Mann etwas einzu.wenden, aber der Umstand, daß im Supreme Court mit Louis D. Brandeis bereits ein Jude sitzt, Keß eine weitere jüdische «Belastung» nicht als wünschenswert erscheinen; Hoover mußte nach geben. In jüdischen Kreisen Amerikas ist es weiters auch bekannt, daß Präsident Hoover durch seine iVerwendung von Juden im diplomatischen [Dienst (z. B. die Gesandten Ratschesky, Hermann Bernstein und David Kaufmann in Prag, Tirana und Siam) sich viele.Sympathien'bei den hundertprozentigen Vollamerikanern verscherzt hat. Als echt amerikanische Kulturgroteske sei schließlich eine Form des religiösen Antisemitismus erwähnt: eine vornehme Kirche in der Fünften Avenue in New York hat nämlich bei der Aufnahme jüdischer Konvertiten eine Prozeritqorm eingeführt, die nicht überschritten werden darf. V. Interessant ist die Reaktion, die der Antisemitismus bei den amerikanischen Juden auslöst. Da die Judenfeindliöhkeit erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit in rüdere Föhnen ausartete; sind die Juden aus ihrer Ueberrasfchung nodh nicht recht herausgekommen. Viele glauben nur eine momentane antisemitische Welle zu sehen, die bald abebben wird. Diese Optimisten appellieren an ihre Mitbürger, den Antisemitismus als unamerikanisch» zu verabscheuen und zü bekämpfen. Die Skeptiker hingegen fürchten, daß e u r opäiisehe Zustände, in amerikanischen Formen neuerstanden, langsam, aber kaum aufhaltsam herannahen; denn wie in Europa sind es vor allem die reaktionären Ueberpatrioten, die moralischen Reinlichkeitsfanatiker, die die «damned Jews» («verdammte Juden») als Grund alles Uebels in der Welt ansehen. Wagt es ein Jude, liberale Ansichten zu äußern, dann sind alle Juden die «radicals» (darunter versteht der Amerikaner alle, die von der kapitalistisch-puritanischen Weltanschauung abweichen, also Liberale,. Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten dn gleicher Weise), die die Grundlagen der geheiligten amerikanischen Gesellschaftsordnung unterminieren. Im großen und ganzen ist von einem gemeinsamen Vorgehen gegen den Antisemitismus nichts zu berichten. Außer schwachen Protesten liest man in letzter Zeit in der Jüdischen Presse Amerikas viele Geschichten über Leute, die ihre jüdisch klingenden Namen in englische umwandeln. Der amerikanische Jude liebt es, wie sein nichtjüdischer Mitbürger, eine Sache nicht von der ideelen Seite zu untersuchen, sondern sie praktisch anzupacken. Mag man wie immer über Menschen denken, die aus materialistischen Gründen um Aenderung ihrer jüdisch klingenden Namen ansucIkii, die Tatsache bleibt bestehen, daß sie aus Not dazu gezwungen sind. Sporadische Einzelaktionen dieser Art werden natürlich das komplexe Problem des amerikanischen Antisemitismus nicht zu lösen vermögen. Auch wenn sich alle Lipschitz’ in Leafs, alle Jösselowitsch* in Jones’, alle Cohens in Kellys verwandeln, wird dennoch die in ihrem innerlichen und vielleicht auch äußerlichen Leben sich abhebende jüdische Gemeinschaft in Amerika sich mit dem Antisemitismus ernstlich und in systematischer Weise auseinanderzusetzen haben. Wie überall, wird äu<th in dän Vereinigten Staaten der Zionismus in dieser Arbeit Richtung und Wege zeigen müssen. Er alle inist imstande, die eigenartige Situation der Juden in ihrer Reajität zu erkennen und neu zu gestalten. Amerikanische Judentum und die Palästina-Arbeit Ein Gespräch mit Chefredakteur Jacob Fislunan Der Chefredakteur der New Yorker jiddischen Tageszeitung «Morning Journal», Herr Jacob Fishman, weilt gegenwärtig in Berlin, um an def : Tagung des zionistischen Aktiöns-Comitees, teilzunehmen. Der JTA-Vertreter ergriff diese Gelegenheit, um sich niit Herrn Fishman darüber zu unterhalten, wie weit die allgemeinen jüdischen Aufbauziele, insbesondere der Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina, in das Bewußtsein der breiten jüdischen Massen in den Vereinigten Staaten eingedrungeri sind. Herr Fishman führte'ungefähr aus: Im amerikanischen Judentum ist das Gefühl für allgemeine jüdische Werte und namentlich für das Palästina- Werk der Jewish Agency sehr lebendig. Aber man gibt sich einer Täuschung hin, wenn man glaubt, daß die Juden Amerikas heute ln der Lage und willens sind, beträchtlich’mehr als den proportlonell auf sie. entfallenden Teil für die Aüfbauziele des Weitjudentums beizutragen. DiC gegenwärtig in Amerika herrschende -Wirtschaftskrise hat die jüdischen Schichten weit schwerer als die übrigen Schichten Amerikas getroffen. Dazu kommt, daß sich bei der Verschärfung der ökonomischen Situation das Vorurteil gegen die Juden, die gewissen Berufen stärker zu¬ Locarno üdsckwtiz Pension Villa Montana T#|; }66, Haus I. RangSa. FllaOsndes . Wasser, schönste Lage, großer Park. VorzUgllche Verpflegung. Sohr mäßige Preise. Frau F, KAHN TO drängen, verschärft, ln der «White ‘ Coilar Industry» zum Beispiel, in den große Massen von Angestellten beschäftigenden Riesenunternehmüngen s.ind jüdische Angestellte nicht, erwünscht. Das gleiche ist der Fall bei dein «public Utilities v zum Beispiel im Telephonwesen, bei dem nur wenige jüdische Mädchen ankommen können, bei Elektrizitäts-, Gas-, Wasserwerken u. ä. m. ' Das große amerikanisch-jüdische Problem — das Problem einer Gemeinschaft von viereinhalb Millionen — ist ein Problem der lugend, ln den Vereinigten Staaten werden jährlich 75.000 jüdische Kinder geboten. Was wird aus dieser Jugend werden, wenn ihr der Zugang zu den Angestelltenberufen und den Intellektuellenberufen immer mehr erschwert wird? Bei. Aufnahme in die Universitäten und Hochschulen werden besonders die jüdischen Studierenden stark gesiebt.■ Die Juden sind in einer zu großen Zahl in den medizinischen und in den juristischen Berufsstand eingedrungen. Ohne einem , ausgesprochenen Antisemitismus zu huldigen, lassen die Universitäten bei Aufnahme. Jüdischer Studenten eine gewisse Proportion walten, Leine V.UnlVersltqt wünscht es, 40 bis 50 Prozent jütische Hörfer Zu haben. Man findet Handhaben genug, ■ um durch eine gewisse Praxis böi Aufnahmeprüfungen Juijen zurückzudrängen, bei der New Yorker Medical. . School wurden tausende jüdische StudlenwiUlge zurück- /gewissen., . Einigermaßen Abhilfe könnte geschaffen werden durch Zuwanderung von Juden zur Agrikultur. Es existieren heute in Amerika über 100.UOO jüdische Farmer, von denen’.viele Hajbfärmer sind, indem sie sieh mehr der Fremdenindnstrie widmen. Das wirtschaftliche geschwächte und von Zukunftssorgen beschwerte amerikanische Judentum hät alfco '.genug an seinen eigenen Problemen?ü tragen urtd kann sich an allgemein jüdischen Zielen — es werden heute zu viele Fonds gesammelt — nicht stärker beteiligen, als es ihm seiner Zahl .und seiner wirtschaftlichen Kraft nach zukommt. Die Begeisterung für die Idee des Jüdischen Natipnalheims ist groß, und es ist tief zu beklagen, daß der Beginn der Arbeit der erweiterten Jewish Agency mit einer Zeit schwere» wirtschaftlicher Depressionen in- Amerika zusammenfällt. Das ist aber nur die eine Seite. Es kommt hinzu, daß das praktisch denkende amerikanische Judentum gewohnt ist, —6— Zigaretten wöchentlich weniger geraucht und Sie haben dun Abonnement für die „Stimme0 bezahlt Für Einheirat iii In gut eingeführtes Pelzwarengeschäft, durch Eheschließung mit schuldlos gesch. Frau Wird Kürschner oder Pelzwarenh&ndler aüs gut jüdischem Hause gesucht. iii Anträge unter „Aus guter Familie“ 10651 an die LAnnoncen- Expedition Heinrich Schalek, Wien, 1. Bet., Wollzeile 11. BI555B1555a51£sssfe=laiJ8lBHBliüasE3 1 555555511 über die Verwendung der Fonds, für die es beisteuert, nachzudenken. Auch über die Verwendung der Kären-Hajeisbc- Gelder macht es sich Gedanken. Es trägt sich, warum die Jewish Agency die großen finanziellen Lasten der öfferttlichen Erziehung und Gesundheit — wir steuern sogar zu den Kosten der öffentlichen Gesundheit der Araber bei — tragen soll, die eigentlich Sache der Regierung sind. Wehn es für den Palästina-Aufbau beisteuert, so will das Judentum es entweder in der Form von Investments oder durch die Schaffung bleibender Werte, wie Kolonien. usw., tun. Tritt hierin eine Wendung zum Outen ein, so wird die Begeisterung des amerikanischen Juden für das Palästina-Werk zunehmen. Der gegenwärtige Drive in Amerika, dessen Verlauf den in ihn gesetzten Erwartungen leider nicht entspricht, wird nicht allein durch die Wirtschaftskrisis beeinträchtigt, sondern auch davon, daß er zu einer fortgeschrittenen Jahreszeit ins Werk gesetzt wurde. Er wird sich in das Jahr 1931 hineinziehen, so daß also auch der nächstjährige. Drive zu spät wird einsetzen können. Es werden heroische Anstrengungen erforderlich sein, um das Ziel, das man sich gesetzt hat, zu erreichen. Die Juden in Indien In ganz Indien gibt es nur 22.000 Juden.. Sie wohnen hauptsächlich in größeren Handelszentren, z. Bi in Bombay, und Kalkutta. In Malabar, an der Südwestküste Indiens, siedelten sich die Juden schon irrt Jahre 68 der christlichen Zeitrechnung an, und. zwar als Händler, wohin später au<5h aus Spanien vertriebene Juden auswanderten; Sie siedelten sich in der Stadt Anjucavu, nahe Crangancrp an, von wo sie 1524 vertrieben wurden. Sie siedelten sich auch inCochin an und erhielten den Schutz der lokalen Rajas, wie zwei auf Kupferplatteri gravierte Schutzbriefe aus den Jahren 490 und 700 beweisen, die heute noch in der* Synagoge voh Cocliin aufbewahrt werden. Ein anderes Dpk’ument besagt: «Nach der. Zerstörung des 2. Tempels (den. öott wieder aufbauen möge) fTohen viele unserer Brüder von Jerusalem, eine große Menge von Männern, Frauen; Priestern, und Leviten und kamen in dieses Land. Sie blieben in Crangancre. Der König verlieh ihnen verschiedene Privilegien und-das Recht der eigenen Rechtsprechung. Das wurde auf Kupferplatten eingraviert. Das war im Jahre 4250. Andere Juden kamen noch von Judäa, Rabbi Sapiuel und sein Sohn. Sie brächten mit sich silberne Trompeten, die zur Zeit des Jubeljahres gebraucht worden waren und gerettet worden waren, als der Tempel zerstört wurde. Dann kamen Juden aus Spanien. Dann gab es Unstimmigkeiten und Annullierung der Privilegien durch einen indischen König. Viele Kinder Israels kamen, von Oshkenaz, Aegypten, und Isoba.» Die Geschichte von den silbernen Hörnern ist wohl nur eine Säge. In der Landessprache von Malabar heißen die Juden «Juthans» (von Juda) oder auch Anjuvamer oder, die fünfte Kaste und können in die vier traditionellen Hindukasten nicht aufgenommen werden. Sie haben ihre Rassenreinheit erhalten und tragen Schläfenlocken. Männer lind Frauen tragen Holzschuhe; die jungen Männer tragen bunte Kappen. Sie heiraten sehr jung, die Formel beim. Anstecken des Ringes lautet kurz: «Hiedurch habe ich dich zur Frau genommen.» Die Juden von Malabar gliedern sich in die weißen und schwarzen, bezw. bräunen Juden, die Untereinander nicht heiraten und sich auch sonst wie die Hindukasten voneinander absondern. Die braunen Juden sind nach einer Theorie Nachkommen der Ureinwohner des Landes und die braune Hautfarbe nur eine Folge der Hitze,", nach einer anderen Theorie Nachkommen von Sklaven: und vielleicht aus Ehen von wejßen Juden und zum Judentum bekehrten Sklavinnen herstammend. Heute sind die Juden von Malabar, die im Mittelalter reich waren — ihre Oberhäupter Hießen «Könige der Juden» — verarmt, ihr jüdisches Wissen ist gering, sie sprechen nicht in Ghettos. In Malabar; wq eine Kirche, eine Moschee, ein Hindutempel und ein jüdischer Tempel knapp beieinander stehen, gibt es eine Sage, daß die Götter der Hindu, Allah, Christus und der Gott der Juden in den Neumondrtächten bis zum Hahnen?chrej die Stadt umreiten, um zu sehen, was ihre Gläubigen, machen. Dann kehren die Gottheiten in ihre himmlischen Wohnungen zurück. (Nach einem Artikel «Israel ty Indien» von E. A. Varghese in «The jewish Tribuns*.) Entdeckung von Altertümern angeblich moabitlachen Ursprungs. Von einer Armenierin wurden Budapester Antiquitätenhändlern Terracottatäfelchen zum Verkäufe angeboten, die angeblich von dem moabitischeii König .Mesha, der zur Zeit Jesajas gelebt hat, .stammen. Eine Untersuchung der Tontafeln durch ungarische Gelehrte ergab, daß sie mit phönizdschen Schriftzeichen in der, Orthographie des Alten Testaments bedeckt "/.-»ren. Der bekannte Semifologe Professor Kmozko hält sie für eine, allerdings bemerkenswerte, Fälschung, die vermutlich aus der Falsjfikatensammlung des Jerusalemer Händlers Schapiro stammt.