Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 139 (21.8.1930)
- Date
- 1930-08-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 189 OIE STIMME Seite 5 Oie letzten Unruhen in Palästina Von Mohamed el Tawil Wir haben in unserer letzten Nummer ein Interview mit dem arabischen Politiker Mojiamed El Tawil veröffentlicht und bei dieser Gelegenheit unsere Leser auf die Broschüre des Herrn Tawil «Die letzten Unruhen in Palästina» aufmerksam gemacht. Diese Broschüre wurde von der englischen Regierung konfisziert und sogar die hebräische Uebersetzung verfiel demselben Schicksal. Heute beginnen wir mit dem Abdrucke der interessantesten Teile aus Tawils Arbeit in deutscher Uebersetzung und hoffen, daß sie dem Interesse unserer Leser begegnen werden. Die Arbeit Tawils ist für die Fellachen bestimmt gewesen, demzufolge ist ihr Stil einfach und primitiv. Nichtsdestoweniger entbehren nicht seine Behauptungen einer zwingenden Logik. Einleitung Palästina war letztens ein Schauplatz fürchterlicher Greueltaten. Die britische Untersuchungskommission kam ins Land, um die Ursachen der Unruhen zu ergründen. Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatte, reiste sie ab. Aber die mohammedanische Welt blieb nach wie vor ohne richtige Kenntnis der wirklichen Gründe der Unruhen. Bis heute glaubt sie noch, daß die Ereignisse wirklich durch die Balfour-Deklaration und durch jüdische Pläne, die Klagemauer und die Omar-Moschee zu erobern, hervorgerufen wurden. Das sind Lügen, die mit Vorbedacht verbreitet werden, um die Mohammedaner gegen die Juden aufzuhetzen. Diese falschen Gerüchte übten eine große Wirkung auf die ganze mohammedanische Welt aus. Man hat uns zu einem religiösen Krieg aufgerufen, angeblich, um die heilige Moschee vor allem Bösen zu schützen. Leider sehe ich, daß viele unserer Volksgenossen unser .Volk belügen und es auf Irrwege führen. Die arabische Exekutive hat für das Land im Laufe der zehn Jahre ihres Bestehens so gut wie nichts geleistet. Sie verschwendete ihre Zeit für Versammlungen und unnütze Protestkundgebungen, sie vergeudete das bei unseren Brüdern gesammelte Geld und gab sich keine Mühe, die Lage des Volkes zu verbessern. Die arabische Exekutive betrat Wege, die ein Unglück für unser Land sind. Und die Konsequenz davon ist ein Rückschritt auf allen Gebieten der Politik und der Wirtschaft Deshalb erachtete ich es als meine Pflicht, dieses Buch zu schreiben, um die mohammedanische Welt im allgemeinen und die Söhne unseres Landes in erster Reihe aufzuklären und zu beeinflussen, daß sie den falschen Führern keine Gefolgschaft leisten und den Lügen, die die Zeitungen verbreiten, nicht glauben. Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, meinem Vaterlande zu dienen, von denjenigen, die elende Pläne brüten,, die. Maske herunterzureißen und nur die reine Wahrheit zu verbreiten. Auf diese Weise glaube ich die Worte des deutschen Philosophen verwirklichen zu können: «Ich liebe meinen Vater und meine Mutter, ich liebe mein Vaterland, aber die Wahrheit liebe ich über alles.», Tiberias, 22. Februar 1930. Die Balfour-Deklaration Alle diejenigen, die sich mit der palästinensischen Frage befassen, und zwar zu ihrem eigenen Nutzen und um daraus Kapital zu schlagen — in erster Reihe and es die Mitglieder der arabischen Exekutive — beklagen sich immer, daß die Balfour-Deklaration unsere Rechte kürze, dem Lande schade und daß sie der wichtigste Grund sei für alle Unglücksfälle, die unser Land heimsuchen. In ihrem falschen Kommentieren gehen sie so weit, daß sie erklären, das Ziel der Balfour- Deklaration sei, aus Palästina einen Judenstaat zu machen, an dessen Spitze eine jüdische Regierung stehen und eines schönen Tages alle Araber aus Palästina vertreiben werde. An dieses Kommentar glauben sie selbst nicht. Aber sie haben uns zum Widerstande gegen die Deklaration aufgehetzt, obzwar nur wenige von uns wissen, was der Sinn dieser Deklaration ist. Die privaten Interessen der Führer ließen es ebpn nicht zu, daß man die Wahrheit erfahre. Die Balfour-Deklaration verspricht den Juden die Gründung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina, d. h. sie gibt ihnen das Recht, ins Land einzuwandern und sich in ihm ansässig zu machen, weil die Juden keine andere Heimat als Palästina haben und weil es die Urheimat ihrer Väter war. In der Deklaration ist keine Rede von der Gründung eines Judenstaates, keine Rede vom Vertreiben der Araber, wie es unsere Führer behaupten. Dieses Versprechen wurde in das Palästinamandat aufgenommen, in dem auch die arabischen Rechte geschützt werden. Die britische Regierung hat die Verpflichtung übernommen, die Einwohner Palästinas zu erziehen, daß sie sich in Zukunft selbst regieren können. Wer daran zweifelt, der soll den Wortlaut des Mandates studieren, dann wird er die Wahrheit erfahren. Man sagt, die Balfour-Deklaration habe dem Lande geschadet. Aber, wenn wir vom Lichte der Wahrheit erhellt sein wollen, dann genügt es, daß wir uns nur oberflächlich im Lande umschauen und wir werden bemerken, daß dort, wo früher Ruinen und Wüsteneien waren, jetzt ein Paradies ist. Als die Juden zu uns kamen, ßtlegen die Bodenpreise und wir haben ihnen um hunderttausende Pfund den Boden verkauft, den wir nicht brauchten. Auf diese Weise schöpften davon sowohl der Fellache als auch der Vermittler große Vorteile. Die Armen wurden reich. Von Juden haben wir gelernt, wie man das Land bebaut, wie man Pflanzungen hegt. Unsere Felder gaben einen größeren Ertrag. Die Juden gründeten in Palästina viele Fabriken und beschäftigten Tausende unserer Arbeiter. Sie gründeten Kolonien und beschäftigen bis an den heutigen Tag viele Zehntausende arabischer Arbeiter. In jeder Beziehung erlebte das Land einen Aufstieg, eine Bereicherung dank den Juden. Das ist die Wirkung der Balfour-Deklaration, von der unsere Führer behaupten, daß sie dem l.ande und den Arabern geschadet habe. In Wahrheit aber wäre unser Land noch heute eine Wüste, wenn nicht die Balfour-Deklaration wäre und wir wären arm und hungerleidend . . . Das ist die Balfour-Deklaration, von der unsere Führer sagen, daß sie für uns ein Unglück sei, wo sie doch in Wirklichkeit für uns gar nicht gefährlich ist, so lange das Mandat unsere Rechte in diesem Lande schützt . . . Das Recht nach Palästina einzuwandern hatten die Juden noch zur Zeit der türkischen Regierung. Lange Zeit lebten wir mit ihnen in Frieden, sie hatten auch damals Kolonien und nie haben wir uns so schlecht mit ihnen verhalten wie heute. Warum? Weil damals gab es noch unter uns keine Hetzer, keine Menschen, die privates Interesse an der Aufwiegelung der arabischen Bevölkerung hatten. Was für einen Nutzen haben wir also davon, daß wir an Juden Verbrechen verüben? Wird es uns denn gelingen,?, die Balfour-Deklaration zunichte zu machen und die jüdische Einwanderung auf diese Weise zu verhindern? Wir dürfen nicht weiter diesen falschen Weg gehen, wir dürfen nicht die Juden hassen, weil wir davon gar keinen Nutzen haben und nur Nachteile. Wir sind auf den Frieden und gute Beziehungen mit Juden angewiesen. Wir sollen zusammen mit ihnen das Land aufbauen. Das ist das einzige, was uns einen Vorteil bringen könnte. . ... Die Juden haben uns nie was schlechtes gemacht. Das, was die Zeitungen behaupten, das sind Lügen und Fälschungen. Die Zeitungen wollen uns vergiften, weil sie sich von Privatinteressen einiger skrupelloser Menschen leiten lassen. Glaubet nicht den Zeitungen! Erstrebet den Frieden und die Sicherheit: Arbeitet für den Aufstieg im Lande! Nehmet Euch ein Beispiel von den Juden! Das wird Euch mehr Nutzen bringen, als an Unruhen teilzunehmen, die ein Unglück für das Land sind und uns im Auslande einen schlechten Ruf gemacht haben. Rabbi Meir Berlin über die Lage in Palästina und im Zionismus (Aus einem Gespräch.), (w.) Das Mitglied der Zionistischen Exekutive und Präsident des Weltmisrachi, Rabbi Meir Berlin, der einige Tage anläßlich der Sitzung der Misrachiexekutive in Wien weilte, äußerte sich in einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter folgendermaßen über die gegenwärtige Lage: Die Stimmung in Palästina ist jetzt — das muß man zugeben — gedrückt. Die politischen Ursachen dessen sind sattsam bekannt. Der Jischuw weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird. Nichtsdestoweniger ist die wirtschaftliche Lage im Lande sehr befriedigend. Wenn auch im Zusammenhänge mit den politischen Geschehnissen auch kleine Anzeichen einer wirtschaftlichen Depression in der Form von Arbeitslosigkeit zu bemerken sind, so sind dennoch im allgemeinen die wirtschaftlichen Aussichten sehr gut. . mit Aufträgen, sehr gut gehend, Ist zu verkaufen. Reflektanten (Vermittler ausgeschlossen) wenden sich unter „Rentabel* an die Expedition dieses Blattes Der Jischuw hat von seiner Kraft nichts eingebüßt. Wir fühlen uns im Lande einflußreicher als irgendwo In der Welt. Daß unsere wirtschaftliche Lage im Lande unerschütterlich ist, bewies der arabische Boykott, der uns gar nicht geschadet hat. Eines der wichtigsten zionistischen Probleme ist meiner Meinung nach jetzt eine große Einwanderung des jüdischen Mittelstandes nach Palästina zu organisieren. Das Land ist für eine derartige Alijah genügend vorbereitet. Ob es zu einem Kon gro ß kommen werde, darüber will sich Rabbi Berlin als Mitglied der Exekutive nicht äußern. Er gibt bloß seiner Meinung den Ausdruck, daß ein außerordentlicher Kongreß gleich nach dem Erlaß des Kolonialamtes über die Einwanderungsspe'rre von großer Bedeutung gewesen wäre. Der Friede mit d n Arabern ist eine zwingende Notwendigkeit und vielleicht der wichtigste Zweig der zionistischen politischen Tätigkeit. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß der Brith-Schalom richtige Wege gehe. Wenn der Brith- Schalom eine Ideologie propagiert, wonach wir auf die Möglichkeit im politischen und ökonomischen Sinne das Land zu beeinflussen verzichten sollen, dann stellt er sich in direkten Gegensatz zum Zionismus in seiner historischen und politischen Bedeutung. Der Brith-Schalom schadet uns, weil er den Zionismus als eine chauvinistische Bewegung darstellt. Was der Brith-Schalom ist, Ist kein Zionismus. Die revisionistische Idee dagegen findet bei Rabbi Berlin viel Anerkennung, aber die Handlungen der Zionisten-Revisionisten stehen in keinem Einklang weder mit der Zeit, nöcfr mit den Möglichkeiten, über die wir verfügen. Wenn in Prag die Frage der sogenannten Arbeitspause in Palästina ventiliert wurde, dann beweist es, wie gefährlich die Taten der Revisionisten werden können. Es ist auch unzulässig, daß die Revisionisten, die der zionistischen Organisation angehören, selbständige politische Aktionen unternehmen, ohne auf die verantwortlichen Führer der Organisation, die doch die Verantwortung tragen, Rücksicht zu nehmen. In Palästina hat der Revisionismus viele Sympathiker aber verhältnismäßig wenig Mitglieder. Ueber die Palästinaregierung kann sich Rabbi Berlin, der doch mit ihr als Mitglied der Exekutive ständig in Kontakt steht, begreiflicherweise nicht äußern. Er stellt eine loyalere Haltung des stellvertretenden Kommissärs Herrn Davis fest. Chancellor wird wahrscheinlich zurücktreten. Es ist ein Mensch, der am Lande desinteressiert ist. Ueber die Arbeiten der Klagemauerkommission und die Aussichten auf die Schlichtung des Konfliktes befragt, äußert sich Rabbi Berlin: «Die Klagemauerkommission scheint von gerechter Objektivität beseelt zu sein. Sie hat sidh redliche Mühe gegeben, den Konflikt auf friedlichem Wege aus der Welt zu schaffen, aber die Araber wollten nicht Die Araber haben daran ein Interesse, daß diese Frage nie geschlichtet werde, denn sie Ist für sie eine Quelle, aus der sie politisches Kaptikl schlagen können. Für uns Juden ist es eine religiöse Frage und keine politische. Was wir wollen, ist nur das Recht zu beten, ohne gestört zu werden. Wir bestreiten nicht das Eigentumsrecht des Wakf, aber wir verlangen, daß man uns die Ausübung unserer Servitut gestattet. Die Politik der A g u d a h in Palästina weist in der letzten Zeit eine bemerkenswerte Schwenkung, In vielen Fällen ging sie gemeinsam mit der Zionistischen Organisation. Mit Befriedigung ist diese friedliche Stimmung festzustellen. Ist es doch ein Fortschritt im Vergleich mit der Vergangenheit. Allerdings gibt es noch zwei Probleme, in denen die Agudah ihre besonderen Wege geht. Dies ist die Frage der einheitlichen Gemeinde und der Jewish Agency. Von der geeinigten zionistischen Front ** in Amerika verspricht sich Rabbi Berlin große Vorteile für die zionistische Bewegung. In der wiedereingetretenen Brandeisgruppe gibt es viele unverbrauchte und auch kapitalskräftige Menschen, die eine große Rolle im Zionismus spielen können . . . Ernste Warnungszeichen gibt die Natur durch Schwindelgefühl, Atemnot, vorzeitiger Ermüdung Benommenheit, Schlaflosigkeit, Ohrensausen usw. Diese Beschwerden zeigen zumeist den Beginn der gefährlichen Adernverkalkung an. Bekämpfen Sie diese, ehe es zu spät wird, durch Radiosklerin, die seit Jahren ärztlich empfohlenen, frei verkäuflichen Tabletten, welche die Blutzirkulation in den Schlag- und Pulsadern fördern, geistige und körperliche Arbeitsfähigkeit erhöhen. Radiumgehalt amtlich geprüft. Depot Apotheke Bayer, Wien, 1., Wollzeiie Nr. 13. Prospekte gratis und franko.