Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 139 (21.8.1930)
- Date
- 1930-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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. Nr. 139. DIE STIMME Sette 3 Kaufhaus Weinstock gegründet 1899 Inhaber: Paul Weinstock Wien* II., Untere Augartenstraße Nr. 13 Leopoldstätter Warenhaui der Zukunft hat kein Recht, diese Prärogative zu brechen. Was äst überhaupt politische Arbeit? Wir können eine Partei nicht hindern, für ihre Idee Propaganda zu machen. Aber auch hierin gibt es Grenzen. Jede politische Arbeit stößt an Grenzen. Die Grenzen unserer Sache sind Regierungen, Vertreter von Regierungen, Mandatskommission, die anderen Instanzen des Völkerbundes und alle anderen Körperschaften, die offiziell mit der Durchführung des Mandats betraut sind. Es sind uns tatsächlich Schwierigkeiten dadurch entstanden, daß der Revisionismus in England Propaganda unter den Mitgliedern des Parlamentes betrieben hat. Ich hoffe, schloß Brodetsky, daß die revisionistische Bewegung,' die eine große und wichtige Rolle in der allgemeinen zionistischen Bewegung spielt und noch spielen wird, nicht die politische Front durchbrechen wird. Die Prärogative der Jewish Agency zu wahren, ist eine politische Notwendigkeit.» Lichtheim antwortet Brodetsky Bei Beginn der Abendsitzung ergriff Richard Lichtheim das Wort zu einer Entgegnung auf die Ausführungen Brodetskys. Man hat hier von Non Cooperation gesprochen; es ist dies eine These, die in unseren Reihen vertreten und auch äbgelehnt wird. Bei uns besteht im Gegensatz zu anderen Gremien Freiheit der Diskussion. Man soll aus einzelnen . Diskussionspunkten keine endgültigen Schlüsse ziehen. Wir stimmen in manchen Gedankengängen mit Brodetsky vage überein, wir haben aber eine andere Terminologie. Aber es handelt sich nicht um diese allgemeinen Dinge, die wirklich angefangen haben, zionistisches Allgemeingut zu sein. Brodetsky hat es vermieden, über das System der Weizmann-Exekutive in den letzten zehn Jahren zu sprechen. Gerade darin besteht der Gegensatz. Daß ein Brith Schalom überhaupt entstehen konnte, ist ein Ergebnis dieses Systems, das die Tätigkeit eben dieses Brith Schalom heute als Verrat kennzeichnet. Wir glauben nicht, daß diese Exekutive noch umlernen ka.nn. Wenn sie zu einem solchen Niedergang der Bewegung führt, zu einem Schwinden des Enthusiasmus, zu einer Flucht der Jugend und schließlich zum vollständigen Bankrott der Politik führt, dann ist es ihre moralische Pflicht, zurückzutreten, und den Kongreß einzuberufen. Brodetsky hat ijm Ton der Drohung und Warnung von der Prärögative der Exekutive gesprochen. Wir wollen die Zionistische Organisation nicht verlassen, wir wollen auch auf dem Kongreß erscheinen'und uns seinen Beschlüssen unterwerfen. Daraus abgeleitet rein formelle Verpflichtungen werden wir erfüllen, auch wenn es sich um Fonds handelt, die gegen uns arbeiten. Aber auf dem eigentlichen Gebiet der Politik ist die Prärogative der Exekutive durch die Entwicklung illusorisch geworden. Wir erkennen die Jewish Agency nicht als Körperschaft an, der wir die Palästina-Politik anvertrauen können. Wir werden uns Reserven auferlegen. Das muß man unserem politischen Takt uberlassen. Soskin In der Nachmittagssitzung vom 11. August erstattete Soskin (Genf) sein Referat über die Landfräge in Palästina. Weinstein In der. Sitzung vom 13. August vormittags referierte B. Weinstein (Palästina) über «Die soziale Einstellung und die Arbeiterpolitik der Union». Sein Referat gipfelte in der Forderung nach Errichtung unabhängiger revisionistischer Gewerkschaften in Palästina als Ergänzung der Histadruth. Ein gleicher Vorschlag wird der Konferenz in einem durch eine Anzahl revisionistisch gesinnter Arbeiter aus Palästina ihr übermitteltem Memorandum gemacht. Weinstein sprach über die Wiederauflebung eines Trumpeldörschen Chäluzianismus gleichzeitig mit dem Wiederaufleben des politischen Zionismus in-, der revisionistischen Bewegung. Prinzip einer nationalen Arbeiterorganisation muß das Primat des nationalen Gedankens'sein; mit Politik hätte sie sich nicht zu befassen. Die Frage einer sozialen Gesetzgebung des Jischuw soll auf die Tagesordnung der zionistischen Oeffentlichkeit in der Welt gesetzt werden. Auf .dem nächsten Kongreß wäre die Anerkennung des Verbandes der revisionistischen Arbeiter zu fordern. Der Kampf für die politische Demokratie in der zionistischen Bewegung, schloß Weinstein, ist gleichzeitig ein Kähipf für die wirtschaftliche Demokratie im Jischuw. < " Die Debatte über Gründung einer revisionistischen Histadruth In ,der Aussprache über das Referat Weinsteins betrefsend Schaffung besonderer revisionistischer Gewerkschaften in Palästina1 erklärte Danzis (New York): Mich persönlich beunruhigt; die soziale Einstellung der Revisionisten. In der revisionistischen Partei hat sich die Idee von der Unterordnung der sozialen unter die nationale Frage des Staatsaufbaus entwickelt. Diese Idee wird in Italien praktiziert und von den Nationalisten Deutschlands gepredigt. Der Unterschied liegt darin, daß Italien seinen Arbeitern gute Löhne zahlt. Der Traum Jabotifiskys, in unseren Reihen Patrizier zu schaffen,-, steht im Gegensatz zu dem Wunsch der revisionlstlsphen Bewegung, eine Massenbewegung zu werden. Weiiin wir ein neues Erez Israel aufbauen, wollen wir nlchtauf der Seite der Unterdrücker, sondern auf der der Unterdrückten stehen. Weinstein ist für nationale Gewerkschaften in Palästina, ich befürchte aber, daß solche Gewerkschaften die jüdische Arbeiterschaft in Amerika und in Palästina spalten werden. Histadruth ist bei allen Fehlern ein großer Faktor im Aufbau Palästinas. v Dr. Brützkus (Berlin) unterstützte die Ausführungen Danzis. : ■. ..... , J. K! i n o f f (Berlin) erklärte, da* Beste, was man heute ii Palästina erreichen kann, sind soziale Reformen; man kann 1930 nicht in irgendeinem Winkel eine sozialistische Gesellschaft bauen. . Es wäre gut, wenn vom Revisionismus der gelbe Fleck des Fasctsmus schwände; er ist ungerecht und keiner hat Freude an ihm. Wenn.man die neue Gewerkschaft gründet und sie der Masse definieren will, die nicht grübelt, dann wird es eine gelbe Gewerkschaft sein. Das ist gefährlich und unser nicht würdig. Histadruth ist gewiß parteiisch, aber es gibt keine unparteiischen Gewerkschaften. Der Revisionismus hat einen katastrophalen Fehler gemacht. In der zionistischen Bewegung gab es einen Flügel, in dem die besten Freunde Jabotinskys und der revisionistischen Ideologie gesessen haben, eine Jüdenstaatspartef, eine Partei der jüdischen Mehrheit, die lange die Idee der jüdischen Legion Interstützt hat: die Poale Zion (lebhafter Beifall und Widerspruch). An dem Unglück der Jewish Agency tragen die Poale Zion nicht die Schuld. Wir sind in der Weit als Arbeiterfeindlich verschrien. Wir sind nicht arbeiterfeindlich, aber wir haben es nie beweisen können. Die Konferenz möge den Antrag Weinstein ablehnen und so einen positiven Beweis schaffen, daß wir nicht gegen die Arbeiter sind. Unsere Arbeiter in Palästina sind das beste Element das Aufbaus. . Fränkel (Czernowitz) unterstützt Klinoff und meint, cs sei unmöglich, etwa mit 500 Arbeitern eine Gewerkschaft zu machen. P r o p e s ist ebenfalls gegen eine neue Gewerkschaft und .meint, die genannte Ziffer yon 500 Menschen sei stark übertrieben. Wenn man den Kongreß und Erez Israel erobern, will, muß man die Histadruth und ihre 20.000 Arbeiter haben. Wir müssen die Histadruth erobern und in sie ein treten. In der Frage der Stellung zin* Histadruth und der Schaffung einer separaten Arbeiterorganisation in Palästina kam es bei den Kommissiöhssitzungen zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Weinstein, Jabotinsky, Großman. und Schechtmaim, die für eine revisionistische Histadruth eintraten, und KHnOff und Danzis, die den Plan ablehnten. Ein Minoritätsvotum für Zusammenarbeit mit Histadruth und Beeinflussung derselben von innen her wurde abgelehnt, ebenso ein Antrag Klinoff, JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher für Eure Kinder nur in der JUäliChei« Buchhandlung Hermann Tuchner Wien, II., Or. Stadigutg. 1 (Ecke Taborstraße 52) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! über die Anträge Weinsteins zur Tagesordnung überzugehen. In der darauffolgenden öffentlichen Sitzung wurde die Resolution Weinstein auf Schaffung einer eigenen revisionistischen Arbeiterorganisation in Palästina außerhalb der bestehenden allgemeinen Arbeiterorganisation (Histadruth klalith) mit 81 gegen 40 Stimmen bei 5 Enthaltungen angenommen. Die angenommene Resolution hat folgenden Wortlaut: Die Weltkonferenz der Union der Zlonisten-Revisionisten beauftragt das Exekutivkomitee, in seiner politischen Tätigkeit und in der Vorbereitung der Gesetzprojekte, die das Kolonisationsregime betreffen, die soziale Gesetzgebung betreffend den Arbeiterschutz besondere zu berücksichtigen. Sie ist der Meinung, daß der gegenwärtige Zustand in der Histadruth Haowdim und Lischkath Awodah unhaltbar und schädlich für den Aufbau .Palästinas ist. Die Konferenz beauftragt die Exekutive, Schritte zu unternehmen, um den rein professionellen Charakter der Histadruth und den neutralen Charakter der Lischkath zu erreichen, wenn dies aber nicht gelingt, die Initiative zwecks Gründung einer rein professionellen Arbeiterorganisation (Histadruth Haowdim Leumiim) und einer der obersten Instanz des Jischuw unterstellten Lischkath Awodah ins Leben zu rufen. 7. bis 13. September 1930 (Rotunde bis 14. September) SONDER VERANSTALTUNGEN: Pelzmode-Salon / Schuh- und Ledermesse / Möbelmesse / Reklamemesse Ausstellung „Christliche Kunst“ INTERNATIONALE RADIO-AUSSTELLUNG Eisenu.Patentmöbelmesse/Büro-Ausstellung/Ausstellungfür Nahrungs- und Genußinittel / Französische Sonderausstellung / Bau-u. Straßenbaumesse / Technische Neuheiten u. Erfindungen / Griechische u. Indische Kollektivausstellung Land- und forstwirtschaftliche Musterschau Blumenausrteüung/Ausstellung österreichischer Getreidesaatgutzüchter/Gerstenschau/Milchwirtschaftliche Ausstellung / Ausstellung der Landwirtschaftlichen Versuchsanstalten / Landwirschaftlichc Maschinen und Geräte / Kleintierzucht Biindesweinkost 3. Österreichische Tiermesse (10. l)is 12. September 1930) Bedeutende F&hrpreis-Erm äQignngen! Messeausweise K S 6.— bei der Wiener Messe-Aktiengesellschaft, Wien, VII., Meseeplatz 1 — Eint nitskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) i 8 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser. Resolutionen Erklärung zur innerzionistischen Lage Manöver (Paris) erstattete namens der Politischen Kommission den Bericht über die politischen Resolutionen. Sie zerfallen in ein außenpolitisches Statement und eine inr nerpoljtische Erklärung. Die unterbreiteten Resolutionen wurden. angenommen. Die «Erklärung zur innerzionistischen L ä g e» lautet: Die Konferenz erklärt: 1. Die Ereignisse.des letzten Jahres bedeuten den vollständigen Zusammenbruch der Politik der zionistischen Leitung. 2. Die Leitung hat jahrelang die Warnungen überhört, die wir im Hinbick auf ihre kurzsichtige und leichtsinnige Politik formuliert und auf den zionistischen Kongressen, vorgetragen haben. 3. Trotz der vollständigen. Mißerfolge ihres politischen Systems hat die Leitung nach den blutigen Vorfällen in Palästina und nach den darauf folgenden politischen. Niederlagen nicht die selbstverständlichen Konsequenzen gezogen, nämlich den Kongreß einzubeFufen und ihr Amt niederzulegen. 4. Unsere Vorschläge zu gemeinsamer politischer Aktion hat sie zurückgewiesen, ohne ihrerseits Vorschäge zur Verständigung mit der von uns vertretenen politischen Richtung zu machen. 5. Die Konferenz nimmt von der Erklärung der Zionistischen Exekutive Kenntnis, daß die politischen Prärogativen der zionistischen Leitung auf die. erweiterte Jewish Agency übergegangen sind. Demgemäß ist der Beschluß der dritten Konferenz der Union bezüglich der politischen Prärogativen solange suspendiert, bis eine auf demokratischer Grundlage gewählte Jewish Agency geschaffen ist. 6. Angesichts dieser Sachlage und im Hinblick auf die eingetretenen Katastrophen und den Zustand höchster Gefahr für den Zionismus bevollmächtigt die Konferenz die. Exekutive der Union, alle ihr geeignet erscheinenden Schritte zu ergreifen, um die bereits begonnene politische Aufklärungsarbeit fortzusetzen und in jeder geeignetscheinenden Weise zu erweitern. 7. Die Konferenz beauftragt ihre Vertreter im A. C., die sofortige Einberufung des Kongresses noch für dieses Jahr zu fordern. Wird dieser Forderung nicht stattgegeben, oder sollte der Kongreß wiederum das Schicksal des jüdischen Volkes in die Hände der für die jetzige katastrophale Lage verantwortlichen Männer legen, so überträgt die IV. Wettkonferenz dem Parteirat der Union, bezw. der revisionistischen Kongreßdelegation, gemeinsam mit dem Parteirat alle ihre Rechte als Weltkonferenz der Union. Erklärung zur aussenpolitischen Lage Die IV. Weltkonferenz der Union der Zionisiten-Revisionisten erklärt: 1. Die Ereignisse in Palästina im August des vorigen Jahres sind die Folge der Regierungsmethoden der britischen Verwaltung des Landes. Diese Verwaltung hat jahrelang gegen den Sinn und Wortlaut des Mandates verstoßen; sie hat die wichtigsten Bestimmungen des Mandates, welche die Förderung der jüdischen nationalen Heimstätte betreffen, nicht ausgeführt; sie hat durch ihre Haltung den Widerstand aller Gegner der Balfour-Deklaration im Lande gestärkt. Die vom Colonial Office, der für die Palästina-Verwaltung verantwortlichen Behörde, nach Palästina entsandte Üntersucjiungskommission, hat den Versuch unternommen, die schuldige Verwaltung und die arabischen Pogrom-Anstifter reinzuwaschen und eine Schuld der Juden zu konstruieren. Wir protestieren vor der ganzen Welt gegen diese Auffassung und Darstellung der Untersuchungskommission . und erklären, daß die britische Verwaltung Palästinas in vollem Umfang für die Ereignisse des letzten Jahres verantwortlich ist. 2. Wir bedauern tief, daß die Britische Regierung in ihrem Weißbuch vom Mai 1930 die falsche und irreführende Darstellung des Shaw-Berichtes großenteils übernommen und daraufhin Maßnahmen ergriffen hat, die einen offenen Bruch des Mandats bedeuten. Die aus politischen Gründen erfolgte Sperrung der jüdischen Immigration, die Ankündigung von Maßnahmen zum Schutz der angeblich bedrohten arabischen Landbevölkerung, die Entsendung Sir John Hope Simpsons mit dem Auftrag, im Verlauf einiger Wochen «festzustellen», welches die Fassungskraft des Landes für jüdische Einwanderer ist. Alle diese unter dem Druck der arabischen und antizionistischen Agitation unternommenen Schritte zeigen klar und deutlich die Tendenz der britischen Regierung, den ihr aus dem Mandat erwachsenden Verpflichtungen auszuweichen, und die entscheidende Aufgabe, nämlich die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte, nicht zu erfüllen. Wir erheben unseren feierlichen Protest gegen dieses Verhalten der Mandatarmacht. 3. Es muß dem englischen Volke begreiflich gemacht werden, daß der Enthusiasmus des jüdischen Volkes für die Errichtung seines Nationalen Heims mindestens vorübergehend geschwächt werden muß, wenn die Verwaltung des Landes ihr Verhalten nicht grundlegend ändert. 4. Für die Haltung der Britischen Regierung ist jedoch nicht nur diese selbst verantwortlich, sondern in gleichem Maße die Leitung der Zionistischen Organisation, weiche die I