Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 138 (14.8.1930)
- Date
- 1930-08-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 jjic 91 lifimc Nf. 188 Der Berliner Kongreß und die Judenstaatsfrage Von Dr. N. N. Gelber. (Fortsetzung) Schon aus diesem Grunde allein müßte England selbst die Juden auffordern, nach Palästina zurückzukehren. Als Handels- und Seevolk hätte England die historische Rolle, die Wiederbesiedlung Palästinas durch die Juden in die Wege zu leiten. In diesem Sinne und mit einer ähnlichen Argumentation verlangte um diese Zeit auch Oberst Gawler, daß England alles tun möge, um Syrien und Palästina unter seine Herrschaft zu bringen. Von jüdischer Seite hatte nur der Herausgeber der «Jewish Chrohicle*, Abraham Benisch,*) — ein seit den dreißiger Jahren begeisterter Anhänger der jüdischen Wiederbesiedlung von Palästina — dem Gedanken Ausdruck verliehen, daß nach Beendigung des türkischen Krieges Palästina nach Wunsch der Juden an England abgetreten werden möge, denn dann könnte England wohl in die Fußstapfen Cyrus und nicht in die eines Nebukadnezar treten. 'Wie wir sehen, hatte die Frage der Rückkehr der Juden nach Palästina im Zusammenhang mit der durch den türkisch-russischen Krieg aufgerollten orientalischen Frage so manche ernste Gemüter beschäftigt. Wenn auch die zum Kongreß gekommenen Staatsmänner von selbst die Lösung der orientalischen Frage in gar keinen Zusammenhang mit Juden brachten und sich lediglich damit begnügten, unter dfem Drucke der «Alliance Israelite Universelle» und des Berliner Rumänenkomitees in einer Reihe von Artikeln des Friedensvertrages den Angehörigen aller Konfessionen in Bulgarien, Rumänien und Serbien bürgerliche Rechte sicherzustellen, sollte ihre Aufmerksamkeit doch indirekt auf die Notwendigkeit cjer Wiederherstellung Palästinas gelenkt werden. Mitte Juni des Jahres 1878, gerade in dem Zeitpunkte, in dem der Kongreß lebhafte Debatten über die bürgerliche Gleichberechtigung der Balkanjuden führte, wurde dem Kongreßsekretariat von vier Juden aus Breslau eine überaus kurze Denkschrift folgenden Inhalts überreicht: «Hoher Kongreß! Zu Händen des Fürsten Bismarck und Lord Beaconsfield und Comilitonen. — Wie die übrigen orientalischen Völkerschaften nehmen auch wir vertriebene Juden Eurer Exzellenzen Kraft und guten Willen jiieirrtit untertänigst folgend in Anspruch, durch ihre hohen Souveräne uns ein Heim im alten Vaterlande als selbständige konstitutionelle Monarchie konform dem beiliegenden Istozcy’schen Antrag herstellen zu lassen. Für vjele hunderttausende Israeliten M. Levy**), T. Freund, C. Mayer, Rössier.»***). Im Einlaufprotokoll des Kongreßsekretariates ist die Bemerkung verzeichnet, daß diese Denkschrift dem Kongreß nicht vorgelegt wurde, — weil sie — wie Präsident Bismarck annahm — von Verrückten zu stammen schien. Trotz eifriger Nachforschungen konnten wir nicht feststellen, wer die Antragsteller waren und welche Bedeutung sie in dem damaligen jüdischen Leben, selbst in ijirer engeren Gemeinde hatten. Eines aber ist klar, daß diese vier Juden die Frage , der Wiederherstellung der jüdisch Heimstätte in Palästina ernst behandelten, wenn sie auch hiezu durch den Antrag des 'Vorkämpfers des Antisemitismus in- Ungarn, Istoczy, veranlaßt wurden. * Am 12. Juni des Jahres 1878, einen Tag vor Zusammentritt des Berliner Kongresses, hatte der ungarische Reichstagsabgeordnete Dr. jur. Viktor von Istoczy in der Sitzung des Abgeordnetenhauses nachstehenden Antrag gestellt: «Das Haus möge erklären, daß in dem Falle, als in' irgend einer Phase der Lösung der orientalischen Frage und der definitiven Feststellung der Zukunft des Orients seitens der leitenden Kreise der Judenschaft oder seitens der Regierung irgend eines europäischen Staates die Idee angeregt würde, daß nicht nur die Ansprüche der christlichen Völker des Orients eine den europäischen Interessen entsprechende Lösung finden sollen, sondern, daß man auch dem aus seiner vor 1800 Jahren zerstörten Heimat vertriebenen jüdischem Volk endlich einmal Gerechtigkeit angedeihen lasse, dadurch, daß däs heißgeliebte ursprüngliche Vaterland desselben, Palästina, gehörig vergrößert,, entweder als unter der Souveränität oder Souzeränität der hohen Pforte stehende autonome Provinz oder als selbständiger, jüdischer Staat wiederhergestellt werde, und so das in seiner gegenwärtigen eZrstreuung den Fortschritt der europäischen Nationen hemmende, und diechristliche Zivilisation gefährdende jüdische Volk sich *) Ueber Benisch meine «Vorgeschichte des Zionismus», Bd. I, S. 203—209, 305—308. **) Ob nicht identisch mit M. G. Levy, s. Hamagid 1876, Nr. 42, S. 365. ***) Akten des Berliner Kongresses im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, ebenfalls in den Akten des Berliner Kongresses im Berliner geheimen Staatsarchiv. Großfleischhauerei SIEGM. KORNMEHL Zentrale »X, Berggasse 19, Tel. A17-3-99 u, A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für *H£V3-F]eiech ■■nr'" ,>i unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbmats der Israelitischen Ku tusgemeinde Wien A ul ozu Stellung kostenlos IX', Bervgasse 1* XV*!1. Wfihrln^eratraöe 97 SHe Woche Budapest. Dr. Emil Kecskemeti, Richter an der königlichen Kurie und glaubenstreuer Jude ist im 65. Lebensjahre gestorben. — Dem soeben veröffentlichten statistischen Ausweise zufolge nimmt die jüdische Einwohnerschaft Budapest ständig ab. Oslo: Auf dem hier abgehaltenen Kongreß der Skandinavischen jüdischen Jugendvereine wurde u. a. eine scharfe Protestresolution gegen die Einwanderungssperrc angenommen. Chlkago: Der bekannte Philantrop Salomon L. Sulzberger ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Paris: Die traurige Lage der marokkanischen Juden, die der mittelalterlichen Jurisdiktion des Sultans von Marokko unterstellt sind, beginnt nun die französische Judenheit und die Presse zu beschäftigen. Genf: Hier fand der dritte Kongreß des Weltverbandes jüdischer Jugend unter dem Vorsitz des Verbandspräsidenten Aimee Palliere statt. Zürich: Das internationale jüdische Komitee für Kalendereform hat eine Resolution des Joint Foreign Committees erhalten, demzufolge diesem Komitee die weitgehendste Unterstützung des Deputiertenrates der britischen Juden versprochen wurde. London: Oberstleutnant Harold G. Solomon, eine hervorragende Persönlichkeit der englischen Judenheit, ist in der Schweiz im Alter von 44 Jahren gestorben. Die britisch-jüdische Legion gedienter Soldaten veranstaltet am 11. November d. J. in London ein großes Treffen jüdischer Kriegsteilnehmer, zu dem auch Gäste ans den Dominions, Kolonien lind aus Palästina erwartet werden! Warschau: Der polnische Handelsattache für Palästina, Dr. Bernhard Hausner (Misrachist) hat das Öffizierskreuz des Ordens Polognia Restituta verliehen bekommen. Lyon: Hier fanden vier Bombenattentate gegen jüdische Warenhäuser statt. Es scheint, daß der Täter geisteskrank ist. Berlin: Am 7. August verstarb hier der hochgeschätzte Talmudforscher Prof. Dr. Eduard Baneth im Alter von 75 Jahren. In Hindenburg (Oberschlesien). wurde bei einer Verhandlung gegen den Nationalsozialisten Gengler vom Verteidiger ein Jude als Richter abgelehnt. Der Ablehnung wurde vom Gerichte stattgegeben. Herr Morris D. Waldmann, Sekretär des American Jewish Committee übergab im Zusammenhang mit den antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien dem rumänischen Gesandten in Berlin ein Protestmemorandum, das dieser seiner Regierung übermittelte. Wichtige Neuerscheinung! 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S 14-— Verlagsbuchhandlung Mendl Satzmann WIEN, 11., GROSSE agFOASSE Nr. 4 selbst zurückgegeben unter uen Wonhaien einer eigenen nationalen Regierung Und nationaler Institutionen, inmitten von verbündeten, semitischen Stämmen in dem an Kräften gesunkenen und zurückgebliebenen Orient, als lebenskräftiges, mächtiges, neues Element, zum wirkungsvollen Faktor der Zivjlisafibn werden Icöhne. In diesem Falle der Wunsch des Hauses der ist, daß die ungarische Regierung dahin wirke, daß die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten der Monarchie einem darauf abzielenden eventuellen Antrag nicht entgegentrete, sondern sowohl im europäischen Interesse als aych im Interesse der Monarchie und besonders Ungarns auch ihrerseits, unterstütze.»*) Schon in der Plenarsitzung vom 24. Juni 1878 hatte Viktor Istoczy seinen in $achen der Wiederherstellung des jüdischen Staates eingebrachten Antrag mit einer längeren Rede begründet. In dieser ging Istoczy vor allem von rein antisemitischen Ansichten aus. Er meint, daß der Berliner Kongreß die Aufgabe hätte, das große Drama, das sich im Orient drei Jahre hindurch abspiele, einem Abschlüsse entgegenzubringen. Durch den Berliner Kongreß werden die europäischen Völker vön der Furcht der islamitischen Macht infolge der Niederringuilg der Türkei vollständig befreit. Europa stehe aber vor der Tatsache, daß nun eine neue Macht — die Juden — bestrebt sei, ihre Herrschaft über die europäischen Völker zu erlangen und diese unter das Sklavenjoch zu bringen. Nach Ansicht Istoczys bringen die Juden Tendenzen und Ziele an den Tag, die europäischen Völker vollkommen zu beherrschen. Schon die Tatsache, daß die Juden in Ungarn in den letzten 150 Jahren sich überaus stark vermehrt haben, beweist, daß sie im Falle einer ähnlichen! weiteren Entwicklung mit der .Zeit die gesamte ungarische Bevölkerung überflügeln werden. (Schluß folgt) *) Schriften des ungarischen Abgeordnetenhauses des für den .28., August 1875 eingebrachten Antrages. BL XXVI. S. 132. Z. 809. Glossen „Groß-DeutsdilancL erwache!" Das ist eine Losung. Ein politischer Aufruf in telegraphischem Stil. In Verbindung mit dem Hakenkreuz bekommt er allerdings einen merkwürdigen Beigeschmack. Und es gibt solche Marken, auf denen die Worte «Groß-Deutschland erwache/» und das schöne Hakenkreuz sichtbar sind. In Bad-Oastcin wurde eine Nummer der «Stimme» nicht angenommen und ging retour nach Wien. Das kommt vor und bis daher ist alles in Ordnung. Nicht in Ordnung ist aber, daß auf der Schleife die ursprüngliche Adresse unleserlich gemacht und mit einer Hakenkreuzmarke überklebt wurde. Wenn cs uns auch sehr freut, daß man die großdeutschc Hakenkreuz-Propaganda auf ein jüdisches Blatt ausdehnt, müssen wir dennoch verwundert fragen, ob eine zionistische Zeitung ein entsprechendes Propagandaobjekt für den Antisemitismus sei. An wen wird diese Frage gerichtet? An die Oeneralpostdirektion. W ir f r agen, ob Staatsbeamte dafür bezahlt werden, daß sic während der Amtsstunden antisemitische Propaganda treiben? S. Aus Rußland Bestrafung antisemitischer Arbeiter. Das Gericht in Beschizk, Gouvernement Tuja, verurteilte drei Arbeiter zu je zwei Jahren Gefängnis und vier Arbeiter zu Zwangsarbeit wegen Mißhandlung und Verhöhnung ihres jüdischen Arbeitsgenossen Gorelik. Die Sowjetpresse teilt eine Reihe weiterer Fälle von antisemitischer Ausschreitung in Fabriken mit. In einer Fabrik zu Witebsk hat eine Gruppe russischer Arbeiter die Frau des jüdischen Fabriksleiters mißhandelt, wobei die übrige Belegschaft der Fabrik, darunter einige Kommunisten, dem Rohheitsakt untätig zugesehen hat. Daraufhin wurde die kommunistische Parteikammer der Fabrik aufgelöst. Kleine Nachrichten ausPalästina Die jüdische Kolonie bei Jaffa, die bisher den Namen «Ir Schalom» trug, nennt sich jetzt «Ramath Hascharon». Die Regierung beschloß, in Jerusalem eine neue moderne Polizeischule zu errichten. Ab 1. August funktioniert ein Flugpostdienst von Palästina nach Kairo. Der Konflikt zwischen der Regierung und der Stadtverwaltung von Tiberias wegen der heißen Quellen von Tiberias, wird demnächst gerichtlich entschieden werden. Mit dem Dampfer «Carnaro« sind 150 polnische Chaluzim und der Sejmdeputierte Hartglas angekommen. Acht Studierende des Arab College, das von der Regierung erhalten wird, wurden relegiert, weil sie sich am Tage der Hinrichtung der drei arabischen Mörder am Proteststreik beteiligt haben. Im Juni wanderten 419 Juden ein. Im Juni waren in den jüdischen Kolonien Palästinas 6570 jüdische Arbeiter gegen 6529 im März d. J. beschäftigt. Zwei bekannte südafrikanische Exporteure aus London treffen Vorbereitungen zur Errichtung eines Palästinaexporthauses mit einem Kapital von 100.000 Pfund. Da die Histadruth sich dagegen wehrt, daß der Haupt-, teil der Arbeiten bei der Errichtung des neuen Schlachthauses in Tel-Awiw privaten Unternehmern zugewiesen werde, kam es zu einem Konflikt zwischen der Tel-Awiwer Stadtverwaltung und der Histadruth. Im Zusammenhang mit der am 26. Mai erfolgten Ermordung des britischen Sergeanten Singleton wurden 5 Personen verhaftet. Mehrere Kommunisten wurden verhaftet und des Landes verwjesen. Der jüdische Hochschüler Das internationale Weltstudenten werk (International. Stu? dent Service) veranstaltet eine Verständigüngskonferenz zwischen Juden und Nichtjuden . Die soeben in Oxford stattgefundene neunte Jahreskönferenz des «Internationalen Weltstudentenwerkes» hat den Beschluß gefaßt, eine Konferenz von. Vertretern jüdischer und nichtjüdischer Universitätshörer zur Herbeiführung eines besseren gegenseitigen Verständnisses für Jänner J931 nach Locarno einzuberufen. Es ist vorgeschlagen, daß Prof. Zimmern, Genf, die Konferenz mit einem Referat einleiten soll, und daß sowohl Vertreter der jüdischen wie auch der antisemitischen Studentenschaft zu Aussprachen Gelegenheit gegeben wird. Es sollen auch jüdische wie auch nichtjüdische Fachleute in Referaten sich über die jüdische. Frage äußern. Die Oxforder Konferenz des «International Student Service» hat vön ihren sieben Verhandlungstagen fast einen ganzen .Tag der Diskussion über die jüdische Frage gewidmet. Der Sekretär des «International Student Service», James Parkes, unterstrich die Bedeutung einer. Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden auf dem Boden der Üriiversität. Die jüdischen Delegierten auf der Konferenz waren: AlexanderTeich-Wien; J. Handelsmann-Paris; Jules Stone-London; Dr. Brana Lew-Warschau. An der Beratung nahm auch Miß E. S. Loewenstein aus den U. S. A. teil. Die nächste Konferenz des Internationalen Weltstudentenwerkes wird im September 1931 in Amerika (in einem College in der Nähe New Yorks) stattfinden.. Auch diese. Konferenz wird sich mit der Frage des Antisemitismus an. j den Hochschulen zu befassen haben. Dem amerikanischen Vorbereitungskomitee werden zwei jüdische Vertreter angehören, die das Vertrauen der gesamten jüdischen Studenten-1 schaft der Vereinigten Staaten genießen. Ein in Oxford gemachter Vorschlag, daß zur Konferenz in Locarno ein arabischer Vertreter eingeläden werden solle, wurde nicht angenommen, da fast alle Mitglieder der betreffenden Kommission das Gefühl hatten, daß die Palästinafrage von der Europas so verschieden sei, daß es sehr schwierig ist, die.sen Punkt in das Programm der Locarno-Konferenz aufzunehmen, obwohl man einstimmig der Ansicht war, daß es sehr wünschenswert sei, später eine Verbindung zwischen den Juden und Arabern Palästinas durch das Weltstudentenwerk zu fördern. Auf vorstehenden Bericht der J. T. A. werden wir in unserer nächsten Nummer noch ausführlich zurückkommen, (Die Redaktion.)