Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 138 (14.8.1930)
- Date
- 1930-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Nr. 188 Aufsehenerregende Mitteilungen eines arabischen Politikers über die Rolle der Palästina- Regierung und die Hotwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Arabern und Juden (Ans einem Gespräch mit Mohamed el Tawil) (w,) Ein schlanker, elegant gekleideter Mann von unverkennbar orientalischem Typus erschien vorige Woche nach Blattschluß in der Redaktion der «Stimme» und erklärte sich bereit, uns Einzelheiten über die Lage in Palästina, die Stimmung unter der arabischen Bevölkerung, wie auch über die Rohe der Palästinaregierung tnitzuteilen. Es war Herr Mohamed el Tawil, ein arabischer Politiker aus Tiberias, der als Zeuge vor der Shaw-Kommission ausgesprochen judenfreundlich ausgesagt hat. Mohamed Tawil ist seit längerer Zeit schon im Sinne der Herbeiführung eines Friedens zwischen Arabern und Juden tätig. Insbesondere hat er sich nach den Augusturiruhen des letzten Jahres zur Lebensaufgabe gemacht, die seiner Meinung nach schädliche und volksfeindliche Politik der arabischen Exekutive in Palästina, wie auch des Jerusalemer Großmufti, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen. Nach den Unruhe« vorfaßte er in arabischer Sprache eine Broschüre unter dem Titel «D i e letzten Unruhen inPalästina», in der er den Mufti und die arabische Exekutive heftigst angriff und die Fellachen aufrief, unverzüglich Frieden mit den Juden zu schließen und auf dem Boden des Palästinamandats gemeinsam mit den Juden zu arbeiten, um das Land auf eine höhere wirtschaftliche und kulturelle Stufe zu bringen. Diese Broschüre wurde merkwürdigerweise von der Regierung konfisziert Die Palästinaregierung hat durch diesen ihren Akt unzweideutig bewiesen, daß sie einen Frieden zwischen Juden und Arabern in Palästina nicht wünsche und daß die Person des Jerusalemer Großmufti unantastbar sei. Mohamed Tawil gelang es aber,, einen Teil der Auflage (3000 Exemplare) sicherzustellen und unentgeltlich unter deri Fellachen zu verteilen. Später erschien auch eine hebräische Uebersetzung von Tawils Arbeit, die aber ebenfalls von der Regierung beschlagnahmt wurde. Selbstverständlich hat in den nationalistischen Kreisen der palästinensischen Araberschaft die Tätigkeit des Herrn Tawil großen Unwillen hervorgerufen. Die um ihre Machtposition zitternden gegenwärtigen «Führer» der palästinensischen Araber scheuten keine Mittel, um ihn unschädlich zu machen. Die Regierung ging ihnen dabei an die Hand, indem sie die Verbreitung seiner Schriften, kurzerhand verbot Herr Tawil befand sich in der letzten Zeit in ständiger Lebensgefahr. Bekanntlich greift der Terror der nationalistischen Araber auch gerne zur Schießwaffe. So wurde auf Mohamed. el Tawil vor drei Monaten ein Attentat verübt, das jedoen erfolglos verlief. «Wollen Sic uns die Richtlinien Ihrer Ideologie und Politik bezeichnen?», fragten wir den Herrn Tawfl. «Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Balfour-Dekla« ration und das Palästinamandat unantastbare Dokumente sind. Meiner Meinung nach haben Juden ein Recht auf Palästina. Sie sind in der ganzen Weit zerstreut, Palästina ist ihre Urheimat und die einzige Möglichkeit für die Schaffung einer neuen. Heimat Auf dem Boden des Mandats sollen aber die Araber mit Juden gemeinsam zu Nutzen und Frommen der ganzen Bevölkerung des Landes arbeiten. Die Verständigung zwischen diesen beiden Nationen liegt mir am Herzen... Ich betone: Ich bin für dies* Verständigung, wdl ich - ein arabischer Patriot bin, weil ich will, daß es den Fellachen gut gehe, und weil ich weiß, daß die Araber von Juden sehr vieles lernen können. Vor allem wie man arbeitet. Ein Gedeihen des Landes ohne die Zusammenarbeit dar jüdischen und arabischen Bauern ist ausgeschlossen. Die politische Agitation unter den arabischen Massen halte ich für schädlich. Insbesondere, da die jetzt betriebene Polottik grundfalsch ist und die Interessen der arabischen Massen in jedem Sinne schädigt, Und werden die Araber auch weiter diese für sie schädliche, man könnte sogar sagen, katastrophale Politik betreiben, dann werden sie es in der Zukunft bestimmt bereuen.» «Wie ist das Verhältnis der Regierung zu den Bestrebungen, eine Verständigung zwischen Juden und Arabern herbeizuführen und was macht sie, um die arabische Opposition gegen den Zionismus aus der Welt zu schaffen?» «Die Regierung gibt sich keine Mühe, diesen Antagonismus aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil, siö unterstützt die nationalistischen, extrem judenfeindlicheh Führer. Sie beschirmt den Jerusalemer Großmufti, dessen Macht ohne diese Stütze keinesfalls so groß wäre, wie sie ist Die Regierung vertritt den Standpunkt: divlde etirtipera. Und sie geht Jn der Verfolgung ihrer Ziele so weit, daß sie diejenigen unter uns, die den Frieden wollen, kurzerhand verhaftet. So wurde ich lange Zeit verfolgt, dreimal verhaftet, dann angeklagt, allerdings freigesprochen. Warum? Weil ich nicht dän Arabern predigte wie der Großmufti und die Mitglieder där arabischen Exekutive: «Tötet die Juden!» Weil ich die persönlichen Interessen der jetzigen arabische;, Machthaber entlarvte. Jetzt bin ich in Europa, jetzt will, ich offen vor aller Welt erklären wie England Palästina behandelt. Die Palfistfnaregltrung trägt einen großen Teil der Sctmld fdr dtüt Ausbroch der AujputttftffJhen. Schon lange vorher veröffentlichte der Mufti in der arabischen Presse eine Reihe von Aufsätzen, wonach die Juden die Omarrhoschee erobern und alle Araber ausrötten wollen. Die Regierung hat geschwiegen. Dieselbe Regierung, die dann meinen Verständigungsappell konfiszierte, machte gar nichts, um diese Verleumdungen als unwahr 2U erklären. Es wäre bestimmt nicht za der gräßlichen Augustkata* Strophe gekommen,, hätte sich damals die Regierung entschlossen, diese Verleumdungen als falsch zu hezelchtm Dies fet aber blcbt geschehen. Die primitiven und fanaHsch-religföäen Massen glaubten an akes, Was üujen der Mufti sagte, ließen sich verhetzen und richteten das Blutbad an. Dann allerdings kam die Ernüchterung, Nach den Unruhen, als man die unmittelbaren Täter zu verhaften , und abzustrafen begann, die wirklichen Drahtzieher aber, die wahren Schillingen, unbehelligt ließ, sahen sie, däß sie verführt worden waren. Einige wurden gehängt und viele schmachten in den Gefängnissen, ganze Dörfer mußten schwöre Geldbußen zahlen, Frauen weinen um ihre Männer, Mütter um ihre Kinder. Der Mufti hat Haß gesät, die Regierung hat ihm dabei * geholfen. Und wer leidet: das verhetzte arabische Volk.» «Gibt es eine Hoffnung, daß den jetzigen gespannten Verhältnissen zwischen Juden und Arabern eine Aera der >oooo<xx»c»<x)oocx»QooooobooooQOQcxx}oooo II Treffomlt der Zisoisteo II | Cafe „illtes Rathaus" II I (Cafetier Leo Löwy) Bl | Größere and kleine Klublökale . II | 1* Bez., WipplingerStraße 24 11 I Tel. tf^^74-84 U 26^-74 || OOOOOOCyyXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXaQQOOOOOOO Verständigung und gemeinsamen Arbeit folgen werde? Haben Sie viele Anhänger für Ihre Ideologie und Politik?» «Ja. Aber vorher müßte die Regierung anders handeln. Wenn die Regierung ihre schützende Hand von dem Jerusalemer Großmufti und der arabischen Exekutive wegnehmen wird, wird sofort vollständige Ruhe eintreten. Der Schlüssel liegt in der Hand der Regierung, nur sie kann die Atmosphäre reinigen. Ich habe viele Tausende von Anhängern, aber sie trauen sich nicht offen den Mufti zu bekämpfend «Die Stimmung unter den Fellachen?» «Der arabische Fellach ist nicht feindselig Juden gegenüber eingestellt, wie man in Europa glaubt. Er ist von Natur aus gutherzig und-will den Frieden. Er ist aber fanatisch religiös, befindet sich noch auf einer, primitiven Kulturstufe und ist dadurch ein gutes Verhetzungsobjekt, Außerdem ist er arm, sehr arm.-Und viele der Flachen raubte«, weil sie hungrig waren, nicht,, weil sie gegen-die Balfour-Deklaration sind. 75 Prozent der arabischen Landbevölkerung' wissen überhaupt nicht, was die Balfour-Deklaration ist. Und die gebildeten Araber, die in Städten wohnen, sind in ihrem Großteil zwar gegen den Mufti eingestellt, aber sie hatten keinen Mut, gegen ihn aufzustehen, weil ihn <lie Regierung beschützt.» «Was ist der Grund der Feipdsehift des Grdßmufti gegen die Juden?» «Der Großmufti von Jerüsalem ist ejn abg&teäfte* Verbrecher. Seinerzeit hat ihn die Palästinaregierung amnestiert. Nicht genug damit, , haben Wir es ihr zu verdanke«, daß et heute der höchste moslemitische Würdenträger des Landes ist. Mit dem Amte des Größmufte Sind große EiHkörhrtiÄflsmöglichkeiten verbunden. Ünd vo« diesen Möglichkeiten macht der Großmufti einen großen Gebrauch. Er hängt an seinem Posten und zittert, wenn sjch aus oppositionellen Kreisen Stimmen hören lassen, die sagen, däß er der unrichtige Mann an dem Platze ist. Und er suchte sich eine Losung» um die ungebildeten Massen für sich zu gewinnen» Diese Losung, die er propagiert, aber an die er .selbst nicht glauben kann, laute«: Die Juden wollen die Omarmoschee ln Besitz ergreifen. Was er anstrebte, das hat er erreicht. Nicht nur in Palästina, auch in vielen anderen moslemitjschen Ländern, ist der falsche Eindruck erweckt worden als ob die Juden el«e Gefahr für das moslemitische Heiligtum wären. Auf diese Weise hat der Mufti seine Macht gefestigt. Mit der Feindschaft der arabischen Massen gegen die Juden steht er und fällt er. Daß das eine politische Unanständigkeit ist, bemühte ich mich öfters zu beweisen, wie ich auch . öfter Rechnungslegung von dem Großmufti verfangt habe über die Gelder, die angeblich zur Ausbesserung der ömarmoschee in der ganzen moelemitischen Welt gesammelt worden sind» Zur Ausbesserung der Moschee ist ein kleiner Bruchteil der gesammelten Summen nötig gewesen. Was Ist mit dem übrigen Oelde geschehen? Darüber konnten wir bis heute nichts erfahren.» «Waß soll Ihrer Meinung nach seitens der Juden gemacht werden, damit die Araber und die Juden in Eintracht für die Entwicklung des Landes arbeiten?» «Die Juden haben in Palästina bisher grandiose Werke vollbracht Und das, was sie schufen, kam auch in großem Maße der arabischen Bevölkerung zunutze. Erstens unmittelbar, weil in jüdischen Kolonien und Fabriken viele Araber Arbeit gefunden haben;, zweitens, weil die Araber von den Juden vieles lernen konnten. Die blühenden jüdischen Kolonien, die moderne Art, das Land zu bebauen, waren für die arabische Landbevölkerung, und sind es noch heute, Beispiele, die es sich lohnt nachzuahmen. Ich glaube aber, daß auch die Juden Fehler begangen haben. Sie dürfen es mir nicht Übelnehmen, wenn ieh mir erlaube, einige dieser Fehler hervofzuheben. Die Vorbereitung der Chaluzim für Palästina ist in gewissem Sinne unrichtig. Die Chaluzim, die nach Palästina kommen, haben oft vom orientalischen Leben» von den Sitten und Gebräuchen der arabischen Bevölkerung, keine Ahnung. Sie bilden deshalb ein fremdes Element. Das ist ein großer Fehler. Bevor man sie nach Palästina" schickt, soll man sie über die Verhältnisse im Lande genau unterrichten. Außerdem sollen die Juden in Palästina Arabisch lernen. Wenn man die Sprache seines Nachbarn kennt, kamt man sich mit ihm verständigen, ist man ihm nicht so fremd ... Ansonsten Ist es schade, daß nach Palästina verhältnismäßig wenig reiche Juden kommen. Was unsetr Land braucht, ist vor allem Industrie. Viele netK. Fabriken sollten gegründet werden und in diesen Fabriken Juden mit Arabern Zusammenarbeiten. Gemeinsame Arbeit ist das wichtigste. Diejenigen, die glauben, daß das Palästinaproblem in erster Reihe ein politisches ist, irren. Der Schwerpunkt liegt in den ökonomischen Problemen. Die Fellachen önd dem Effehdi Geld schuldig, die Eftendis verklangen Wücherzinse, die Fellachen können diese Zinse nicht. zahlen, das Elend wächst und dann behaupten die Effendls, daß die Jude« schuld sind an diesem wirtschaftlichen Niedergang. Eine große arabisch-jüdische Bank sollte gegründet werden, die sowohl arabischen wie auch jüdischen Bauern landwirtschaftliche Kredite zur Verfügung stellen würde. Die Befreiung des arabischen Fellachen aus den Klauen des Effendi könnte eine, große; Rolle spielen in der Normierung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Pazifizierung des Landes. Und würde man dem Fellachen helfen, nie würde er vergessen, wer ihm 'geholfen hat. Die Verständigung zwischen de« bejden Nationen müßte als Grundlage die absolute paritätische Gleichheit haben.» «Wie stellen Sie sich zur Frage der jüdischen Einwanderung?» «Da ich die Balfour-Deklaration anerkenne — absolut positiv. Man muß aber die Einwartderungsmöglichkeiten in Betracht jdehen. Sollen doch die Juden, sich anstrepgen und der Welt beweisen, daß lyansjordanlen ein Teil Palästinas Ist Dann gönnte eine größere Masse von Einwanderern ins Lapd kommen. Ich giäübe nicht, daß die jüdische Mehrheit im Lande im Bereiche der nächsten Zukunft Hegt Es gibt 700.000 Araber und bloß IßO.OOO Juden in Palästina, ynd wen« es einmal zur jüdischen Mehrheit kommen wird, dann werden wir bei gutem Willen einen Ausweg finde«. Heute ist diese Frage nicht, aktuell.» «Was haben Sie in der nächsten ^eit vor?» «Vor allem einen Besuch ln Genf. lc|i möchtedifcVölkerbundkreise Über die Lage in Palästina informieren. Und vor allem über die Politik der Palästinaregierung. Es darf nicht gestattet werfien, daß die Engländer ein Volk gegen das andere aufhetzen. Und in Palästina will ich nach meiner Rückkehr ein großes arabisches Tagblätt gründen, das der |dee der jüdisch-arabischen Verständigung dienen wird. Die Erlaubnis, die Zeitung herauszugeben, habe ich bereits und ihre wirtschaftliche Existenz ist ebenfalls gesichert.» Zum Schlüsse seines Besuches gibt uns Herr Mdhamed et Tawn ein Exemplä» seiner Icoufiszierten Broschüre in hebräischer Sprache, Wir werden auf diese broschüre, die. äußerst Interessante Einzelheiten über den Werdegang des Mufti und die Augustunruhen enthält, «och zurückkommen und auszugsweise manche Teile in deutscher Uebersetzung drucken. . Als sich Heit Tawil verabschiedet, sagt er «Schalom». «Schäjom heißt Friede, Schalom ist Euer Gruß, aber auch.; mein Gruß ünd mein ständiger Appell sowohl an Juden als an Araber.»