Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 137 (7.8.1930)
- Date
- 1930-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 187 016 STIMME Seite $ HANS LOEBL V1KY NEURATH VERLOBTE Wfl£N - MOtDUNG, AUdUSt tflJÖ Der Berliner Kongreß und die Judenstaatsfrage*) Von Dr. N. M. Gelber. Den Berliner Kongreß sollte ayeh indirekt die Präge der Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina beschäftigen. Abgesehen davon, daß bereits seit Jahraehnten hi* und da Stimmen laut wurden, die die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina verlangten, wurde anläßlich der orientalischen Wirren, die bereits in den Jahren 1876 bis 1877 am politischen Horizont Europas ziemlich deutlich hervortraten, von vielen darauf hingewiesen, daß bei der bevorstehenden Losung der orientalischen Frage auch Maßnahmen zu treffen wären, die den Juden die MÖglichheit geben sollten* ihr altes Vaterland wieder herzustellen und dort ejn selbständiges nationales Dasein zu führen. Insbesondere wurde diese Ansicht in Bugland vertreten. Hier bildeten sich sogar Komitees, die bestrebt wären, die Frage der Wiederherstellung einer jüdischen Heimstätte in Päjätina mit den Erfordernissen der damaligen Politik in Einklang zu bringen. So wurde im Juli 1876 unter Führung des Chaim Quedallah, der an der Spitze des Komitees zur Kontrolle der türkischen Staatsschuld aus der Staatsanleihe lß65 stand, eine Gesellschaft gegründet, die mit einem kapital von acht Millionen Pfund Sterling der Türkei Palästina abkaufen sollten. Allerdings sollte die Abtretung Palästinas nur mit Zustimmung der Großmächte geschehen, ln London waren damals Gerüchte verbreitet, daß die türkische Regierung Ihren in England befindlichen zahlreichen Gläubigern als Ablöse für ihre Schulden einen großen T,ejl Palästinas angeboten habe. Konstantinopeler Journale berichteten sogar, daß der englische Botschafter bei der Pforte Sir Hammond mit bedeutenden Vertretern der Judenschaft Verhandlungen pflege, um sie zu veranlassen, den zur Tilgung der türkischen Schuld erforderlichen Betrag aufzubringen.** ***)) Infolge des inzwischen ausgebrochenen türkischen Krieges mußte aber dieser Plan fallen gelassen werden. Während des türkisch-russischen Krieges (1877) wurden abermals — hauptsächlich in England — in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen Stimmen laut, die den Zeitpunkt das türkisch-russischen Krieges für gegeben erachteten, die Frage der Wiederherstellung eines jüdischen Palästina zu beftandeftL Der bekennte englische Publizist Goldwin Smith hatte sogar in der politisch hochangesebeuw Zeitschrift «Ninnteenth Century****) einen detaillierten Vorschlag veröffentlicht, In dem er darauf hinwies, daß bei dem zerrütteten Zustand des türkischen Reiches, es Pflicht Englands wie auch der übrigen Staaten sei, den Juden Palästina rückzuerstatten und somit das Jüdische Reich wiederherzustellen. Eduard Cazalet, der lange Jahre im Orient labte und insbesondere das Verhältnis Rußlands zur Türkei gut kannte, beschäftigte sich ebenfalls in einer speziellen Schrift eingehend mit der Politik Englands, wobei er von dem Gesichtspunkt ausging, daß es im Interesse Englands liege, seine Ostpolitik auf ganz andere Grundlagen zu stellen. Er vertrat die Ansicht, daß bereits durch die be* waffnete Intervention Englands im Jahre 1841 die Türkei, Syrien aus den Händen Aegyptens erhalten habe. Schon damals lag es in der von Lord Palmerston vertretenen Politik, Syrien unter türkische Herrschaft zu bringen, um auf diese Weise in Syrien eine bessere Verwaltung einführen zu können. Diese auf die Türkei gesetzten Hoffnungen gingen jedoch nicht in Erfüllung. Im Gegenteil, die Türkei habe ihre Pflichten nicht erfüllt und es wäre daher für alle Interessenten besser, die Türkei aufzufor- .Uern, Syrien, Palästina inbegritten, «fähigeren Händen* zu übergeben. Da die arabische Bevölkerung ungebildet und in ihren Handlungen unverläßlich, ja selbst unmoralisch und daher nicht ln der Lage sei, als regierungsfähiger Partner ln die Geschicke des Landes einzugreifen, müßte man eben fähigere und tüchtigere Menschen ausfindig machen, um diese Gebiete neu beleben zu lassen, Diese aufbaufähigen Menschen sieht Cazalet einzig und allein in den Juden. Er empfiehlt daher die Wiederherstellung der Juden ln ihrem historischen Lande, was er auch als das einzige praktische Mittel zur Durchführung der Zivilisierung und Wiederbelebung von Syrien ansieht, Er betont wohl, daß diese Maßnahmen keine Verwirrung bewirken und seitens England keine Geldsubventionen beanspruchen dürften. Es sei nur erforderlich, daß England die politischen Bedingungen schaffe, unter denen eine große Anzahl von Juden auf eigene Kosten nach Syrien und Palästina gebracht werden könnten. Zu diesem Zwecke müßten im Lande Gesetz und Ordnung unter englischem Protektorate herrschen. Cazalet Ist überzeugt, daß die Juden im Falle einer Wiederaufnahme der Kolonisation in * 'alästina, dort ein Kulturzentrum schaffen könnten, das sie befähigen würde, im ganzen Orient Kultur und Zivilisation zu verbreiten. Schon die Herstellung eines g e i s t i- ♦) Ein Abschnitt aus einer größeren Arbeit über «Die idenfrage auf dem Berliner Kongreß 1876*. **) Hamagid, 1876, Nr. 35. Diese Nachricht wurde ach in großen europäischen Tageszeitungen wiederägeben. ***) Jahrgang 1878, Maiheft. gen Zentrums in Palästina würde viele Juden veranlassen, mit ihren Familien nach Palästina auszuwandem. t Die Lage der Juden ln Rußland sei derart beklagenswert, j daß sie es sicherlich vorziehen würden, auszuwandern, anstatt ein «Staat im Staate» zu seirt, wo ihnen die bürgerlichen Rechte verweigert werden und selbst der Bodenankauf verboten ist. Schon in den letzten dreißig Jahren sind aus Rußland 350.000 Juden ausgewandert, fm Falle der Unterstellung Palästinas unter ein englisches Protektorat würde sich dieser Auswandererstrom sicherlich gegen Palästina zu wenden, das in der Lage Ist, eine recht ansehnliche Ansehl von Menschen aufzunehmen. Man darf auch nicht vergessen, daß Palästina nach wie vor von den Juden der ganzen Welt als Vaterland betrachtet wird. Ihre ganze Tradition bietet eine Fülle von Beweisen, daß sie stets an die Wiedererrichtung ihres Staates und Tempels denken. Die hebräische Sprache und Literatur, die jüdische Gesetzgebung und Religion, beweisen zur Genüge, daß die Juden noch immer ejne einheitliche Nation sind. 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Jahrhunderts anläßlich der damals aktuell gewordenen syrischen Frage den Gedanken der Rückkehr der Juden nach Palästina erörterte,**) schrieb anläßlich der im Jahre 1876 abermals auftretenden orientalischen Frage in einem diesem Problem gewidmeten Artikel, ob denn Palästina nach wie vor wüst bleiben und einen Spielball in der Diplomatie abgeben müsse. Vom Stadnpunkte eines englischen Kolonialpolitikers sieht er in Palästina eine große Zukunft und ist überzeugt, daß dieses Gebiet noch eine ungeahnte Bedeutung erlangen kann. In Palästina werden Städte neugebaut werden, die sicherlich als Handelszentrum eine große Rolle spielen werden, wobei die Juden ein weites Betätigungsfeld finden könnten. Palästina benötige Geld und Menschen, beides könnten die Juden,herbeisdjaffen. Es wäre daher nicht ira Interesse Englands gelegen, Palästina in den Besitz eines anderen Staates gelangen zu lassen. (Fortestzung in der nächsten Nummer.) *) Eduard Cazalet: Englands politicv in the East. Our relations with Russia and the future of Syria, London 1878, 2. Auflage 1879, S. 26. **) Meine «Vorgeschichte des Zionismus», Bd. L Jude'nstaatsprojekte 1695—1845, Wien 1927, 5; 133, 137, 111, 296. . .*• Stimmen der Presse Vandervelde über Zionismus und Araberfrage Der Berliner «Aben d», die Abendausgabe des «Vorwärts», veröffentlicht ejrien Aufsatz des belgischen Sozialistenführers Emil Vandervelde: «Der Zionismus und die syrisch-palästinensische Delegation». . . , Man wundert sich, daß ein Sozialist und Pazifist, wie ich, der sich zum Grundsatz des Friedens durch das Recht und der Befreiung der unterdrückten Völker bekennt, das «Recht» der Araber verkennen, das Eindringen der Zionisten in Palästina billigen, sich zum Schildträger des jüdischen Nationalismus machen kann. Man behauptet als festgestellte Tatsachen, daß England, als es den Juden ein nationales Heim gab, über ein Gebiet verfügte, das ihm nicht gehörte, daß die Araber Palästinas wie die anderen Völker das Recht der Selbstbestimmung haben müssen, daß unter Mißachtung dieses Rechts da6 «jüdische Eindringen» unter dem Schutz der englischen Bajonette die arabischen Fellahs gezwungen habe, das von ihnen bebaute Land zu verlassen, daß diese ohne Recht und Titel vollzogene Vertreibung Tausende von ansässigen, um ihren gesetzlichen und tausend Jahre alten Besitz gebrachten Arbeitern in Elend hat versinken machen.» Braucht man hier noch zu sagen, daß für denjenigen, der auch nur den geringsten Begriff von dem wirklichen Stand der Diiige hat, die Mehrzahl, um nicht zu sagen, die Gesamtheit, dieser Behauptungen nicht Stich halten? Was den Zionismus den Sozialisten sympathisch macht, ist die Tatsache, daß die Juden in Palästina niemals zur Gewalt gegriffen haben, außer, um sich gegen Akte der Gewalt und des Ueberfalls zu verteidigen. Alles Gebiet, was die Juden in den von ihnen Erez Israel genannten Teil Palästinas innehaben, ist ausnahmslos gekauftes, und oft sehr teuer gekauftes Land. Zu behaupten, wie es die syrisch-palästinensische Delegation tut, daß die Fortschritte der jüdischen Landwirt, schaft den Ruin der eingeborenen Ackerbauer zur Folge gehabt haben, heißt wiederum, die Tatsachen in keiner Weise in Betracht ziehen. Ich glaube, mich nicht getäuscht zu haben, als ich meinen Vortrag in Genf unter Berufung auf das Zeugnis von Joslab C. Wedgwood in der Schrift «The Seventh Dominion» erklärte, daß es in materieller Hinsicht in Palästina keine ernsthaften Interessengegensätze zwischen Juden und Arabern, sondern! nur solche zwischen gewissen Juden und drei arabischen; Elementen gibt: die, wie alle Nomaden, durch den technischen Fortschritt bedrohten nomadischen Beduinen, die Leute von der Mittelklasse, .denen geschicktere oder unterrichtetem Kaufleute und Beamte Konkurrenz machen; und schließlich die noch vorhandene« halbfeudalen Großgrundbesitzer, die sich erbittern, wen« sie sehen, wie ihre Fellachen nach dem Beispiel des jüdischen Arbeiters höhere Löhne fordern . .y Die nationalsozialistische Verhetzung Die «Kölner Jüdische Wochen-* b 1 a t ts> beschäftigt sich in einen* längeren Artikel mit den bevorstehenden Reichstagswahlen und der neuen antisemitischen Offensive der Nationalsozialisten. Das Blatt schreibt u. a.: Die bevorstehenden Reichstagswahlen in Deutschland eröffnen für die deutschen Juden einen Zeitabschnitt stärkster antisemitischer Verhetzung der Bevölkerung durch diie skrupellose Agitation der Nationalsozialisten, Es ist anzunehmen, daß alle deutschen Juden sich dieser Gefahr bewußt sind und daß in dieser Zelt ein wahrer Burgfriede aller jüdischen Richtungen nach außen gewahrt werden und in der politischen Stellungnahme in erster Linie darauf geachtet werden wird, daß keine jüdischen Stimmen und keinerlei jüdische Unterstützung Parteien zugute kommen, die direkt oder indirekt mit den Nationalsozialisten kooperieren. Es geht jetzt eine starke Welle der antisemitischen Bedrohung durch ganz Europa. Die Nachrichten aus Rumänien und anderen Ländern sind ein trauriger Beweis für diese Behauptung. Nicht genügend hervorgehoben wird jedoch in all diesen Nachrichten der starke Einfluß der Nationalsozialisten in Deutschland auf die Ideologie der Antisemiten in allen Ländern. Der Hakenkreuzantisemitismus ist heute leider einer der stärksten Exportartikel des Nachkriegsdeutschland. Im Zeichen dieses Symbols werden Juden überfallen, jüdische Häuser geplündert und Judenstädtchen in Brand gesteckt. Das Tätigkeitsgebiet der Nationalsozialisten erstreckt sich aber nicht nur auf Mittel- und Osteuropa, es greift auch auf Kulturländer des Westens über . . . Zigaretten wöchentlich weniger geraucht und Sie haben das Abonnement für die „Stimme“ bezahlt