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Die Stimme · 1930-08-07 · Heft 137 (7.8.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 137 (7.8.1930)
Date
1930-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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S<Ht§ 4 DTE STIMME Nr. 197 Brenta Kohle, Io», Brenaholz su billigsten Tagespreisen Telephonische Bestellungen werden franko zugestellt Wien, I., Hofburg, Sehwelzorlrakt, 2. Stock, Tflr 15 / Toi.: R-22-3-11 Glossen ‘Und wieder Staismann Btn eigenartiges Bach ist erschienen. Es heißt: .«Briefe aus der Haft an eine Freundin». Der Verfasser ist ein Sträfling. Sein Name ist Philipp Halsmann. Auf das Back selbst werden wir noch zurückkommen. Aber eines wollen wir schon heute festst eilen: es wirkt elektrisierend. Auf dem Umschläge sieht man ein vergittertes Zellenfenster. Hinter diesem Fenster — nicht auf dem Umschlag, sondern in Stein — sitzt ein junger Mensch, von dessen Unschuld alle Welt Überzeugt ist. Aber er sitzt, denn er ist in die anbarm* iherzigen Räder der Paragraphenmaschine hineingeraten. Da gibt es keine Hilfe . * . Wochen-, monatelang schrieb man über Halsmann, man schrie, man klagte an. Nun ist es schon seit längerer Zeit ganz still um Ihn geworden. Man wird ja müde ... Und doch: wie können wir eigentlich schlafen, wenn wir wissen, daß unser Mitmensch so gequält wird? Wie kann es das sogenannte Weltgewissen vertragen? Ein Buch ist erschienen und eine alte Wunde wurde wieder auf gerissen. Der jüdische Student aus Riga, der zum Vatermörder gestempelte Unglücksmensch — spricht aus der Finsternis seines Daseins zur Welt. Das ist wahrlich ein <?Mimaamakiim> . . . Wird er gekört werden? Werden ihn diejenigen hören, in deren Händen kraft Gesetzes sein Schicksal liegt? ■ Sk vQebt äns Qeld, dann wird Stühe sein“ Also sprach der rumänische Innenminister: «Wenn die ausländische Juden uns Kredite zur Verfügung »stellen werden, dann werden wir die Möglichkeit haben, die antisemitische Bewegung einzudämmen, Widrigenfalls ...» Was dieses «widrigenfalls» bedeutet, wissen wir ganz gut. Es gibt schon viele traurige.Denkmäler dieses «widrigenfalls»: Mord, Raub, Brandschatzung, «eiserne Garde», Cuztsten kurz all das, . womit sich das Pogromland Rumänien in den letzten Wochen auszeichnete. Es ist auch gar nicht wichtig, daß dem Wortlaute nach das Interview anders lautet, per Sinn i$t zweifellos dieser: «Wir, die rumänische Regierung, sollen trachten, aus den antisemitischen Exzessen Kapital zu schlagen. Und da die ausländischen Juden erstens Geld i und zweitens ein gutes Herz und Mitgefühl für Ihre Brüder haben, wird uns die Erpressung wahrscheinlich i getingen ,. » Echt Balkan. * <Ueber Zionismus darf nicht gesprochen werden . . . Und zwar auf der Weltkonferenz des liberalen Judentums. Liberal heißt freisinnig und freisinnig bedeutet nichts anderes als Gedankenfreiheit. Nichtsdestoweniger hat es die Mehrheit auf dem Kongresse des liberalen Judentums, der vor kurzem ln London tagte, zastemdegebraeht, einen Antrag, wonach man in der Debatte über Zionismus sprechen soll, abzulehnen. Es ist eines der vielen tragischen Paradoxe des assimilatorischen Judentums. Und noch ein Beispiel für üen Verrat an dem ursprünglichen Sinn des schönen Wortes: Liberalismus. Liberalismus heiß bei diesen Herren Unterdrückung jeder anderen Gesinnung und Meinung. Liberalismus ist ihrer Ansicht nach mit dem Totschweigen der größten und aktivsten jüdischen Weltbewegung identisch. Liberalismus? Sagen wir: auch ein Liberalismus. S. Bäu Schreibe» der Staatspartei an de» C. V. Die neugegründete Deutsche Staatspartei richtete an den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens das folgende Schreiben: «Die Deutsche Staatppartei hat von vornherein in ihrem Aufruf und in den Darlegungen ihrer Führer erklärt, daß sie ohne politische und konfessionelle Engherzigkeit und ohne Klassengebundenheit ihre Tore weit geöffnet hält. Das bezieht sich nicht nur auf die Mitgliedschaft, sondern auch auf die führenden Stellungen in der Partei und in der künftigen Fraktion. Einig ist man »ich nur darüber, daß den jungen jKräfteji aller Schichten eine weitgehende Mitwirkung an der Führung eingeräumt und daß die Deutsche Staatspartei ihren Willen entschlossen für die Verwirklichung der notwendigen großen Reformen einsetzen wird. Gez. Koch-Weser, Doktor .Winschuh.» Die Woche Melbourne: Hier wurde die dritte Jahreskonferenz der zionistischen Organisation in Australien abgehalten. Zum Präsidenten wurde der bisherige Präsident Brodle wiedergewählt. München: Mit der Leitung des vor kurzem gegründeten «Britischen Instituts» in München wurde Dr. Alfred Löwenstein betraut. Bukarest: Die jüdische Gemeinde in Kisehinew mußte das Gemeindewaisenhaus infolge Geldmangels schließen. 120 jüdische Waisenkinder sind obdachlos. Washington: Bei der peruanischen Gesandtschaft in Washington ist ein Schreiben vom peruanischen Minister für öffentliche Arbeiten eingetroffen, demzufolge die Nachrichten über Verhandlungen peruanischer Staatsstellen in Angelegenheit einer Judenkolonisation in Peru falsch sind. Karlsruhe: In Baden-Baden fand eine aus allen Bqvöl» kerungskreisen besuchte Versammlung statt, in der gegen das antisemitische Treiben der Nationalsozialisten in der Öäderstadt protestiert wurde. Frankfurt a. M.: Einbrecher brachen in eine Frankfurter Synagoge ein und beraubten den Opferstock. Paris: Der Grand Rabbin Julian Weill ist zum stellvertretenden Grand Rabbin der Stadt Paris ernannt worden. New York: Hier starb im Alter von 7Ö Jahren Rabbi josef Silverraann, der Gründer und Präsident der Bruderschaft vom Tempel Emanuel, Prag: Der bekannte Oberrabbiner von Vacz, Josua Silberstein, ist im Alter von 73 Jahren gestorben. Genf: Am 3. August wurde der dritte Kongreß das Weltverbandes jüdischer Jugend (Union Universelle de jeunesse juive) eröffnet Warschau: Mordechai Iwri, ein Führer der linken Poale Zion und Mitglied des Stadtrates von Cheim wurde in seiner Wohnung von einem Raubmörder erschossen. Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation in Polen hat ein Zirkular erlassen, wonach allen Ortsgruppen aufgetragen wird, eine Registrierung der Kandidaten für die Mitteletändische Kolonisation in Palästina sofort durchzuführen. Berlin: Der Berliner Polizeivizepräsident. Bernhard Weiß, hat vor kurzem seinen 50. Geburtstag gefeiert. Er Ist Mitglied des C V. und nimmt aktiven Anteil in der Vereinigung für das liberale Judentum. ln der Nacht zum l. August kam es zu einer Schlägerei zwischen halbwüchsigen Nationalsozialisten und einigen jüdischen Sportlern. Ein Jude, ein Nationalsozialist und eän Unbeteiligter wurden verletzt. «Die Siemens-Werke sind ein Hort des Nationalsozialismus», so schreibt die «Vossiscbc Zeitung» im Zusammenhänge mit den Abbaumaßnahmen in den Siemens-Betrieben. Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat einstimmig den Beschluß gefaßt, eine einheitliche Front für di« Abwehrbewegung des deutschen Judentums zu schaffen, um die antisemitische Hochflut einzudämmen. Am 2Ö. Juli vollendete Kammergerichtsrat Leo Wolff, der Vorsitzende des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und Vizepräsident der Berliner jüdischen Gemeinde sein 60. Lebensjahr, Nachschlagewerk mit Aufträgen, sehr gut gebend, ist su verbauten, Reflektanten (Vermittler ausgeschlossen) wenden sich unter „Rentabel“ an die Expedition dieses Blattes Die meisten Mitglieder der Palästina-Exekutive außer Landes Jerusalem» (J, T. A.) Nachdem von den Mitgliedern der Palästinaexekutive der Jewish Agency Dr. Maurice Hexter und Dr, Werner Senator sich bereits in amtlicher Eigenschaft im Ausland befinden, verlassen dieser Tage auch noch Josef Sprlnzak, Dr. Artur Ruppin und Rabbi Meir Berlin das Land, um anden Sitzungen des zionistischen Aktionskomitees und des Administrative Committees der Jewish Agency in Berlin teilzunehmen. „Grundbuchseintragung“ Der 0. Aw* heißt die vop w. gezeichnete Betrachtung über den traurigsten aller unserer Gedenktage, die wir in der letzten Nummer der «Stimme» lasen. Am 9, Aw des Jahres 70 n. Chr., heißt es dort, gab es noch keine Grundbücher. Und doch gibt es eine unauslöschliche Grundbuchseintragung, ein Dokument, dem Jeremias für alle Zeiten seinen lebendigen Odem eingehaucht hat. Prophetische Worte und heiße Tränen, das Sind die Siegel dieser Grundbuchaeintragung. Jeremias spricht; «Sieh, Gott, wem vor allen Völkern istis so ergangen wie mir? Wie einen unschuldigen Vogel hat man mich gefangen, gebunden, mit Steinen beschwert, ins Wasser geworfen. ...Tausend Marter hat der Feind für mich ersonnen. Verfolgung, Schmach, Hunger, Not, Pest, Verbannung Ist mir angetan, und ich rufe Dich, o Gott aus der Tiefe und meine Stimme mögest du hören. In meinem gräßlichen Unglück sei Du mein Richter. Sjnd denn die Sünden meines Volkes größer als jene von Sodom? Unsere Eltern haben gesündigt, sie leben picht mehr und wir sollen so viel leiden? Denn unendlich sind die Leiden meines Volkes! Sieh, Vater, was uns gescheht. Der herrliche Berg Zion Hegt verwüstet —- wilde Schakale ziehen um. Niemand ist da, uns zu erlösen. 0 Gott Du bist ewig, warum hast Du uns verlassen? Wir sind so lange schon m der Galuth — führe uns zurück zu Dir, führe uns zurück nach Zion!» Also sprach der glaubwürdigste Zeuge. Mögen Ihn nur die vielen britischen Kommissäre hören. Ottilie Qröbl. 1492-1930 Herzog Alba über die Vertreibung der Juden au» Spanien Der gegenwärtige spanische Außenminister Herzog von AJfoa und Berwick gewährte der Jüdischen Telegraphen-Agentur während seines Aufenthaltes in London ein Interview, in dem er sich insbesondere über die Frage der gegenwärtigen Gültigkeit des gegen die Juden in Spanien im Jahre 14Ö2 erlassenen Vertreibungsediktes äußerte. Die Frage ist durch eine vor kurzem erfolgte Aktion des Präsidenten der Jüdischen Völkerbundsliga in Bulgarien, Dr. M«?an, angeregt worden, der an den Präsidenten der Internationalen Union der Völkerbundligen die Bitte richtete, anläßlich der in Madrid abz*uh alten den Jahreskomferenz der Union festzustellen, ob er und andere jüdische Delegierte an der Tagung tellnefwnen können, da seines Wissens das Ediktvon 1492 nie rückgängig gemacht worden ist. Herzog Alba beantwortete die an ihn gestellte Fragt mit der Gegenfrage, ob das gegen die Juden in England verfügte Vertreibungs-Edikt von 1290 je zurückgenommen worden ist Eine Regierung setzt Gesetze und Erlässe, die im Laufe von Jahrhunderten erlassen worden sind, nicht einzeln außer Kraft. Durch die jetzt in Spanien geltende Verfassung sind alle vor dem Jahre 1600 in Spanien güit g gewesenen Gesetze und also auch das Edikt von 1492, automatisch außer Kraft gesetzt. Die Lage der Jetzt in Spanien lebenden Juden ist genau die gleiche, wie die aller anderen Bewohner des Landes, gleichgültig, ob sie spanische Bürger oder Ausländer sind Die spanische Staatsbürgerschaft können die Juden in gleicher Weise wie alle anderen erwerben. Es gibt auch bereits eine Anzahl von Juden, welche die spanische Staatsbürgerschaft erworben haben. Ich persönlich, sagte der Herzog Alba, bin der Meinung, daß die Vertreibung der Juden aus Spanien ein Fehler war. Die Inquisition war keineswegs, wie weithin angenommen wird, das Instrument der katholischen Kirche. Die spanische Inquisition war eine Einrichtung des spanischsn königlichen Regimes zur Hers'.ellaing der relig’ösen Einheit im Lande, weil man damals annahm, daß es ohne religiöse Einheit keine Einheit der Bevölkerung und keine Autorität der Krone gäbe. 'Gegen eine starke Opposition setzten Ferdinand und Isabella ihren Willen durch und Juden und Mauren wurden aus Spanien vertrieben. Das sind aber alles Fragen einer längst vergangenen Geschichte, die jetzt neu aaifzurühren nichts Gutes bewirken würde. Herzog Alba ging dann auf Fragen der Gegen* wart ein und sagte; Die spanische Regierung kennt die noch heute anhaltende .Loyalität und Innere Neigung für Spanien und die spanische Sprache, bei Hunderttausenden von Abkömmlingen spanischer Juden ln nlfihtspanischen Ländern. Wir wissen, wie diese Juden über die spanische Periode der jüdischen Kultur denken, die in Wahrheit ein ruhmvolles Blatt in der Geschichte füllt. Es gibt noch eine große Anzahl von Juden ln Marokko, z. B, in Tetuan, die noch immer spanische Staatsbürger sind und in einer gewissen Zahl kommen auch Juden aus Marokko nach Spanien und siedeln sich dort an. Die Zahl ist nicht sehr groß, das hat aber seinen Grund darin, daß Spanien ein armes Land ist, und daß es für einwandemde Juden daher keine großen Möglichkeiten bietet. Das bringt uns zu der Frage, ob eine große Rückwanderung spanischer Juden nach Spanien, wahrscheinlich ist. In Spanien gibt es Arbeitslosigkeit; natürlich nicht in einem solchen Ausmaß wie hier in England; Spanien Ist ein industriell nicht so hoch entwickeltes Land wie England, aber die Einwanderung in ein Land muß sich immer nach den ökonomischen Bedürfnissen des Landes und seiner Absorptionsfähigkeit richten. Ich glaube nicht, daß die plötzliche Ankunft von hunderttausend sephardischen Juden auf einer Arche Noah in England durch die Bevölkerung geradezu begrüßt werden würde und in Spanien Hegen die Dinge in dieser Hinsicht nicht anders als in irgend einem anderen Lande. Insoweit es jedoch wirtschaftliche Möglichkeiten tm Lande gibt, sind die Juden als Einwanderer in Spanien ebenso willkommen wie irgend wer sonst, und können einer sehr liberalen Behandlung gemäß den Gesetzen des Landes sicher sein- Kleine Nachrichten ausPalästina Die arabische Zeitung «Felestin» teilt mit, daß da» Defizit ihrer englischen Wodienausgabe 200 Pfund betrage. Dem Beispiele Palästinas folgend, wurden vor kurzem auch in Syrien Getreide- und OelschutzzöUe eingeführt. Die Konsumgenossenschaft der jüdischen Arbeiterorganisation «Maschbir» hat den Alleinvertrieb des unter der Leitung von Lord Melchett stehenden größten englischen Industrieunternehmens für chemische Erzeugung (Imperial Chemical Industries Ltd.) für Nordpalästina erhalten. Die arabische Zeitung «Maarad esh Shark», die vor einiger Zeit den jüdischen Arbeiterführer Ben Zwi als Kommunisten diffamierte, entschuldigte sich vor Gericht, und gab eine Ehrenerklärung ab. Pie kürzlich gegründete arabische Arbeiterorganisation verlangt in einem Aufruf, dem Beispiele der jüdischen Arbeiter zu folgen, und für die arabischen Arbeiter den achtstündigen Arbeitstag einzuführen. Die kommunistische Tätigkeit in Palästina wächst in den letzten Wochen?n. In den Straßen Jerusalems werden Broschüren verteilt, die vom Zentralkomitee der komtnunistisclu'ii Jugendliga Palästinas herausgegeben sind und in denen die Forderung nach Araberisierung des Landes ausgesprochen wird.

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