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Die Stimme · 1930-07-31 · Heft 136 (31.7.1930) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 136 (31.7.1930)
Date
1930-07-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nr. 186 D!£ STIMME Sefte 9 Professor Ludwig Stein gestorben Am 14. JuM verstarb in Salzburg nach einer Operation Professor Ludwig Stein. Ludwig Stein, eine bekannte Persönlichkeit der Berliner Gesellschaft, ist 71 Jahre alt gewordem Seine internationalen Beziehungen ermöglichten es Prof. Stein, in Berlin einen gesellschaftlichen Mittelpunkt der politischen Welt zu bilden. In seinem Hause kamen die Berliner Politiker und Diplomaten fast mit jedem hervorragenden Politiker des Auslandes zusammen, der Berlin besuchte. Während des Krieges hatte Stein gemeinsam mit Stresemann die «Mittwöchgesellschaft» gegründet, wo auch nach dem Kriege hervorragende Persönlichkeiten der deutschen und dfcr ausländischen Politik Vorträge hielten. Eine besondere Liebe hatte Ludwig Stein zur Journalistik. Sein besonderes Interesse galt den Studenten, die sich immer mit Erfolg hilfesuchend an ihn wandten. Ltfdv/Ig Stein wurde 1859 in Erdö-Benye in Ungarn geboren. 1881 bis 1883 war er in Berlin als Rabbiner tätig, wurd£ 1886 Privatdozent, 1889 ordentlicher Professor für Philosophie am Züricher Polytechnikum, 1800 an der Universität Bern und wirkte von 1911 bis 1924 als Dozent an der Hurttholdt-Akademie Berlin. In seinen philosophischen und soziologischen Arbeiten entwickelte Stein eine religiös- und sozial-ethisch fundierte optimistische Welt- und Lebensansihauupg. Die Zahl der von ihm verfaßten Schriften ist ayBOfördentlich groß. Prof. Stein war Mitglied des Deutsch^ Pro Palästina-Komitees. In früheren Jahren unterhielt er Beziehungen zu Theodor Herzl und Max Nordau, konnte sich aber nicht entschließen, aktiv in der Zionistischen Organisation ' mitzuarbeiten. Am 18. Juli fand unter ungewöhnlich starker Beteiligung aller Kreise der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft, der, Qelehrtenwelt und des öffentlichen Lebens das Begräbnis des Professors Dr. Ludwig Stein auf dem Friedhof der Adass Jisroel-öemeinde in Weißensee statt. Robert Szold Vorsitzender der zionistischen Organisation in Amerika New York. (J. T.A.) Die Konvention der £jQnjsti86hen Organisation in Amerika, die in den ersten Julitagen in Cleveland abgehalten wurde, ist ojine Wahl eines Vorsitzenden der Organisation auSejnandergegangen. Nunmehr ist innerhalb der in Clßveland gewählten leitenden Körperschaften ■ eine Einigung in diesem Punkte erzielt worden. Robert Szold ist zum Vorsitzenden der Zionistischen Organisation in den Vereinigten Staaten, Rabbi Abba HillCl Silver zu ihrem Vizevorsitzenden gewählt worden. Außerdem wurde Judge Julian W. Mack zum fhrepvörsitzenden und Louis Lipsky zum zweiten hrenvorsitzenden ernannt. Von den vier genannten Persönlichkeiten gehören die* ersten - drei der “in Gleveländ in die Organisation zurückgekehrten BhancJ6js~Gruppe an, und nur Louis Lipsky, der läiigjährige Vorsitzende der Zionistischen Organisation in Amerika, vertritt die bisherige Majoritätsgruppe des amerikanischen Zionismus. Zum Vorsitzenden der in Cleveland eingesetzten Kommission fjir politische und wirtschaftliche Fragen wurde Dr. Stephan S. Wise gewählt. Beendigung der Untersuchungsarbeit Simpsons in Palästina Jerusalem. (J. T. A.) Obwohl die Untersuchungen Sir John Hope Simpsons, der, wie bereits gemeldet, Palästina am 27..Juli verlassen hat, im großen und ganzen abgeschlossen sind, ist über die Einzelheiten seiner Untersuchungsergebnisse nichts?u‘ erfahren. Simpson soll jedoch, wie der Korrespondent der Jüdischen Telegraphenagentur erfährt, ijne Vergrößerung der gegenwärtigen Bevölkefungszahl Palästinas für zulässig halten, wenn ein besseres System der Entwicklung des Landes zur Anwendung kommt. Antisemitismus beim Verein der Ausländsdeutschen Der Nachrichtendienst des Deutschen Studentenverbandes schreibt über die Tagung des Vereins für das Deutschtum im Ausland in Salzburg: Bekanntlich war der Anlaß, die Tagung auf österreichischem Boden abzuhalten, das 50jährige Jubiläum der deutschösterreichischen Mitgliedsgruppe des VDA: des Sqiqlvereins Südmark. Die Gefahr des Ueberhandnehmens der radikälpolitischen Tendenzen eines großen Teiles der österreichischen Mitgliedsgruppen des VDA war durc'i diese Tatsache gegeben. Die Leitung des VDA hat zwar ihr Möglichstes getan, um diese Tendenzen nicht zu stark in den Vordergrund treten zu lassen, jedoch bat die besonders herausgesteüte Mitwirkung des derzeitigen Rektors der Wjener Universität, Graf Gl eispach, zu einem unangenehmen Zwischenfall geführt. Als Minister a. D. Külz sich in seiner Rede «gegen die Rassenschnüffelei» wandte, wurde dadurch eine ungeheure Entrüstung über dieses «undeutsche» Verhalten entfesselt. Die österreichischen Vertreter auf der Tagung der akademischen Ortsgruppen des VDA, zum allergrößten Teil Angehörige derWiener «Deutschen Studentenschaft», beschlossen einstimmig die Mißbilligung der «Entgleisung-» des Ministers Dr. Külz. Außerdem Wurden Ser* ritte eingHeitet vom deutschen Scluilverein!’• *•: y '"frnf •■!•*$*>, zu bewirken. Rektor Gleispaeb brachte seine Stellungnahme dadurch zum Ausdruck^ daß er auf seine Diskussionsrede zu dem Vortrag von Minister Dr. Külz verzichtete. Jüdische Frontsoldaten bei den Befreiungsfeiern in Mainz and Wiesbaden Berlin, 24. Juli (J. T. Ai). Unter Führung des Landesverbandes Südwestdeutschland des R. j. F. haben die Kameraden der Ortsgruppen dieses Landesverbandes sowie des freigewordenen Gebietes der benachbarten Landesverbände in einer Anzahl von annähernd 1000 Mann an den Feiern Tn Gegenwart des Herrn Reichspräsidenten in Mainz und Wiesbaden teilgenommen. Der stattliche Zug des R. j. F. marschierte unter Vorantritt des Banners der Ortsgruppen Mainz/ Wiesbaden zur Spalierbildung. * Flick gibt Picht nach Berlin. (J. T. A.) Auf einer Vertreterversammlung des Thüringer Gautages der Nationalsozialisten erklärte Ffick zu der Frage der Schulgebete', es sei lächerlich, daß solche Kleinigkeiten dem Staatsgerichtshof zur Entscheidung übergeben würden. Christliches Llebeswerk in Palästina In Jerusalem, an der Straße, die vom Jaffa-Tor zum Bahnhof führt, steil über dem Abfall des Heinnomtales, erhebt sich ein in mittelalterlichem Stil gehaltenes, mäßig großes Bauwerk, von dem an Sonn- und Festtagen eine Fahne mit rotem, gezacktem Kreuz in weißem Felde weht, das Banner des Jöhanniterördens. Es ist eine Augenklinik, welche diese adelige Ordensgemeinschaft dort unterhält, vielen jüdischen Einwohnern der Stadt gar nicht bekannt, den armen orientalischen Juden aber wohl vertraut als eine Institution, wohin sie. sich zur Qriatisbehandlung der vielen bösen Augenkrankheiten wenden können. In der «Times» vom 3. Juli lese ich eine Notiz über den Tätigkeitsbericht dieses Hospitals für das Jahr 1929; es lohnt sich, ein paar kurze Bemerkungen darüber festzuhalten. Der Tätigkeitsbericht Stellt vor allem fest, daß infolge der Unruhen des vergangenen Jahres die Zahl der Behandlungen von rund 90.000' auf 6Q.OOO zurückgegangensei. Ueberlegt man, daß die Unruhen doch erst in die zweite , Hälfte des Jahres fielen, Wird dieser ihnen zugeschriebene Rückgang noch auffälliger. Denn daß die arabische Bevölkerung sich zurückgezogen'hätte, wird durch folgende Fest-' Stellung, über die auch noch zu sprechen sein wtird, widerlegt Es bleibt also nur die eine Möglichkeit, daß die jüdischen Patienten des Johanniter-Hilfswerkes seit dem August 'ausgeblieben sind.' Die 'Gefährdung, .welche in der ganzen, den August-Kämpfen folgendlSrt Zeit ein-Besuch in dem ab-; seitig gelegenen Höspifal Iwdoütetfe, .hat wohl: die, jüäisbhen Kranken abgehalten, dort Heilung zu suchen, und nicht zuletzt wird es die Atmosphäre Voii H a ß und Feindseligkeit gewesen sein, die damals die jüdische Bevölkerung überall und nicht zuletzt in den; Institutionen e u ropäischchristlicher Charitas antraf. Mag im vorliegenden konkreten Fall eine Ausnahme vorliegen oder nicht — damals haben uns alle jene, deren Mumd voi Honig ist, schmählich verraten. Versteckt waren schon seit jeher viele gegen uns, damals haben sie offen gegen uns Stellung genommen, für uns hat keiner Sympathien zu zeigen gewagt. Das spürt und versteht der letzte Lastträger, den der Ruf nach Sammlung aus dem letzten Winkel der orientalischen Galuth nach Jerusalem gelockt hat, besser als jeder andere, und er verzichtet lieber auf Europas christliche Menschenliebe und wendet sich an seine jüdischen Institutionen, wo man aus volksdidaktischen und finanziellen Gründen ihm den Groschen für die Behandlung abverlangt. Und eine zweite Feststellung macht jener Tätigkeitsbericht: «... Als Ergebnis des arabischen Boykotts der Juden wandten sich viele Araber, die unter normalen Verhältnissen 'das Honorar für einen privaten Augenarzt erschwingen können, um Behandlung an das Hospital, da in Jerusalem fast alle Augenspezialisten Juden sind ...» An arabischen Patienten hat es älsp nicht gefehlt. Aber der Spitalsvorsteher, fügt hinzu: «Für diejenigen, welche Palästina und seine Bewohner kennen, wird es nicht erstaunlich sein, zu erfahren, daß die Gesamteinnahmen aus dem freiwilligen Entgelt einiger hundert Araber aus den besseren Schichten nicht einmal ein Pfund betrug.» Selbst jemand, der sich tfog engstirnigem, nationalem Ueberlegenheitsdünkel den Arabern gegenüber frei fühlt, empfindet dabei leise Schadenfreude. Jedermann in Palästina weiß, daß die «Better-Class Arabs» eine recht schäbige Gesellschaft sind, Das hat aber nicht gehindert, daß sie, und nur sie, als Repräsentanten des arabischen Volkes sich bei der englischen Beamtenschaft und nicht zi/- zuletzt bei der Shaw-Kommission Zugang und Gehör verschaffen konnten und auf Grund,gepflegter Lackschuhe und ein paar französischer Manieren als «Gentlemen» Eindruck gemacht haben. K. S. .IHTTW— Die Lage der Juden in Yemen Professor für Islamkunde an der Universität Hamburg, Strothmann, der vor kurzem von einer Forschungsreise im Yemen zurückgekehrt ist, erzähl* über die Lage der dort lebenden Juden: - Die Juden genießen im Yetnen eine Art rechtlicher Autonomie. Ihr höchster Geistlicher, der Chacham Baschi, ist zugleich ihr Oberrichter, der Urteile spricht und Strafen Mit den Gebeten seien keinerlei Angriffe gegen Juden oder Marxisten beabsichtigt, sondern lediglich die sittliche Erneuerung des Volkes. Trotz der Ablehnung kämen die Gebete freiwillig weit über Thüringen hinaus zur Anwendung. Wie der «Völkische Beobachter» aus Weimar meldet, stehe Minister Frick auf dem Standpunkt, daß’ der Entscheid des Staatsgerichtshofes in Sachen der thüringischen Schulgebete verfassungswidrig sei. Deshalb gedenke Frick nicht, den Vorschlag der Freiheitsgebete amtlich zurückzuziehen, sondern werde sich darauf beschränken, den Entscheid im Gesetzblatt bekanntzugeben. Von seiten des Reichsinnenministeriums wird zu der Entscheidung des Staätsgerichtshofes über die thüringischen Schulgebete darauf hingewiesen, daß der thüringische Staatsminister Baum : in seinem Brief vom 24. Mäi an den Reichsinnenminister die Erklärung abgegeben hat, das gesamte Staatsministerium weide sich dem Spruch des verfassungsmäßigen Gerichtshofes fügen. Es sei demnach kein Zweifel, daß die Empfehlung der Schulgebete zurückgezogen werden müsse. verhängt, die von der yeraenitischen Polizei vojlstreckt werden. Der Chacham Baschi erfreut sich einer sehr angesehenen Stellung. Ueber die Frage der angeblichen zwangsweisen Bekehrung jüdischer Waisenkinder zum Islam hat der Chacham Baschi folgendes mitgeteilt: Weder in Sanaa noch in einer anderen größeren jüdischen Gemeinde im Yemen sei es jemals vorgekommen, daß ein jüdisches Waisenkind von den Mohammedanern aufgenommen und zum Islam bekehrt worden sei. In ganz abliegenden Gegenden aber mit nur vereinzelten oder gar nur einer Judenfamilie Jränne es dagegen geschehen, daß im Falle des Todes bwler Eltern die Araber das Kind'den Behörden übergeben, so daß es mohammedanisch erzogen werde. Wegen eines solchen Falles noch aus jüngster Zeit, der nachträglich zur Kenntnis des Chacham gekommen ist, habe dieser dem Imam selbst Vorstellungen gemacht. Geantwortet wurde ihm, ohne besondere Berufung auf den : Findlingsparagraphen im mohammedanischen Gesetz, daß ' die-Regierung verpflichtet sei, für Waisenkinder zu sorgen. Die Tatsache, daß sich in Aden noch neben mehreren. anderen:yemenischen auch jüdische Flüchtlingsfamilien auf-, hielten, erkläre sich aus der langen Kriegszeit. In steuerlicher Hinsicht seien die Juden den Arabern im Yemen gleichgestellt, nur mit dem Unterschied, daß sie. nicht zum Militärdienst herangezogen würden und statt, dessen. eine Mif$tä|fteuer zahlen müssen. Diese betrage für die gäü-ze jüdische1 Gemeinde von Sanaa etwa 2000 RM-.,V; die von dem Chacham auf die einzelnen Gemeindeipitglieder j ümgelegt würden. . / Die Juden Sanaas wohnten in einem besonderen Stadt-,; viertel, aber auf ihren eigenen Wunsch. Anderswo Haus- ■ und Grundbesitz zu erwerben, auch Werkstätten und Läden , zu halten, sei ihnen nicht verwehrt. Zwischen dem Judenviertel und Sanaa-Stadt sei dauernd ein lebhafter Verkehr: Wenn irgendwo im Lande Markt sei, sähe man die Juden willkommen unbewaffnet sich zwischen den Beduinen bßr wegen. Ueberhauptitsei der ,Yemen, erstaunlich sicher. Auchan ihren Feststagen hätten die Juden keinen Anlaß gefunden, ihr Stadtviertel ab|hsdhließen, sondern es bleibe jedem zugänglich. Der Chaöham Baschi habe die strenge Gerechtif ■ keit des Imam lobend erwähnt, Ein reuiger Antisemit begeht Selbstmord In Warschau vergütete sich vor einigen Tagen mittels Karbolsäure der 62jährige ehemalige Kommissar der zarischen Ochrana Sergei Mitulow; er wurde in hoffnungslosem Zustand nach dem Krankenhaus gebracht. Vor etwa zwanzig Jahren war Mitulow Chef der zarischen Ochrana in Warschau und hatte als solcher die jüdische Einwohnerschaft stark verfolg* Er spielte dann während des Krieges in Rußland eine große Rolle, flüchtete nach der bolschewi stisch<n Revolutionjiach Warschau, wo er in recht dürftigen Verhältnissen lebt4 Vor einigen Tagen wurde er von einem verarmten War&häyer jüdischen Bürger, dem er einst bitteres Unrecht zugefügt hat, auf rfer Straße erkannt. Der Jude reichte ihm yjien 20-ZIoty-Schein mit den Worten: «Für das, was du mir angetan hast, hast du genug bezahlt, ich verzeihe dir!» Mitulow berichtete über diese Begegnung seinen Kollegen und tügte hinzu, das Benehmen des armen Juden habe auf ihn stark gewirkt. Bei dem Selbstmörder fand man ein Schreiben folgenden Inhaltes: «Das Leben konnte ich bisher nur darum ertragen, weil ich des Glaubens' war, das Schicksal hätte mir übel mitgespielt. Nachdem ich mich aber überzeugen konnte, daß das Schicksal gegen mich nur gerecht war, habe ich all" meine Lebenshoffnung ver-, loren. Ich weiß nun, das Leben ist mir nichts schuldig go-; blieben; ich habe es genossen und dafür teuer bezahlt.» Ein hundertjähriger jüdischer weiblicher Pionier Australiens gestorben In Melbourne starb Mrs. Morris Jacobs ira Alter von 100 Jahren. Ihr Ehegatte starb im vergangenen Jahr ira; Alter von 103 Jahren. Das Ehepaar gehörte zu den ersten ersten Pionieren der Provinz Victoria, es begründete die wichtige Stadt Geelong. Unter ihrer Nachkommenschaft .< sind 22 Enkel und 14 Urenkel. Ein Sohn von ihnen, Solomon'1 Jacobs, ist eegenv/ärtig Bürgermeister von Geelong. AUS ALLER WELT

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