Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 136 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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■Seite S Nr. 136 .... DIE STIMME Regierung, Bauern und Juden*) Zu. den antisemitischen Bauemunntjien iuRumänien Vöft Bf. Manfred Reifer (Gerrfauti). ' . Die letzten Woch,en stehen im, Zeichen v.on Bauerjtnn ruhen.' und aijfisemi'tistrnen Ausschreitungen in . unserem Lande;; JB,n\iernmassehr'von' cnzistisohen Aposteln . verführt,'scheuten ‘nicht davor zurück,, - .d^s. jüdische Viertel in ßorscha niederzubrenHen und einen.Piüriderungszüg’,in Siiczawcä und Balaceaiia zu untcrneihTncn. Die Regte'rühg.eitöHck'te in diesen Ausschreitungen, bloß ein Wiederäüfleben der.alten antisemitischen Bewegung, und erst zu $pät erkannte sie, daß es sich, uni eine Bauerribeweguhg handelt,' die sich gegen den Steuer* druck und gegen den Wucher richtet und. daß die Bauern von antisemitischen Agitatoren sich dazu mißbrauchen ließen, .gegen die. Schwächsten, gegen die jüdische Bevölkerung, vorzugehen. Im übrigen. beoDr*,- achtete die , Regierung eine bekannte Taktik, cjie Jahrzehntelang in. Rußland praktiziert wurde tmc| die. darin gipfelte, daß man,zur Zeit, schwerer.ökonomischer und politischer Krisen die Massen von den Urhebern dieser. sch.wierig.eji Lage ablenkte und ihnen, einzureden versuchte, daß.ah..allem Unglück die Juden.schuldig seien., Man gab auf diese Weise der Bauernbevölkerung einen zarten Wink, sich an jüdischem Leben und Eigentum zu vergreifen. Und erst dann entschloß sich. die Regie- , rung zu energischen Maßnahmen, als sie erkannte, daß die Bauernunruhen sich nicht nur gegen die Juden richten, sondern hauptsächlich gegen den Steuerdruck, gegen den Wucher und gegen däs Regierüriigsregime im allgemeinen. Wie wohl die: Regierung Maniu •eigentlich aus einer... Fusion der- Bauernparteiin-.Altriimänien ■ und Ressära-. . bien und .der 'Nationalpartei Transsylvaniens hervonge- gangen ist, hat sie für die große Masse -der bäuerlichen Bevölkerung nichts, getan.. Der Bauer ist gegenwärtig stark’ verspHüldet.’ Er' is t infolge:’ cler niedrigen <jefT5*Jepreise hich.t ,in der Läge, aus . den Erträgnissen, des Boddiis seine äu'fgenö'mmenen Schulden zurückzuzahlen.• Er hat;:zwarstfneh; Bodenbesitzdurch Käufe vergrößert;'und ütberdies eihielter; dank der Agrarreform einen*Bo^enpjWaciis, •erstürmte 'sich aber.gerade dürc'li die Vermetr^ng-'sei'nes Bodenbesitzes1 in neue Schulder!, da .'Umständen; tfen ganzen 'Boden beärbeiteti4 wölffe:;'Uhtqr rtem Einflüsse der. 'Wirtschaft des Bojär'en;ging;-aiuchrtlw Bauet; zur rätiorieilen'BewiTtscha^üng- .über,'was den'Kauf von Maschinen bedi ngte, wodurch ‘seine-Schulden noch' weiter Vermehrt würden. Da^'koMitoV 'ifoclr; die Tatsache, r daß der •Le^b'en$- standar&'des'Bäu,ern, überden Rabrneh seines Einkommens hinaüstging, indem er versuchte,, der Lebensführung des Städters sich zd'Trätrcrtt. •- •&;©ie felriuvinhstisohe^afOie, die '• nofolt dJevorige liberale- •Regieruirg'hbrausgege'ben-fia-t';) fand '■ fli'ren ^Aus-:- dru^k-ihdem- Schlag worfe':•’prim-noi insine'' («cFutch ün-s selbst») •üh!ä'b'est'ähd dar-ini'- daß mansich -'gegen dasauSfäjidfSCKG Kapital. -wehrte und alle' Anstrengungenmaohto-r umdie ^Mihdefh eitenim eigenen Lände'1' selbst' zu^Vi^diähigerti -Die' Folge, davon, war', daß “sichin den eitäJClfieiT ,'DÖrförri BäüeYhko o per at i ven bildeten,’ ‘welche’ m-it''Ufnt^&tüii3tuhigvdef Regierung ganze Zweige -.'der- Ind)ü6trlev.üftd''-deS.;'Wändels än sich rissen und, da sic. auf-.diesen Qeibiaten -keine--Erfaiirung hatten, zugrunde gingen. Es War klar, daß die Politik der Regierung,-die Städte rasoh-zii./roöia-nisjeren, .letzten,Endes zum.,Zusaimmen'hrücli”'des Systems «prin iioi, insine» führen mußtet Hand liri Hand -mit* dieser, Erscheinung - und mit der aljgemetnen'jeurppäischen .Krise trabeine Stagnation in zahjreieben Industriezweigen .ein, . was , eine starke ArbeTtsiosigkeit zur 'Folge hatte. .1 .Bedenkt’ mau noch';, daß Rumänien;ateiAgfarstaat\. durch eine unkluge Zollpolitik die Industrieartikei, die es .vom-Auslände bezieht, verteuerte und daß. der Bauer zwei KUogfamm' Mais Tttr^ eine Schachtel Zündhölzchen hefgeberi muß; daß ferner.'keine Prämien für iandwirt-, schaftiiehe..hochqualifizierte Leistungen verteilt werden,. däßmap.-wa^ejnzig Inder Geschichte;von Agrarstaafen'. dasteh.t, bpibLE^pprt von. Getreide' Aüsfuhrtaxen ein hebt, . so wirdman * die Bauerüib'ewegUiig' in Rumänien verstehen und ittrü‘UrsädHen begreifen. '. . ,;.Piesse;.;«^^mcin,e.’ 'wirtschaftliche' D.epression,',beT. nützen ciie Antisemitischen Wanderprediger, um die bäuerliche Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzeh und sie, so w^jt* zujverleiten, daß sie davor n|cht;,ziiriiick-.. schreckt, Ppigrönie zu inszenieren, tytan griff das Schlaigwöft '<<.\Vi4pher>> aut und versuchte, den .Groll der bäuerlichen Bevölke^^ cier sich gegen die Regierung rieh-' tet, aut die jiidrtiAbzüIpnken, In der Tat iejdet de'r. Jude in 'gjeichem’Maße yielieioirt.'rtvie die bjäuefl.icfip Bevöl-, macherr, gewöhnlich mit ’ der bäuerlichen Bevölkerung ist zum großen -Teile, derart päupe'risiert, daß.'sie seu ‘ langemiiich-t den'geldverleihenden, sondern nur 'mehr, den'^geldlethrenden Teil ajbgibt. Die jüdischen Banken" machen. gewöhnlich mit der bäuerlichen Bevölkerung! keine Geschäfte und gerade die'Banken sind diejenigen,1' weiche den Bauern ungeheuer auswuchern, da ja bekanntlich in 'Rumänien kein Wuohergesete' besteht imd man Zinsen in-beliebiger Höhe hehmen kann: Unter dem ' Steuerdruck, der gerade unter der Regierung Maniu er¬ *) Von. Herrn Dr. Manfred Reifer, Chefredakteur der «Neuen Jüdischen Rundschau», erhalten wir den vorliegenden Aufsatp, der auf die rumänische Regierung, die den jüngsten Pogromen im Großen und Ganze mit verschränkten Armen zusali« ein besonderes Licht wirft. (Die Red.) drückende Formen angenommen hat, Jeictet der Jude ift viel höherem Maße als der Bauer. Das weiß die Regierung und trotzdem ließ sie es zu, daß die antisemitischen Aposteln ihr Verhetzungswerk fortsetzen, um —■ wie bereits gesagt i— die bäuerliche Bevölkerung z.u verblenden und die wahren Schuldigen an diesem Ruin, nicht eruieren zu lassen. Und noch heute, nachdem bereits jüdische Siedlungen auisgeplündert üftd Juden schwer mißhandelt wurden, hat die Regierung sich noch nicht aufgerafft, die. Schuldigen "an den Juden ausschreitungen zür Verantwortung zu ziehen, Zetea Codreanu, der Mörder des jässyer Präfektün Manci-u, der vom Gesch'Wofenengericht in Turn-Severin seinerzeit freigesproclien wurde, der Mörder des jüdischen Studenten David Fallik, der berüchtigte .Tautu, der vom Kimpolunger Geschworenenger ifch t freigesprochen wurde, ziehen von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt und wiegeln die Bevölkerung auf, ohne daß sie bis heute angeklagt und abgeurteilt worden wären. Lehrer, Pfarrer, Staatsbeamte betreiben offen eine antisemitische Hetze gegen die jüdische Bevölkerung und die Re-’ gieru-ng gereift überall nur insoweit ein, daß sie die Bauern vor weiteren Ausschreitungen; warnt, j.edofch die Hetzer weiter ihr Handwerk ungestraft betreiben läßt. Wohin diese RegrerungspbHtik führen wird, kann man heute noch nicht ♦ndigültig .voraussägen. Anstatt dem Uebel auf den wahren Grund zu gehen,.durch Steuernachlässe, d-urch ein Moratorium, durch eine geänderte Wirtschaftspolitik der Bauernschaft zu helfen, die Aufwiegler der gerechten Strafe zirzuführen; der allgemein nen Korruption den schärfsten1 Krieg anzusagen, der Arbeitslosigkeit zu steuern und billige Kredite zu verschaffen — erläßt man Comintmiques, die den fatsachen nicht entsprechen. Das wäre die einzig richtige Methode, die die; Regierung Maniu beobachten müßte, wenn sie eine radikale Aenderung im Wirtschaftskurs der rumänischen Machthaber, herbeiführen will. Die Geschichte der letzten . Jahre müßte . doch der Regierung genug Beweismaterial liefern, daß Bauernunruhen nicht durch Bajonette und auch nicht durch das russische System, die Juden als Sünderrbock hinzustellen, beseitigt werden können. ' , Jüdische Institutionen und Synagogengemeinden Großbritanniens protestieren gegen die britische Palästinapolitik Unter. dem .Vorsitz von d’Avigdor GoldsmicI fand am 20. Juli im überfüllten Gebäude des Kingsway Theatre in London, von der britischen Sektion der Jewjsh Agency einberufen, eine Konferenz der jüdischen Institutionen und Synagogengemeinden der britischen Inseln, statt. Die vom Vorsitzenden zur Beschlußfassung voFgeschlageiie und von der Konferenz einstimmig angenommene Resolution lautet: «Die Konferenz bedauerte, ihre tiefe Sorge über das Verhalten der Regierung Sr. Majestät im Hinblick auf das: Jüdische Nationalheim in Palästina Seif den Unruhen im August 1929 zum Ausdruck bringen zu müssen. Die Konferenz bedauert im besonderen, daß die Regierung Sr. Majestät sich der Politik der Gewaltanwendung, wie sie in den, Judenmassakers von Hebron und Safed zum Ausdruck kam, gebeugt und dem jüdsichen Werke in Palästina Beschränkungen auf erlegt hat; Die Konferenz hat die Überzeugung, daß die Vertagung der Abgäbe einer' klaren und deutlichen Erklärung über die Politik im Hinblick auf Palästina im Einklang mit den Prinzipien des Mandats, die jüdischen Anstrengungen schädigt und die ökonomischen Bedingungen des Landes gefährdet. Die Konferenz bedauert die Tatsache, daß die Regierung Sr. Majestät durch das der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes unterbreitete Weißbuch ernste Zweifel erregt hat, hinsichtlich ihrer Absicht, die Mandatsbestimmungen über das jüdische Nationalheim völf aüszüführen. Die Konferenz ist gewillt, sich den jüdischen Protesten aus aller Welt gegen die Suspendierung der Einwanderung jüdischer Arbeiter nach Palästina anzuschließen, sie sieht die offizielle Rechtfertigung dieser Maßnahme für nicht überzeugend an und appelliert an die Regierung Seiner Majestät die Tore Pälästinas wieder^ zu öffnen ünd so das Recht der Juden, fn ihr nationales Heim zurücktukehreri, ‘zu bestätigen. Die Konferenz beteuert von'neuem den ernsten Willen des jüdischen Volkes mit der arabischen Bevölkerung auf der Linie der Verständigung und der Zusammenarbeit in Palästina zusammenzuleben. Die Konferenz bestätigt von neuem den Entschluß der englisch-jüdischen Gemeinschaft, die Anstrengungen der Jewish Agency zum; Aufbau des Jüdischieh Nationalheims in Palästina ihre volle Unterstützung angedeihen zu lassen und ruft alle britischen Juden auf, zur Verwirk'- lichung dieses Ideals ihr. bestes zu tun.» WicJitige Neuerscheinung! ‘; jn unserem. Verlage erscheint soeben: QFestgebete für die hohen Feiertage) mit vollständigem, ungekürztem Texte, mit einer n eiten Ußbersctzun g von Professor Dr. Jakob Bronner, Wien Diese neue Übersetzung zeichnet sich vor allen anderen, bisher vorhandenen durch ihren-modernen Stil lind ihre .Klarheit aus. Der Name des Übersetzers bürgt für deren Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Sowohl der hebräische, als auch der deutsche Text (Lateinschrift!) ist in klarer, schöner Type auf vorzüglichem holzfreiem Papier gedruckt und sorgfälltigst korrigiert. Der Machsor eignet sich vorzüglich auch für Geschenkzwecke und darf in keinem jüdischen Hause fehlen! Preis : in 2 Leinenbänden . , . . . . . S 7-— Preis: in 4 Leinenbänden . S 10.— Preis: in 4 Luxusbänden ........ S 14--~ Verlagsbuchhandlung Mendi Salzmann WIEN, II., GROSSE SCH1FFQASSE Nr. 4 Als Juden und britische Bürger verlangen wir die Umsetzung der Regierungsverspreohungen ih Taten. D’Avigdor Goldsmid führte zur Unterstützung' der Resolution u. a. aus: Wenn ich an die letzte Konferenz zur.ückdenke, dqr ich im’,April :1929'Zu:',pr|lsir dieren die Ehre hatte, und daran denjee, .welciy?: Hoffnungen und welche Begeisterung uns damalsAiw füllten, und damit, die Lage von heute vergieidta;; dann versiehe ich, für wie vieles, was sieh, : ist. Ich brauche .die Geschichte der ihzwisciijen,'yer7 strichenen lS ’Monäte ,nicht' därzusteijeni. ab^r dfe 1 sehen; geändert hat, die Regierung verantwortlich.; Situation,der wir heute gegeriüberstehen,;ist die, daß; die Regierung willkürlich, und nicht aiis wlrtschaftlichen Gründen, .die Einwanderung jüdischer Arbiter «ach Palästina suspendiert hat : Sie hat die gesamte Frage; des^ Landkaufs und deir inim«gration> dem. Bericht eines einzelnen T Mannes überantwortet. ’ Wie sehr sachverständig dieser auch seih mag, und so korrekt auch «seine Schlußfolgerungen ausi fallen' mögen, so frage ich mich doch, ob' unsere große. Bewegung von ., dem. Bericht eines einzelnen Menschen abhängig gemacht werden, kann, Wjr sind als britische Staatsbürger durchaus .berechtigt, die Politik der Regierung .zu kritisieren, nnd das tun wir - heute. Wir sind berechtigt,, .ihre. Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken,; daß uns .-ihre, gegen-;; wärtige Politik als ein. Bruch des. Artikels;6 des . dats-erscheint. . ... v Wir haben das Recht, ihr zu sagen, daß ihre gegenwärtige Haltung in der ganzen Welt Proteste hervörgerafen ujnd die britischen .Beziehungen, bezw. das britische Ansehen keiiie^- #cg«’'gefördert'hat-'-'Wir'hälxürafö^Ju^h'-'vtkl, britische Staatsbürger das volle Recht, ‘itie'Re- . gierung wissen zu lassen, daß wir uns ni|t bloßen Deklarationen nicht zufrieden gebeti,; sondern von ihr verlangen; daß sie’ ihre Bef teuerungen guten Willens in Hahdlungen umsetze, die den Aufbau Palästinas fordern und ihn nicht behindern. Die beste Antwort an Pässfield hat bereits vor sieben Jahren McDonald gegeben Als nächster Redner unterstützte Chief;Rabbi Dr. J. H. Hertz die Annahme der. vorgelegten Resor lution. Der Redner erinnerte daran,, daß ".'die^Konferenz-in die Zeit der drei Trauerwochen in Erinnerung und Zerstörung, Jerusalems falle, deren Einhaltung jetzt-kein Anachronismus sei. Die Freundschaft ' und Gerechtigkeit der britischen Nation gegenüber dem jüdischen Volk war in. den letzten 100 Jahren ein feststehendes Axiom lind bei ..den-britischen Juden geradezu ein Glaubensartikel. geworden. Nun kam nach einer, beunruhigenden'Reihe von Handlungen und Unterlassungen im Zusammenhaiig mit deji Palästinaunruhen als Gipfel die. Sperre der Einwanderung. Dieser sinnlose Akt der Feindseligkeit hat die Juden mit Trauer und Entrüstung erfüllt. Mit Trauer deishalb/vw.ei!^s;jde.c>Ärsjte .aiitijüdis’che Akt dieser und irgendeiner britischen 1 Regierung in , neuerer Zeit ist; mit Entrükturig^weilidämit das ge* |;ebene Wort Großbritänniens' verletzt worden ist, weil diese A'läßnahme ein Zurückweiehen vor der Gewalt und eine Prämie für künftige Pogrome darstellt. i l l