Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 136 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Satte 2 cmiAtP aiuntnc »^•atefteMManw i'.1)1.1 )*"■» www»»E')Wte«i»tete^te»te^aw»^a^^ Nr 188 Duldsamkeit und Disziplin Von Df. E. ML. Zweig-Jerusalem. .Wohinaus auch das Aktionsprogramm zielen mag, das irgendein Zionist ersinnt, um unsere Bewegung aus ihrer hoohkritischen Lage zu befreien, muß er unweigerlich seinen Ausgang von der nächsten Aufgabe nehmen: Stärkung der zionistischen Organisation und Erstellung einer möglichst geschlossenen Front nach außen. Beides aber ist nur möglich, wenn von den Zionisten verschiedener Richtung gegeneinander größte Duldsamkeit geübt wind, soweit es Ideen und Meinungen betrifft, und wenn zugleich strenge Disziplin gewahrt wird, soweit es um Handlungen geht, die sich jenseits der zionistischen Welt auswirken. Was da gesagt wird, klingt wie eine Binsenwahrheit, doch lehrt die tägliche traurige Erfahrung, wie verworren diese Begriffe im zionistischen Parteileben sind, so daß es keineswegs überflüssig scheint, die Wahrheit zu wiederholen und an praktisch-aktuellen Beispielen zu belegen. So hat der jüngste Delegiertentag der Zionisten Oesterreichs — mit erdrückender Mehrheit — «die Bestrebungen des Brith Schalem, die einen Durchbruch der nationalen Front beinhalten, verurteilt». Fast gleichzeitig «mißbilligt» der Landesvorstand der Zionisten Deutschlands — in einem durch die «Jüdische Rundschau» verlautbarten Beschluß — aufs schärfste jeden Versuch, «die Mitglieder des Brith Schalem wegen ihrer Gesinnung zu diffamieren». Da6 klingt zwiespältig. Solcher Zwiespalt aber muß auf jedermann den Eindruck der Zerfahrenheit und Schwäche machen, was gerade in dieser Zeit um alles zu vermeiden wäre. Woher aber der Zwiespalt? Einfach aus Mangel an klarer Unterscheidung zwischen Idee und Ausführung, zwischen Meinung und Tat. Der Gedanke muß frei sei, auch und zuvörderst in den zionistischen Reihen, denn wir machen ja Anspruch auf den Ehrentitel einer Freiheitsbewegung, welche die Entfaltung aller Kräfte unseres Volkstums auf ihre Fahne schrieb. Und wie der Gedanke, muß natürlich auch Seme Aeußerung, seine Formulierung und propagandistische Verfechtung — zunächst im Kreise der Zionisten — frei und unbehindert sein. Ob die Träger dieser oder jener Meinung noch zur zionistischen Gesamtbewegun-g und Organisation gehören, muß wohl zunächst von diesen selbst beantwortet werden; es steht der jeweiligen Mehrheit übel an, die Minderheit, welche anderer Meinung ist, aus dem gemeinsamen Verband auszuschließen und vielleicht dabei noch zu diffamieren. Denn eine solche Praxis würde zu einer endlosen Serie von Hinauswürfen der jeweiligen Minderheiten führen, zu einer verhängnisvollen Gleichmachereii zu einer Verödung und Entgeistung unserer Sache und zu einer Dezimierung der zionistischen Anhängerschaft. Eben jetzt aber ist es mehr denn je nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht jedes Zionisten, dem das Schicksal unserer Bewegung am Herzen liegt; aheS vorzubringen, was er für nützlich und förder-r : lieh hält, und dem entspricht anderseits die dreifache Pflicht zur Duldsamkeit gegenüber diesen Ideen und Meinungsäußerungen, ja zur Dankbarkeit für die Be-? reicherung unseres politischen Gesichtskreises. Deshalb hat auch der Brith Sohalom das gute Recht, seine Meinung zu haben und sie in Reden, Broschüren und Zeitungen frei zu äußern. Er besteht — dies mub unterstrichen werden — aus Leuten, welche sich duren Jahrzehnte in der zionistischen Bewegung und Organisation einen guten Namen erworben hatten, aus Leuten von überdurchschnittlich geistigem Format, die als Wissenschaftler und Literaten hervorragen; dabei kann ihnen niemand, der sich noch für seine Worte verantwortlich fühlt, ein eigensüchtiges oder sonst häßliches Motiv auch nur zumuten. Die Anschuldigung der «Neuen Welt», die vom Brith Sohalom hätten «-mit kalter Hinterhältigkeit», unter Verbergung ihrer antizionistlsohen Gesinnung Macht und Einfluß im Zionismus erschlichen, bricht vor der Reinheit von Namen, wie Martin Buber, Dr. Jakob Thon, N. lurje, Henriette Szb$, sofort zusammen. Es spricht,auch nicht gegen den Brith •Sohalom, daß seine meisten und jedenfalls die maßgebenden Anhänger in Palästina leben, also mit der Verwirklichungdes Zionismus für ihre Person Ernst gemuht haben. Es spricht eher f ü r den Brith Schalom, daß er sich damit begnüge, einen Diskutierklub au bilden, und sich — wenigstens bisher — enthielt, eine neue Fraktion mit ihren verhängnisvollen Bindungen und der schwer vermeidbaren Entfesselung neuer Eitelkeiten aufsufctjn. Was der Brith Schalom will, hat er zwar in einem «Programm zur Kooperation von Juden und Arabern» zusammengefaßt und in seiner zu Jerusalem edierten Zeitschrift «Schelfothenu» (Unsere Bestrebungen) veröffentlicht, doch besteht darüber in weitesten zionistischen Kreisen Unkenntnis oder doch Unklarheit; jene Delegierten kaum ausgenommen, welche am Wiener Delegiertentag Mann für Mann gegen den Brifn Schalom gestimmt haben. Was aber — mit vollem Recht —- Unwillen und Empörung geweckt hat, ist die Tatsache, daß der Brith Schalom nicht im zionistischen oder doch jüdischen Gehege blieb, sondern selbst oder durch einzelne seine: Mitglieder mit Manifestationen an die Oeffentliehkelt ii inausgetreten ist, ja sich .direkt an unsere nationalen und politischen Gegenspieler, hier die Araber, dort die M'uidai^Hnacht, gewandt hat. E>$ kann nicht oft genug .m diese traurigen Beispiele der Zuchtlosigkeit criur. •/•'.■••den. An die wiederholten Extempores den r’ ’!: er? in. dessen Sprachrohr sozusagen das ärgste arabische HeteMatt «FaJestin* geworden ist, mit Vorschlägen, die — gelinde gesagt — nicht nur höchst naiv, sondern für die verantwortlichen Leiter der Jewish Agency eine offenkundige Verhöhnung waren Oder an dem Umversitätekanzler Magnes, der sein Traktätlein «Wie die anderen Völker» den Mitgliedern des englischen Parlamente, dieses für unser Geschick hochwichtigen Forum«, zusendet, um sie für seine Sondermeinung zu gewinnen, welche der von Kongreß beschlössen getragenen Auffassung der zionistischen Gesamtbewegung offen widerstreitet. Oder wenn der Brith Schalom Offiziell oder doch offiziös Unterschriften gegen die Vollstreckung der von englischen Gerichten gegen die Augustmörder gefällten Todesurteile sammelt und sie dem Hochkommissar zustellt, Obiwar alle legitimen und nationalen Stellen die Nichteinmengung zur Pflicht gemacht hatten. Man kann also, wie Doktor Ruppin oder unser Adolf Böhm, wohl für das Programm des Brith Schalom sein, sich aber zugleich gegen die Taktik vieler seiner.Mitglieder verwahren. Kurzum, der Wiener Delegierten tag hätte, statt die Bestrebungen des Britto Schalom zu verurteilen, sich — bei ausdrücklicher Wahrung des Rechtes auf Gedanken- und Meinungsfreiheit — seinen Protest gegen derlei disziplinwidrige Betätigung beschränken sollen. Hingegen hätte der zionistische Lan-desvorstami Deutschland, wohl die Diffamierung der Gesinnung des Brith . Schalom mißbilligen, zugleich aber zu dessen Taten klar ablehnend Stellung nehmen sollen. Hier aber stockt man schon. Sind überhaupt die allgemeinen Instanzen der zionistischen Organisation: Delegierten tage und Kongresse, Landeskomitee« und Exkutive, die berufenen Stellen, um über Verfehlungen gegen die Parteidisziplin Gericht m halten? Wieder muß einen da die Erfahrung des letzten Wiener Ddegiertentages schrecken. Audi ohne die Vorgänge tn dessen Permanenzausschu ß zu kennen, der die VorlOOOOQCOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX: Muk! der Zioitea im Cafe „altes Rathaus“ (Cafetier Leo Lowy) Größere and klebe KJublokela 1* Bez., Wipplingerstraße 24 Tel. U 27-4-84, U 26-2-74 OOOOOOQCXXXXXXXXXXXXX3000000C3000000000C schläge ans Plenum formuliert, geht, man kaum felis, daß der Protest gegen den Brith Schalom. wie "anderwärts, von den Revisionisten angeregt wurde. Dabei ist es doch notorisch, daß erst vor wenigen Wochen die Weifumion der Revisionisten an die Mandatskommission des Völkerbundes eine Denkschrift über die politische Lage gerichtet und sich damit in bewußtem und demonstrativem Gegensatz zu der von der zionistischen Gesamtorganisätiön erwählten und Ihr verantwortlichen Exekutive gestellt hat, — kurzum, «ein Durchbruch der nationalen Front». Das soll gewiß keine besondere Spitze gerade gegen die Revisionisten sein, denn ähnliche Stücke haben sich die letzten Jahre über alle zionistischen Fraktionen von links und rechte geleistet, und wenn die Allgemeinen Zionisten vielleicht eine Ausnahme bilden, dann wohl weniger aus größerer Gewissenhaftigkeit, als deshalb, weil die Beschlüsse der Kongreßmetortoeit stets von den Stimmen eben dieser Allgemeinen Zionisten getragen waren. Was also fällt an der ungewöhnlichen Strenge der Wiener Tagung gerade gegen den Brith Schalom auf? Nicht so, daß Revisionisten und Radikale den Balken im eigenen Auge nicht sahen und nur den Splitter m dem des anderen; denn dileee Augenkrankheit ist ein allgemein menschliches Gebrechen. Aber bezeichnenderweise waren für diesen Antrag der Opposition die Allgemeinen Zionisten m haben und sahen krampfhaft daran vorbei, daß die Anreger der Verurteilung des Brith Sohalom eines zumindest ebenso schweren Diezipltnarbructoes schuldig waren. Das zeigt die Quelle des Uebel«. Es war einfach eine taktische Gruppierung, wie sie auch in solchen Miniaturparlamenten üblich sind. Vielleicht hatte man gerade Anlaß, sich mit der Opposition gutzustellen; also warf man ihn einen Knochen hin. Das schien um so weniger gefährlich, als ja der Brith Schalom ein kleines, schwaches Geb lde, ein bloßer Diskutierklub ist, jedenfalls viel schwächer als die Fraktionen. Das aber heißt mit Kanonen nach Spatzen schießen und die Ehrlichkeit der Entrüstung für die Parteidisziplin in Frage stellen. Man hat letzterzeit die Londoner Exekutive öfters gerügt, daß sie gegen die Disziplinlosigkeit da und dort in unseren Reihen nicht tatkräftig einschreite. Aber aucn die Exekutive scheint nicht dazu berufen, und am wenigsten eine Exekutive, deren Lebenskraft im Schwinden Ist, und der man Unparteilichkeit jetzt weniger zubilligen wird denn je zuvor. Wie nun Ist diesem Uebe! abzuhelfen? Es tut not, die Entscheidung Uber Diaziplinbruch aus der Kompetenz der allgemeinen zionistischen Institutionen herauszuheben und einem richterlichen Forum unparteiischer Zionisten-zu überfragen, Der Wirkungskreis'von Kongreßanwalt und -bericht wäre weiter auszugestalten. Sie seiften in allen Fällen von Dlsziplinbnich oder Diffamierung von Gesinnung»- gonoostn da« Verfahren einleiten dürfen und, wenn die Beschwerde von maßgebenden Stellen, wie Exekutive, Landeskomitee oder FraktaonsVorstand, ausgeht, einleiten müssen. Ueberhaupt wäre fast das Wichtigste die Normierung eines Verfahren«, das es ermöglicht, stets rasch und dabei mit tunlicher Vermeidung unliebsamen Aufsehens einzugreifen. Die Urteile sollten, bei Sicherung aller Kautelen, inappellabel und endgültig «ein. So sehr zu verstehen ist, daß einem Organisation«treuen Zionisten keine Strafe für Disziplinbruch als zu schwer erscheint, müßte bei Aufstellung des Strafsystems weise Mäßigung herrschen. Im Wesen sollen dje Urteile nur aufzeigen, was Recht und was Unrecht i«t. Nur so werden sie erzieherisch wirken können und die von Eigensinn lind Fraktionsgeist Irregeleiteten zur Besinnung bringen und auf den Weg des Gemeingeistes und der gegenseitigen Verantwortung zurückführen. Die These, wonach einzelne Zionisten oder zionistische Gruppen sich bei ihren politischen Aktionen unbe- : dingt den Beschlüssen der Gesamtorganisation 2u unterwerfen haben, mag dem und jenem wenig passen, der Sich als Ausriahimsmensohen fühlt und glaubt, dem kategorischen Imperativ in seinem Innern: «Hier stehe ich, ich kann nicht anders», folgen zu müssen. Solche Männer müssen aber zugleich auch bereit sein, den Leidensweg des Helden einzuschlagen, rücksichtslos gegen andere und vor allem gegen Sich selbst.- So hat Jafootinsky gegen den Willen der Zionistischen Exekutive die jüdische Legion im Weltkriege geschaffen. Wir lesen in seinen spannenden Memoiren, wie er nach zwölf Jahren nationaler Arbeit sich plötzlich als natio- - naJ.en Verräter erklärt fand, wie er Jn Odessa* «einer Heimatstadt, in der zionistischen Synagoge «Jawneh» während des Gebetes verflucht wurde und einer der angesehensten zionistischen Führer zu seiner alten Mutter sagte: «Man müßte Ihren Sohn erschießen — er ist hin Verräter, ärger als alle Renegaten.» — Nun würde man wahrlich zu klein von einem Jabotinsky . denken, wenn man ihm zumutet, daß er das alles vob Wehleiidgkeit, als Anklage, vorbringt. Denn jeder söl-. eher Ausnahmsmenscto oder der sich dafür hält, muß... von vorneher damit rechnen, daß entweder seine eigenwillige Tat mißglückt, dann bleibt eben der Fluch an ihm haften, oder ater daß sie glückt; dann pflegt ihm das Volk — mit Hinwegsetzung über a|le Förmlichkeit#! der Amnestie —- nicht nur zu verzeihen, sondern Ihn ,, auch noch durch Vergötterung für die leidensvolle:; Kampfzeit zu entschädigen. Für Durchschnittsmenschen aber «— und aus solchen besteht jede Organisation, .. also auch die zionistische — bleiben die festen Säulen ihres Bestandes und ihrer Kraft: Duldsamkeit und . Disziplin. . . ’ . Aufhebung des Binrsisevorböt« für Jernsalem, 26. Jüü. (J. T. A.) „Dawar1*.; , teilt mit, daß die Frage der Einreise Wladimir.:... Jabotin'skys nach Palästina vom High Commissi oner von Palästina, Sir John Chancellor, der..; sich bekanntlich gegenwärtig in London aufhält, neu geprüft wird- Die Neuprüfung des Palles ist auf die Intervention der jWiah , Agency und die Proteste einer Eeihe Monistischer Körperschaften zurüekzuführen. Die Warschauer Zeitung „Der Önint“ meldet, daß das Einreiseverbot gegen Jabotinsky, bereits zurückgezogen sei und daß sich Jabotinsky demnächst nach Palästina begeben wolle, . um eine neue Zeitung mit dem Namen „Hpschachar“ zu begründen. Eine Bestätigung der Nachricht von der Zurücknahme des Einreiseverbote« für Jabotinsky liegt nicht vor. Bureaukratismus oder grausamer Hohn? Jerusalem (J. T. A.). Die hebräische Arbeiterzeitung «Dawar» berichtet, daß das Einwanderung«departement der Regierung alle diejenigen, die um die Erlaubnis bitten, Verwandte ins Land bringen zu dürfen, an die Jewish Agency in Palästina verweist, wo sie, wie ihnen im Einwanderungsdepartement gesagt wird, Arbeiterzortifikate erhalten sollen. «Dawar» kommentiert diese Handlungsweise des Einwanderungsdepartements der Palästinaregierung und sagt, sie stelle entweder, einen krassen Fall stumpfsinnigen Bureaukratismus oder grausamen Hohn dar, nachdem die Arbeitereinwanderung suspendiert worden ist. „Near East an Iudia“ tadelt (Be jüdische Haltung gegenüber der briömeheu Regierung London. (J. T. A.) Die dem Kolonialamt nahestehende englische Wochenschrift «Near East and Indla» schreibt in dem Leitartikel ihrer letzten Nummer: Der Erfolg des Jüdischen Nationalheims ist in weitem Ausmaße abhängig von der Zusammen^ arbeit zwischen Judenheit und britischer Regierung. Diese Zusammenarbeit wirddurch nichts so sehr behindert wie dadurch, daß man fortgesetzt einen, wenn auch ungeladenen Revolver gegen den Kopf der englischen Regierung gerichtet hält. Würde man die gegenwärtige Taktik gegenüber Großbritannien im Jahre 1917 angewandt haben, dann würde es keine -Balfour-Dekläration geben. Wenn e$(je nötig war, zu «sanfter Vernünftigkeit» zurückzukehren, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen.