Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1930-07-17 · Heft 135 (17.7.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 135 (17.7.1930)
Date
1930-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3053752-3053859-3053888--1833-3057215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Nr. 185 DIE STIMME « Seite 3 . Herzls Todestag Thammus Kaf Thammus Kaf Thammus ist ein trauriges Datum: am 20. Tage dieses heißen Sommermonates ist Theodor Herzl gestorben. Kaf Thammus ist Tradition: in der ganzen Welt, wo nur ein jüdisches Herz Schlägt wird an diesem Tage des großen Führers gedacht. Kaf Thammus ist Anlaß: aus der Erinnerung an dem Titanen unserer Renaissance wird neue Kraft und neuer Impuls geschöpft zum Kampfe um volles und freies Leben. Aber vor allem ist Kaf Thammus eine Huldigung, die c'm geknechtetes Volk ihrem stolzesten und schönsten Sohne darbringt. Man schaut zurück, aber man schaut auch nach innen. In die Herzen, in das eigene Herz. Man sucht dort Herzl. Denn dort ruht er, oder richtiger, dort soll er in alle Ewigkeiten ruhen: im Herzen jedes Juden. Der Name Herzl ist seit einer Zeit Mode. Der Name Herzl ist auf den Lippen vieler. Bei jeder Gelegenheit sagt man: «So hätte Herzl gehandelt»; oder «Das hätte Herzl nicht getan». Woher wissen wir das? Herzl ist auf den Lippen vieler. Wann wird die Zeit kommen, wo er in den Herzen aller leben wird? ' - w. Herzl — der geniale Erfinder Von Dr. T. Nussenblatt. Durch beharrliches Nachdenken, schreibt Herzl in den Tagebüchern, fand er die Lösung der Judenfrage: den Judenstaat. Herzl war ein Erfinder. Er schöpfte aus der Tiefe seiner Seele, die originell das verarbeitete, was Generationen bisher geschaffen haben. Erfindungen, Verbesserungen, die den Zweck hatten, das Leben zu erleichtern, waren mitunter für ihn der Gradmesser des Fortschrittes. Nicht selten wollte Herzl große geschichtliche Probleme auf. eine einfache technische Formel reduzieren. Die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Palästina war für ihn unter anderem auch ein interessantes Verkehrsproblem. «Das elektrische Licht wurde nicht erfunden, um die Salons einiger Geldprotzen zu erleuchten. Es wurde erfunden, damit wir bei seinem Scheine die Judenfrage lösen,» sagt Herzl an einer Stelle. Das ist, seiner Ansicht nach, der Zweck der Technik: das Unrecht aus der Welt zu schaffen. Daher will Herzl in-seinem neuen Staate die Erfinder upd Entdecker in besonderen Schutz nehmen. «Eine" Sektion für Erfindungen, deren Korrespondenten in Paris, London, Berlin üswi sofort alles Neue melden, das dann auf seine Verwendbarkeit hip . geprüft wird.» Und an einer anderen Stelle schreibt Herzl: «Manche meiner Gedanken, wie über Selbstmord, Förderung der Erfinder, sind für alle Völker gut.» Er erlebte die Vision des lenkbaren Luftschiffes, das er in den «Philosophischen Erzählungen» beschreibt.. In den Tagebüchern unter dem Datum 12. Mai 1895 finden wir notiert: «Große Dinge brauchen kein festes Fundament. Einen Apfel muß man auf den Tisch legen, damit er nicht falle. Die Erde schwebt in der Luft. So kann ich den Judenstaat vielleicht ohne jeden sicheren Halt gründen und befestigen. Das Geheimnis liegt in der Bewegung. (Ich glaube,' da hinaus wird auch irgendwo das lenkbare Luftschiff gefunden werden. Die Schwere überwunden durch die Bewegung, und nicht das Schliff, sondern dessen Bewegung ist zu lenken.)» . Herzl entdeckte die Möglichkeit, aus Abfällen Anilin zu machen. Es wurden Abfälle verarbeitet, mit denen man früher nichts anzufangen wußte. Ins Soziale umgesetzt heißt es: «Die Verzweiflung ist ein kostbarer Stoff, aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen. lassen: Mut, Selbstverleugnung, Aufopferung ...» So geschrieben «Im Wirtshaus zum Anilin». Theodor Herzls Visionen übersprangen Generationen. Um den Nachruf Berta Suttners auf den Erfinder des Dynamits, dessen Anschauungen mit Herzl manchmal übereinstimmten, zu variieren, kann man von Herzl sagen: Wäre er nicht ein großer Schriftsteller und Staatsmann geworden, sicherlich hätte er als Erfinder Hervorragendes geleistet. Eine Reminiszenz Von Dr. Chaim Tartakower Schreiber dieses war Achad-Haamist, d. h. ein Gegner der damals sogenannten «Hohen Diplomatie» und ein Verfechter des Kulturzionismus, wie er von Achad Haam vertreten wurde. Bekanntlich war zu Herzls Zeiten der Gegensatz zwischen Kultur- und politischen Zionisten sehr tief, was zu sehr scharfen und schweren Auseinandersetzungen innerhalb des Zionismus führte. Nichtsdestoweniger gab es keinen ■Achad Haamisten, der nicht zugleich diszipliniertes Mitglied der von Herzl geschaffenen und geführten zionistischen Organisation gewesen wäre. Achad Haam konnte mit seiner Forderung, eine parallele Kulturorganisation zur politischzionistischen zu schaffen, nicht durchdringen.. Seine Anhängerschaft konnte und wollte ihm auf diesem Wegeeinfach nicht folgen: sie wußte instinktiv die. außerordentliche Bedeutung des Kongresses und der Organisation zu schätzen; - Innerhalb der Organisation wurden die tiefen Gegensätze ausgetragen, und man hatte oft das Gefühl, daß sich hier zwei Welten gegenüberstehen. Und trotzdem: die Einheit wurde gewahrt. Nun zur Reminiszenz selbst: Als Schreiber dieses als junger Student nach Wien kam, war gerade Rüben Ascher Braudes, der angesehene hebräische Schriftsteller und Er-, Zähler, schwer erkrankt. Der Krankheit folgte nach einiger Wochen der . Tod. Auch der Autor dieser Erinnerung beteiligte sich am Leichenbegängnis. Der Zufall wollte es, daß er etwas verspätet auf den Friedhof kam und die Leichenhalle zu einem Zeitpunkt betrat, als diic Bahre bereits am Boden stand. In ihrer Nähe stand ein Mann, den der Autor für Herzl hielt. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt Herzl noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Und merkwürdig: Beinahe vergessen war der Anlaß des Erscheinens an diesem Ort; vergessen die Tatsache, daß sich in der Bahre die leiblichen Ueberreste eines Mannes befanden, den der Aütor als großen hebräischen Schriftsteller sehr verehrt .hatte; vergessen die Tatsache, daß ein Achad-Haamist seinen Gegner vor sich hatte, der cs ganz besonders auf Achad Haam abgesehen und gegen ihn Nordau und die offizielle Organisation mobilisiert hatte. Alles war vergessen und nur ein Gefühl lebte damals in der Seele des jungen Studenten: Hier steht Herzl, hier mußt du hinknien vor dem Führer und ihm Hände und Füße küssen — aus Liebe, Verehrung und Ehrfurcht! Dieses Gefühl war nicht für den jungen Studenten allein kennzeichnend, sondern lebte sicherlich in der Brust aller’ Achäd-Haamisten zu jener Zeit. Ja — und wie der Aufsatz Achad Haams nach dem Tode Herzls beweist — auch im Unterbewußtsein Achad Haarm selbst. Theodor Herzl Von David Frischmann. Wie ein Märchen erscheint uns das Leben dieses Mannes. Und in der Dämmerstunde erzählt, wird diese wunderbare Geschichte von Geschlecht zu Geschlecht überliefert werden. So plötzlich sein Kommen war, so pötzlich war auch sein Gehen. Fürwahr, ist das nicht schon die Weise eines Märchens? Ueber seiner Wiege stand ein guter Stern und alle Gaben des Körpers und Geistes — die sich vereint nur selten finden — waren ihm verliehen; der Zauber der Augen, die Schönheit der Gestalt, die Gewandtheit der Zunge, die Kraft des Verstandes, das Herz eines Kindes, die Gradheit des Denkens, die Stärke des Riesen, die träumerische Phantasie und das mächtige Verlangen, Großes zu leisten, was kein anderer zu leisten vermag; er war begnadet mit dem Lächeln und der Phantasie, mit der Fähigkeit zu herrschen und zu entscheiden. Ein .starker Wille ward ihm zuteil und Wohlgefallen in den Augen Gottes und. der Menschen, alle Gäben des Körpers und des Geistes. Aber auch der Tod kam über ihn, plötzlich, der nun den Zauber des Märchens über ihn ausgießt, damit er Symbol des vollkommenen Helden sei. Denn was er im Leben zu leisten verhindert war, sein Geist wird es nach seinem Tode erfüllen. Biographische Notizen über Theodor Herzl zusammengestellt von Adolf Pollak (Berlin) 1860 In Budapest geboren. Schulbildung: zuerst Realschule, dann Gymnasium. In der obersten Klasse veröffentlicht Herzl seinen ersten Zeitungsartikel. 1878 Uebersiedlung nach Wien. Jus-Studium, Mitglied der deutschen Verbindung «Albia», freiwilliger Austritt aus derselben, weil antisemitisch. 1882 Herzl liest Duehrings Buch «Die Judenfrage als Frage der Rassenschädlichkeit» und bezeichnet dies selbst als ersten Keim' für seine spätere Auffassung der Judenfrage. 1884 Promotion zum Dr. jur., Gerichtspraxis in Wien und Salzburg, Beginn schriftstellerischer Tätigkeit. Mitarbeit an verschiedenen Zeitungen, wie «Wiener Allgemeine Zeitung», «Berliner Tageblatt», «Neue Freie Presse». Zahlreiche Lustspiele, die an verschiedenen Theatern gespielt wurden. Hauptgenre: Feuilleton. Bis 1888 außer Lustspielen erschienen: zwei Bände Feuilletons, «Buch der Narrheit» und «Neues von der Venus». 1889 Heirat mit Julie Naschauer (gest. 1906). Drei Kinder: Pauline, Hans und Trude. 1891/95 Pariser Berichterstatter der «Neuen Freien Presse». Wichtigste Jahre für Herzls literarische, politische und Charakterbildung. Weitreichende politische, künstlerische und gesellschaftliche Beziehungen. Die Frucht dieser Jahre: sein bestes Buch «Palais Bourbon». 1895 Erster Prozeß Dreyfus macht erschütternden Eindruck auf ihn und war die äußere Ursache seiner Rückkehr zum Judentum. Er beginnt ein Tagebuch zu führen, das er bis ans Lebensende fortsetzt und das ein Spiegel dieser Lebensjahre sowie ein einzigartiges menschliches Dokument darstellt. Es entsteht der Plan zu in «Judenstaat». Vor Veröffentlichung legt er seinen Plan Baron Hirsch und anderen vor, darunter auch Oberrabbiner Guedemann in Wien, und verfaßt eine Denkschrift an die Familie Rothschild. 1896 Da seine direkten Bemühungen umsonst sind, veröffentlicht er nach seiner Uebersiedlung nach Wien den «Judenstaat». Ungeheurer Eindruck der Broschüre. Zahlreiche Kundgebungen dafür und Anschluß bestehender Zionsvereine sowie einzelner Chowewe Zion an Herzl. No r d a u wird sein engster Mitarbeiter, macht ihn mit Z a n g w i 11 bekannt. ■ In London spricht Herzl ' zum ersten Male im Maccabean Club. Durch Rev. Hechler wird Herzl mit dem G r o ß h e r z o g F r i e d r i c h von Baden bekannt, der bis zu Herzls Tod einer der wärmsten Freunde und Förderer des Zionismus blieb. Bei seinem, ersten Besuch in Konstantinopel gelingt es Herzl, Interesse für seinen Plan beim Sultan ’ und der türkischen Regierung zu erwecken. Herzls Plan ist, durch das jüdische Großkapital die Finanzen der Türkei zu regeln und dafür von der türkischen Regierung Palästina für die Juden zu erhalten, ßei einem zweiten Londoner Aufenthalt versucht er die in seinem «Judenstaat» in Aussicht genommene «Society of Jews» zu gründen, findet bei einflußreichen Juden großes Interesse, aber es gelingt ihm nicht, den Plan durclizusetzen. Ein Versuch, Baron Rothschild, mit dem Herzl eine längere Unterredung hat, für seinen" Plan zu gewinnen, scheitert ebenfalls. Herzl hält in Wien seinen ersten Vortrag in der Oesterreichisch-Israelitischen Union. Unter den zahlreichen Persönlichkeiten, die sich Herzl anschließen, ist auch David W o 1 f f s o h n. 1897 Gründung der «Welt», des zionistischen Zentralorgans, in den ersten Jahren unter großen finanziellen Opfern von Herzl erhalten. Einberufung des ersten Zionistenkongresses nach B a s e 1. Der Kongreß vom 29. bis 31. August in Basel, 204 Delegierte. Gründuug der-Zionistischen Organisation mit Engerem Aktionskomitee in Wien (Herzl, Kokesch, Kremenezky, Marmorek und Schnirer), Anregung zur Errichtung einer jüdischen Kolonialbank, des jüdischen Nationalfonds und einer hebräischen Universitäi. 1898: Ausbreitung der Zionistischen Organisation, die auf dem II. Kongreß in Basel bereits 1200 Gruppen in der ganzen Welt umfaßte. Beschluß zur Gründung der Bank. Einladung. Herzls, an der Palästinareise des deutschen Kaisers teilzunehmen. Besprechungen in Potsdam mit Bülow und Hohenlohe . Einstiindige Besprechung mit Wilhelm II. in Könstantinopel im Beisein Bülows. In Jerusalem offizieller feierlicher Empfang einer Delegation mit Ansprache von Herzl. Inzwischen Schwierigkeiten aufgetaucht, die eine Intervention Wilhelms illusorisch machen. 1899 Subskription für die Jüdische Kolonialbank. Großer Erfolg. Herzl knüpft im Haag wertvolle Beziehungen an, die ihm später sehr zustatten kommen. Beim III. Kongreß in Basel bringt Herzl seine Charter-Idee vor. 1900 Verschiedene Besprechungen mit österreichischem Ministerpräsidenten Koerber zwecks Gründung einer großen Tageszeitung. Herzl hat dafür stärkstes Interesse, da «Neue Freie Presse» Zionismus niemals erwähnt und ihm auch sonst Schwierigkeiten macht. Durch die Beziehungen zu Koerber nimmt Herzl einen gewissen Einfluß auf die österreichische Politik. . Der IV. Kongreß findet in London statt. Es gelingt in hohem Maße, die öffentliche Meinung Englands und der großen Welt für den Zionismus zu interessieren. 1901 Im Mai wird Herzl zum ersten Male offiziell vom Sultan Abdul Hamid empfangen, durch Vermittlung des Orientforschers Prof. Vambery aus Budapest. Aus den langwierigen Verhandlungen. geht hervor, daß zur Erlangung bestimmter Konzessionen, die Herzl anstrebt, ein Betrag von zirka 1 ya Millionen Pfund sofort nötig ist. Herzls Bemühungen, diese Summe in Paris und London aufzubringen, sind erfolglos. Der V. Kongreß findet wiederum in Basel, und zwar Ende Dezember statt. Seine praktischen Ergebnisse bestehen hauptsächlich in der Schaffung des Jüdischen Nationalfomi.s. 1902 Im rebiuar und Juli erhält Herzl wieder Einladungen nach Konstantinopel, aber alle Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.