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Die Stimme · 1930-07-10 · Heft 134 (10.7.1930) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 134 (10.7.1930)
Date
1930-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 134 DIE SflMIte Seite 3 Weizmann bei Passfield London, 8. Juli. (J. T. A.) Prof. Weltmann betuchte gestern vormittags hn Colonlal-Office den Lord Passfield und besprach mit ihm aktuelle Fragen der Pölfistina-Polltlk. In informierten Kreisen behauptet man, daß dieser Konferenz eminente Bedeutung zukomme, umsornehr, da es seit sechs Groß-Britanniens Jahresbericht Palästina über Wochen der erste Besuch Weizmanns im Kolonialamt war. Eine Delegation des Board of Deputies bei PasSfield London, 8. Juli. (J. T. A.) Lord Passfield empfing gestern den Lord Rothschild und Herrn D’Avigdor Goktsmith, die als Delegation des Jewisb Board of Deputies bei ihm erschienen sind. Lord Passfield hat — wie es verlautet — eine Erklärung abgegeben, daß die britische Regierung an die Aenderung ihrer Mandatspolitik nicht denkt und daß vielleicht schon in der nächsten Zeit ein Teil der zurtickge« zögenen Chaluzim-Zertifikate der zionistischen Organisation zur Verfügung wird gestellt werden können. Kaplan8ky über Weizmanns Beziehungen zum Colonial Office London, 7. Juli (J. T. A.) Zur Richtigstellung gewisser vom Londoner «Jewish Chronicie» aufgestellter Behauptungen gab das Mitglied der Zionistischen Exekutive und Führer der Poale Zion, Dr. S. Kaplansky, der J. T. A. in London Aufklärungen über einige wichtige Punkte der gegenwärtigen politischen Situation ir, London. Gegenüber der Behauptung des «Jewish Chronicie^ d>äB die Regierung sich beschwert habe, weil Weizmann stolze Zurückhaltung zeige, stellte Kaplansky fest, daß diese Mitteilung vollständig unbegründet ist. Kaplansky bestreitet auch die Behauptung von «Jewish Chronicie», daß Minister Thomas gegenwärtig vorübergehend das Colonial Office leite und sich mit palästinensischen Problemen beschäftige. «Jewish Chronicie» hatte geschrieben, Thomds begreife'die wahren Ziele des Zionismus nicht und bedeute gegenüber Lord Passfield, dessen Versagen von Tag zu Tag deutlicher werde, keine Verbesserung. Anderseits bestätigt Kaplansky die Mitteilung des «jewish Chronicie» über eine wichtige Satzung des parlamentarischen Palästina-Komitees, an der unter* anderen Sir Herbert Samuel, Amery, Arntsby- Gore, Col. Wegwood, Marcus, Commander Kehworthy und andere Persönlichkeiten teilgenommen haben und bei der beschlossen wurde, zu erwirken, daß der Palästina-Debatte im Parlament ein ganzer Tag eingeräumt werde. Es sei nicht unwahrscheinlich, daß dieses Verlängert erfüllt wird. Arabischer Neubau an der Klagemauer Jerusalem, (J. T. A.) Die Moslems haben neuerdings die im vorigen Jahr in der Nachbarschaft der Klagemauer errichtete Treppe mit einem Treppengeländer versehen. Die , jüdischen Behörden haben in der Befürchtung, daß durch diese Maßnahme lediglich das ausschließliche Verfügungsrecht der Moslems über die Mauer von neuem demonstriert werden soll, dem Distriktscommission er einen Protest überreicht. Dieser Versprach, sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen. , Am 1. Juli veröffentlichte die britische Regierung Ihren Bericht an den Völkerbundsrat über die Verwaltung Palä- Sttihäs und Tränsjordaniens im Jahre 1929. Der Bericht betont, daß die Ereignisse in Palästina und die Tätigkeit der Verwaltung im Jahre 1929 überschattet waren von den Unruhen, .die sich in der Woche vom 23. bis 29. August abspifelten. Maßnahmen zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit Auf die Sieherheitsfrage übergehend, sagt der Bericht: Es werden unter der Leitung .von Dowbig&m Maßnahme« Zur Organisation der Polizei getroffen, um Sicherungen zu schaffen, daß sie in Zukunft fähig sein soll, ähnliche Unruhen schneller und wirksamer zu bekämpfen. Der Schutz der fernabliegenden jüdischen Siedlungen soll durch die Errichtung neuer Polizeiposten, Verbesserung der Straßen- und Telephonv&rbiridungen, sowie der Nachrichtenübermittlung gewährleistet werden. Der Boykott Die jüdische Mißstimmung wägen der Unruhen führte für kurZe Zeit zu einem sporadischen Boykott, arabischer Erzeugbisse. Das wiedererwachte nationalistische und anttjüdisChe Empfinden der Araber führte als Reaktion darauf zu einem organisierten Boykott jüdischer Produkte, der mit Einschüchterungsmaßnahmen vefbühden war. Es würde eine strenger? Ueberwachurtg der Presse ein-, geführt und die Regierung geht schnell gegen jede Zeitung vor, die den Verordnungen des ottömaftnischen Preßgesetzes zuWiderhändelt. Fragen der Verfassung — Die erweiterte Jewish Agetlcy Die Augustunrühen hatten die Vertagung weiterer Verhandlungen über die konstitutionellen Fragen zur Folge. Infolgedessen wurden in diesem Jahr in Palästina Aenderungen konstitutionellen Charakters nicht vollzogen. . Der Bericht nimmt ferner aiif die Bildung der. erweiterten JCwiSh Agency int August vorigen Jahres in Zürich Bezug. Er stellt fest: «lni Laufe des Jahres 1929 hat sowohl'der arabische w,*e der jüdische Nationalismus neue Impulse ethalten. Was den arabischen Nationalismus betrifft, so hat er durch den Appell an das religiöse Gefühl neue Lebenskraft erhalten. Auf jüdischer Seite hat der Nationalismus in seiden wirtschaftlichen Bestrebungen durch die Wirtschaftsdepression der Jahre 1926/27 und zum Teil 1928 Rückschläge erfahren, fand aber in der Vereinigung der Juden zum Zwecke der Fortentwicklung des jüdischen Nationalheimes erneute Kraft.» DCr Stand der Volkswirtschaft und der Arbeiterfrage Trotz der schlechten inneren Lage Palästinas im ersten Teil des Jahres 1929, die in den August-Unruhen ihren Höhepunkt erreichte, litt' die wirtschaftliche Entwicklung des Landes weniger schwer, als angenommen werden könnte. Angesichts der zahlreichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, über die in den letzten Jahren berichtet worden ist, zeigt das Land nicht nur die Kraft zur Behauptung, sondern auch zur Wiederherstellung. Das Jahr schloß mit einem Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben im Betrage von 183.540 Pfund ab. Die Belebung im Handel und der Industrie äußerte sich im Wachstum der Einwanderung. In dem Berichtsjahr übertraf die Einwanderung die Auswanderung um 3731, darunter 3503 Juden. Die fortschreitende Verringerung der Zahl jüdischer Arbeitsloser und die Erschließung neuer Möglichkeiten für, landwirtschaftliche und ungelernte Arbeiter rechtfertigen die Gewährung von Arbeiterzertifikaten. Die Arbeitslosigkeit war unbeträchtlich. Das Jüdische Nationaihelm Dem Bericht ist der. Fragebogen der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes mit den Antworten der britischen Regierung angefügt. In Beantwortung der 1 Frage, «welche Maßnahmen ergriffen worden sind, um das Land .unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen zu setzen, welche die Errichtung des Nationalheims für das jüdische Volk sichern sollen:*, wird gesagt: Im Jahre 1929 wurden 4700 jüdische Arbeiterimmigranten neu zugelasscn. Die Administration leistete der Exekutive der Jewish Agency einen Beitrag von 20.000 Pfund zu ihren Jahresausgaben für die unter ihrer Kontrolle stehenden Schulen, fm Zolltarif wurde den neu errichteten jüdischen Industrien weiterer Schutz gewährt. Anfang 1930 wurden die Wahlbestiminungen für die jüdische Gemeinschaft (Knesseth Israel) veröffentlicht und das Register der Wähler angelegt. 3882 Juden, mit ihren Familien 7018 Seelen, .wurden als Palästinenser naturalisiert. Das Wachstum der jüdischen Bevölkerung Die Jewish Agency hat von Oktober 1927 bis September 1929 für wirtschaftliche und soziale Aufgaben 670.000 Pfund aufgewendet. Die jüdische Bevölkerung Palästinas betrug im Jahre 1929 165.000 Seelen gegenüber 56.000 im Jahre 1918. Der Bevölkerungszuwachs beträgt also in 11 Jahren 109.000, worunter schätzungsweise 76.000 Einwanderer sind. Das Wachstum der ländlichen Bevölkerung beträgt in der gleichen Periode 20.000, woraus sich ergibt, daß ungefähr 26 Prozent der cingewanderten Juden auf dem Lande wohnen. Der Wächter der Kolonie Tel Joseph im Kampfe mit Banditen gefallen Jerusalem, (J. T. A.) Am 28. Juni abends versuchte eine Gruppe Banditen in Tel Joseph, die große jüdische Kolonie im Tale Jezreel, einzudringen. Der Wächter der Kolonie, Isaac Finkei, stellte sich ihr entgegen, es wurden mehrere Schüsse gewechselt. Isaac Finkei brach von den Kugeln getroffen, zusammen und starb kurz darauf. Die Mörder ergriffen die Flucht. Gegen Mitternacht traf Polizei in Begleitung von Pfadfindern aus Ejn Charod in Tel Joseph ein und begann die Fahndung nach den Mördern, deren Spuren bis zu den Hügeln in der Nähe von Ejn Charod verfolgt werden konnten. Die-Gegend wird nach allen Richtungen hin durchsucht, 30 berittene Angehörige der transjordanischen Grenzmacht beteiligten sich an der Verfolgung der Marodeure, die, nach den im Körper Finkeis gefundenen Kugeln zu beurteilen, mit britischen Gewehren bewaffnet sind. Man fürchtet, daß der Angriff vom 28. Juni nachts die Einleitung zu einem Terror-Feldzug ist, den transjordanische Beduinen, die vor kurzem; in Irbid eine geheime Tagung abgehalten haben, in Palästina planen. rasch ^und sicher wirkend bei’' {Rheumatischen} ^IGichtischerr; _ und» nervösen Schmerzen,** Kopfschmerzen r Erkältungskrankheiten!. Scheidet die Ham« säure 1? aus! Ober 6000 n Arzte «Gutachten! Absolut unschädlich. Fragen Sie Ihren Arzt. Sabbat Von Marek Scherlag Es war in der schwülen Recheiistuncje ejnes Freitags, als der Lehrer seine überhauchte Hornbrille bis zu den spärlichen Stirnhärchen hinäufscHöb und mit krähender Stimme verkündete: «Von morgen an, haßen die Juden auch am Samstag in die Schule zu: kommen.» Aüf der Jüdenbänk saßen fünf kleine Keile, wie Verurteilte vor den Gerichtsschrariken, stumpf und schweigsam, als begriffen sie nicht den Sinn dOr Worte.'«Nur Blöde glotzen so», sagte der Lehrer und wiederholte die Kundmachung. Fünf kleine, schwarze Köpfe neigten sich hin und her, schlügen förmlich aneinander und schienen sich aüf eine stumme Art gründlich zu verständigen. Als die Klasse entlassen wurde, drängten sich die fünf Judenkinder, die stets von den anderen abgesondert Waren, dem Ausgang zu. Auf dem Spielplatz vor den Schulfenstern hielten sie Beratung ab. Während sie einander die Hände reichten mit dem Versprechen, morgen in die Synagoge statt in die Schule zu gehen, fragte einer schüchtern: «Und wer morgen dennoch in die Schule geht?» Acht Augen richteten ihre verdutzten Blicke auf den Fragenden. Der war ein blasser, schmächtiger Junge mit blauen Augen und schmaler Nase. Keinem Kameraden hatte er sich bis nun so recht herzlich angeschlossen, übrigens hätte auch keiner den widerspruchsvollen und einsamen Grübler recht verstanden. Aber jetzt verstanden siejhn alle gut uhd flammte? auf und riefen, die Fäuste ballend: «JUnter-, steh’ dich, Leiser!» Worauf Leiser . mit bebenden Mundwinkeln sagte: «Ich hab ja nur so gefrägt , . ,» «Dein Glück!» riefen sie einhellig. Dahn stöben sie, auseinander und suchten ihre Wohnungen aüf. Leiser ging schweren Schrittes heim, den Köpf gesenkt, wie unter der Last der Gedanken! Düster trat er in die armselige Stube,,begrüßte die bleiche Mutter, die soeben die letzten Vorbereitungen zum Empfang des Sabbat traf. Er konnte kaum die Nacht erwarten, wo man ungestört nachdenken und träumen kann.; ,Da lag er nun mit heißer Stirn und offenen Äugen und grübelte. Ein krankhafter Ehrgeiz zehrte an dem1 kleinen Herzen.. Das Herz schlug hastiger. Jetzt bot sich ihm die Gelegenheit, sich so recht .über seinen engeren Mitschülerkreis empörzuschwingOn, dör erste unter den Juden zu werden. Noch eine ändere süße Hoffnung schlich in sein Herz. Morgen wü^de der Lehrer ihn als den einzigen gehorsamen Juden nicht allein in der Juderibank sitzen lassen, sönde’rn ihn unter die Christen, etwa gär in Annas Nähe, versetzen. Anna war ein strammes, blondes Djtig, das in der zweiten Bank auf der Mädchenseite rechts saß und ihm zuweilen einen lächelnden Blick; SUWarL - * Leiser schloß für eine Weile die Augen. Ihm war, als lächelten auch die anderen Schüler und Schülerinnen freundlich. Ja, die Christen würden ihn von morgen an besser behandeln als ,sonst, schon weil er ihnen morgen näherrücken wollte, um einen langersehnten Frieden für sich anzubahnen, dessen er als Ausnahmsjude leichter teilhaftig werden könnte. Dabei war ihm, als schwebte er in einen lichten Kreis hinein. Dann versank er in einen weichen Abgrund: er war eingeschlafen. Des Morgens rüttelte ihn die Mutter nicht auf, da sie am Sabatt ihrem Kinde volle Rühe gönnte — aber wie erstaunt war sie, als er selbst erwachte und sich eilig ankleidete. Auf ihre Frage, wozu er sich beeile, erwiderte er kleinlaut: «Der Lehrer hat befohlen,, daß die Juden äpch Samstag m die Schule koipmen.» Sie seufzte und sagte: «wenn der Vater gelebt hätte, so hätte er dies gewiß nicht zugelassen, aber ich will dir nicht im Wege stehen. In me Synagoge, gehst ,du ohnehin seiten und wenn du schon n|ngehst, plauderst du ilm Vorraum. Besser also, du gehst in die Schule und lernst etwas, denn du bist ein schwacher Schüler. Aber Gott behüte, daß du , jjgute.schreibst . . . Schließlich wird das der Lehrer vpri den jüdischen Kindern auch nicht verlangen,» Leiters Lippen begannen zu beben, als wollten sie ' die Wahrheit gestehen, doch die hellen Bilder der Nacht lockten "süß. Oh, dann würde ihm die Mutter nicht sagen dürfen: Du bist ein schwacher Schüler. Und manches andere ginge in Erfüllung ... Was war dagegen der Haß der Judenbank? Haß? Ja* und mehr noch erwartete ihn. Das wußte er, er fürchtete es sogar, und doch eilte er ins Freie, dem lockenden Lichte zu. Mit gesenkten Blicken und zögernden Schritten •traf er in die Klasse, als sollte er Spießruten laufen.' Und in der Tat wurde er als der einzige Schüler, der sich, verspätet hatte, und als der einzige Jude, der erschienen war, mit einem Hallo empfangen. Sogar der Lehrer, sonst ein Phlegmatiker, ließ sich hinreißen, in den Ausruf einzustimmen, was ihn jedoch nicht hinderte, die ganze Klasse wegen des ungebührlichen Lärmens zu rügen. Leiser ließ sich in der leeren Judenbank nieder. Einsam und allein saß er da, wie ein verlorenes Kind. Der Lehrer machte keine Anstalten, ihn zu versetzen. Niemand fiel es ein, ihm ein freundliches Gesicht zu zeigen. Im Gegenteil: haßerfüllte Blicke flogen ihm zu wie Pfeile. Er hatte sich arg getäuscht, seine Ausnahmsstellung war gar nicht behaglich. Betrübt saß er da, hörte nicht, was man las und sprach; er sah nur, daß auch Anna spöttisch -zu ihm herüberguckte und war dem Weinen nahe. Da rief ihn der Lehrer auf, stellte ihm eine Frage nach der anderen, aber auf keine gab Leiser in seiner Verwirrung richtige Antwort. So mußte er sich denn unter schallendem Gelächter der Klasse beschämt setzen. Er empfand die empfangene schlechte Note als brennende Wunde. In1 der Pause umringten ihn die Buben und höhnten und schmähten ihn ärger als sonst. Ein anderes Mal wäre er nicht der einzige Angegriffene gewesen, die ganze Judenbank wäre hinter ihm gestanden, wie e i n Mann. Jetzt war er den Feinden hilflos ausgeliefert. Der lange Peter pflanzte sich vor ihm auf wie ein Polizist und rief: «Was hast du am Schabbes deine krumme Nase in unsere Schule zu stecken, geh in deine,Schul’.» Der lange Peter war ihm stets ein Greuel gewesen. Die Arme des Juden-

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