Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 133 (3.7.1930)
- Date
- 1930-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3053752-3053859-3053886--1816-3057196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
tfr. 103 £**•4 Olt STIMME Der Shaw-Bericht durchschaut Von Dr. B. M. Zweig Seitdem die englische Regierung än März dem Parlament den Bericht der Shaw-Kommission vorgelegt hat, wurde er jfidtecherseits oft und scharf kritisiert Doch diese Kritik war meist nur oberflächlich, auf Kenntnis einzelner Teilstficke des umfangreichen Berichtes oder gar nur auf 1 blind übernommene fremdmeinung gegründet; und von denen, welche sich die Mühe nahmen, den ganzen Bericht durchzustudieren, ließen sich nicht wenige durch seine vermeintlich nüchtern-gründliche Bearbeitung des Riesenmaterials — währte doch die Untersuchung drei volle Monate — verblüffen; nur so ist es möglich, daß 2. & ein alterprobter Zionist und gewiegter Parlamentarier, wie Dr« M. Ebner (Cemauti), sich gedrängt fand, in seinem : Blatte der Shaw-Kommission, auch wenn sie zu vielfach falschen Schlüssen komme, feierlich guten Glauben zu attestieren. Erst das von Leonhard Stein verfaßte und von der Jewish Agency for Palestine im Mai edierte Memorandum bietet eine tiefschürfende Kritik des Shaw-Berichtes, durchschaut und vernichtet ihn. Dieses Memorandum, welches zunächst der Permanenten Mandatskommission .des Völkerbundes gewidmet war und nunmehr ‘ der t>rÄ&i U Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist eine bedeutsame politische Tai Wenn man bedenkt, wie sich in der zionistischen Organisation der Mißbrauch eingefressen hat, jede Uebellänne durch zügellosen Angriff gegen die 'Ldkmg .£$* zureagieren, und wie zumal das uns Juden ungünstige' Ergebnis des Shaw-Berichtes der Leitung angekreidet wurde, weil sie ja für eine richtige und erschöpfende Informierung der Kommission ungenügend vorgesorgt habe, muß umso stärker das Verdienst unserer Leitung um diese politische Tat unterstrichen werden. Denn dadurch, daß Weizmann in Seiner Eigenschaft als Präsident der Jewish Agency der Denkschrift Steins ein warm anerkennendes Vorwort schrieb, ist ihr offiziöser Charakter noch mehr offenbar. Sie bildet die Grundlage für eine zweite Denkschrift «Entwicklung des Jüdischen Nationalheimes in Palästina», welche gleichzeitig und unter der gleichen, von so manchem Oppositionszionisten verpönten Adresse 77 Great Russell ' Street erschienen ist, diesmal aber offiziell als Meinungs-! äüßerung der Agency selbst Diese zweite Denkschrift i wendet sich mit bestimmten, in 12 Kapiteln geordneten Vorschlägen an die englische Regierung und indirekt auch an den Völkerbund. Hiebei bilden beide Denkschriften eine tm- " verkennbare Einheit Denn nachdem' die Agency durch ,‘St#in das dem Fortschritt unseres Paläsünaaufbaaes entgegengestellte Hemmnis des Shaw-Berichtes sozusagen weg* geräumt hat, sucht sie sich für ihre positiven Vorschläge Gehör zu schaffen. Auch diese offizielle Denkschrift ist eine ausgezeichnete, von Mannesmut, Sachkenntnis und politischer Klugheit diktierte Arbeit, die einebesondere Besprechung verdient Hier möge noch ein, nicht unwichtiger Zwischenvermerk Platz finden! Zumindest eines dieser Memoranden ist Vön einem jener zionistischen Beamten verfaßt, die von so. vielen malkontenten Zionistep leichtfertig, unlogisch und »unbillig als Krebsschaden unserer Organisation herabgesetzt, ja beschimpft zu werden pflegen. Stein diente der , Zionistischen Exekutive durch ö Jahre als politischer Sei kretär, war also in einer außerordentlich einflußreichen Stellung tätig und darum dem Gift jenes Uebelwollens : dreifach ausgesetzt Wohl uns, daß er sich dadurch in seiner 1 Aufgabe als mitfühlender, mitkämpfender Zionist nicht beirren ließ! So verfaßte er diese Denkschrift, nicht bloß «dt profundem Wissen, das er zuletzt als Beobachtungzpösten' im Shaw-Verfahren zu Jerusalem ergänzen kannte, sondern zugleich mit seinem zionistischen Herzblut; hier and dort i btf&t zwischen aller Sachlichkeit grimme Ironie auf... Stein hat es verstanden, seine analytische Kritik, insbesondere durch zweckmäßige Gruppierung des Stoffes in fünf Kapitel, auf 111 Seiten zu komprimieren; er geht aufs Ganze und läßt auch die uns Juden freundlichen Ab* 1 Schwächungen des braven Snell fast ganz beiseite. Im Eia* leitungskapitel stellt sich die Denkschrift mit weiser Beschränkung auf den Boden jenes Beweismateriales, das die ‘ Shaw-Kommission selbst benützt hat, betont aber dabei, daß der Agency bis zur Stunde die Aussage von 20 CD Zeugen, darunter 14 Regierungsbeamte, welche mißbräuchlich in geheimer Sitzung verhört wurden, unbekannt geblieben sind. Dann wird klargestellt, wie die Kommission dem. wiederholten feierlichen Erklärungen der englischen Regierung entgegen — die Kompetenz, bloß die unmittelbaren Ursachen des Augustpogroms zu untersuchen, überlschritt und in weitem Maße Fragen der höheren Politik, wie .Einwanderung, Landkauf und Konstitution, behandelt. ' Sie habe dies auf Grund völlig unzureichender und ven ihr selbstverzerrten Informationen getan und sei hiebei zu Vorschlägen gelangt, die sich mehrfach geradewegs gegen bestimmte, grundlegende Normen des Mandates wenden; schließlich wird ja die — neuerdings von der gesamten jüdischen Welt betonte — Verpflichtung der Mandatarmacht, den Aufbau unserer Nationalen Heimstätte aktiv zu fördern, rundweg bestritten« Im folgenden Kapitel, das sich' mit den geographisch-historischen Bemerkungen des Shaw-Berichtes befaßt, wird an Hand einer Fülle von Beispielen erwiesen, in wie tendenziöser Art die Kommission Licht und Schatten verteilt, um für die späteren, tneritörischen Punkte gegen uns Juden Stimmung zu machen. Diese Erörterung ist eine Fundgrube hochinteressanter Tatsachen, deren Kenntnis sich jeder Zionist wenigstens jetzt verschaffen muß. Kapitel Ul «Ueber Natur und Ursachen der Unruhen» überprüft das Urteil der Kommission, wonach die Mordattacke der Araber als plötzlicher Ausbruch ihres seit Jahren gegen die Juden genährten Hasses zu werten sein, ein Ausbruch, für den weder die Palästineverwaltung, noch der Mufti oder die Arabische Exekutive verantwortlich zu machen sei, sondern die nicht grundlose Angst der Araber vor wirtschaftlicher Schädigung und schließlich Erdrückung durch die Juden und als letzter Anlaß die Fahnenhissung durch die revisionistische Jugend am 15. August vor dem «Burak». Stein zerpflückt die Argumente der Kommission, die alle darauf zielen, die Palästinaverwaltung und deren Schützlinge zu entlasten, in einer solchen Weise, daß durch die Aufzeigung dieser hochverdächtigen Tendenz die geplante Eh t listung zu einer doppelt Schwere?» ß Slastühg wird. Stein macht es zweifellos, daß eine planmäßige, auf die provokatorische Ausnützung der Empfindlichkeiten um die Klagemauer gestützte Hetze schließlich ihre blutigen Früchte trug,' wobei freilich die letzten Geheimnisse des Arrangements noch verhüllt bleiben. Das folgende Kapitel «Die Regierung» geht gleichsam zum Gegenangriff über, indem es folgende Vorwürfe begründet; Trotz aller Warnungen, zumal der‘zionistischen Leitung, Würde die Vorsorge für die Aufrechtcrhaltung der Ordnung im Lande und für den Schutz seiner jüdischen Bewohner arg vernachlässigt, ja deren Selbstverteidigung durch systematische und sogar in höchster Not fortgesetzte Entwaffnung möglichst erschwert, der mordende und plündernde arabische Mob in Jerusalem durch ein Schießverbot an die Polizei auffallend geschont und die breite Welt durch Ausgabe entstellter Bulletins, als hätten die Briten einen Zusammenstoß zwischen den rauflustigen Juden und Arabern zu meistern, gröblich getäuscht Im letzten Kapitel behandelt Stein von den Fragen der höheren Politik, vornehmlich jene der Einwanderung and des Landkaufs und erhärtet unwiderleglich, — allen Feststellungen der Kommission zum Trotz — wie die bisherige Palästinaarbeit der Juden ln jeder Hinsicht zum offenen Segen dCr arabischen LandesgenOsSen ausschlug. Die vorstehende Wiedergabe des Inhalts von Steins Me-, morandum kann nur einen schwachen Begriff von .dessen speziellem Wert geben. Dieser Jfegt vielmehr in der Art der Stoffbehandlung. Wir haben da .vor uns eine als Replik gestaltete Staatsschrift von so zwingender Sachlichkeit und Logik, knappster Fassung und würdiger- Form, von populärer Diktion und spannender Steigerung, daß dies Werk in jeder juristischen and politischen Chrestomathie einen Ehrenplatz beanspruche könnte.: Die Beweisfeststellungen der Shaw-Kommision werden Punkt für Punkt Unter die Lupe genommen. Hiebei ergibt sich, daß nur zu oft aus den Zeugenaussagen und dem Urkundenmaterial gerade das herausgegriffen wurde, was der Kommission paßt, während die anderen Daten verschwinden, oder doch, daß dies Material nach Bedarf gefärbt werde, wobei man zur Vormiiiü.-miriffi sicht da and dort ein Türl für Ausflüchte offen hielt, sc wenn die jüdische Kolonisation «ungefähr 3730 Fellachen verdrängt haben soll». Derart werden die Belege für Steins Schwere Vorwürfe stets prompt beigebracht Sie liegen nicht zuletzt in den erfrischend offenherzigen Aussagen der Polizei- und sonstigen Offizieren. Nicht genug daran; gewiß traf es Stein wie viele andere Leser des Shaw-Berichtes schwer, daß die Gentlemeo wiederholt zur Bloßstellung des Rapports der Survey-Commission, der vor Erweiterung der Agency von jüdischer Seite veranlaßt wurde, um eine riickhaltslose Selbstprüfung unseres bisherigen KoloniSationswerlces vorzunahmen, streben. Stein weist diesen mit untauglichen Mitteln unternonunaneh Versuch nicht nur zurück, sondern ripostiert sofort und jeder Hieb sitzt; er zitiert nämlich, um die Feststellungen der Shaw-Kommission Lügen zu strafen, rastlos alleroffiziellstes Material der englischen Regierung, insbesondere die Jahresberichte der PaJästinaverwaltung und die Spezialberichte dreier Hochkommissäre an den Völkerbund Nachdem so die Grundlagen des Shaw-Berichtes zerstört sind, bricht das Luftgebäude seiner kühnen Schlußfolgerungen von selbst zusammen. Die Herren müssen sich nicht nur Widersprüche mit dem Beweismaterial und Widersprüche in sich verhalten lassen, sondern auch eine Reihe zweideutiger Aeußerungen, von denen man nicht weiß, ob sie ihre oder der Araber Ansichten wiedergeben, ja, daß .diesen die Kommission, Meinungen und Aengste.. 2ufnutet, die sie weder hatten hoch behauptetem Am Schluß seiner Denkschrift geht der Verfasser, der bisnun die letzten Schlüsse aus seiner Beweisführung in ..diplomatischer Noblesse seinen Lesern überließ, stärker aus sieb Heraus. Die Jevrish Agehcy habe, sagt er, nichts gegen eine bona fide-Gesetzgebung zum Schutz der werktätigen arabischen Bevölkerung; sie werde sich aber dagegen wehren, sollte man durch Förderung der ausbeutenden Effftndis, die sich urplötzlich als Sachwalter däi Volkäs aüfspielen, die politische Kampagne gegen das Jüdische Nationalheim förtseteen wollen. Dieser Epilog muß, um ihn in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen, mit jenem der ergänzenden Denkschrift, welche die positiven Reformvorschläge der Agency an Regierung und Völkerbund umfaßt, Zusammenhalten; denn dort wird es «mit allem Freimut» als für die Mandatsmacht vitale Pflicht bezeichnet, vor allem die seit 10 Jahren unserem Aufbäuwerk feindliche Atmosphäre der Palästinaverwaltung zu reinigen. Diese Denkschriften waren, wie gesagt, in erster Reihe dazu bestimmt, den Völkerbund aufzuklären; nun, er konnte sich kaum dem Gewicht dieser Argumente für die Gerechtigkeit des jüdischen Standpunktes verschließen. . Eine andere Frage ist die, ob der Völkerbund Macht und Willen hat, für die Wahrung des Mandats offen einzutreten. W^ir äböf diese Denkschriften ünbedingt kerinCnlfefnen rfiuß; ist das jüdische Volk und zunächst seine zionistische Vorhut. Deshalb sollten die Denkschriften aus dem Englischen in alle bei den Juden vielbenützten Sprachen. Übersetzt, . weithin verbreitet und erörtert werden. Wir haben von unserer Leitung die volle und gante Wahrheit verlangt, wie England zu uns steht Hier habt Ihr — in der diplomatisch gebotenen Form — diese Wahrheit! Seither kam noch einiges dazu: Die Londoner Regierung hat den Shaw-Bericht im wesentlichen giriert und bat Überdies' durch ihren Staatssekretär Shlels vor dem Völkerbund erklären lassen, daß sie die ewige Kritik der Juden an dem englischen Verfahren — unfair fin^e. Die Wahrheit ist tief schmerzlich, aber sie muß und wird alle ehrlichen Zionisten und mit ihnen das jüdische Volk aufrütteln, läutern und. für die siegreiche Höherführung unseres Paläatinawerkes Stählen. BOB Die Arbeiten der Klagemauer. Kommission {Erste Sitzung Jerusalem, 24. Juni (J. T. A.) Am Montag, den 23. Juni, hielt die Internationale Klagemauer-Kommis* tion ihre erste Sitzung ab. Der Vorsitzende, Herr L 0 e f g r e n, erklärte: Diese Kommission wurde von der britischen Regierung unter voller Zustimmung des Vöikerbundsrates, dem gegenüber die Regierung in allen Angelegenheiten des Mandates die Verantwortung trägt, gebildet. Die Mitglieder der Kommission sind Bürger von tändern, die in der strittigen Frage vollkommen unabhängig sind, und hierin keinerlei Partei* Interesse haben. pie englische Regierung und der Völ-kerbundsrat, die. beide bereit sind, das Mandat durqhzuführen.haben betont, daß sie von uns eine unparteiische und gründliche Untersuchung erwarten, die ein ausschließlich auf ehrlichem Begreifen des Rechtes und auf Unparteilichkeit sich gründendes Urteil zunn Ergebnis haben soll. Als der Vorsitzende seine Eröffnungsrede beendete, erhob sich Dr. David Y e 111 n, um die Kommission zu begrüßen. In der Zusammensetzung der Kommission, sagte er, liege eine Gewähr für Ihre N:utra‘ität. Was die Juden verlangen, ist das Recht, vor der Klagemauer zu beten, ein Recht, das woW begründet und unbestreitbar Ist Als Vertreter der Araber erklärte Auni Bey, die moslemitische Welt habe das Bestreben, die Kommission bei ihrer Arbeit zu unterstützen; die moslemitische Vertretung sei aber nicht berechtigt, schon Im voraus Sich mit dem zukünftigen Verdikt der Kommission einverstanden zu erklären. Die Palästina-Regierung ist in deg ßitzungen Offiziell nicht vertreten; der ersten Sitzung wohnten Steuart Davis, Herbert Bentwich und MaYrogodato bei. An der Seite von Dr. Yellin haben Dr. Ellash und Rabbi Blau Platz genommen, neben Auni Bey saßen fünf Vertreter des Obersten Moslemitischen Rates, unter ihnen Jamal Husseini. Die Kommission wird an vier Tagen in der Woche, und zwar zweimal täglich, Sitzungen abhalten. Die moslemitischen Sachwalter vor der Kommission Jeusalem, 25. Juni. (J. T. A.) In der zweiten Sitzung der Klagemauerkömmlssion kamen die moslemitischen Sachwalter zu Wort. Auni Bey, einer der Sekretäre des Moslemitischen Obersten Rates, führte aus, die Moslemiten seien die Eigentümer der Klagemauer und ihrer Umgebung, somit liege es den Juden ob, das Vorhandensein irgendwelcher jüdischer Rechte auf die Klage- 3S&: Benützet die Ferien, das Keren-Kalemetli-Kontingent des Jahres 5B90 (S 1SO.OOO.-) zu komplettieren 1 (Witte Juni war das Kontingent des Jahres 5680 bereits AbersdirMen!)