Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 132 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 132 DIE STIMME AHjah und Hachscharah Referat, gehalten durch Herrn Dr. Chaira Tartakower auf dem zionistischen Delegiertentag, Samstag, den 14 Juni 1930 Allj&h und Hachsoharah sind originelle Schöpfungen der Jüdisch eh Renaiseancebewegung. Die Arbeit in der Alijah befriedigt das zentrale Bedürfnis der zionistischen Bewegung. Aus diesem Grunde ist sie in das Zentrum der zionistischen Erziehungsarbeit aller zionistischen Jugendgruppen gestellt worden. So neben den links eingestellten zionistischen Jugendgruppen, die als erste auf den Plan getreten waren, die Jugend des Misraohi und schließlich in neuester Zeit die Jugend des Revisionismus. Wie zentral und essenziell die Arbeit in der Alijah ist, beweist auch der. Umstand, daß die Einwanderungssperre der letzten Zeit gegen sie gerichtet ist. Der Referent erinnert an die großen Schwierigkeiten für die Alijah sowie überhaupt an die Kolonisation in Palästina in der Zeit vor dem Kriege: Der Besuch des Landes war nur gegen einen roten Zettel zulässig. Dieser ermächtigte zum dreimonatigen Aufenthalt. Per Be,u eines Hanse« war an eine Bewilligung von Kcinstantifiopel geknüpft. Der Erwerb von Boden für den Keren Kajemeth, als eine Juristische Person, war nur im Wege von Strohmännern zulässig. Aber außerordentlich schwer wären auch die i n n e r e n Hemmungen. So kam es, daß in bezug auf das Problem der Jüdischen Arbeit die erste Alijah (die der Bilu) ein Versager war, daß 90 Prozent von der zweiten Alijah das Land verließen und nur 10 Prozent sich behaupten konnten. Bei der dritten Alijah hingegen, d. i. nach dem Kriege, war die Anpassungsfähigkeit der jüdischen Jugend so stark geworden, daß sich 90 Prozent im Lande einrichten konnten. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß, als sich in Wien der Waad Alijah konstituierte, der die dritte Alijah organisierte, die Schöpfer dieses Waad als das große Ziel desselben die Unterbringung von 500 jungen Menschen betrachteten. Die Alijah schuf sich in technischer Hinsicht das Palästinaamt. Jn bezug auf das Menschenmaterial als Organ den Heohaluz. Bei dieser Gelegenheit, muß mit aller Entschiedenheit gegen die Lüge Protest erhoben werden, die auf Grund amtlicher Berichte im Shaw-Bericht Platz fanden, nämlich daß die Zuteilung der Chaluzzertifikate der Arbeiterorganisation Überlassen sei. Die Verteilung der Zertifikate erfolgt endgültig durch die Palästinaamtskommission, in der die allgemeinen Zionisten und der. Misrachi vier Stellen, , die Arbeitergruppen und der Hechaluz weitere vier Stellen innehaben; der Leiter des Amte« ist der Vorsitzende dieser Paläetinaamtskommisslon. Es ist also klar, daß jene Behauptung aus der Luft gegriffen ist. Hierauf geht der Referent zum Tätigkeitsbericht der Alijah aus Wien für die Zeit vom 1. Jänner 1929 bis SO. April 1930 über. In der Beriohtsperiode wurden vom Wiener Paläätinaamt insgesamt ISS Personen nach Erez Israel abgefertigt. Diese verteilen sich wie folgt: Nach Kategorien: Mit Zertifikaten. 139 Touristen . . * * H . U 23 Rückreisende. V 15 Von Verwandten angeforderte . « N 5 Schüler. 1 Nach dem Familienstand: Einzelne V 145 Familien.« 17 Von den Familien Abhängige . ■ 21 Nach dem Geschlecht: Männer ■ 134 Frauen •««««,«« 45 Kinder.. 4 Nach dem Alten Bjs 16 Jahre *.»,.« B 6 Von 16—-18 , « * , * i II 1 ,, 18—35 «*••»« B 161 „ 35—45 . » « ■ i « » 5 „ 45 aufwärts. B 10 Nach der Staatsbürgerschaft: Oesterreicher . * . , « < V 44 Polen . *« « » * n » k 97 Rumänen » 11 Tschechoslowaken . < . « , B 15 Ungarn . , . * « . * * B 1 Litauer * 4 1 Russen . # « * « * . * u 5 Palästinenser «•«»hm 0 6 Bulgaren . . * . . » * N 1 Spanier N 1 Jugoslawen « 1 Nach den Berufen: Landarbeiter . * . . . * B 69 Handwerker .»•*.. a 49 Kaufleute 7 Schüler . » . * » , 6 Freie Berufe.. Ohne Beruf (Frauen und Kinder) . V 24 28 Der Prozentsatz der Hebräisch Sprecheöden betrug 83 Prozent Seit Beginn der neuen Alijah geht die Wanderung aus Polen, die früher hauptsächlich über Rumänien geleitet wurde, über Wien- Triest. In der Berichtszeit sind 2416 Personen aus Polen über Wien gereist. Ganz besonder« großes Gewicht muß darauf gelegt werden, daß die Olim körperlich vollständig gesund sind, ansonsten sind sie nicht nur für das Land und unsere nationalen Ziele Ungeeignet, sondern bilden eine sehr schwere Belastung unserer nationalen Kapitalien, die ja dem Aufbau gewidmet sein müssen. Die ärztliche Untersuchung all derjenigen, welche als Chaluzim ins Land gehen sollen, erfolgt durch die freiwilligen ständigen Aerzte des Palästinaamtes, und zwar durch die Herren Dr. J. Klaber, Dr. N. Korn und Dr. M. Marguliee. Diese Gesinnungsgenossen stehen auch kranken Chaluzim aus Palästina stets mit Rat und Tat zur Seite. Die Leitung des Palästinaamte« befindet sich als Ehrenamt seit Jänner 1930 in den Händen des Dr. Chaim Tartakower. Was nun die Hachscharah anbelangt, so entwickelte sie sich allmählich als ein naturnotwendiges Requisit der Alijah heraus. Man bogann zu begreifen, daß mau nicht ohne vielseitige Vorbereitungen die Menschen nach Palästina reisen lassen kann. Diese Ausbildung ist jetzt eine dreifache. Eine berufsmäßige für Landwirtschaft oder Handwerk; eine geistige, die berufen ist, dem Chaluz die klare Aufgabe vor Augen zu führen, die seiner in Palästina als Pionier unserer Bewegung harren und schließlich die sportliche Ausbildung, die notwendig ist, um unseren jungen Menschen persönlichen Mut beizubringen, damit sie im Notfall ihr Leben verteidigen können. Bei der Hachscharah taucht ein wichtiges Problem auf: Soll darauf Gewicht gelegt werden, daß die Chaluzim, bevor sie ins Land gehen, eine vollständige faohmäßige Ausbildung in ihrem im Lande zu wählenden Beruf erhalten oder aber sie körperlich so vorzubereiten, daß sie zu jeder schweren Arbeit geeignet werden. Die Erfahrung hat bisnün ge- Seite 7 lehrt, daß Chaluzim, die aus einer Jugendbewegung hervorkommen, im Lande auch dann, wenn sie ein Fach vollständig beherrschen, sich jeder, im Lande nötigen Arbeit unterziehen, Weil sie durch die Erziehung in ihrer Jugendorganisaton es gelernt haben, zu begreifen, was ein Chaluz im Lande als Pionier zu leisten hat. Hingegen zeigte es sich, daß, wenn Leute als einzelne Spezialausbildung in irgendeinem Beruf erhielten, wenn sie dann ins Land kommen, absolut nicht dazu zu bringen sind, sich jeder schweren Arbeit zu unterziehen, wenn es nicht die ihres eigenen Berufes ist. Man darf also berechtigterweise sagen: der richtige Weg sei der, daß der Chaluz so ausgerüstet sei, daß er sich jeder schweren Arbeit unterziehen kann. Hat er sich dann im Lande einer speziellen Tätigkeit gewidmet und zeigte es sioh, daß er in diesem Fache etwas zu leisten in der Lage sei, dann ist der Moment gekommen, daß er eine Spezialausbildung in seinem Fache genieße. Was nun die Hachscharah in Oesterreich im gegenwärtigen Moment betrifft, so befinden sich an acht Stellen rund 60 Personen in Haohscharah, und zwar entweder in Gruppen auf großen Gütern oder als einzelne bei einzelnen Bauern. Ferner arbeiten eine Reihe von Personen auf dem jüdischen Friedhof bei Aushebungen, Straßenanlegung und Gärtnerei. Es sind jetzt Bestrebungen im Gange, im Burgenland Arbeitsstellen für auszubildende Chaluzim zu finden, und zwar sowohl für den allgemeinen als auch für den Hechaluz Hamdsrachi. In diesem Winter werden zirka 40 Personen Hachscharah machen müssen mit Rücksicht auf die momentan erschwerten Einwanderungsbedingungen, schließlich werden jetzt Versuche unternommen werden, Chaluzim in Holzsägen unterzubringen. Der Referent schließt, indem er sagt, er hoffe, Referate über Hachscharah und Alijah werden zum eisernen Bestandteil zionistischer Delegiertentage werden, um zu beweisen, wie sehr die damit verbundenen Probleme zur Herzenssache der Mitglieder unserer Organisation geworden sind. Der Antisemitismus in Deutschland Die Vorgänge in Thüringen Unter der. Überschrift «Es jreht um die, Jaden» befaßt sieh die «Jüdische Rundschau» in einem längeren Aufsatz mit den Vorgängen in Thüringen. Es wird zunächst festgestellt. daß die Nationalsozialistische Partei, heute in Deutschland eine Macht ist. und in einigen Ländern des Reiches nicht nur mitentscheidend bei den Beschlüssen der Länderregierungen, sondern mit ihrer Ideologie maßgebend ln der gesamten Führung der Staatsgescbäfte ist. Dann wird a-usgeführt: In welchem Maße die Existenz und die Wirksamkeit der Nationalsozialistischen Partei das Schicksal Deutschlands zum Bösen beeinflussen wird, ist eine Frage, die hier ununtersucht bleiben soll Es ist nicht unseres Amtes und auch. nicht die Aufgabe eines Juden, der. die Frage des Nationalsozialismus vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet, so zu tun, als ob er gar nicht für sich redete, sondern nur allgemein menschliche und gesamtstaatliche Interessen im Auge hätte. Sicherlich ist jeder in Deutschland lebende Jude in aller stärkstem Maße an Wohl und Wehe Deutschlands ideell und materiell interessiert. und es ist recht und billig, wenn Juden in den einzelnen deutschen Parteien als Mitglieder jener Parteien und als deutsche Staatsangehörige mit aller Leidenschaft auf die Gefahren hinwetsen. welche einer friedlicheren Entwicklung der politischen Verhältnisse ln Deutschland durch die Nationalsozialisten drohen* Wenn aber Juden in ihrer Eigenschaft als Juden sich anschicken, Stellung zum Nationalsozialismus zu nehmen, so tun sie besser daran, auf Rhetorik zu verzichten und nicht wie Katzen um den Brei zu gehen. Sie sollen dann das Kind beim rechten Namen nennen und nicht als Sachwalter eines echten Volkstums, eines blfitenreinen Sozialismus und anderer Ideale auftreten. Sie sollen klipp und klar sagen, daß es sich in diesem Falle um die Juden handelt, daß sie als Juden die Gefahr des Nationalsozialismus für die Judenheit erkennen und entschlossen sind, mit allen gesetzlichen Mitteln diese Gefahr zu bekämpfep. Denn das eine ist doch sicher: Ob der Sozialismus der Nationalsozialisten echt oder falsch ist. darüber kann es Meinungsverschiedenheiten geben; der Judenhaß der Nationalsozialisten ist sicherlich hundertprozentig echt, und dieser Gefahr von nationalsozialistischer Seite muß von den Juden die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden, Jeder Angegriffene hat die natürliche Legitimation, sich zu verteidigen, jeder Ueberfallene hat das Recht der Notwehr und es bedarf erst nicht langer Erklärungen dafür, daß er sich zur Wehr setzt. Ist seine Sache gerecht. und gut, so wird er bei anderen Rechtdenkenden Verständnis und Unterstützung finden. Die Tatsache, daß man Staatsbürger ist oder auf ordnungsmäßigem Wege die Erlaubnis erhalten Hat, in einem Staate zu leben, genügt vollkommen, um den Anspruch auf Schutz durch ,d*le Gesetze zu erheben und im Zeitalter der Demokratie Gleichberechtigung zu verlangen . . , Wir wissen, daß wir bei diesem Kampfe um unser Recht auf die Unterstützung gcrechtdenkender Parteien angewiesen sind. Wir glauben aber, daß für Parteien, die gewillt sind, uns in unserem Kampfe zu helfen, die Begründung vollständig genügt, daß wir in unserer menschlichen und jüdischen Existenz bedroht sind. Die langen Vorreden, daß wir eigentlich nicht um unsertwillen, sondern um der Allgemeinheit willen, unseren Kampf führen, wirken nicht überzeugend. Zum Schluß wird fe&tgestollti daß, da e$ vorläufig keinen Reichsverband der deutschen Juden gibt, es Pflicht der großen Landesverbände und der Arbeitsgemeinschaft dieser Verbände ist, den Kampf gegen den Radau-Anti- I semitismus der Nationalsozialisten aufzunehmen. .... Die j Angriffe der Nationalsozialisten richten sich gegen die; Juden als Jaden. Es geht um die Juden.' und diese handeln am aufrichtigsten und besten, wenn sie die Abwehr als Juden für die Juden organisieren. Berliner Protestkundgebung gegen die Beschimpfung der deutschen Juden durch Frick Berlin, 18. Juni. (J. T. A.) Der Zentralverehi deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat für Dienstag, den 17. Juni, abends, nach dem Herrenhaus, Leipziger- Straße. zu einer Protestkundgebung gegen die Beschimpfungen der deutschen Juden durch den thüringischen Minister D*. Frick eihgel-adeo. Das Interesse für. die Kundgebung war ein so starkes, daß für denselben Abend zwei Parallelversammhingen, die eine im .Oberlichtsaal der Philharmonie, der zweite im Bechsteln-Saal, arrangiert werden mußten. In den Versammlungen wunde folgende Entschließung angenommen: «Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, die sich durch Geschichte, Kultur, seelische und geistige Gemeinschaft mit dem deutschen Volke unlösbar verbunden fühlen, wird durch die deutsche Reichsverfassung verbürgt. Selbstherrliche Willkürakte eines Ministers oder der Regierung eines deutschen Landes werden die jüdischen Deutschen nicht verhindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlajde opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Sie legen aber Protest ein gegen die Verfassungs- Verletzung. die sich der thüringische Innenminister Dr. Frick mit seinen Verordnungen, insbesondere der über «Deutsches Scbulgebet» hat zuschulden kommen lassen. Wir erwarten von den Hütern der Reichsverfassung, dem Herrn Reichspräsidenten, dem Reichskabinett und den verantwortlichen Herrn Reichsinnenminister, daß sie diese Verfassungsverletzung ahnden, dem verfassungsmäßig gesicherten Anspruch der thüringischen und deutschen Juden auf Gleichberechtigung Gewähr leisten lind ihn gegenüber der widerstrebenden Länderinstanz durchsetzen.» Die thüringische Judenheit manifestiert gegen Fricks Ungeist Eisenach, 16. Juni (J. T. A.) Der Landesverband Thüringen des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstalteto am 15. Juni in Eisenach eine Protestkundgebung gegen die Beschimpfungen der deutschen und thüringischen Juden durch den Staatsminister Pr. Frick. Die Kundgebung, die unter dem Motto: «Der alte und der neue Geist von Weimar» stand* war aus allen Tellen Thüringens überaus stark besucht Der Saal war überfüllt. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralere!» R.iA. Dr. Bruno Weil-Berlin verglich desn Geist der Goethe-Zeit, der ein Geist Schwere Beschuldigungen gegen das Koburger Herzoghaus Der frühere regierende Herzog Karl Eduard Führer des Hitler-Terrors? — Erbprinz Leopold an der schweren Mißhandlung und Beraubung der Autenhausener jüdischen Familien beteiligt? Die Münchener Zeitung «Welt am Sonntag» bringt Enthüllungen über die Rolle, die das Koburger Herzdghaus bei den Ausschreitungen, die sich die unter dem Befehl ■