Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 132 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 132 DIE STItoME Seite 3 Meine Erinnerungen an Balfour Von Prof. Chaim Weizmaim, Präsident der Zionistischen Organisation Zum ersten Male begegnete ich Lord Balfour in Manchester im Jahre 1906. Wir sprachen damals darüber, warum die Juden den Antrag ablehnen, ihr Nationalheim in Uganda aufzubauen. Ich versuchte unsere Stellungnahme zu erklären, aber es schien mir, daß meine Argumente ihn nicht überzeugten. Endlich sagte ich: «Wenn ich Euch z. B. Paris statt London gäbe, würdet Ihr es annehmen?» «Wir haben doch London» — entgegnete Balfour. «Wir hatten Jerusalem, als an der Stelle, wo heute London ist, noch Sümpfe waren» — erwiderte ich. Ich habe damals nicht vermuten können, daß Balfour sich in späteren Jahren an dieses Gespräch erinnern wird. Es war, scheint es mir, im Jahre 1911, als Lord Balfour wieder Manchester besuchte, um dort zum Doctor honoris causa promoviert zii werden. Er wollte . unser seinerzeitiges Gespräch wieder aufnehmen und ich sollte ihn auf dem Bankett treffen. Leider mußte ich vor dem Bankett nach London verreisen und die Begegnung kam nicht zustande. Es vergingen weitere fünf Jahre, bis wir uns wieder trafen. Im Jahre 1916 arbeitete ich im britischen Marineministerium und Lord Balfour war damals sein erster Lord. Ich sollte ihn in irgend einer Ressort- Angelegenheit besuchen und dachte nicht daran, daß er sich an unser Gespräch vor zehn Jahre erinnern werde. Als ich aber in sein Zimmer eintrat, waren seine ersten Worte: «Wissen Sie, Dr. Weizmann, wenn die Entente den Krieg gewinnen wird, werdet Ihr Euer Jerusalem bekommen.» Mehr wurde darüber damals nicht gesprochen. Er bat mich nur, ihn noch einmal zu besuchen, um diese Sache zu besprechen. Er wollte sich besonders über die j Stellungnahme der russischen Juden im Kriege erkun- ] digen. Die Sympathie der Juden war auf der Seite der j Entente, aber infolge des Vorgehens der russischen Behörden schien es, daß es den Juden schwer sei, mit ganzer Seele auf der Seite der Alliierten zu sein. i * Zu jener Zeit führten wir schon mit der Regierung Verhandlungen in der Palästina-Angelegenheit. Ich wollte unsere Forderungen Lord Balfour nicht untlrj breiten, obzwar es mir vollständig klar war, daß wir j seine Sympathien haben. Ich fühlte, daß, wenn e r! diese Idee ablehnen würde, wir jede Hoffnung verlieren müßten. Aber e'nes Herb tt ge im Jah e 1916 wu de I ich in sein Londoner Heim in Carlton Gardens einge- * laden. Bei dieser Gelegenheit sprach ich mit ihm über die Lage der Juden in der ganze Welt, über ihre Tragödie in Polen und Rußland, wo sie gegen 600.000 j Menschen der Armee gegeben haben und in derselben Zeit, als sie in den Schützengräben kämpften, ihre Häuser durch die russische Soldateska vernichtet wurden. Ich bemerkte, daß dies möglich sein konnte nur aus dem Grunde der besonderen Wehrlosigkeit der Juden. Darauf antwortete er: «Die christliche Zivilisation ist verpflichtet, den Juden eine Schuld zurückzuzahlen, die jetzt zurückbezahlt. werden kann. Unsere Religion, unsere Lehre, unsere Philosophie — in all das habt Ihr Eure Werte hereingebracht. Und was für große Werte!» Das war für mich der Anlaß, um ihm das Palästinaproblem därzustellen und auszudrücken, was Palätina für uns sei. Wir sprachen über die Zusammenarbeit mit England. Er war einverstanden, aber bemerkte, daß, wenn England die Verantwortung über Palästina übernähme, würde mari es verdächtigen, daß es ein neues Territorium erobern wolle und an das idealistische Ziel würde man kaum glauben. Ich erwiderte, daß gerade in diesem Falle eine Kombination von materiellen und ideellen Motiven vorhanden sei, die England veranlassen solle, den Aufbau des Nationalheimes in Palästina zu fördern. Er aber behauptete, daß man vorerst bei der amerikanischen Regierung anfragen solle, ob sie nicht diese Aufgabe übernehmen möchte. Und für den Fall, daß die amerikanische Regierung ablehnen würde, glaubte er. an die Möglichkeit der gemeinsamen Aktion Englands und ' Amerikas. Erst nachdem ihm klar wurde, daß Amerika : diese Aufgabe nicht übernehmen will, beschloß Lord Balfour, seiner eigenen Regierung den Rat zu erteilen, daß sie diese erfülle. Gleichzeitig tadelte er heftig strategische oder andere opportune Berechnungen, die man herausschob als Argumente für die Uebernahmc der Verantwortung Englands in Palästina; * Lord Balfour befand sich in einer sehr schwierigen Lage infolge der Stellungnahme eines Teiles von hervorragenden englischen Juden. Er konnte nicht verstehen, warum sie so ängstlich und unentschlossen sind, warum sie befürchten, daß das Nationalheim in Palästina ihre Lage in England oder irgend einem anderen Lande verschlechtern werde. Er wunderte sich Uber die geistige Verschiedenheit zwischen den jüdischen Massen in Osteuropa und den emanzipierten Westjuden. Ich sagte ihm einmal, daß für einen Ostjuden, für den die jüdische Tradition unangetastet blieb und die hebräische Sprache eine beinahe lebende Sprache ist — Palästina eine Hoffnung und eine Glaubenssache sei. Für viele von den Westjuden hat es nicht mehr diese Bedeutung. Da sagte Balfour: «Aber warum sind sie dagegen? Warum kann ich mir erlauben ein Zionist zu sein und sie nicht?» Ich erwiderte ihm, daß i h n niemand kritisieren werde, aber zum Unglück herrscht noch immer de Antisem’ti mus. Und wenn ein Jude auch bin sehr guter Engländer ist, so verdächtigt man ihn doch immer. * Die Konferenz in San Remo fand sofort nach den ersten antijüdischen Unruhen in Jerusalem statt. Lord Balfour war sehr um das Verhalten der Palästinaadministration besorgt. Er behaup'ete, daß es eine Militärbehörde sei, die die Politik der Balfour-Deklaration nicht versteht, und verlangte eine möglichst rasche Entsendung einer Zivilregierung nach Palästina. Er war es, der Lord Curzon veranlaßte, zuzustimmen, daß Herbert Samuel als erster ziviler Oberkommissär ernannt werde. Er glaubte nicht, daß unter der britischen Herrschaft ein Pogrom möglich sei. Als er aber die Nachrichten las, die die Lage vor den Unruhen schilderten, war er sehr aufgeregt und sagte: „Ich fürchte, es wird noch lange dauern, bis ein durchschnittlicher Beown bringt eine fabelhafte Auswahl schicker, reizender Modelle n Eidechse, Krokodil und Chevreau in erstklassiger Qualität. Die soliden fixen Preise sind allgemein bekannt fcfkufk-Dom, //., ‘Gaborstraße 8a amterden.Sinn und diePedeu tu ngdieses Experimentes begreifen wird». Diese Worte waren prophetisch; Balfour verlor aber nicht für einen Moment den Glauben, daß einmal doch der Tag kommt, an dem man seine Idee verstehen und anerkennen wird. Tn San Remo wurde lange über die Einleitung (preamble) zum Mandate debattiert. Der Originaltext lautete: «In Anerkennung des Rechtes der Juden, ihr nationales Heim in Palästina wieder aufzubauen...» Lord Curzon sprach sich energisch über das Wort «Recht» aus, weil er die Kommentierung fürchtete. Er wollte auf die Einleitung vollständig verzichten. Für uns war sie jedoch die Grundlage des Mandates, ohne welches das Mandat vieles an seiner moralischen Kraft einbüßen müßte. Man wandte sich an Lord Balfour, damit, er. die e A jgeleg n>tovt erläut re Una Balfour erklärte Lord Curzon, daß das ganze Problem des Nationalheimes eine Frage der geschichtlichen Gerechtigkeit ist, daß das Schicksal der Juden gezeichnet ist durch ihre Anhänglichkeit an Palästina und daß da von einem Mandat die Rede sein muß. Schließlich beantragte er, den Satz von «der historischen Verbundenheit der Juden mit Palästina». Lord Curzon war einverstanden und dieser Satz wurde von Lord Balfour eigenhändig unterzeichnet. * Lord Balfour freute »ich mit jeder Minute, die er in Palästina im Jahre 1925 verbrachte, als er das Land anläßlich der Eröffnung der. Hebräischen Universität besuchte. Er wollte alle Kolonien besuchen, wollte alles sehen; jedes Haus, jeder Baum .«weckte in ihm Freudegefühle. Am Schlüsse seiner Reise sagte er, daß er sich so fühle, als ob er Wahlen durchgeführt hätte, aber solche Wahlen, in denen jeder auf. seiner Seite, ist. Die unangenehmen Ereignisse toi Syrien machten auf ihn gar keinen Eindruck, Er behauptete, sie seien lange nicht so unangenehm wie diejenigen, die er anläßlich seiner Reise in Irland erlebte, und war der Ansicht, daß sie der Ausdruck der unvermeidlichen Reibungen seien, die mit jeder neuen Idee entstehen, bevor sie in den Geist der Menschheit elndringen. * Ich sah Lord Balfour im Dezember 1929. Obwohl er damals schon über ein Jahr krank war, waren seine Sinne vollständig klar und er zeigte ununterbrochen ein großes Interesse für jede Phase unserer Arbeit. Nicht für einen Moment nahm er an, daß die Augustereignisse etwas mehr sind, als eine vorübergehende Reaktion oder daß sie irgendwie den Gang der Dinge beeinflussen können. Wir sprachen viel über die Untersuchungskommission und ihre Kompetenzüberschreitung. Balfour tadelte das Interesse der Kommission für politische Angelegenheiten, die man von anderem Standpunkte und nicht im Zusammenhänge mit vorübergehenden lokalen Ereignissen betrachten solle. Er glaubte, daß die Erfolge der jüdischen Arbeit in Palästina so groß sind, daß die britische öffentliche Meinung sie schließlich anerkennen und uns in unserer Arbeit helfen werde. Balfour glaubte an die Zukunft Palästinas, an unsere Mitarbeit mit den Arabern und an die Renaissance des nahen Ostens dank unserer Arbeit. * Als ich ihn zum letzten Male sah, konnte er nicht mehr sprechen. Am 15. März fand der schweigende Abschied statt. Er erkannte mich und lächelte, aber er sprach kein Wort. Als ich das Sanatorium verließ, fühlte ich mich verwaist. Ich wußte, daß viele Millionen Juden sofort einen «Hesped» anfangen werden nach diesem Mens :hen fremder Rasse und fremden Glaubens, der unseren alten Traum aufgenommen hatte und sein Wächter war. Am Vortage seines Todes versammelte sich in London das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation. Als die Nachricht von seinem Hinscheiden uns erreichte, weinten bitterlich Menschen, die ihn nie im Leben gesehen haben. Und nicht ausschließlich deshalb, weil sie vom Gefühl der Trauer Übermannt wurden. Wir verspürten das Erbe, das er uns zurückließ, das Erbe, mit dem sein Name für ewige Zeiten verbunden bleiben wird, das Erbe, welches so groß ist, daß nur die ganze Nation es tragen kann. Wir trauern um ihn, wir sehnen uns nach ihm und seinen Namen werden wir in utv bis in die fernste Z-ukunft tragen. Die Klagemauer-Kotnmission weilt bereits in Jerusalem Einheitliches jüdisches Vorgehen. — Die Araber halten sich fern Jerusalem, 20. Juni (J. T. A.). Die aus den Her* ren Eliel Loefgren, Charles Barde und Van Kempen bestehende Klagemauer-Kommission weilt bereits in Jerusalem. Sie wurde auf dem Bahnhof von dem Vorsitzenden der Zionistischen Exekutive Palästinas, Colonel Frederick Kisch, im Namen des Rabbinats, sowie von Dr. David Yellin, Eliash und Blau, die die jüdische Sache vor der Kommission offiziell vertreten werden, begrüßt Araber waren bei Ankunft der Kommission auf dem Bahnhof nicht anwesend. Die Juden werden vor der Kommission einheitlich vertreten sein. Es besteht ein Kontakt mit dem vom französischen Oberrabbiner Israel Levi geleiteten Europäischen Rabbinischen Verband. Die Rabbinischen Räte in der ganzen Welt wurden ersucht, sich vor der Kommission vertreten zu lassen. Dr. David Yellin wird, wie schon mitgeteilt, die jüdische Gemeinschaft Palästinas (Knesseth Israel), Herr Blau die Agudas Jisroel vertreten. Herr Eliash wird das jüdische Beweismaterial präsentieren. Dr. Magnes, der an Stelle des erkrankten Doktor Cyrus Adler das jüdische Beweismaterial hätte präsentieren sollen, wird vor der Kommission nicht erscheinen, da sich der Waad Leumi kategorisch gegen die Betrauung von Magnes erklärt hat Die erste Sitzung der Kommission, zu der schon arabische und jüdische Vertreter zugelassen werden, wird am Montag, den 23. Juni, stattfinden und vertraulich sein. Als Sekretär der Kommission fungiert Herr Sachlan vom schwedischen diplomatischen Dienst. Die Presse wird zu den öffentlichen Sitzungen zugelassen werden, aber der Umfang der öffentlichen Verhandlung ist noch nicht festgesetzt. Aehnlich wie bei der Shaw-Kommission werden je ein Vertreter der arabischen, der jüdischen, der englischen und der ausländischen Presse zugelassen werden. Vandalenakt an der Klagemauer Jerusalem, 17. Juni (J. T. A.). Unbekannte Täter begingen zu nächtlicher Stunde Vandalenakte an der Klagemauer zu Jerusalem. An 24 Stellen wurden jüdische Inschriften auf Monolithen und Steinen der Klagemauer verwischt und weggemeißelt. Die Polizei leitete eine Untersuchung ein. Es steht nicht fest, ob es sich um einen gewöhnlichen Akt von Vandalismus seitens der Araber oder um den Versuch handelt, Generationen alte jüdische Symbole vor Ankunft der Klagemauer-Kommission zu entfernen. Ende lull a*u «• BaUour*llhtlon »i E>d< Stiftet Elntraaungen Im Balfourband Goldenen Budies <•« Keren Kalemeth