Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 132 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Q|Am| OVTIV £ DIE STIMME Nr 182 Auf dem Vulkan Von Dr, E. M. Zweig-Jerusalem Ke arabische Presse Palästinas drohte, das Land werde wie ein Vulkan auffliegen, wenn England nicht auch die letzten drei zum Tode verurteilten „Augusthelden“ begnadigt. Und auf diesem Vulkan sitzt unser Jischuw. Am 17. Juni wurde die Todesstrafe dennoch vollstreckt. Der Vulkan flog nicht sofort auf; immerhin ist bedeutsam, wie sich das arabische Palästina aus diesem Anlaß verhielt. Während der Hinrichtung wurden die moslimischen Gläubigen von den Muezzins zum Gebet gerufen und die katholischen Glocken klangen lieblich drein. So fanden die Religion des Schwertes und die der allumfassenden Liebe, die sich gegenseitig in den Jahrhunderten der bluttriefenden Kreuzzüge abgewürgt, nunmehr zueinander, um den „Martertod“ der drei Delinquenten zu verklären. Ihre Bilder wurden in den Straßen verteilt. Die arabischen Blätter Palästinas erschienen mit Trauerrand und schrieben, daß aus dem Galgen von Akko der Baum der arabischen Unabhängigkeit erstehen werde... Dieser Orgie eines znr Bestialität entarteten Nationalismus steht der durch die europäische Zivilisation gezähmte Mensch fassungslos gegenüber, auch wenn er schon einige Zeit inmitten jener Menschen gelebt und dort manches erlebt hat. Man vergegenwärtige sich doch noch einmal, was vorausging! Ohne daß die Juden Palästinas einen plausiblen Anlaß gegeben hätten, werden sie eines Tages von ihren bewaffneten arabischen Landesgenossen überfallen, ihrer 132 getötet und eine mehrfache Zahl davon mehr oder minder schwer verwundet. Diese Mordattacke, welche sogar von der | Shaw-Kommission als unentschuldbar anerkannt und gebrandmarkt wurde, hatte auch nicht, einen Zug, der als mildernder Umstand beschönigend ausgelegt werden könnte. Es war ein feiger Angriff auf Wehrlose, die noch gestern und ehegestern freundschaftlichen Verkehr mit ihren Mördern gepflegt hatten; nicht Weib noch Kind wurde verschont und es war kein bloßes Töten, sondern ein grausames Metzeln und Verstümmeln; aucb hielt die Maske, als gehe es um die Verteidigung des heiligen Glaubens oder doch um . nationale Rache, nicht vor, denn., überall und'ausnahmslos wurde von iden ,;Helden“ geraubt und herzhaft geplündert. Daran nicht genug! Schon nach dem Pogrom entsetzte sich die Judenheit Palästinas ' und der Galuth darüber, daß die arabische In- ’ telligenz, als Schildträgerin der nationalen ■ Ehre, von diesen Greueltaten nicht abrückte, wie dies doch in Europa bei jeder Nation und bei jeder Partei zutrifft, wenn einzelne ihrer Angehörigen sich vom Fanatismus zu Attentaten oder sonstigen Exzessen hinreißen lassen. Und auch in den zehn Monaten, welche dem Ausbruch des Augustpogroms folgten, hat sich unter den Arabern kaum eine gewichtig© Stimme der Einkehr, der Scham und Reue vernehmen lassen. Und jetzt als Krönung des Ganzen — noch dieser Kult mit den Märtyrern aus dem Galgenhof in Akko! Als ob die Drahtzieher des Pogroms mit den Erfolgen ihrer Regie nicht hätten zufrieden sein können. Man bedenke doch: viele Hunderte von Arabern hatten an dieser Mordattacke teilgenommen und nach dem Gesetz die Todesstrafe erwirkt. Doch die schlechte und parteiische Polizeiverwaltung vermochte nur eine verschwindend kleine Zahl dieser Verbrecher vor Gericht zu stellen und dieses wieder konnte dank der unzähligen, von den arabischen Zeugen geleisteten und von den englischen Richtern öffentlich gekennzeichneten Meineiden, insgesamt nur 17 Todesurteile fällen. Hievon wieder wurden, unter dem Druck der arabischen Drohungen und mit Rückendekkung durch die Gnadengesuche jüdischer Schwarmgeister, 14 Todesurteile in Kerkerstrafen umgewandelt. Die drei letzten Mörder waren die Quintessenz niedrigen, blutgierigen Verbrechertums, dessen gesetzmäßige Bestrafung vom Prestige der englischen Weltmacht unabweislich gefordert wurde. Das aber sind; die verklärten Idealgestalten der arabischen i «OOCXXX»CXXXXXXXXXXXXXX30CCOOO€XXXXXXXX: I Treüt der Zionisten I im I Eafl „ültes Rathaus“ I (Cafetier Leo Löwy) ■ Großer« and klebe Klublokale 1 1. Bez., Wipplingerstraße 24 I TeJ. U 27-4-84, U 20-9-74 CXXX)OOQOOC>OOQOOOQQOOOQQ0OOCXXXXX?0CX)OO0 Nation — und die Rache für ihren Tod will man sich nicht so bei der Regierung holen, als bei uns Juden, den Opfern jener Mordattacke. Dabei darf niemand glauben, daß diese Empfindlichkeit gegen die Todesstrafe ein natürlicher Ausfluß der arabischen Volksseele ist! Sie ist vielmehr ein neues Produkt der planmäßigen Verhetzung durch jene Drahtzieher, für deren Entlarvung die Shaw-Kommission ein so verblüffend geringes Interesse gezeigt hat. Eines der auffallendsten Erlebnisse in diesen Landen nämlich ist die Tatsache, daß dem Araber nichts so wohlfeil ist als Menschenleben, sei es das eigene, geschweige denn ein fremdes. Von Haus aus ein Kriegervolk, dessen Stämme in ewiger Fehde lagen, bereit, den Tod zu geben und zu empfangen, mit der Blutrache als dem obersten Gebot der Sittlichkeit. Dazu die jahrhundertlange Türkenherrschaft, unter der die Araber als Soldaten in den Tod gejagt oder als Untertanen schon für geringe Delikte hingerichtet wurden. Die englische Mandatarmacht sah sich dann, nach einem kurzen, mißglückten Versuch, mildere Saiten aufzuziehen, gezwungen, zu den türkischen Methoden zinrücjczukehren: Kollektivhaftung der benachbarten Dörfer für Straßenraub, Prügelstrafe für Waffenbesitz und als Pi6ce de resi-?*' Mandgeknüpfte A12 C nach Gemä'den berühmter \lvD6linSjü dl schar Maler HERZL-Gobelins erzeugt Atelier Zahradnik Wien, V.f Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U-40-9-17 I ^sli I stence der Galgen. So verging in den letzten Jahren kaum eine Woche, da nicht der eine oder der andere Räuber, Mörder oder sonstige Gewalttäter gehenkt wurde. Kein Hahn krähte darnach. Die arabische Bevölkerung selbst fand das ganz in Ordnung.. Charakteristisch für die Gemütsverfassung ihrer wortführenden Intelligenz ist wohl folgendes* Beispiel aus jüngster Zeit Als die Palästinaverwaltung einen Gesetzentwurf veröffentlichte, wonach das aus der Türkenzeit übernommene Institut der Schuldknechtschaft gemildert werden sollte, ging ein Schrei der Entrüstung durch die arabische, von den Wucherern beherrschte Presse. Und wollt ihr euch eine erschöpfende Vorstellung davon bilden, wie der Araber zur belebten Kreatur steht, laßt euch doch von den Leuten des Jischuw erzählen, wie er die Tiere behandelt. Es widerstrebt einem, das Papier mit der Wiedergabe dieser Greuel zu beschmutzen. Wozu das alles gesagt oder doch angedeutet wird? Damit die Juden der Galuth klarer erfassen, in welcher Leib- und Lebensgefahr unsere Brüder in der sohlechtgehüteten nationalen Heimstätte stündlich sohweben. Und nebstbei, um dem perversen Hang zur Selbstverkleinerung entgegenzuwirken, der letzter Zeit von Verzagten in die jüdischen Reihen getragen wird, mit den VorwÜrfn von unserem Chauvinismus, unserer Unverträglichkeit und Isolierungssuoht. Ja, man darf es ohne Selbstüberhebung auesprechen, daß wir Juden an Menschlichkeit turmhoch über den arabischen Landesgenossen stehen. Und wären nicht die wenigen, in den Augusttagen von Arabern bewährten Beispiele von Güte und Treue, an die wir uns mit tiefem Dankgefübl klammern, man müßte verzweifeln an der Möglichkeit einer künftigen Harmonie. Der Jischuw jedenfalls steht in grimmer Entschlossenheit bereit, sich gegen die Koalition all seiner Feinde bis aufs letzte zu verteidigen; er weiß, daß er auf einem Vulkan sitzt, doch er vertraut auf die Hilfe der Brüder in aller Welt. Wie aber sieht es damit aus! Was wir Juden den Arabern an Menschlichkeit voraus sind, das wieder fehlt uns an politischem Sinn. Der Araber, bei all seiner Primitivität, versteht, daß ein Volk zur Stunde der Gefahr sich zusammenschließen und eine unverbrüchliche Phalanx bilden muß; ja sie übertreiben das, indem sie sogar das Verbrechertum in ihre Solidarität mit einschließen. Wer aber rettet unser Volk vor der Plage der Individualitäten, die sich um jeden Preis ausleben wollen? Der gelehrte Einstein bietet souverän den Arabern eine Veretändigungskommiasion an, in welcher die politischen Fragen ausgerechnet von Nichtpolitikern geregelt werden sollen. Buber, mit dem gepflegten Bart, raaastlclaaus EXCEISIOR Inhaber RICHARD HERZOG I., Adlergasse 5 Tel. R-234*90 colludiahodeli ioo BAS BESTE zu dem bimasfen PREISE $138.- Größe 82X2l7t cm Höhe 14 cm Neue verbesserte Columbia-Dose 15 b hält vom sicheren Heppenheim aus seine Bergpredigten und reicht die linke Wange des Jischuw jedermann zu da-capo-Schlftgen hin. Der Kanzler der Hebräischen Universität Jerusalem, Magnes, folgt dem prophetischen Drang, seine Meinung, wie das auserwählte Volk sich selbstlos aufzuopfern hat, broschürt den englischen Parlamentariern ins Haus zu senden. Die revisionistische Fraktion ihrerseits bemüht sich, das Gleichgewicht gegen jene extremen Friedensapostel herzustellen und bekundet durch eine eigene Denkschrift an den Völkerbund, daß nicht einmal die Zionistische Organisation einer Meinung ist. Und da ich, stracks aus Erez Israel kommend, in eine zionistische Tagung trete — die des österreichischen Landesverbandes — erpicht darauf, welches Echo die Einwanderungssperre, die moralische Vernichtung des Mandats bei den Zionisten in der Stadt Herzls findet, sehe ich Hunderte geduldig einer Rede über Landespolitik lauschen, deutschösterreichische Landespolitik... Dies geschieht zur Zeit, als unser Jischuw einem Vulkan preis gegeben ist! Nach den Hinrichtungen. Jerusalem. (J* T. A.) Die im Gefängnis zu Akko hingerichteten Araber waren der Hebroner Lastträger Atta Zeer, der wegen Ermordung von Rabbi Kastei und seiner Familie in Hebron zum Tode verurteilt wurde; ferner der Hebroner Chauffeur Mohammed Jam Joun, der die Familie Abuschdid in Hebron abschlachtete, und der Beamte des Gesundheitsdepartements der Regierung in Safed, Fuad Hedjazi, der des Mordes an dem Lehrer der Safeder Misrachi-Schule Afriat und dessen Familie überführt wurde. Am Tage der Hinrichtung herrschte gemäß einem Appell der arabischen Exekutive Arbeitsruhe. In der Jerusalemer Altstadt waren die meisten Läden, auch die den arabischen Läden benachbarten jüdischen Läden, geschlossen. Auf einigen Häusern waren schwarze Fahnen gehißt. Die Polizeiposten waren verstärkt, arabischen Passanten wurden Stöcke und Knüppel weggenommen. Außer der Schuljungendemonstration am Damaskustor waren in Jerusalem keine weiteren Demonstrationsversuche zu verzeichnen. Bei dem in Haifa vorgekommenen Zusammenstoß zwischen arabischen Demonstranten und Polizei wurde der aus Tel-Aviv nach Haifa beordert gewesene Polizeiinspektor F. M. Scott durch einen Messerstich in den Kopf leicht verletzt. «Meraat el Shark» erfährt, die Regierung habe die Auslieferung der Leichen der Hingerichteten an deren Familien verweigert, da sie befürchtet, daß es bei der öffentlich geplanten Beerdigung zu Demonstrationen und ernsten Unruhen kommen könnte. Jüdische Familien in Haifa, die in der Nachbarschaft der arabischen Viertel wohnen, zogen sich aus Furcht vor Unruhen in die jüdischen Stadtteile zurück. Die Haifaer arabische Zeitung «El Carmel» fordert die arabische Exekutive auf, eine 40täglge Trauer um die Hingerichteten zu proklamieren und aazuordnen, daß alle Araber schwarze Bänder an ihren Kleidern tragen, ferner den Jahrestag der Hinrichtung für die Zukunft als nationalen Trauertag zu proklamieren. Die Zeitung «Meraat el Shark», die mit Trauerrand erschien, erklärte, die Hinrichtungen seien ein Ergebnis der Balfour-Deklaration. Die Zeitung nennt die Hingerichteten Märtyrer der arabischen Sache und schließt, der Galgen sei der erste Baum der arabischen Unabhängigkeit. Photographien der Hingerichteten werden in ganz Palästina in den Straßen verkauft. In Amman, der Hauptstadt Transjordaniens, haben die jNaUQfialisteti einen Proteststreik proklamiert, der aber nur zum Teil durchgeführt wurde.