Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 131 (19.6.1930)
- Date
- 1930-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 181 DIF STIMME Seife 7 Der Proteststurm in aller Welt dauert an 50.000 Juden demonstrieren in den Straßen New Yorks New York. (J. T. A.) Etwa 50.000 New Yorker Juden marschierten in einer geschlossenen Demonstration durch die Straßen New Yorks, uni ihrem Protest gegen die Politik der britischen Regierung in Palästina Ausdruck zu geben. Alle Schichten der Judenheit waren In dem Rieseny.uge vertreten; es wurden Transparente mit Aufschriften getragen, in denen der Empörung über die Suspendierung der Einwanderung von Chaiuzim Ausdruck gegeben wurde. Der Zug bewegte sich die Fifth Avenue entlang gegen East Side und Rutgers Square; viele Tausende von Personen flankierten den Zug und begrüßten stürmisch seine Losungen. An der Spitze marschierten jüdische Kriegsveteranen, hinterher gingen hunderte zum größten Teil hochbetagte Rabbiner. Es folgten Delegationen der verschiedenen jüdischen religiösen Gruppierungen, Gruppen von Chaluzim, Delegationen der jüdischen Gewerkschaften, viele tausende jüdische Schulkinder, die Palästinalicder sangen, und Vertreter zahlreicher Geselligkeitsorganisationen. Großartige Manifestation des Warschauer Judentums Warschau. (J. T. A.) Das Warschauer Judentum protestierte in einer großartigen Manifestation gegen die Sperrung der Tore Palästinas für jüdische Arbeitereinwanderer. Der Aufforderung der Zionistischen Organisation Folge leistend, wurden 6 Uhr abends in der ganzen Stadt die jüdischen Geschäfte und Bureaus geschlossen und alle jüdischen Handwerker legten die Arbeit nieder. Bald zogen endlose Züge durch das jüdische Viertel in Warschau zum Sammelplatz der Kundgebung. Etwa 50.000 Menschen formierten sich dann zu einem ungeheuren Demonstrationszug zum Protest gegen die Sperre der Chaluzeinwanderung in Palästina und der Vernachlässigung der Pflicht seitens Englands als Mandatarmacht Palästinas. Die Gassen, durch die. der Demonstrationszug sich bewegte, waren von Menschen dicht flankiert, auch waren alle Fenster und Balkone besetzt; es herrschte eine feierliche Stimmung. Es wurden Transparente getragen mit den Aufschriften: «Wir fordern freie Einwanderung der Juden nach Palästina!», «Wir fordern freie Einwanderung für Chaiuzim 1», «Es lebe das arbeitende Palästina, es leben der Hechaluzl», «Ohne jüdisches Nationalheim kein Mandat!», «Palästina . ohne Juden ist wie ein Körper ohne Seele!», «Wir fordern Staatsboden für jüdische Kolonisation in Palästina!», «England, wo ist dein Gewissen?». Die Arbeiterzüge trugen Transparente mit der Ueberschrift «Proletarier aller Länder, unterstützt unsere Forderungen!», «Nieder mit «der reaktionären Administration!», «Arbeiterregierung, denke an deine sozialistische Pflicht!». Auf dem Muranow-Platz kam es zu Plänkeleien mit den Kommunisten, so daß die Polizei eingreifen mußte. Die Zugänge zur englischen Botschaft waren durch Polizeiposten gesichert. Allen fremden diplomatischen und konsularischen Vertretungen wurden die angenommenen Protestresolutionen gegen den Bruch der Mandatspflicht seitens Englands überreicht. Memorandum der Danziger Juden an den Völkerbund Danzig. (J. T. A.) Das alle zionistischen Richtungen des Freistaates Danzig repräsentierende Zentralkomitee hat im Namen der Judenheit des Freistaates Danzig, der unter dem Schutz des Völkerbundes steht, an die Mandatskommission des Völkerbundes in Genf ein Memorandum übersandt, in welchem die jüdischen Postulate in Palästina dargelegt und freie Einwanderung und Kolonisation für Juden in Palästina gefo-'-'ert wird. Protestaktion der deutschen Mitglieder der Jewish Agency Berlin. (J. T. A.) Namens der in Deutschland wohnenden Mitglieder des Council der Jewish Agency hat Herr Direktor Wassermann am 6. Juni ein Schreiben an den britischen Botschafter in Berlin gerichtet, in dem darauf hingewiesen wird, daß die vom Colonial Office verfügte zeitweilige Suspendierung der Einwanderungszertifikate von der ganzen am Palästinaaufbau interessierten Judenheit mit größter Bestürzung aufgenommen wurde. Die offenbar ausschließlich aus politischen Gründen getroffene Maßnahme des Colonial Office werde von der Judenheit als unvereinbar mit dem Wortlaut und dem Geist des Palästinamandates empfunden. Die Errichtung des Jewish National Home in Palästina werde durch derartige Maßnahmen aufs schwerste gefährdet, denn sie könne ohne eine immer wachsende jüdische Einwanderungnicht verwirklicht werden. Protestkundgebungen in England London. (J. T. A.) Nach der großen Protestkundgebung in London finden nun in allen größeren Städten Großbritanniens Protestkundgebungen gegen die Suspendierung der Chaluz-Alijah statt. Revisionistische Kundgebung in Berlin Berlin. (J. T. A.) Die Berliner Ortsgruppe der Zio risten-Revisionisten veranstaltete im Logenhaus, Kleiststraße, eine zahlreich besuchte öffentliche Kundgebung über das Thema: «Der Bruch des Mandats und unsere Antwort». Jabotinsky ist die Rückkehr nach Palästina untersagt worden London. (J. T. A.) Wladimir Jabotinsky hat sofort nach seiner Rückkehr von seiner Südafrikareise von London aus ein Schreiben an das britische Kolonialamt gerichtet, in welchem er die bedingungslose Zurückziehung der Verordnung der Palästinaregierung, in welcher das ihm bei seiner Abreise nach Palästina erteilte Wiedereinreisevisum für ungültig erklärt worden ist, verlangt. Er fordert, daß man ihm seine Rechte als ständiger Einwohner Palästinas wiedergibt, damit er sich jeder im Gesetz nicht verbotenen Tätigkeit frei widmen könne. Vom Bureau der Weltunion der Zionistertrevisionisten in London wird mitgeteilt, daß vor einigen Monaten das Kolonialamt eine Mitteilung machte, aus der geschlossen werden könne, daß man Jabotinsky die Rückkehr nach Palästina nicht gestatten werde. Die polnische Regierung annulliert die Zuwendungen jüdischer Gemeinden für die zionistischen Fonds Warschau. (J. T. A.) Verschiedene Wojwodschaften haben die Zuwendungen jüdischer Gemeinden in den Jahresbudgets für Keren Hajessod, Keren Kajemeth und Hechaluz gestrichen und die Auszahlung der Gelder untersagt. Der jüdische Nationalrat Polens richtete ein Schreiben an den Kultusminister, in welchem darauf hingewiesen wird, daß die polnische Regierung mehrmals ostentativ ihre Sympathien für den Zionismus und den Aufbau des Jüdischen Nationalheims bekundet hat und daß die Streichung der Positionen für das Palästinawerk in den Budgets der Gemeinden in diametralem Widerspruch zu diesen Bekundungen der Retrierumr steht.“ Charles Fourier und die Judenfrage Von Dr. S. Rappaport (Schluß) Die Arbeit ist für die Mehrzahl aller Menschen eine Lnsi und Pein, das eiende Mittel zum Zweck eines elenden Daseins, und da die Sklaven der Arbeit die sie belastenden Ketten nicht abschütteln können, sind sie träge und finden die Befriedigung ihrer Seele nicht im werktätigen Schaffen, sondern im Nichtstun. Dies entspricht aber durchaus nicht der Bestimmung des Menschen und der Eigenart seiner Triebe. Der Mensch fühlt sich unbefriedigt und unglücklich, wenn er dauernd ohne Beschäftigung ist, sein Geist sucht Nahrung und ohne Befriedigung des Arbeitstriebes kann für die Dauer keiner existieren. Die Arbeit ist daher für jeden ein unentbehrliches seelisches und physisches Bedürfnis; sie wird nur zur Quelle der Unfreiheit, wenn ihre Verrichtung abstößt oder zwangsweise erfolgt. Da dies bei der Mehrzahl aller Menschen der Fall, ist die Arbeit falsch organisiert und deswegen die Ursache individueller Vergewaltigung und Unzufriedenheit. Gleich naturwidrig wie die Organisation der Arbeit findet Fourier die anderweitigen sozialen Verhältnisse, die die Menschen der Gegenwart binden und ketten. Namentlich ist das Verhältnis der Geschlechter zu einander und die Organisation der Ehe durchwegs verfehlt. Fourier war der Ansicht, daß die Monogamie nicht nur naturwidrig sei, sondern auch die Autorität der Gesetze untergrabe. Die angeführten Mißstände sind die Folge des ■WWWMWMWMWWMWWMpMil)—BWWBÜ> HW >■! 9 IlflfW MP——MWWM Konzentrationsprozesses, der sich in der Industrie vollzieht, der Zersplitterung des Grundbesitzes, der Zerstörung der alten Korporationen, des nierkantilistischen Geistes, der Uebersteuerung, des religiösen Schismas und der Emanzipation der Juden.c) Denn dank der Emanzipation haben es die Juden verstanden, den gesamten Handel in ihren Händen zu monopolisieren. Der Vorsprung, den die Juden auf dem Gebiete des Handels vor den Christen haben, ist nicht nur auf die Eigenschaften der jüdischen Rasse lind ihre Tüchtigkeit zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, daß die Juden genügsamer sind und mit einem geringeren Gewinn vorliebnehmen als ihre christlichen Kollegen. «Der Jude, wenn er auch Millionär ist, ist sehr sparsam und lebt nur von Kartoffeln. Dieser Umstand ermöglicht es ihm, um fünfzig Prozent billiger zu verkaufen als seine christlichen Kollegen. Dadurch aber schlägt er und vernichtet seinen christlichen Konkurrenten.» °) Die Emanzipation der Juden und ihre Gleichstellung mit den Wirtsvölkern war ein unverantwortlicher Fehler und bedeutet den Niedergang der Zivilisation und Kultur. Mit Entrüstung ruft Fourier aus: «gibt es nicht unter den Christen genug Wucherer und Ausbeuter, um die jetzige schurkische Gesellschaftsordnung (le r6gne de la fourberie) zu befestigen! da mußte man noch dieses Wuchervolk zu Hilfe rufen.» Die Juden sind kein zivilisiertes Volk, sondern ein patriarchalisches, das über sich keinen Herrscher anerkennt und auf dem Standpunkt steht, daß jede Schurkerei erlaubt ist, wenn es sich um das Hintergehen eines Andersgläubigen handelt. Als «echter» Antisemit gibt Fourier zwar zu, daß man auch unter den Juden Von Cyrus bis Balfour Von Chaim Nachinan Bialik. Superkluge Leute behaupten, daß Politik und Diplomatie eines Volkes ebenso wie die des Einzelnen stets nur egoistische Zwecke und eigenen Nutzen verfolgen, auch dann, wenn sie ihre Bestrebungen als ideale proklamieren. Diese Leute sind daher der Ansicht, daß auch die Balfour-Deklaration ein politischer Akt von seiten der Engländer war, der den eigenen materiellen Interessen, aber keineswegs denen des jüdischen Volkes dienen sollte. Denn England hätte während des Krieges besonderes Interesse daran gehabt, das jüdische Volle durch die Balfour-Deklaration auf die Seite der Entente zu bringen. Im Leben sind stets zwei Kräfte wirksam: das Böse und das Oute. Alles, was vom Einzelnen und von der Allgemeinheit gemacht wird, hat, auch wenn dabei eigene materielle Interessen verfolgt werden, dennoch — vielleicht unbewußt und unbeabsichtigt — irgend einen geistigen und ideellen Hintergrund. Der Geist bahnt sich seinen Weg durch die Materie. Und von dem Wirken des Bösen hat auch das Gute Nutzen. Die Engländer sind tief durchdrungen von dem Geist der Bibel. Ihre positive Einstellung zum Iudenlum, zu Erez Israel und dem Aufbau unseres Landes entspringt ohne Zweifel dem grossen Einfluß, den die heiligen Schriften auf sie ausgeübt haben. Daraus erklärt sich auch die Tatsache, daß in jeder Generation im englischen Volke große Persönlichkeiten lebten, die in Poesie, Wissenschaft und Politik dem Ideal der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Heimatland den schönsten und stärksten Ausdruck verliehen haben. Wenn dieses Ideal mit den politischen Interessen des englischen Volkes zusammenfällt, dann ist dies natürlich für uns von größtem Vorteil. Alle jene Völker, welche die Balfour-Deklaration bestätigten, wußten, daß die Idee des Palästina-Aufbaues mit ihren Interessen und denen Englands eng verbunden ist. Die Deklaration war daher kein zufälliger Akt und wird für ewig bestehen, nicht bloß auf dem Papier, sondern auch in der Wirklichkeit. Lord Balfour verkörperte in sich die Ideale, die bezüglich des Palästina-Aufbaues bei den verschiedenen Völkern, besonders jedoch beim englischen Volke, bestanden. Als die zionistische Bewegung nach dem Weltkriege erstarkte, war Balfour der erste, der das Bündnis mit dem jüdischen Volke zum Ausdruck brachte und es verwirklichte. Mit dem Moment, wo die Balfour-Deklaration veröffentlicht wurde, hat sie die materielle Sphäre verlassen und sich zur idealistischen aufgeschwungen. Es handelt sich jetzt nicht nur um ein politisches Bündnis zwischen dem englischen und jüdischen Volke, sondern um eine historische Tatsache, die auch gegen den Willen beider Partner bestehen bleiben würde. Die Bibel schloß mit der Deklaration des persischen Königs Cyrus. Dann ging die Bibel in den Besitz der ganzen Welt Über. Weil aber die Juden es waren, die die Satzungen der Bibel am strengsten bewahrten, sind sie nach Erez Israel zurückgekommen, nachdem England das Mandat über ihr altes Heimatland erhalten hat. Die Balfoür-Deklaration wird ohne Zweifel den dritten Teil unserer Geschichte einleiten, der eine Fortsetzung der beiden ersten Abschnitte sein wird. Der Name Balfour, der eng mit der Geschichte Palästinas verbunden ist, soll jetzt mehr als früher durch jüdische Siedlungen, Wälder und Institutionen in Erez Israel verewigt werden. Denn er war einer der wenigen, die den Idealen seines Volkes den schönsten Ausdruck verliehen haben. Das ganze jüdische Volk muß mit Hilfe des Keren Kajemeth diesem großen Manne durch die Gründung eines großen Unternehmens auf nationalem Boden ein ewiges Denkmal in Erez Israel setzen.; ehrenwerten Individuen begegnen kann, aber das sind seltene Ausnahmen und die Anständigkeit dieser Wenigen dient nur dazu, um die Laster der großen Mehrheit noch greller zu beleuchten. Besonders verhaßt sind Fourier die Ostjuden, aber auch die Westjuden linden bei ihm wenig Gnade, weil auch diese zur Förderung der Wissenschaft und Kunst nichts beigetragen haben und nur vom Raube leben. Die «Laster und Verbrechen», die Fourier den Juden zum Vorwurf macht, scheinen ihm der jüdischen Rasse inhärent zu sein, denn er polemisiert mit denjenigen, die die einseitige soziale Gliederung des jüdischen Volkes auf die Verfolgungen der Juden und ihre Absonderung von den Wirtsvölkern zurückführen wollen. Zur Erhärtung seiner These führt Fourier an, daß die Christen gerade zur Zeit, als sie am härtesten verfolgt und bedrückt wurden, die edelsten Gestalten hervorgebracht haben. Die Juden hingegen haben die Verfolgungen demoralisiert Den Unterschied im Verhalten der Christen und der Juden erblickt Fourier in der Tatsache, daß die einen von einem Gemeinschaftsgefühl, die anderen hingegen vom Geiste des Patriarchisnms beseelt waren.» Unter den Christen hat sich zur Zeit ihrer Verfolgungen ein Gemeinschaftsgefühl ausgebildet, das zum Keim edelster Gesinnungen wurde. Die Juden hingegen haben ihren Patrialismus beibehalten, der die Quelle aller ihrer Untugenden ist.7) Selbstverständlich erübrigt es sich, die falschen Anschauungen Fouriers über die Charaktereigenschaften der Juden und ihre Geschichte zu korrigieren. Fourier war nicht nur ein Gegner der politischen Gleichberechtigung der Juden, sondern auch der Duldung der jüdischen Religion. Er gibt zwar zu, daß die