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Die Stimme · 1930-06-19 · Heft 131 (19.6.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 131 (19.6.1930)
Date
1930-06-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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' Srite 4 rm stimws r.r. m Der ordentliche Delegiertentag der österreichischen Zionisten Samstag, den 14. Juni abends, wurde im Pestsaale des N ederösterr. Gewerbevereines, Wien, 1., Eschenbachgasse 11, der Ordentliche Delegiertentag der Österreichischen Zionisten vom Präsidenten des Landesverbandes Dr. Jakob Ehrlich eröffnet. Dr. Ehrlich teilte mit, daß Begrüßungsschreiben von der Zionistischen Exekutive in London, wie auch von den Landesorganisationen in Ostgalizien, Westgalizien, Ungarn, Jugoslawien und Deutschland eingelangt sind. Die Londoner Exekutive bedauert in ihrem Schreiben, daß es ihr nicht möglich gewesen ist, ein Mitglied der Leitung zum Delegiertentag zu entsenden. Im Namen der Histadruth Iwrith begrüßt J. Herzberg In einer kurzen hebräischen Ansprache die Tagung, der er ersprießliche Arbeit wünscht. Er betont die Wichtigkeit der Förderung der hebräischen Bewegung, hofft, daß die hebräische Kultur eine Bindeplattform sein kann für die verschiedenen Parteien in der österreichischen Organisation und appelliert an alle Zionisten, ihre Kräfte der Verbreitung der hebräisch m Sprache zu widmen. Dr. Rybaczewskl erstattet sodann einen Bericht f,'>er die Verifizierung der Mandate. Er stellt mit Genugtuung fest, daß kein einziger Protest, keine einzige Beschwerde wegen der Wahlen eingelangt ist und sieht darin ein günstiges Vorzeichen für den Gang der Verhandlungen. Im Namen des HechaJuz begrüßt dann Jakob Singer die Tagung. Der Hechaluz habe in dieser Stunde ein Bedürfnis, an alle Zionisten zu appellieren, daß sie den Hechaluz unterstützen, der seinerseits jederzeit bestrebt ist, seine Pflicht zu erfüllen. Hierauf wird die Wahl des Büros vorgenommen. Auf Antrag des Herrn Direktor Guttm an n wird vom Delegiertentag folgendes Präsidium gewählt: Dr. Friedmann Präsident; Dr. Rybaczewski, Schiffman n, Schwarz (Graz) Vizepräsidenten; Frau Dr. Kantor, Dr. Susi Münz, Dr. Taubes Schriftführer, Dr. Desider Friedmann übernimmt, mit Beifall begrüßt, den Vorsitz, dankt für die Wahl und verspricht, die Tagung objektiv zu leiten. Direktor Guttmann beantragt die Wahl zweier 16-gliedrigen Kommissionen, u. zw. der Permanenzkommission und der Finanzkommjssion. Nach einer kurzen Debatte erfolgt die Wahl beider Kommissionen. (Zum Obmann der Permanenzkommission wurde Ing Otto Krasny, zun: Obmann der Finanzkommission Herr Hermann Tropp gewählt.) Bericht des Landeskomitees. Der Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Cesterreich, Dr. Jakob Ehrlich, erstattet einen Bericht über die Tätigkeit des Landeskomitees, das auf dem letzten (außerordentlichen) Delegiertentage gewählt wurde. Die damalige Lage der österreichischen Organisation war äußerst schwierig, es war kaum ein Landeskomitee vorhanden, Die Finanzen waren wenig erfreulich. Infolgedessen war Doktor Ehrlich damals nicht in der Lage, ein großzügiges Programm zu entwerfen, ln erster Reihe mußte getrachtet werden, daß die Finanzen geordnet und die Organisation konsolidiert werde. Beides wurde erreicht. Besonders ist die Sanierung der Finanzen gelungen: die auf dem außerordentlichen Delegiertentag übernommene Schuldenlast ist bis auf eine geringe Restsumme abgedeckt worden. Dank gebührt hiefür einer Anzahl von Gg., die keine materiellen Opfer scheuten, und Vertrauen ln die Leitung hatten. Dr. Ehrlich bespricht dann das Problem der außerordentlichen Parteisteuer und gibt der Meinung Ausdruck, daß dieses System noch weiter ausgebaut werden müsse. Die Vertrauenskrise ist vorüber. Heute besitzt die Organisation wieder das Vertrauen zu sich reibst. Das Landeskomitee war bemüht, den Kontakt mit alten Gruppen aufrecht zu erhalten und sie zur aktiven Mitarbeit heranzuziehen, welches Streben nicht immer von Erfolg gekrönt war. Die ganze Arbeit kann nicht vom Landeskomitee allein bestritten werden, Es ist nötig, daß weiteste Kreise der Gg. aktiv mittätig sind, in der Arbeitsperiode des Landeskomitees wurden die Bezirkesektionen innere Stadt und Zwigphenbrücken reorganisiert; neue Ortsgruppen in Vösiag und Klagenfurt gegründet, In Wien fanden u. a. 7 große Veranstaltungen des Landeskomitees statt: 1, Trauerfeier nach Dr. Leon Reich; 2. Vortrag des Mitgliedes der Exekutive Prof. Lazarus Barth; 3. Meeting in Erziehung«* {ragen; 4. Balfpur-Gedenkfeier; 5. Herzl-Feier anläßlich seines 70. Geburtstages; 6. (Jang zum Herzl-Qrab; 7, Die große Prptestverspmmlung Im Konzerthaus, Das Landes« komltee veranlaßte auch das Abhalten von Protestversamm* hingen ln Innsbruck und Graz. Die Resolutionen wurden dem britischen Gesandten in Wien überreicht. Auf Antrag des Landeskomitees wurde der Verband der demokratischen Zionisten als Sonderverband anerkannt und l»t hierauf der Landesorganisation beigetreten. Dies kann als sichtlicher Schritt nach vorwärts betrachtet werden und so wurde ein formeller Frledenszuntand geschaffen. Zu einer Zusammenarbeit Ist es allerdings noch nicht gekommen. Man hat oft den Eindruck, als ob wir keine einheitliche Partei mehr wären. Wir haben Gruppen, die nebeneinander und manchmal sogar gegeneinander arbeiten. Pie Hauptaufgabe dieses Delegierten« tage* müßt« sein, den Weg zu finden, der zu einer gemein* scNftiichen Arbeit führt, und ein Undeskomitee zu wählen, in dem alle Gruppen vertreten sind. Differenzen müssen zurückgestellt werden. Zum Schlüsse seiner Ausführungen verliest Dr. Ehrlich die Berichte über die Arbeit der einzelnen Bezirkssektionen, Ortsgruppen und Sondervereinigungen. Der Bericht des Landeskomitees wird mit großem Beifall zur Kenntnis genommen, worauf Dr. Chaim Tartak o w e r ein Referat über AHJa und Hachscharah hält. Diesen Bericht bringen wir wegen Platzmangel in der nächsten Nummer. Die Generaldebatte. Sonntag, den 15. Juni, vormittags, begann die Generaldebatte. Als erster ergriff das Wort Oberbaurat Robert Stricker. Der Redner erklärt, daß er nicht über die Vergangenheit sprechen wolle sondern darüber, was zu tun Ist, um die Organisation zu stärken, und unter welchen Voraussetzungen der Verband der demokratischen Zionisten in der Leitung mitarbeiten will, ln dieser Richtung stellt er im Namen seines Verbandes vorerst eine Reihe organisatorischer Anträge: 1. Der Delegiertentag soll sich nur aus Mitgliedern zusammensetzen, die aus allgemeinen Wahlen hervorgehen. Das Recht einzelner Gruppen auf Entsendung von Delegierten soll entfallen. Nach diesem Verhältnis sollen aueh die Parteiinstanzen zusammengesetzt werden. 2. Die Höhe der Parteisteuer muß für alle Mitglieder der Organisation gleich sein. 3. Die Durchführung der Wahlen soll nicht dem Landeskomitee, sondern einer vom Delegiertentage zu wählenden Körperschaft, bei der alle Gruppen paritätisch vertreten sind, obliegen. Die Zionistische Organisation Oesterreichs ist eine politische, eine landespolitische Organisation. Es sind Beschlüsse vorhanden, die das beweisen Jedoch erklärt heute ejne große «■■■■nnaMiVMiiiPMMMMvpmpnHiwMM Großrseischtiauere) 1 SIEGM. KORN MEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16-9-34 § , Lieferant für Heilanstalten I Abteilungen für ^^n-Fleisch | unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabblnate der Israe- I litischen Kuftusgemeinde Wien | I AutoKUStelluno kostenlos fj I IX, Ber^gnsse ü> xviu, Währineerstraß» 97 8 Zahl von österreichischen Zionisten, daß eine Bindung In landespolitischen Fragen weder wünschenswert noch möglich sei. Iq anderen Ländern hat die Leitung der zionistischen Organisation mit der Landespolitik nichts zu tun. Die Agenden der Landespo'itik betreibt z. B. in Deutschland die VoJkspartei, in der Tschechoslowakei die Jüdische Partei, jn Polen der jüdische Nationalrat. In Oesterreich besteht nach außen hin eine Bindung, nach innen hin jedoch nicht, Diese Unklarheit ist einer der wichtigsten Gründe der unbefriedigenden Zustände in der Organisation. Im Jahre 1027, als die Wahlen zum National- und Gemeinderat stattfanden, begann die Spaltung der österreichischen Organisation. Es ist wahr, daß später persönliche Differenzen diese Spaltung gefördert haben, aber der erste sachliche Grund ist üben im Jahre 1927 zu suchen- Daher verlangt er die Klärung in einem oder anderem Sinne. Wir wollen die Juden nicht nur in ihrem Verhältnis zu Palästina, sondern auch in ihrem Verhältnis zu Gaiuthproblemen erfassen. Wir sind gegen die Verschiebung der Erledigung in dieser Frage, weil wir nicht früher in di« Leitung eintreten können, bevor das Problem des Verhältnisses der österreichischen Organisation zur Landespoiitik galöst ist. Wir müssen uns eben entscheiden: sind wir eine poli» tische Organisation oder nicht? Wir sind für nationale aktive Politik, l/ebergehend zur zionistischen Kultusgemelndepplitik behauptet der Redner, daß sie zu einer Subventionspolitik geworden ist, Es darf nicht als ein Verdienst der Kultusgemeinde angesehen werden, daß sie jüdische Institutionen fördert, denn e§ wird ohnehin nur ein Teil der Verpflichtungen von der Kuitiisgemeinde erfüllt, Die Demokratisierung der Gemeinde ist eine Notwendigkeit. Das allgemeine Wahlrecht die wichtigste Forderung, Qer Redner verliest eine Resolution, die sich auf die Kwltusgemeindepolitik und L«ndcspoütik bezieht. Er verlangt aktive politisch« Betätigung und den Ausschluß jener Zionisten, die einer anderen politischen Organisation angthören. Er beantragt ferner ein« Resolution, die sich gegen (Me Politik Englands und die zionistische Exekutive wendet, Er greift Weizmann an, dem er zum Vorwurf macht, daß er allzusehr auf England eingestellt war und die Lage Immer als gut bezeichnet habe. Die Nachmittagfjujtzung. Zu Beginn der Nachmittagssitzung gedenkt der Vorsitzende Dr. Frledmann der Toten, die wir seit dem letzten Delegiertentage zu beklagen haben. Insbesondere gedenkt er des großen Freundes unserer Sache, Lord B a lf e u r, und fordert den Delegiertentag auf, zum Zeichen der Trauer die Beratungen fllr eine Minute zu unterbrechen. Nach einer Minute vollständiger Stille wird vom Delegiertentage der Antrag auf Eintragung Lord Balfours ln das Goldene Buch des Nationalfonds «instimmig angenommen. Dr. David Bukspnn (Revisionist) bedauert, daß die Exekutive es nicht für notwendig gefunden hat, jemanden nach Wien zu entsenden, der über die Lage des Zionismus referieren könnte, und daß das Landeskomitee niemanden in Wien beauftragt hat, ein derartiges Referat zu halten.. Wirtschaftliche Tätigkeit ohne politische Sicherung seti ein gefährliches Unternehmen. Auch die Revisionisten wollen mit England arbeiten, aber wir können doch nicht von England verlangen, daß es die Wechsel einlöse, die »vir ih..i nicht präsentiert haben. Die Araber haben große politische Erfolge zu verzeichnen, weil sie England und der ganzen Welt in den Ohren gelegen sind. Wir haben keine politische Aktion unternommen und deshalb tragen an den Geschehnissen vor allem wir selbst schuld. Unsere Leitung hat es nicht für nötig gestunden, in England für unsere Sache Propaganda zu treiben. Wir behaupten, daß seitens der Exekutive nichts getan wurde und glauben, daß es anders werden kann. Unsere Leitung, vor allem Präs. Weizmann, müssen in größerem Maße als England verantwortlich gemacht werden. Weizmann trägt die Schuld an unseren Mißerfolgen. Aber auch Innenpolitisch hat die Exekutive versagt. Was hat uns die Gründling der Jewish Agency gebracht? Wir sind nicht mehr die Herren des Zionismus: die Jewish Agency hat uns gebunden. Auch daran, daß der Brith Scliaiom seine Tätigkeit entfalten konnte, ist die Exekutive schulde Wir betonen die Judennot als das treibende Element der zionistischen Bewegung, Wir sind der Ansicht, daß nur Zionisten die Judenfrage lösen können. Und da gibt es für uns keine Bindungen und keine Kompromisse. Der Redner spricht dann von den revisionistischen lokalen Forderungen. Er verlangt die Abschaffung der Viriiisten, wendet sich gegen die «Stimme». Die «Stimme» soll das Blatt aller Gruppen sein und ihre Redaktion darf nicht einseitig geführt werden. Aus diesem Grunde müssen wir dem Landeskomitee unser Vertrauen verweigern. In den landespolitischen Angelegenheiten sind wir der! Ansicht, daß wir nicht erlauben dürfen unseren Mitgliedern anderen Parteien angehören. Die Revisionisten sind tiir die Landespoiitik und sprechen den zionistischen Mandataren j der Kultusgemeinde ihr Mißtrauen aus. Kompromisse sind.^u j verurteilen und der Kampf um das allgemeine Wahlrecht ' muß mit allen Mitteln geführt werden. Wenn die K.iiltgpgemeinde zugrunde geht, wird an ihrer Stelle eine Volksge- meinte erstehen. Saul Weinreb (Hitachduth) spricht l:;i Namen seiner Gruppe dem Landeskomitee das Vertrauen aus. Das Landeskomitee hat eine große Arbeit geleistet und der Bericht desselben hätte nicht so bescheiden sein müssen. Bezüglich der Protestaktion gegen die Einwanderungssperre bemerkt er, daß sieh auch die Kultusgemeinde an ihr beteiligen sollte. Auch hätten die Misrachi und Poale Zion herangezogen werden sollen. Bezüglich der Angriffe auf die Zionistische Exekutive ist der Redner der Meinung, daß nicht die Leitung schuld sei. Schuld ist eben England, das sein Wort nicht gehalten hat. Es mag sein, daß unser Vertrauen auf England unrichtig war. Aber gerade die Revisionisten sind es doch, die seit jeher eine ausschließliche englische Einstellung hatten. Und wenn man der zionistischen Exekutive Vorwürfe macht, daß sie allzuwenig aktiv ist, bq muß man doch in Betracht ziehen, daß die jetzige weltpolitische Lage sehr ungünstig ist. Heute muß man Schritt für Schritt nach vorwärts gehen. Und das Wichtigste, was die Opposition vergißt, ist: die Voraussetzung für politische Erfolge kann nur ein starker Aufbau im Lande sein. Wenn die Kritiker behaupten, daß die Jewish Agency uns keinen Nutzen, wohl aber schwer zu tragende Bindungen gebracht hat, so müssen wir darauf anwprten: wenn diie Jewish Agency schon vor 7 bis 8 Jahren zustandegekommen wäre, wären wir heute bedeutend weiter in Palästina. Und die Opposition war es, die damals die Gründung der Jewish Agency verhindert hat. Die Hitachduth ist für einen außerordentlichen Kongreß. Ein ordentlicher, ist nicht nötig, denn die Wahrung unserer Rechte nach außen und die Herausgabe einer Deklaration an das jüdische Volk — das sind zwei Aufgaben, die ein Kongreß heute zu erfüllen hätte —* kann auch ein außerordentlicher Kongreß erledigen, Wozu also der Welt ein Schauspiel eines Wahlkampfes bieten? Die Hitachduth ist gegen Landespolitik. Die Hitachduth ist für die weitgehendste Unterstützung des Hechaluz, welcher zweifellos als Avantgarde unserer Bewegung angesehen werden muß. Der Redner liest anschließend die Resolution über den Hechaluz vor. Bezüglich der Parteisteuer gibt der Redner zu, /laß die Hitachduth ein Privileg hatte, Indem sie nur ein Drittel der Steuer zu entrichten hatte, aber man müßte doch ln Betracht ziehen, daß die Hitachduth einem Weltverband augehöre und auch dort Jahresbeiträge zu entrichten habe. Deshalb bittet er den Delegiertentag, die Mitglieder der Hitachduth nie!|t schlechter zu stellen als die anderen Gg. und nicht ungerecht« «Oieichheit» cinzuführen.

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