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Die Stimme · 1930-06-19 · Heft 131 (19.6.1930) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 131 (19.6.1930)
Date
1930-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 181 OfF STIMME Se?V 3 Downing Street und Vatikan Von Hazofeh, Jerusalem. Es hat viel Aufsehen erregt, daß der Papst auf Ersuchen der englischen Regierung seinen Legaten, den lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Barlassina, und dessen Assistenten, Bischof Fellinger, aus Palästina abberief. Noch auffallender war die Begründung für das Abberufungsverlangen, daß nämlich die genannten Würdenträger die arabische Bevölkerung gegen die jüdische auf rühren und dadurch die Beruhigung des Landes erschweren. Diese Ereignisse nun hatten die höchst bedauerliche Folge, daß nicht nur die vatikanischen, sondern auch italienische Blätter heftige Angriffe gegen die Judenschaft richten, als hätte sie durch ihren Einfluß auf die englische Regierung deren Eingreifen veranlaßt. Nichts ist haltloser als eine solche Behauptung. Es muß ihr rasch entgegengetreten werden, um das Entstehen einer neuen, keineswegs ungefährlichen antisemitischen Legende zu verhüten. Richtig ist, daß alle seit Herzl immer wieder von der zionistischen Leitung beim römischen Stuhl gemachten Aufklärungen bisher nicht durchzudringen vermochten, wonach die Bestrebungen des jüdischen Volkes, sich im Lande der Väter die Möglichkeiten eines menschenwürdigen Daseins zu schaffen, das Interesse der christlichen Bekenntnisse und voran der katholischen Kirche, unberührt und ungestört lassen. Auch die Zusicherung des vom Völkerbund verbürgten Mandates, daß die Aufrichtung des jüdischen Nationalheims nur bei voller Wahrung der religiösen, bürgerlichen und wirtschaftlichen Rechte der nichtjtidischen Landesbevölkerung erfolgen dürfe, konnten die Bedenken des Vatikans nicht beschwichtigen, dem es offenbar als grundsätzlich unliebsam erscheint, daß der jüdische Name — und gerade in Palästina — wieder zu Ehren komme. Ein besonders streitbarer Verfechter dieser Politik nun ist Monsignore Barlassina, ein heißblütiger Italiener und kraftvoller, ehrgeiziger Mann. Seit Jahren residierte er in jenem stolzen Patriarchenpalast, der hinter den Zinnen der Altstadt an beherrschender Stelle aufragt. Barlassina wurde nicht müde, den Wappenspruch, der über dem Eingangstor seines Palastes prangt, «Caritas Christi urget» (Christus’ tätige Liebe feuert an) nach seiner temperamentvollen Art zu betätigen. Die Zahl der Römisch-Katholischen im Lande ist zwar nur gering und auch unter den 80.000 Christen eine kleine Minderheit. Dabei sind die gute Hälfte der dem lateinischen Patriarchat Unterstellten Mönche, Nonnen und sonstige Geistliche und ihrer Nationalität nach fast ausnahmslos Landfremde — Italiener, Deutsche, Franzosen — und im übrigen eingeborene Laien, die zum Teil erst kürzlich dem Islam oder anderen Bekenntnissen abgewonnen wurden. Doch aus der traditionellen Stellung der katholischen Kirche, welche im Mittelalter die europäische Christenheit zu den Kreuzzügen aufgerufen und diese durch Jahrhunderte in Gang erha-lten hatte, leitet der Patriarch den Anspruch auf das Primat unter den christlichen Bekenntnissen ab. Dieser Stellung entsprechen auch die kulturellen Leistungen, welche durch einen vielmaschigen Apparat von Kirchen, Klöstern, Schulen und Wohlfahrtsanstalten gepflegt werden. Dieser Apparat wird immer noch ausgebaut. So kamen in den jüngsten Jahren in Jerusalem die Prachtbauten des Jesuitenkollegs und — nächst dem jüdischen Satdtviertel Rechawin — die der katholischen Jugenderziehung gewidmeten «Opera Ferrari» hinzu. Barlassina glaubte nun diese rege Propaganda zu stärken, indem er die jüdische Aufbauarbeit hemmte. Einiges von seiner stillen, doch rastlosen Arbeit in dieser Hinsicht wurde ja bekannt. Eine seiner ersten Taten war es, die Uebersetzung des berüchtigten Hetznnd Lügenw’erkes «Die Weisen von Zion» über die geplante Weltherrschaft der Juden, ins Arabische zu veranlassen und in seinem Diözesanblatt «Rakib Sion» (Der Bote Zions) zu veröffentlichen, bis die Palästinaregierung verbietend eingriff. Und als Herzls Sohn sich taufen ließ, brachte dieses Blatt eine höhnende Notiz. Leider ließ sich ein jüdischer Journalist dazu verleiten, in der Freitag-Abendplauderei des hebräischen Tagblattes «Doar Hajom» (bekanntlich in Opposition gegen die Zionistische Exekutive) eine taktlose Bemerkung über die Abstammung Christi einzustreuen. Vergebens desavouierte die Zionistische Exekutive sofort dieses Extempore jener Privatperson. Vergebens entschuldigte sich der Mann in aller Form und nahm die ihm von der Regierung diktierte Strafe auf sich. «Der Jude wird verbrannt,» sagte der Patriarch und richtete einen leidenschaftlichen Appell an die Häupter der anderen christlichen Glaubensgemeinschaften in Palästina zur Verteidigung der angeblich durch die Judenschaft bedrohten allchristlichen Interessen. Daraus wurde zwar nichts, denn der griechische Patriarch winkte ab, er überlasse die Austragung Gott, und alle anderen schlossen sich ihm an. Barlassina war es auch, der die Ernennung von Juden zu Konsuln katholischer Staaten in Palästina zu verhindern wußte. Als im August 1929 Banden moslimischcr Araber die jüdischen Siedlungen Palästinas mordend, brennend und plündernd überfielen, waren die Sympathien der a: s römisch-katholischen Kreisen Palästinas inspirierten Presse in- und außerhalb des Landes keineswegs auf Seite der Juden. Es sei nur an die Berichterstattung Pater Musils in Prag, dieses großen Arabienke*ners, in den europäischen Blättern erinnert. Alle diese Berichte waren auf den Ton gestimmt: Viel Lärm um nichts, um paar hundert jüdische Tote. Vielleicht waren es diese Vorgänge, welche bei der Völkerbundtagung im September 1929 den Vertreter des christlichen Staates Abessinien zur tiefbewegten Klage und Anklage veranlaßten, daß die Hüter des Christentums im heiligen Lande statt ihrer Pflicht zu genügen und die widerstreitenden Leidenschaften zu versöhnen, diese noch planmäßig verschärfen. Letzthin erschloß Barlassina ein neues Betätigungsfeld. Es war während der Tagung der Shaw- Kommission. Dort suchten bekanntlich die Drahtzieher des Pogroms die Aufmerksamkeit von ihren Verbrechen durch die Behauptung abzulenken, daß durch die Einwanderung der Juden und ihre Bodcnkäufe das bodenständige Arabertum verdrängt werde. Gerade um diese Zeit kaufte nun der apostolische Patriarch den Boden dreier arabischer Dörfer auf, davon einen Komplex, der unmittelbar an den von fünf jüdischen Dörfern besetzten Nurisblock stieß und bezüglich dessen der Jüdische Nationalfonds seit langem in Unterhandlung stand. Es blieb vorläufig im Dunkeln, was diese Bodenkäufe bezwecken. Die katholischen Araber des Landes jedenfalls — reiche Händler in Betlehem und wohlbestallte Bauern in dessen Umgebung — hatten sie nicht nötig. Zur Ausweisung Barlassinas aber soll ein allerletzter, besonders kühner Schritt den Anstoß bzw. richtiger die Gelegenheit gegeben haben. Es ist nicht unglaubhaft, was darüber im Lande von den Arabern erzählt wird. Die arabische Exekutive hatte zum Zeichen des Protestes dagegen, daß die Delegation unter Führung des Großmufti ihre Forderungen in London nicht restlos durchgesetzt hatte und zur Bekundung der Einigkeit des arabischen Gesamtvolkes — ohne Unterschied der Konfession — für den 16. Mai einen Palä- Volksbibliothek „Zion“ Donnerstag, 19. Juni 1930, findet im Casino Zögernitz, XIX., Döblinger Hauptstraße 76, ein i statt. Bei schlechter Witterung im Strauß-Saale des Casinos. Tanz, Tombola, Juxpost, BaiLonschlacht und sonstige Belustigungen. © Karten erhältlich: Volksbibliothek «Zion», IT., § Kleine Mohrengasse '3; Zionistisches Lamdeskomitee, © I-, Kärntnerstraße 28; Bücherstube M. Rath, II., 2 Taborstraße 20a. m Beginn 5 Uhr nachm. — Ende 12 Uhr nachts 1 stinatag angesetzt. Dabei wußte kein Mensch, wie diese Demonstration auf dem heißen Boden Palästinas ausgehen werde. In diesem Moment fühlte sich der Patriarch berufen, seine Glaubensbrüder anzuweisen, daß sie den Juden gegenüber eine «übelwollende Neutralität» einzunehmen haben: bisher habe durch Jahrhunderte die Kirche mit Eifer besorgt, daß die Juden wegen ihrer diversen Untaten gegen Jesus Christus usw. bestraft werden; nun sei diese Aufgabe auf die Moslims übergegangen ... Bischof Fellinger kam bei der Ausweisung anscheinend wie der Pontius ins Credo. Er war als geborener Linzer stets umgänglich und hat sich als Vorsteher des ausgezeichnet geführten Oesterreichischen Hospizes, das jedem Palästinafahrer freundlich offen stand, allgemein beliebt gemacht. Dies vorausgeschickt, soll nun doppelt unterstrichen werden, daß der Anwurf, als wäre der Sturz jener beiden Männer bei der Palästinaverwaltung von der zionistischen Leitung oder überhaupt von Juden angeregt und bewirkt worden, völlig sinnlos ist. Denn der Unwille des Vatikans über die Gestaltung der Dinge in Palästina richtet sich nicht ausschließlich oder auch nur vorwiegend gegen die Juden, sondern dagegen, daß die Herrschaft im heiligen Lande nach dem Weltkrieg nicht der Vatikan selbst oder doch ein katholischer Staat gewann, wie etwa Frankreich — diese Schildträgerin der Kreuzzüge — oder das aufstrebende Italien, sondern eine protestantische, also ketzerische Macht wie England. Ist es doch noch in aller Erinnerung, wie im Juni 1922 der Vatikan sei-nen ganzen Einfluß auf die katholischen Staaten des Völkerbundes ausübte, um die Erteilung des Mandates an England noch in letzter Stunde zu verhindern. Und wenn es der Regierung in Downlng-Street trotz all ihrer, in. diesem Falle redlichen Bemühungen während der letzten zirka acht Jahre nicht gelingen konnte, die Frage der christlichen heiligen Stätten zu regeln, so log das in der nachdrücklichen Forderung des Vatikans, daß in der hiefür vorgesehenen, vom Völkerbund zu bestellenden Kommission die katholische Kirche das entscheidende Wort behalten müsse. Man weiß auch, daß Mussolini mit dem Vatikan Frieden geschlossen hat und ein enges Bündnis eingegn.n;~*n ist und man weiß, daß Italien — bei seinem starken Bevölkerungsüberschuß nicht nur in Französisdi-Tuni« Fuß fassen will, sondern auch in Aegypten und Palästina genügt wäre, an Stelle Englands das Adnuat zu übernehmen. England, welches früher stets Italien gegen Frankreich unterstützt hat, ist letzter Zeit von Italien etwas abgerückt. Jedermann las, was in Malta vorgeht, wo der Erzbischof die italienische Nationalbewegung gegen den englischen Gouverneur, auf den ein Attentat ausgeführt wurde, offen unterstützt. Nur in Palästina aber dürfte man wissen, was Barlassina — gestützt auf diese Weltkonstellation — all die Jahre her wagen durfte, um die englische Verwaltung zu brüskieren, bis zur Delogierung des High-Commissioners Lord Plumer aus dem Jesuitenkolleg, wo er nach dom großen Erdbeben Unterschlupf suchen wollte. Wie also sollen bei diesem Interessenkonflikt die armen Juden die entscheidende Rolle gespielt haben und an Barlassinas Ausweisung Schuld tragen? Die Juden sind für beide Streitteile nur Mittel zum Zweck, nur politische Scheidemünze. Die vollständige Einflußlosigkeit der Judenschaft gegenüber Downing-Street kam seit den Augustpogromen bis zur Einwanderungssperre mit erschreckender Deutlichkeit zu Tage. England verfolgt lediglich das Interesse des British Empire, wie sie es sieht, ohne Rücksicht auf die Mandatpflichten und gewiß ohne Rücksicht auf die Juden. Darum füge man nicht zu unserem Schaden noch den Spott! Man lasse doch in diesem Mächtestreit die armen Juden aus dem Spiel, die nichts anderes brauchen und wollen als Ruhe und Frieden für die Fortsetzung ihres Aufbauwerkes. Wie dankbar sind wir doch für jede Guttat, für jede menschliche Regung! Hoch klingt das Lied vom braven Mann, vom Guardian des Klosters Ratisbonne, welcher seinen Nachbarn, die im Stadtviertel Rechawia überfallenen Juden im Schutz seiner Mauern barg. Rom steht in Palästina vor großen Entscheidungen, bei Neubesetzung des Patriarchats und anderwärts. Die Kardinal Ferrari-Aktiengesellschaft wurde mit 55 Millionen Lire Schuldenlast fallit und der Papst zog seine Hand von ihr ab. Möge doch an Stelle Barlassinas, an dessen Rücktritt wir Juden keine Schuld haben, als apostolischer Legat ein allem Weltlichen abgewandter Mann des Friedens treten, unter dessen mildem Walten jener Wappenspruch seinen ursprünglichen, wahren Sinn wieder gewinnt: Caritas Christ/ urget «Sunday Times» fordert Zurückziehung der Suspendierungsorder «Sunday Times» veröffentlichte vor einigen Tagen einen Leitartikel, in welchem der Erwartung Ausdruck gegeben wurde, daß die Arbeiterregierung durch freiwillige Zurückziehung des Verbotes der jüdischen Einwanderung nach Palästina sich vor der Mandatskommission des Völkerbundes und der Gesamtwelt rehabilitieren wird. Die Suspendierung der Einwanderung hat in drei Erdteilen leidenschaftliche Proteste hervorgerufen, die für England, das genug mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, untragbar sind. Die Verhältnisse in Palästina rechtfertigen ein solches Verbot in keiner Weise. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, alle Einwanderer werden von der Industrie und der Landwirtschaft absorbiert. Der Verlauf der Ereignisse ist mehr als sonderbar. Erst werden Juden in ihrem Nationalheim massakriert, dann geht eine Kommission in das Land, die, anstatt die unmittelbare Verantwortlichkeit festzustellen, ihre Agenden überschreitet, das Mandat, die Juden und jeden angreift, nur nicht die Mörder. Die Regierung aber, statt diesen nachlässig aufgesetzten parteilichen Bericht in den Papierkorb zu werfen, hängt derweil das Mandat an den Nagel, bis irgend ein anderer kommt und berichtet. Dieses Vorgehen muß nicht allein die Juden, sondern alle, die um unseren internationalen Ruf besorgt sind, empören. Die Regierung sollte um jeden Preis ein Verbot, das uns auf internationalem Boden so viel Schaden verursacht hat, zurückziehen. Um Jabotitiskys Rückkehr nach Palästina Jerusalem, 15. Juni. (J. T. A.) Wie verlautet, hat das Kolonialamt in London den Oberkommissar für Palästina, Sir .John Chancellor, angefragt, ob Herrn Wladimir Jabotinsky, dem Führer der Zionisten-Revisionisten, der seinen ständigen Wohnsitz in Palästina hat, sich aber in den letzten Monaten im Auslande, hauptsächlich in Südafrika, aurtiielt, ein Visum für seine Rückkehr nach Palästina erteilt werden solle. Ueber die Zurückziehung des Jabotinsky bei seiner Ausreise aus Palästina erteilten Rückreisevisums schreibt die Arbeitertageszeitung «Dawar»: Es ist unbegreiflich, daß die Regierung Jabotinskys Rückkehr von der Bedingung abhängig macht, daß er sich nicht mit bestimmten Tätigkeiten befasse. Dies bedeutet einen Versuch, die Juden Palästinas zu Bürgern zweiten Grades herabzud. ücken, die beschränkt sind in Tätigkeiten, die anderen gestattet sind. Wir werden diese Praxis der Palästinaadministration bekämpfen. Die an Stelle des verbotenen «Doar Hayom» erscheinende Tageszeitung «Jeruschalajim» gibt der Hoffnung Ausdruck, daß Waad Leumi und Jewish Agency die Sache Jabotinskys als eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung für alle Juden betfandeh werd;,ii.

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