Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 130 (12.6.1930)
- Date
- 1930-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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f Se*te6 jltook nimmt an britischen Feierlichkeiten nicht teil J e r ii s a 1 e in. (J. T. A.) Oberrabbiner KöOk hat dem High omniissioner Sir John Chancellor geschrieben, daß es ihm unmöglich sei, der Königsgeburtstagsfeier im Regierungshause zu Jerusalem .beizuwohnen, da der Kummer über die Entwicklung in Palästina ihn physisch sehr geschwächt habe. Der Brief endet mit dem traditionellen Segensspruch «Uwo Lezion Goel» (Möge Zion der Erjöser kämmen). Man sieht in diesem Schreiben Rabbi Kooks das erste Anzeichen dafür, daß jüdische Führer britischen Feiern bis auf weiteres fern zu bleiben . wünschen. «Doar Hajom» eingestellt Jerusalem,?. Juni. Die Palästina-Regierung hat das Erscheinen der hebräischen Tageszeitung , «Doar Hajom», wie auch zweier arabischen Blätter, J des «Falasiin» und «El Jamea ul arabia» (Organ des i obersten muselmanischen Rates) verboten. An Stelle des «Doar Hajom» erscheint jetzt in Jerusalem die; Tageszeitung «Jeruschalajim». Sir Boyd Merriman — Urfalis Verteidiger vor dem königlichen Gericht in London J e r u s a 1 e m, 8. Juni. Die Akten des Prozesses des einzigen zum Tode verurteilten Juden Urfali sind ■ schon nach London übersendet worden, wo das; königliche Gericht über die Appellation entscheiden ' wird. Urfali wird vom berühmten Rechtsanwalt Sir | Frank Boyd Merriman verteidigt werden, demselben, der die Zionistische Exekutive vor der Untersuchungskommission in Palästina vertreten hat. Als zweiter Anwalt wird der Londoner jüdische Rechtsanwalt Horace Samuel fungieren. Sir Jtdin Chancellor tritt Ende Juni seinen Urlaub an Jerusalem. (J. T. A.) Der Oberkommissär für Palästina Sir John Chancellor tritt Ende Juni seinen Urlaub an. «Häarezv deutet an, daß der Chefsekretär Luke nach Palästina zuriiekkehren wird, um Chancellor zu vertreten. Die Jüdische ,Telegraphen-Agentur erfährt aber, daß eine Vertretung durch Luke kaum in Frage kommt; für eine Vertretung Chancellors im Amte des High Commissioner kommt in erster Reihe der Schatzmeister der Palästinaregierung Sir Steuart Davis in Betracht. Präsident Masaryk über den Heroismus der jüdischen Arbeit in Palästina Der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Prof. Thomas Masaryk, empfing den Berliner jüdischen Journalisten Hermann Swet und unterhielt sich mit ihm etwa vierzig Minuten über das Palästinawerk. Präsident Masaryk sprach in Worten hoher Anerkennung über den Idealismus der jüdischen Arbeit in Palästina. Den zionistischen Bestrebungen, Palästina in ein Erez Israel umzuwandeln, steht Präsident Masaryk nicht ohne eine gewisse Skepsis gegenüber. Er glaubt, daß eine engere territoriale Zusammenfassung des jüdischen Kolonisationsgebietes dringend not tut. Präsident Masaryk hat dieses Problem seinerzeit in Gesprächen mit! Prof. Weizmann erörtert. Per Eindruck der Aufhebung der Todesurteile in Palästina Jerusalem, 6. Juni. (J. T. A.) Die arabische Exekutive dehtete an Sir John Chancellor den Appell, auch die Todesurteile gegen die niclitbegnadigten drei Araber nicht vollstrecken zu lassen. Sir John Chancellor wies diesen Appell zurück, stellte es aber der arabischen Delegation anheim, eine telegraphische Petition an den König von England zu senden. Rabbi Perlmutter, der älteste Warschauer Rabbitier, gestorben Warschau. (J. T. A.) Am Donnerstag, den 5. Juni, verstarb in Warschau Rabbi Abraham Zwi Perlmutter im Alter von 96 Jahren. Er war das älteste Mitglied des Warschauer Rabbinats und genoß in ganz Polen hohes Ansehen. Er gehörte dem en.-ten polnischen Sejm als jüdischer Vertreter an. Rumänien Schwere Bedrohung der Juden in der Südbukowina Czernowitz, 7. Juni. (J. T. A.) Jüdische Familien in Warna, im Süden der Bukowina, wurden vön befreundeten rumänischen Bauern benachrichtigt, daß der bekannte Antisemit und Präfektenmörder Celea Codreanu mit einer großen Schar Cuzisten zu den Pfingstfeiertagen nach Warna kommt, um «das große Gericht über die Juden» zu halten. In Warna und Umgebung wird offen von Massakrierung der Juden gesprochen. Die Flucht jüdischer Familien hat bereits eingesetzt. Rabbiner Meschuiem Rath ausgewiesen Czernowitz, 7. Juni. (J. T. A.) Die CzernowitZer Polizeibehörde hat den hochangesehenen Rabbiner der großen jüdischen Gemeinde Suczawa, Meschuiem Rath, aus Rumänien ausgewiesen, weil er polnischer Staatsbürger ist. Seinerzeit wurde ihm vom Kultusministerium die Autorisation erteilt, als Ausländer das Seelsorgeamt in Suczawa auszuüben. Die Landesverweisung von Rabbiner Rath hat unter der gesamten Judenschaft des Landes peinliches Aufsehen erregt. DIE SIEHE Nr. ISO Die Woche Budapest. Der Antisemit Repasi, der in einem Wochenblatt gegen die Juden hetzte, wurde 2u zwei Wochen Gefängnis verurteilt. — Hier fand die Generalversammlung der Fester Israelitischen Religionsgemeinde statt. Im Jahre 1929 wurden 4,523.521 Pengö allsgegeben. — Aus Anlaß der 10. Jahreswende des Trianon-Friedensvertrages wurde in allen Synagogen Ungarns dieses traurigen Tages gedacht. — Frau Scharf die vof ungefähr 50 Jahren im Ritualmordprozeß Tis2a Eszlar verurteilt wurde, ist verstorben. Berlin. Im Hotd «Alhambra» wurde ein Fest anläßlich des zehnjährigen Bestandes der jüdischen Volkspartei veranstaltet. Die führenden Persönlichkeiten der Volkspartei nahmen an ihm teil. — Der hervorragende Krebsforscher Universitätsprofessor Ferdinand Blumenthal feierte am 5. Juni seinen 60. Geburtstag. Frankfurt a. M. Im 76. Lebensjahre verstarb hier der frühere Bankier Ludwig Schiff, ein führendes Mitglied der Frankfurter jüdischen Gemeinde und Bruder des verstorbenen großen jüdisch-amerikanischen Philantropen Jakob Schiff. Insterburg. In Insterburg fand die Feier des 50jährigen Jubiläums des Synngogenverbandes Ostpreußen unter Teilnahme der Behörden statt. Breslau. Zu Mitgliedern des wissenschaftlichen Prüfungsamtes in Breslau wurden vom preußischen Kultusminister die Dozenten des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars Prof. J. Heinemann und Dr. Israel Rabin als Prüfer in der jüdischen Religionslehre für das laufende Studienjahr ernannt. Kowno. Im Rahmen des «Monats der Propaganda für die inländische Industrie Litauens» veranstaltete der Ort in Litauen eine Ausstellung verschiedener Musterarbeiten, die in den Lehrwerkstätten der Ortschulen hergestcllt worden sind. Belgrad. Ein vor kurzem verstorbener Serbe hat der jüdischen Gemeinde von Belgrad 300.000 Dinar vermacht. ’ Im Testament heißt es: «Als Kaufmann habe ich mit Hilfe j meiner jüdischen Briidcr ein Vermögen erworben. Es ist | recht, wenn die jüdische Gemeinde Belgrad einen Teil davon f bekommt.» vrrf'fTVYrYYfYfYWYrr Aus Rußland Austausch vön deportierten Zionisten in Rußland gegen verhaftete Kommunisten in Palästina Das Sowjet-Rote Kreuz hat die Initiative ergriffen, um deportierte Zionisten in Sowjetrußland gegen in Palästina verhaftete Kommunisten auszutauschen. Nach Einholen des Einverständnisses der Sowjetregierung wurde seitens des Roten Kreuzes die Verbindung mit der Palästinaregierung angeknüpft. Für jeden Kommunisten, den man aus palästinensischen Gefängnissen befreit, wird ein deportierter Zionist die Erlaubnis zur Auswanderung nach Palästina erhalten. Ukrainische Bauern wollen eine jüdische Kolonie niederbrennen Ukrainische Bauern versuchten die Niederbrennung der jüdischen Kolonie Inguletz, Kreis Krivojrog; auch trieben sie ihr Vieh zur Weide auf die jüdischen Felder als Rache dä? für, daß die jüdischen Kolonisten in dem geschaffenen Kollektivum verbleiben und auf diese Weise nach Meinung der ukrainischen Bauern die Sowietbehörden ermuntern, die übrigen Kollektiven im Rayon Krivojrog bestehen zu lassen. Ein Jude Vorsitzender des Wirtschaftsrates In Weißrußland Der bekannte jüdische Kommunist S. Goldberg wurde zum Vorsitzenden des Wirtschafstrates der Sowjetregierung in Weißrußland ernannt. Dem Wirtschaftsrat, der die oberste Wirtschaftsinstanz der Republik ist, gehören unter zwölf Mitgliedern sieben Juden an. Palästina-Bericht in der 14. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz Genf, 5. Juni. Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes beim Völkerbund erstattete der in Genf stattfindenden 14. Tagung der Internationalen Arbeitskonferenz einen Bericht über Palästina, der besagt: In Palästina Hat sich die Wirtschaftslage während der ersten Monate des verflossenen Jahres weiter gebessert, die jüdische Einwanderung nahm große Proportionen an, die Entwicklung des Territoriums schritt normal weiter. Unglücklicherweise brachen im August Unruhen aus. Die englische Regierung entsandte eine Kommission zur Erforschung der Ursachen der Unruhen und zur Unterbreitung von Vorschlägen über Maßnahmen zur Vermeidung einer Wiederkehr der Unruhen. Die Permanente Mandatskommission hält eine der Untersuchung der Lage in Palästina gewidmete Sondertagung ab. Gemäß Beschluß des Völkerbundrates begibt sich eine Sonderkonimission nach Palästina, um die Rechte und Ansprüche der Juden und der Araber bezüglich der Klägerriauer festzusetzen. Solange nicht die beiden ethnischen Elemente, die die arbeitende Masse in Palästina darstellen, Arbeitsbedingungen erlangt haben, die ihnen gestatten, ohne Hintergedanken gemeinsam an der Verteidigung ihrer Interessen und Rechte zu arbeiten, wird es in Palästina keine» stetigen Frieden geben. Der letztjährige Bericht enthielt bereits einen Hinweis auf die Möglichkeit der Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten. Die allgemeine Föderation jüdischer Arbeit hatte 1928 vorgeschlagen, daß der Prozentsatz der bei öffentlichen Arbeiten beschäftigten jüdischen Arbeiter festgesetzt werde unter Berücksichtigung der Zahl der jüdischen Lohnempfänger und des Beitrags der jüdischen Bevölkerung zu den Landessteuern. Eine allgemeine Lösung des Problems ist noch nicht gefunden worden. Der Chefsekretär der Administration hat im Juni erklärt, daß arabische und jüdische Arbeiter zu gleicher Zahl bei Errichtung des Schienenweges zum Haifahafen beschäftigt sein würden; der Außenminister Großbritanniens hat dem Generalsekretär des Völkerbundes im Juni mitgeteilt, daß die britische Regierung sich mit der Frage befasse. Die Frage einer sozialen Gesetzgebung in Palästina beschäftigt weiterhin die öffentliche Meinung unter der Arbeiterschaft. Die Föderation jüdischer Arbeiter hat der Regierung fettige Projekte zur Prüfung unterbreitet. Der Vertreter der Arbeitsorganisation bei der Mandatskommission hat dem Oberkommissär im Verlauf der Julisitzung vorgeschlagen, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß die Regierung unter Benutzung der Hilfe der Arbeiterorganisationen den palästinensischen Arbeitern einige der sozialen Wohlfahrtseinrichtungen sichert* die die Arbeiter anderer Länder durch die Gesetzgebung genießen. Grandiose Kundgebung ln Paris. Paris, 7. Juni. (J. T. A.) Etwa 6000 Juden versammelten sich in Paris zu einem Protest gegen die Suspendierung der Palästinazertifikate. 15 Araber, die die Versammlung durch Tumulte zu stören versuchten, wurden durch herbeigehoftePo» lizeii aus dem Saale gewaltsam entfernt. Kleine Nachrichten ausPalästina Im April wanderten 5Ü1 Juden ein und 11 Juden aus. Die Einnahmen der Paiästkja-Rfrgierung im Jänner betrugen 209.382 Pfund, die Ausgaben 139.900 PFund (Ueberschuß von nahezu 60.000 Pfund). Die Regierung teilt mit, daß als gesetzliche Feiertage, neben den christlichen und mohammedanischen Feiertagen, der erste und letzte Tag von Pessach, ein Tag Schawuoth, zwei Tage Rosch Haschanah, Jom Kippur und der erste und letzte Tag von Sukkoth festgesetzt werden. Die Official Gazette veröffentlicht den Text dCf offiziellen Verleihungsurkunde der Konzession für die Gewinnung von Salz und Mineralien aus dem Toten Meere. in einer gemeinsamen Sitzung der Vertreter der Landwirte und der Arbeiterorganisation wurde in der Angelegenheit von Kfar Saba ein für beide Teile verbindlicher Schiedsspruch ausgesprochen. Der Antisemitismus in Deutschland Die thüringische Jtidenheit appelliert an Reichsinnenminister Wirth. Weimar. (J. T. A.) Die thüringische Israelitische Religionsgemeinschaft richtete durch die israelitische Religionsgemeinde in Gera an den Reichsminister des Iftnern Doktor* Wirth das folgende Schreiben: «Die Empörung einer beleidigten Glaubensgemeinschaft ruft ihre Unparteilichkeit als Reichsminister, Ihren Gerechtigkeitssinn in konfessionellen Fragen, Ihre Menschlichkeit als Menschen an. Minister Dr. Frick hat in amtlichen Aeußerungen den deutschen Juden die Fähigkeit der Einordnung in das Wohl der Gesamtheit und somit alle staatsbürgerlichen Tugenden, abgesprochen, die sie nicht nur als zufällige Glieder des deutschen Volkes, sbndern auch aus innerster Schicksalsverbundenheit zu erfüllen und zu erhöhen gewillt sind. Wir wissen, däß wir einen* Mann, selbst im Range eines Ministers, der in wahnähnlichen Ideologien befangen ist, für ebensolche Handlungen kaum zur Verantwortung ziehen können. Ebenso wenig brauchen wir die Gesamtheit der Juden, die sich in Krisen der Tragik des deutschen Volkes würdig erwies, gegen die Anwürfe dieses Ministers zu verteidigen. Wenn Regierung und Parlament eines Landes In völliger Zersplitterung versagen, bleibt uns die letzte Hoffnung der Intervention in verfassungswidrige, noch nie erlebte Vorgänge: das Deutsche Reich! Die Wahrung unserer Menschenwürde im Kampfe gegen Haß, Niedrigkeit und Verleumdung ist uns allein überlassen, den Schutz unserer verbrieften Bürgerrechte erwarten und fordern wir von Ihnen, Herr Minister.» Schüchtverbotsantrag für Thüringen. Weimar. (J. T. A.) Im Thüringer Landtag wurde ein nationalsozialistischer Gesetzantrag beraten, der in Thüringen das rituelle Schächten unmöglich machen soll, ln der Aussprache erklärte der nationalsozialistische Fraktionsführer Saückel u. a.: «Wenn die Juden künftig das Land Thüringen und seine Bade- und Kurorte meiden würden, hätten die Nationalsozialisten das erreicht, was sic wollten. Die Juden sollen draußen bleiben.» Das bayerische Antischüchtgesetz verkündet. München. (J. T. A.) In der letzten Nummer dCs Gcsetz- und Verordnungsblattes (Nr. 15) ist das vom Landtag be- \schlossene Gesetz über das Schlachten von Tiereil mit Wirkung vom 1. Oktober 1930 verkündet. Der Berliner HaushaJtsausschuß lehnt den Schächtverbotsantrag ab. Berlin. (J. T. A.) In einer Sitzung des Haushaltsausschusses der Stadt Berlin kam ein Antrag der Nationalsozialisten zur Abstimmung, der eine Einführung des SchÜchtverbotes für Berlin forderte. Für den Antrag stimmten nicht nur die Nationalsozialisten nid die Deutschnntionalen, sondern auch die Deutsche Volkspartei und die Wirtschaftspartei. Der Antrag wurde jedoch mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt. Die thüringische Regierung für 8ohäühtverbot Weimar, 5. Juni. (J. T. A.) Das thüringische Staatsinhiisterium hat heute einem Gesetzentwurf über Tierschutz zugestimmt, der das Schüch.Vn ohne vorangegangene Be» täubung unter Verbot stellt. Wie es heißt, ist der Beschluß nicht einmütig gefaßt worden. Die Regierungsvorlage wird in diesen l agen dem Landtag zugehen. Es scheint, daß im Landtag eine Mehrheit für eine solche Vorlage nicht vorhanden iot.