Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 130 (12.6.1930)
- Date
- 1930-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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( S€H» 4 OIE STIMME Nr. J30 üewlssensfrage Was hast Du hcacr fOr den Kajemeih Hclclsfcl? Stimmen der Presse Ein bedeutSiamcr Artikel William Martins Das in politischen Kreisen einflußreiche und angesehene Blatt «Journal de Geneve» veröffentlicht in der Ausgabe vom i. Juni an leitender Stelle einen «Une injustice et une imprudence» betitelten Artikel des Auslandsredakteurs William Martin, der bekanntlich nach den Augustunruhen Palästina besucht und darüber auch in einem Vortrag in Zürich gesprochen hat. Das Mandat, führt William Martin aus, ist England übergeben worden, um in Palästina ein jüdisches Nationalheim zu errichten, was die britsiclic Regierung auch wiederholt anerkannt hat. Ohne jüdisches Nationalhsim gibt es kein Mandat mehr. Das jüdische Nationalheim, auf seine Grundzüge reduziert, bedeutet im Minimum, den Juden die Möglichkeit zu geben, sich in Palästina niederzulassen und dort Land zu kaufen. Am Tage, wo die Engländer offiziell den Juden diese Rechte verweigern werden, werden die Engländer auch erklärt haben, nicht mehr in der Lage zu sein, die Bedingungen des Mandates zu erfüllen. Das wird bedeuten, daß die Engländer das Land verlassen müssen. William Martin erwähnt die Suspendierung der Chaluzzertifikate, die unter dem Vorwand erfolgte, Sir Simpson müsse vorher die Aufnahmefähigkeit des Landes prüfen, wie wenn 2300 Einwanderer die Gegebenheiten des Problems ändern könnten. Der Grund für dieses Vorgehen liege vielmehr wahrscheinlich in unklugen Versprechungen, welche vom Premierminister der arabischen Delegation in London gegeben worden seien. Das bisherige Verhalten der englischen Regierung bedeute eine Negation des Jüdischen Nationalheims und der Mandatsverpflichtung, was möglichst rasch und radikal geändert werden müsse. Sonst müsse der Völkerbund gegenüber dem Judentum der ganzen Welt die Verantwortung übernehmen, einen Vertrauensbruch begangen zu haben, wie ihn die Geschichte noch selten gesehen habe. GroBfleischhauerei SIEGM. KORN MEHL Zentrale IX. Berggasse 19, Tel. A 17-3*99 u. A 16*9-34 I Lieferant tiir Heilanstalten Abteilungen für "V&O-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Ku tusgemeinde Wien A.utoasusleliung kostenlos IX, Berpgasse IS XVIII, WährlngerstraBe 97 Lea und Abraham Von Dr. E. M. Zv/eig-jerusalem. Glaubt n'ch\ daß Euch jetzt eine romantische Liebesgeschichte angetschr w rd, etwa Tristan und Isolde ins Palästinensische übe.setz!. Er und s:e haben miteinander nur das gemein, woher sie stammen, wo sie ihr Tagewerk tu i und was ihr Wer: ist. Sie st nimen wie Lh und Da vom ur.l en u ltl ewig juger.dfrischen Baum oes jüdischen Volkstums und I.aasen überdies beide in Schamaa, einer der kläglichen Vorstadtsiedlungen Jerusalems, wo die heimatsüchtigen orientalischen Juden sich Lst/ii-klammern pfiegen. Schamaa liegt sozusagen am Ei gmg zur Höü;, seitlich der Fahrstraße vom Bahnhof zum ja i'a er, dort wo neben der Brücke das Geiiinnom sich nieder.enict, um reine Abwässer ins Kicironral zu leiten. Ein wirres G einer, ge baufälliger Hiitten im Rmnsa! und an den beiden S'eilhängen dieser düsteren Schlucht. Hier hat die hohe Town Planning Commission jede Macht verloren. Alles steht und fällt da, wie es will. Nebst Stein und Ziegel ist für diese Ubikationen jede Art Baustoff verwertet: Lehm und Holz, Glas und Blech, besonders aber Blech. Dazu phantastische Tünchen; die grellsten Farben schreien durcheinander und doch überschwebt das Ganze ein schwermütiges Grau. Hier sitzen Juden aus dem letzten Winkel Afrikas und Asiens und mitten zwischen ihnen, in den besseren Häuschen, Araber der ärmeren Schicht. Diese Juden fristen ihr Dasein karg, ehrlich und genügsa<m von der Mühe ihrer schwieligen Hand. Frühmorgens vom Gebet daheim hinaus zur Arbeit, spät abends von der Arbeit draußen heim zum Gebet. Ein Teil der Juden von Schamaa nun lebt mit ihren Volksgenossen in der «Gartenstadt» Talpioth, die sich zwei Kilometer entfernt am Hügel nach Bethlehem ausbreitet, ln einer Art Symbiose. Schamaa stellt Dienstmädchen, Wäscherinnen, Gartenknechte und sonstige Milfskrfäte für Talpioth :r.J unter ihnen auch unser Paar; Lea und Abraham. Die kleinmütige, zaghafte Interpretation des Mandates haben die Schwierigkeiten geschaffen. Es sei an der Mandatskommission allein, das Mandat zu interpretieren und nicht an Simpson, welches seine Qualitäten auch sein mögen. Die Haltung der englischen Regierung ist ungerecht. Man hat den Juden feierliche und präzise Versprechungen gegeben, die Geld und Menschen nach Palästina geschickt haben. Und heute wird einfach das Experiment abgebrochen. «C’e s t p 1 u s q u’u n crime, c’e s t une f a u t e.» Zum Schluß weist Martin darauf hin, daß das Verhalten der Engländer eine Prämie für die Revolution darstelle, die Araber werden künftig wissen, daß es genüge, einige Juden zu töten, um von England zu erhalten, was man will. Der Artikel Martins hat in den Völkerbundskreisen große Aufsehen erregt und wird gegenüber der englischen Regierung als sehr ernste Mahnung betrachtet. Ein Leitartikel „Manchester Gaardian's“ «M anchester Guardian» schreibt im Leitartikel: Dr. Drummond Shiels Rede in Genf müßte in einem hohen Maße die durch die jüngste Palästinapolitik der Regierung erregte Besorgnis aus der Weit schaffen. In Genf legte der Unterstaatssekretär für die Kolonien vollkommen klar, daß die Regierung die Segnungen, die die Juden dem Lande Palästina gebracht haben und bringen werden, anerkenne. Man ersieht aus seiner Erklärung, daß die von den Juden in allen Ländern gehegte tiefe Besorgnis hinsichtlich der zukünftigen Politik der Regierung ungerechtfertigt war. Das alles hätte man sich ersparen können, wenn Doktor Shiels’ großzügige Zugeständnisse dem lauwarmen Weißbuch Lord Paßfields sofort gefolgt wären. Die Juden in ganz Europa sind sehr sensibel und leicht zu beunruhigen. Sie wissen sehr gut, daß die Zukunft ihres Nationalheims von unserem Festhalten an der Balfour-Deklaration sowie davon abhängt, daß man die Araber überzeugt, daß wir die Balfour-Deklaration nie aufgeben werden. Die arabische Agitation wird in dem Maße gefährlicher, als die britische Treue gegenüber dem Mandat nachzulassen scheint. Es soll nicht geleugnet werden, daß die Araber wirklich sachliche Klagegründe haben, denen entsprochen werden sollte, aber ihr Hauptklagegrund — das Bestehen des Nationalheims — kann nicht berücksichtigt werden. Infolgedessen ist es von ernster Bedeutung, daß unsere Politik der Aufrechterhaltung des Nationalheims klar und fest zum Ausdruck kommt. Kühlmann über das Palästina-Problem Das «Berlin er Tageblatt» veröffentlicht im Leitartikel einen Artikel des ehemaligen Staatssekretärs des Den Damen der Vortiitt. Denn ja, es sei gleich gesagt, Lea ist eine Dame, ein hochadliges Wesen. Du siehst es ihrer schlichten Gewandung, die rein aber schäbig ist, nicht gleich an; auch nicht ihrer schmächtigen, leichtgebückten Gestalt; die olivenblassen, eingefallenen Wangen unter den vorstehenden Backenknochen sind abgehärmt und das dünne Haar ist an den Schläfen sorgengrau. Doch die Augen! Sie strahlen in ihrem melancholischen Schimmer aus mandelförmigen, schwarzbewimperten Rahmen den Zauber einer schönen Seele wieder. Woher ich Lea kenne? Hilft sie doch meiner Frau bei der Hausarbeit; kommt je nach Bedarf ein- oder zweimal wöchentlich für einen HaJbtag zu uns, Boden reiben, Fenster putzen, Wäsche waschen, und wo es sonst hart zuzugreifen gilt. Vor fünf Jahren schon trat Lea bei uns ein. Sie hat kein frohes Leben hinter sich. Mit 23 ließ sie ein Handwerker in Cairo als Witwe mit vier zarten Kindern mittellos zurück. Von dieser Stunde an, hat sie das anvertraute Menschengut durch ihre Arbeit erhalten und drei davon glücklich hochgebracht. Als ihr Vater und die Brüder nach Jerusalem hinaufzogen, schloß sie sich gern gehorsam an, um sich hier auf dem heiligen Boden wciterzuplagen. Gewiß, sie hätte wieder heiraten können, aber sollte sie ihre Kinder einem Stiefvater ausliefern?! Ein leiblicher Vater, das ist ein ander Ding. Drum kocht und wäscht sie noch nebenbei für Vater und Brüder. Nun sind die Kinder schon flügge und verdienen brav: die beiden Buben als Schiosserlehrling und -gesell und ihre Tochter, die Towah, als Hausgehilfin, die da am Sabbath Seidenfähnchen und Stutzschirm kokett zu tragen weiß. Freilich, Not und Arbeit haben unsrer Lea arg zugesetzt. Noch ist sie nicht 35 und ihre Hände zittern. Nie aber hörst Du aus ihrem Mund einen Ton des Unwillens oder gar der Auflehnung. Auch Neid und Mißgunst liegen ihr weltenfernt. Wold geht sie in Häusern von Leuten ein und aus, die ihr fabeihaft reich scheinen müssen und jedenfalls uinsoviel bequemer leben. Aber Lea sagt: «Gott Auswärtigen Amtes, Botschafter z. D. Richard von Kiihlniann, in dem er u. a. sagt: «In Palästina hat die Ballour Deklaration die Hilfsmittel des englischen Weltreiches hinter das zionistische Koionisationsunternehmen gestellt. Das Arabertum fühlt sich mit Recht oder Unrecht hierdurch in seinen wichtigsten Lebensintercssen bedroht und scheint fanatisch entschlossen, wenn nötig, auch mit Grausamkeit und Gewalt seine Interessen zu verteidigen. Den Versicherungen sehr glaubwürdiger und sachverständiger hoher englischer Beamter an Ort und Suite zufolge sind es nur englische Truppen und englische Maschinengewehre, die den Ausbruch eines grauenvollen Bürgerkrieges verhindern.' Unruhen und Massakers haben schon einen Vorgeschmack gegeben, welche Greuel da zu erwarten wären. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in einflußreichen englischen Kreisen diese Sachlage schwere Besorgnisse erweckt und man froh wäre, auf leidliche Art dieser Bürde zu entgehen, welche das englische Imperium mit der Gegnerschaft des gesamten Arabertums belastet, zu einer Zeit, wo Vermeidung jeder unnötigen Belastung für England Grundregel sein müßte. Ein Aufgeben des Experimentes in Palästina würde sicher gefühlsmäßig schwer fallen. Es sollte aber nicht wundernehmen, wenn die weitblickenden und einflußreichen Schichten, die mit ihrem Geld und ihren Sympathien den Siedlungsversuch in Palästina gefördert haben, sich gleichfalls von dieser Sachlage Rechenschaft gebend, nach anderen Weltgegenden ausschauten, nach denen jüdische Kolonisation mit größerer Sicherheit geleitet werden könnte. Das. hier Gesagte findet seine volle Bestätigung in den eben eintreffenden Nachrichten von dem endgültigen Abbruch der in London zwischen dem Koionialministerium und cler Delegation der Araber Palästinas gepflogenen Verhandlungen. Die Schärfe des bei dieser Gelegenheit von den Arabern über die Verhandlungen und ihr Scheitern ausgegebenen Communiques läßt auch nicht den geringsten Zweifel, daß in dieser Frage jetzt in cler ganzen arabischen und islamitischen Welt eine leidenschaftliche Agitation einsetzen wird, die den Interessen des britischen Weltreiches nur außerordentlich abträglich sein kann. Die vielfach sehr delikaten Beziehungen zum Arabertum im Irak, in Arabien, selbst in Aegypten und auch weiter in Afrika können darunter nur leiden.» 'Die GüiiErfilverssiiiniiiing ln Praler Taifiioö-Tliora-Ifereiß II., Wohlmutstraßc 21, welche am 9. ds. taglc, hat einstimmig den Beschluß gefaßt, seinem gesell Mitglied« Herrn N a f t a I i Sc Iie rzer, II., Vorgarfcnstraße 203, den innigsten Dank für seine Unterstützung beim Hauskaiif für die Talmud-Thora ausz-usprechen. Der Schriftführer: Der Obnuimi: Chume Dörfler. Moses Zunz. segne sie und alle jüdischen Kinder!» Ueberhaupt ist alles, was sich unter diesem Himmel zuträgt, von Gott geschickt und darum gut. Meiner Frau hat sich Lea in rührender Treue ergeben. «Sie ist meine G’wereth (Herrin)» . . . Und als sich die beiden nach dem Pogrom heil wiederfanden, sanken sie einander weinend in d’ie Arme. Nicht Purim noch Chanukah vergeht, ohne daß Lea — und wäre sie auch grad arbeitslos — für Frau und Kinder ihre Geschenke bringt, stets sinnreich und zart und gewiß nie aus Berechnung, ln jeder freien Minute kommt Lea aus den anderen Häusern herüber, um sich mit ihrer G’wereth auszusprechen. Doch wie verständigt sich das Hochdeutsch der Aschkenasin mit dem Spanioliscii der Sefardin? Wo ein Wille, da ist ein Weg. ln einem sonderbaren Gemisch von Jiddisch und Hebräisch tauschen sie ihre Neuigkeiten über die Kinder und Verwandten, über dies und das aus. Lea erzählt, wie sie gestern die Weiber ihrer Wohnviertels aufbot, um ein Judenmädel, das durchaus schon Chassene haben wollte und sei es selbst mit einem Goj, auszustatten und einem «koscheren Schidduch» zuzuführen. Oder sie rapportiert, wie sie die ihr von meiner Frau überlassene alte Wäsche und Kleider unter die Armen in Schamaa verteilt hat. In diesen Gesprächen spielen die nationalen Sorgen nicht die kleinste Rolle. Denn Lea ist auch glühende Patriotin. Nichts, was in Erez geschieht, entgeht ihrem brennenden Interesse. Sie wartet nicht, bis es in der Zeitung steht; sie weiß alles womöglich paar Tage voraus und wäre darum der Palästina-Regierung zur Verbesserung ihres Nachrichtendienstes warm zu empfehlen. Alles aber sieht Lea nur unter dem einen Aspekt: nützt es dem jüdischen Volk oder schadet es ihm? Als das englische Gericht den Juden Urfali, wegen bewaffneter Abwehr arabischer Pogromisten zum Galgen verdammte, schwur Lea gleich anderen auf seine Unschuld, zerbrach sich aber überdies den Kopf, wie ihm zur Flucht verhelfen und gälte es ihr eigenes Lebeut