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Die Stimme · 1930-05-29 · Heft 128 (29.5.1930) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 128 (29.5.1930)
Date
1930-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 128 DIE STIMME Sette 5 Lehre Eine unparteiische Schewuoth- Betrachtung Von Dr. David Feuchtwang Wir sind das Volk der «Lehre». Sie hat uns {emäß der historischen Ueberlieferung, zum Volk gemacht. Nicht allein durch diese «Lehre» sind vir ein Volk, sondern auch für sie. Sie wurde Richtlinie für unser individuelles, familiäres, gemeintchaftliches und volkliches Leben. Sie durchdrang inser Wesen und baute es in Jahrtausende waclitender Arbeit auf; formte unseren Charakter, so daß sie in organischer, historischer Entwicklung «unser beben und Verlängerung unserer Tage» geworden •st; nicht Ergebnis einer Konstruktion, sondern Konstitution. Jeder Versuch, unser Wesen ohne diese Lehre lind deren lebengewordene Folgen, zu erhalten, ist bis nun mißlungen. Ein lebendiger Organismus hat seine Lebensbedingungen, ohne deren Erfüllung er verkümmert oder zugrunde geht. Judenheit und iudenlum sind ein solcher Organismus. Eine ihrer .ebensbedingungen ist die «Lehre». Es hat an ernftten Unternehmungen, diese Tatsache zu ändern, das «Joch der Lehre» zu. zerbrechen oder abzuschütteln nicht gefehlt; fehlt auch heute nicht. Man glaubt durch emphatische Betonung der Grundgesetze — Ethik des Judentums, ethischer Monotheismus — alles gerettet zu haben. Ich gestehe und bekenne, daß Endziel und Zweck jüdischer Erziehung und jüdischen Lebens tatsächlich diese Ethik und dieser — aber nur dieser —" Monotheismus sind. Der Weg bis zu diesem Ziel und Zweck ist durch die «Lehre» vorgezeichnet. Aus diesem Grunde ist eine Erziehung zu lebendigem Judentum nicht - denkbar ohne Erfüllung der jüdischen Seele mit allen Elementen, welche das Wesen des Judentums bilden. Es ist also bei bestem Willen und herzlichster Hingebung unmöglich lind undenkbar, in mageren, kärglich zugemessenen Schulstunden selbst mit besten Methoden junge, jüdische Menschen zu starken Juden zu erziehen. Dieser, als Religionsunterricht bezeichnete Weg, ist kein Weg zum erwünschten Ziel. Selbst Höchstleistungen der besten Lehrer erzielen es nicht, daß die Jünglinge, welche die Schulen verlassen, auch nur kümmerliche Kenntnisse des Hebräischen und der hebräisch-jüdischen Literatur besitzen; von einer tiefen, lebensdurchdringenden ^Religiosität kann keine Rede sein." Auch nicht davon, was so gerne als eines der Ziele bezeichnet wird, i^von der Möglichkeit einer ■ verständnisvollen Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst. Es ist unehrlich das nicht zu bekennen und ebenso unehrlich, etwa die Jugendgottesdienste als einen großen Erfolg hinzustellen; nicht ein einziger Schüler ist auf Grund des ihm in der normalen Schule zuteilgewordenen Unterrichtes imstande, dem Gottesdienste auch nur im Geringsten folgen zu können. Die so erzielte Religiosität ist doch nur Scheinreligion. Diese ist aber kein wahres Judentum. Ich will damit diesen Dingen nicht ihren Wert nehmen, sondern vor Ueberschätzung warnen. Ich stelle in Abrede, daß die Anwesenheit bei feiertäglichen Gottesdiensten in der Synagoge eine genügende Bekundung von Judentum ist; zugegeben aber, es wäre so. Woher werden in Zukunft selbst diese Teilnehmer genommen werden? Aus welchen Kreisen kommen jetzt die interessierten, verständigen Besucher, wenn nicht aus solchen, die durchaus nicht in unseren normalen, öffentlichen Schulen ihr Judentum gelernt haben. — Es ist aber gar nicht so, daß die Synagoge der Gradmesser für Judentum wäre. Die in Tat umgewandelte Kenntnis vom Judentume ist es vielmehr. In grundlegender Weise legt der Jude Wert auf die Tat, erst an zweiter Stelle auf den bloßen Glauben. Das Judentum kennt kein dogmatisches Glaubensbekenntnis im Sinne des Christentums, wohl aber die Auslegung des Willens Gottes in bezug auf das menschliche Räumungsverkauf In feinsten Sportn. Seldenmttnteln S 20’— 25 — 32*— 39*— 45*— fiummlwarenhaus ALPHA Wien, L, Adiergasse 8, Eckgeschält Tun. Deshalb offenhart sich ihm Gott als ein Gott geschichtlicher Tat. Seine «Lehre» zeichnet den Weg vor, den die Judenheit durch die Geschichte zurückgelegt hat und zurückzuiegen gedenkt. Sie zeichnet aber auch den Weg zu einer sittlichen Weltordnung für die ganze Menschheit vor; wir sollen die Wegbereiter sein. «Gott blickte in die Thorah und erschuf die Well», heißt nichts anderes, als: Die Weltordnung und das Zusammenleben der Menschen wären durch Befolgung der Grundgesetze der «Lehre» gesichert. Diese Grundgesetze aber fordern: Freiheit, Erkenntnis, Glück der Mensche n. Für sie hat das Judentum seine ganze Kraft eingesetzt und einzusetzen. Sie sind ihm eingeboren. Daher der unerbittliche Kampf gegen alles antike oder moderne Heidentum, auch wenn es in das schönste Gewand der Aesthetik, Zivilisation, Religion und Nationalität gekleidet ist. Denn dieses Heidentum ist tyrannisch, egoistisch und lügenhaft — also kulturfeindlich. Judentum und dessen Lehre, Propheten und deren Wort haben den Blick des Menschen auf die Menschheit, des Individuums auf das Universum gelenkt. «Als Gott sich offenbarte und dem Volke Israel die Thorah gab, tat er das in vier Sprachen: «Der Ewige kam vom Sinai,» das ist Hebräisch; «strahlte vom Sein», das ist die Sprache Roms; «glänzte vom Gebirge Pazan», das ist Arabisch; «kam von den Myriaden in Kaclesch», das ist Aramäisch. Das kann nichts anderes bedeuten, als die Universalität der «Lehre», die in ihrem Urwesen liegt. — Woher aber sollen unsere Juden diese Kenntnis gewinnen, wenn ihnen die Jugend zu allen Quellen verschlossen bleibt und sie unwissend sind? Wenn sie in der gefährlichen Vorstellung aufwachsen, daß die höchsten Kulturgüter nur bei fremden Völkern zu finden sind und nicht wissen, daß selbst die viel verschrieene Gesetzlichkeit des Judentums keinen anderen Zweck als deren Versittlichung und Rettung seiner Einzigartigkeit hat? Nur echte, ungestörte Unterweisung inj «Judentums kTn d e», (also Literatur, Geschichte, Kultur, Ethik; Weltbringt eine fabelhafte Auswahl schicker, reizender Modelle in Eidechse, Krokodil und Chevreau in erstklassiger Qualität. Die soliden fixen Preise sind allgemein bekannt. //., ‘Gaborstraße 8 a anschauung, Religion des Judentums), vermag diesen Weg zu führen und der «Lehre» in der Erziehung den ihr geziemenden Platz anzuweisen. Sie muß vor allem von allen Kanzeln verkündet werden. Nicht in salbungsvoll-pastoralen Predigten, die sich überlebt B ■ B HHHHM ' f I RITTERMANN C Nouveautös In französischer Seidt In großer Auswahl ItHiertnann, II,, Schmetzr. * Preise konkurrenzlos I haben; nicht mit eitler Schönrednerei und Bomoast; sondern in ernster Schlichtheit, Geradheit und Tiefe, erfüllt von Wirklichkeitssinn ohne selbstgefälligen oberflächlichen Gelehrsamkeitskram. Nicht genug Zentren für diese Lehre kann es geben und nicht vorsichtig genug kann man in der Auswahl der Lehrer sein; est ist ein Unglück, wenn Unwissenheit sich breitmacht und Kanzeln und Katheder beherrscht, oder wenn minderwertige Charaktere sich zu Volksbelehrern aufwerfen; ein Unglück, das nicht zu vermeiden ist, wenn dem großen jüdischen Publikum leienhaftes, verantwortungsloses Geschwätze über Juden und Judentum in Versammlungen vorgesetzt wird, was leider bei allen Parteien d e r F a 11 ist; wenn heuchlerische Frömmelei sich für Religiosität ausgibt, beständig Gott im Munde führt ohne den geringsten Respekt vor Menschen; ängstlich besorgt, daß nur ja der Allmächtige nicht durch Verletzung eines kleinen Gebotes beleidigt werde, unbekümmert um Kränkung und Herabsetzung der Würde und Ehre des Mitmenschen. So sehen die typischen und warnenden Beispiele der Disharmonie zwischen Religion und Charakter aus. Solches verbietet und verhindert unsere «Lehre», die «E i n h e i t des Herzens» fordert und Harmonie des Lebens. Harmonie des jüdischen Lebens soll das Ergebnis jüdischer Erziehung sein; nicht ein flüchtiges, accessorisches, seichtes Empfinden, als wären wir seltene Ehrengäste im jüdischen Kreise, gern gesehene Besucher im «Tempel»; sondern essentielle Selbstverständlichkeit im Alltagsleben der Woche., Kein Judentum der Pietät, sondern des Wissens und der Ueberzeugung. Dieses aber kann nur durch lückenlose Erziehung zum Judentum gegründet werden. Von Kinderstube und Kindergarten angefangen bis zur mittleren und hohen Schule; das fordert die «Lehre» und sie zeigt auch den Weg. Unbedingt verlangt sie den jüdischen Geist im jüdischen Hause, ohne den Schulen und Schulung keine genügenden Bürgschaften für. die Zukunft sind. Unser Leben ist nicht judentumsfreundlich, oft genug judenfeindlich. Leicht unterliegt der nicht genügend Ausgerüstete in Kampf und Abwehr. Siegen wird nur der mit Wissen Gewappnete, sich seine absoluten Wertes Bewußte. Stimmen der Presse zur Sperre der CHaluzimeinwanderung Englands Wortbruch ruft Empörung und Erbitterung hervor Stimmen der hebräischen Presse Palästinas «Haar e z» schreibt zur Suspendierung der Chaluz- Alijah: Es gibt eine Grenze für unsere Loyalität und Geduld. Die gesamte jüdische Welt wird die Verordnung zur Einstellung der Chaluz-Einwanderung als eine Kriegserklärung aufnehmen. Die Verordnung greift das Fundament unserer nationalen Struktur an, verletzt die Seele des Zionismus und will unsere ganze Existenz und unsere Zukunft untergraben. Die Arbeitertageszeitung «Da war» schreibt: Die Balfour-Deklaration, die Beschlüsse von Versailles und San Remo, alle Deklarationen der britischen Regierung und der britischen Arbeiterpartei, die Reden Ramsay Macdonalds und sein letztes Statement im Parlament, all das wird zu einer einzigen Lüge, wenn es keine jüdische Einwanderung gibt. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für diese Maßnahme. Die Regierung der Arbeiterpartei handelte einzig und allein unter dem Drucke von gegen sie gerichteten Drohungen. Von jetzt ab wird jede arabische Notabel die Fortführung der Einschüchterungspolitik fordern, die sich als so erfolg* reich erwies. ln einem zweiten Artikel fragt «Dawar»: Ihr Herrscher über das mächtige britische Reich, in welchem die Sonne nicht untergeht, was plant ihr? Plant ihr, das Henkerbeil an die schöpferische Wurzel des kleinen, machtlosen, leidenden, unter alle Völker verstreuten jüdischen Volkes zu setzen? Die revisionistische Tageszeitung «Doar Hayom» schreibt: Unsere Forderung ist: Bedingungslose und uneingeschränkte Einwanderung. Unser Rechtsanspruch auf Palästina ist unabhängig von der Meinung irgendeines Simpson. Die Chaluzim aus Kischinew, Warschau, Wien, Lemberg oder anderswo interessieren die Resultate der Studien von Simpson nicht. Wenn die zionistischen Führer noch einen Rest von Gewissen haben, müssen sie demonstrativ zurücktreten und einen außerordentlichen Zionistenkongreß einberufen, der über die fundamentale Frage der Beziehungen zwischen dem jüdischen Volke und Großbritannien zu entscheiden haben wird. Weitere Stimmen der hebräischen und der arabischen Presse Die hebräische Tageszeitung «H a a r e z» schreibt: Wir Juden bilden einen Faktor in der Welt, der nicht zu übersehen ist. In dieser Stunde der Prüfung müssen wir unseren nationalen Willen in Palästina und unsere nationalen Energien außerhalb Palästinas mobilisieren; wir werden dann gewinnen.— «Doar H a y m o m» schreibt: Wir müssen uns verteidigen, da wir unter der Sonne ke*n anderes jüdisches Heimatland haben als Palästina. Die hebräische Arbeitertageszeitung «D a w a r» führt aus, England habe einen Vertrag mit den arabischen Despoten geschlossen, um die britische Herrschaft und die Vorherrschaft der arabischen Feudalherren ^uf Kosten der jüdischen Massen in der Welt und der arabischen Massen in Palästina zu erhalten. Noch wissen wir nacht, wie wir diesem Pakt zuleibe gehen sollen, aber wir wissen, daß wir ihn zerstören müssen, sonst ist es um unser Recht geschehen. Die arabische Zeitung «Meraat el Shark» schreibt: Die Juden schlagen über eine geringfügige Sache so viel Lärm; was werden sie erst sagen, wenn die Regaerung die Einwanderung ganz verbietet? Inzwischen entgleitet uns der Boden. Allah helfe uns. — «Falastin» schreibt, die Suspendierung der Einwanderung bedeutet die Zer* Störung der jüdischen Hoffnungen auf ein “ Nationalhelm.

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