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Die Stimme · 1930-05-29 · Heft 128 (29.5.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 128 (29.5.1930)
Date
1930-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 DIE STIMWE Nr. 128 Zur Frage der zionistischen Landespolitik in Oesterreich*) Von Dr. Michael Steinberg. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Inhalt des zionistischen Gedankens durch das Bestreben allein, Erez Israel als jüdische Heimstätte aufzubauen und den indischen Menschen in der hebräischen Kultur und Sprache zu verankern, keineswegs als erschöpft gelten kann. Faßt man den Zionismus im weitesten Sinne als die nationale Erneuerungsbewegung, ehe 2ur Schaffung einer womöglich natürlichen und gesunden Basis für die Existenz des jüdischen Volkes führen soll, auf, so ist Landespolitik unzweifelhaft ein wichtiger Bestandteil der zionistischen Bestrebungen. Von diesem Standpunkte aus gesehen, erscheint es also als unmöglich, ein« zionistische Landespolitik grundsätzlich zu negieren. Das bedeutet aber nicht, daß die landespolitische Tätigkeit unbedingt in den Rahmen der zionistischen Organisation bezw. der zionistischen Landesverbände hineingehören muß. Denn die Mehrzahl der zionistischen Landesorganisationen und bekanntlich sogar sehr bedeutende, wie Kongreßpolen, Deutschland, Tschechoslowakei, England, Amerika betreibt als solche keine Landespolitik and man kann dach wahrlich nicht behaupten, daß die Juden dieser Länder deshalb schlechtere Zionisten wären. Auch im heutigen Oesterreich wurde die Landespolitik erst nach dem Kriege dem Arbeitskreise des Zionistischen Landesverbandes eingefügt. Andererseits gibt es sehr wichtige Tätigkeitsgebiete, die sicherlich einen integrierenden Teil der zionistischen Arbeit bilden, für die jedoch aus verschiedenen Gründen besondere Institutionen geschaffen wurden. So haben wir z. B. in Polen außerhalb des Landesverbandes eine große «Tarbuth»-Organisation, die die Hebräisierung der uaiuth durch Errichtung hebräischer Schulen ermöglichen soll. Für die Sport- und Turnbewegung wurden vielfach eigene Verbände gegründet, die nicht immer den Landesorganisationen unterstehen. Ebenso wie einer Beschränkung der Landesverbände auf reine Palästinafragen nicht zugestimmt werden kann, so ist es auch unmöglich, ihr Tätigkeitsgebiet allzu weit auszudehnen und sie mit Fragen ru belasten, denen sie schon organisatorisch nicht gewachsen sind. Es gibt nun eine Gegnerschaft gegen die selbständige zionistische Beteiligung an den Wahlen zu den staatlichen und Gemeindevertretungskörperschaften — was man ja in Oesterreich gewöhnlich als Landespolitik bezeichnet — die lediglich darum laut wird, weil die bisherigen Wahlgänge angeblich zur Genüge bewiesen haben sollen, daß ein Erfolg aussichtslos sei. Von einer Aussichtslosigkeit könnte man jedoch nur dann sprechen, wenn die Zahl der Juden in Wien und Oesterreich so klein wäre, daß schon aus diesem Grunde * Mandate nicht zu erreichen wären. Da aber in Wien allein gegen 200.000 Juden wohnen, so müssen wir es — wenn wir uns selbst nicht aufgeben — erhoffen, daß die Anzahl der Zionisten sich mit der Zeit so weit vergrößern wird, daß ein Erfolg möglich ist. Aber andere, viel gewichtigere Gründe sind es, die der österreichischen Landesorganisation geradezu verbieten, sich mit Landespolitik zu befassen. Diese Gründe sind zum überwiegenden Teile auf die besonderen durch den Krieg herbeigeführten österreichischen Verhältnisse zurückzuführen, zum Teil sind sie allgemeiner Natur. Wir dürfen nicht vergessen, daß das heutige Oesterreich zum Unterschiede von der alten Monarchie kein Nationalitätenstaat mehr ist. Während die Juden im früheren Oesterreichzumindest theoretisch die Möglichkeit hatten, sich mit anderen Minderheiten im Staate zu verbinden und so ihren Einfluß im Parlament zur Geltung zu bringen, gibt es heute in Oesterreich außer den Juden keine andere in Betracht kommende nationale Minorität, mit der wir bei Verteidigung unserer Rechte zusammen wirken könnten. Jeder Versuch, unsere nationalen Forderungen in den Vertretungskörperschaften geltend zu machen, steht vor einer unüberwindlichen Mauer aller anderen Parteien, ln der Monarchie waren die nationalen Fragen das Um und Auf des politischen Lebens; heute beschäftigen ausschließlich wirtschaftliche und soziale Probleme Staat und Gemeinde. Hiezu kommt noch, daß die soziale Schichtung und die wirtschaftliche Differenzierung der österreichischen Juden in der Nachkriegszeit eine grundlegende Veränderung erlitten hat. Vor dem Kriege bildeten die Juden sozial, wi: tschaftlich und beruflich im großen und ganzen eine einheitliche Masse. Man konnte sie fast alle dem bürgerlichen Mittelstand zurechnen und das Angestelltsein war gewöhnlich lediglich ein Uebergangsstadium, da der Jude bald selbständig zu werden trachtete, was ja damals nicht schwer war. ln den östlichen Ländern herrschten zumeist noch patriarchalische Verhältnisse und zwischen dem Gesellen und Meister oder Krämer und seinem Gehilfen gab es weder sozial noch wirtschaftlich einen nennenswerten Gegensatz. Der zionistische Mandatar konnte daher mit Recht von sich behaupten, daß er neben den nationalen, auch die wirtschaftlichen Interessen der Gesamtheit des jüdischen Volkes ver« *) Mit dem gegenständlichen Aufsatz eines führenden Mitgliedes der österr. «Hitachdut» eröffnen wir eine Diskussion über dieses Thema (A. d. Red.). tritt. Die nach dem Kriege erfolgte Vernichtung des Mittelstandes, die einsetzende Proletarisierung und Pnuperisierung der jüdischen Massen haben eine vollständige Umschichtung der -österreichischen Juden bewirkt. Bildete vor dem Kriege der österreichische Jude, kraft seiner wirtschaftlichen Interessen und seines Lebensstandards einen Teil der bürgerlichen oder zumindest kleinbürgerlichen Klasse, so kann man heute ruhig behaupten, daß der jüdische Mittelstand nur eine Minderheit darstellt, während der Großteil der Juden seinewirtschaftiichen Interessen mit denen des Proletariates zu identifizieren g ezwungen ist. Wie soll der zionistische Mandatar das unmögliche Kunst* stück zusammen bringen und diese widerstrebenden wirtschaftlichen Interessen vertreten? Wird er nicht zu einem unwürdigen Lavieren gezwungen, das ihn im voraus bei beiden Teilen verdächtig macht? Den zionistischen Vertreter aber nur auf kulturelle und nationale Fragen zu beschränken, würde eine capitis deminutio bedeuten und hieße, ihn gerade dort mundtot zu machen, wo es sich um die aüerwichtigsten Fragen des staatsbürgerlichen und politischen Lebens handelt. Ist es übrigens bei dem Ineinandergreifen aller politischen Probleme möglich, die Begriffe «national» und «Wirtschaft» so auseinanderzuhalten, daß eine Kollision vermieden wird? Es darf auch nicht übersehen werden, daß die gegebenen Parteiverhältnisse in Oesterreiich gerade dem zionistischen Mandatar jede Stellungnahme äußerst erschweren. Soll er mit den bürgerlichen Parteien zusammen gehen, die ausgesprochen antisemitisch sind oder mit den Sozialdemokraten, die programmatisch den Antisemitismus perhorrcszieren oder soll er allein bleiben und sich selbst zur vollständigen Ohnmacht verurteilen? In diesem Zusammenhänge muß auch die merkwürdige Stellungnahme der Österreichischen Sozialdemokratie zum Zionismus berührt werden. Zum Unterschied von allen westlichen sozialdemokratischen Parteien ist das Verhältnis der österreichischen Sozialdemokratie zum Zionismus ein geradezu feindliches zu nennen. Die Schuld daran tragen gewiß in erster Linie der Österreichische Parteiimperialismus und einzelne assimilatorischen Führer, die ihr Judentum verleugnen und unsere Bewegung mit allen Mitteln der Entstellung und Verleumdung als eine nationalistische und imperialistische Angelegenheit abzutun versuchen.1 Wird ihnen aber nicht dieses Verhalten allzu leicht gemacht und liefert ihnen nicht unsere, auch ln den Mitteln häufig verfehlte, Landespolitik den willkommenen Vorwand für ihr den Zionismus schädigendes Vorgehen? Wenn ein Zionist erklärt: «Wer für den Klassenkampf Ist, der kann kein Zionist sein und wer Mitglied der sozialdemokratischen Partei ist,, der kaim nicht dem zionistikchen Landesverbände angehören», so schließt er mit einem Federstrich einen Großteil der Wiener judenschaft aus dem Zionismus aus. Er übersieht dabei offenbar auch, daß wir in den zionistischen Reihen die sozialdemokratische Poale Zion haben, der doch sicherlich kein Unvoreingenommener ihren Zionismus absprechen wird und daß solche Gestalten wie Oskar Cohn und Fritz Naftali in Deutschland gerade cla3 Gegenteil beweisen. Wenn Zionisten selbst, der Landespolitik wegen, durch solche Aussprüche einen gar nacht vorhandenen Gegensatz zwischen Zionismus und Sozialdemokratie konstruieren, so darf man sich nicht wundern, v/enn von der anderen Seite, ebenso unbegründet, diese Ideen als unvereinbar hingestellt werden. Es liegt uns selbstverständlich fern, für das Aufgeben der Landespolitik die Duldung seitens der österreichischen Sozialdemokratie eintauschen zu wollen. Noch weniger sind wir gesonnen, die zionistische Politik von der Zustimmung und dem Wohlwollen dieser Periei abhängig zu machen. Wogegen wir uns aber entschieden aussprechen müssen, ist, daß nicht prinzipielle Gegensätze, sondern rein taktische Momente landespolitischer Natur dem Zionismus eine überflüssige Gegnerschaft bereiten, die sich auch weltpolitisch auswirkt. Dem gegenüber muß immer wiöder betont werden: in der zionistischen Organisation ist Platz für alle Klassen und sozialen Schichten und für allejuden, soweit sie sich den zionistischen Gedanken zu eigen machen. Niemand darf ausgeschlossen werden, weil er seine wirtschaftlichen Interessen mit denen des Proletariates verbindet. Die Zionistische Organisation ist nach einem Ausspruche Herzls «das jüdische Volk unterwegs», 3ie ist ein Surrogat der jüdischen Staatlichkeit und darf nicht zu einer Partei herabgewürdigt werden. In der zionistischen Weltorganisation gibt es Parteien und Fraktionen verschiedener Richtungen und Weltanschauungen, und die Landesverbände, die alle Zio* nieten ohne Unterschied umfassen sollten, dürfen nichts anderes als die territorial bedingten Glieder des Weltverbandes sein. Es gibt nur einen Zionismus und nicht einen besonderen Landeszionismus. Je mehr man die Frage der Landespolitik in Oesterreich unvoreingenommen betrachtet, je tiefer man die gegebenen realpolitischen Möglichkeiten zu ergründen sucht, umso mehr muß man sich sagen: in einer Zelt, in welcher das jüdische Volk gegen eine ganze Welt von Feinden um seine nackte Existenz als Nation kämpft, in einem Zeitpunkt, in dem wir alle unsere Kräfte und Mittel auf die Verteidigung Erez Israels und dessen Aufbau konzentrieren müssen, muß alles Vermieden werden, was eine Verminderung unserer Reihen und eine Zerspiittc ung unserer Schlagkraft bedeutet; auch im günstigsten Falle, wenn wir einige Mandate erhalten, stehen die Mühe und Arbeit, die aufgewendet, die Geldmittel, die verausgabt werden müssen und die Nachteile, die erwfescnermaßen aus der Landespolitik erwachsen, In gar keinem Verhältnis zum erreichbaren Erfolg. Was wir dagegen nach wie vor in Oesterreich tun müssen, ist, d<ie für die Landespolitik verwendeten Energien darauf zu riclnen, daß d i <. Aultusgemeinde»» von uns baldigst erobert werden, um sie zu wirklichen Volksgemeinden auszu bauen und um durch sie den Juden eine ausreichende Vertretung ihrer nationalen und politischen Interessen zu schaffen, die sie in Bund ur.cl Gemeinde nicht haben. Die K*'ttusgeineinden müssen, durch die zionistische Organisation politisch beeinflußt, ihr Tätigkeitsgebiet so weit als möglich erweitern und ihre sozialen Einrichtungen so ausbauen, daß sie zu dem L.-lrument werden, das notwendig ist, um die politische und wirtschaftliche Situation der österreichischen Judenschaft auf eine womöglich neue Basis stellen zu können. Eine baldige Entscheidung tut not. Die Erkenntnis, daß eine gründliche Auseinandersetzung über die Landespolitik in Oesterreich dringend ist, hat erfreulicherweise b2i der Mehrheit der österreichischen Zionisten endlich Fuß gefaßt Wie die Dinge in der österreichischen Politik liegen, können wir jeden Moment durch Wahlen überrascht und vor das Problem gestellt werden, ob wir daran teilnehmen sollen. Es ist also unumgänglich notwendig, daß der zusammentretende Delegiertentag diese schicksalsschwere Frage endlich einer endgültigen Klärung zuführt. und der sind wirkaatne Efoilbehelfe bei: Rheumatismus, Gicht, Ischias, Lumbago, Nervenleiden, Artericnsklerose, entzündlichen Proz^gen, Frauenleiden, verschiedenen Fußleiden und allen StoffVecnselstörnngen. Fabrikation, Verkauf und ausführliche Broschüre durchs INSTITUT BSTJ&NDIG Wien, I., Teinfaltstr. 7 (Straßenbahnhaltestelle Burgtheater) iiaszuasa Die Radioum-Hcilkompreffe „Sanitas“ und ihre Heilerfolge von Dr. Karl Poell (Inftitut Bftändig, L, Teinfaltftraße 7). Die Radium-Heilkompreffc „Sanitas“ bewahrt fich infolge ihres w-iffenfchaftlich genau feftgelegten Radiumgehaltes als ausgezeichneter Heilbehelf bei Gicht,, Hihias, Rheumatismus in allen feinen Formen. Neuralgien (Nervenleiden), Nervenentzündungen, Frauenleiden (befonders in den WcchfeljahrenX entzündlichen Prozeßen, Zerrungen, Verftauchungen, Arterienverkalkung, Alterscrfdieinungen ufw., und zählt zu den beiten thcrapeutilchen Behelfen der Gegenwart. Ihre Anwendung erfolgt am bellen während der Nacht im Bett, fie kann aber auch, wenn es nötig fein follte, ohne Berufsftörung tagsüber getragen werden. Die gefchilderte Art der Radiumtherapie hat ausgezeichnete Erfolge aufzuweifen und wird von namhaften Aerztcn empfohlen. — Die Radium-Heilkompreffe „Sanitas“ wirkt fchmcrzHndernd, regt die Blutairkulation an und bewirkt dadurch die Ausfdieidung krankhafter Stoffe, die ffdh im menfehlichcn Organismus vorfinden. Sie ift einfach, bequem, hygienifeh, kann, mit einem wafchbaren Ueberzug verfehen Generationen hindurch mit nahezu unvermindertem Strahlungseffekt angewandt werden, da ße, wie vorher erwähnt, die Elemente Radium und Mefothorium enthält, welche die Muttcrfubftanzen für eine ganze Reihe weiterer radioaktiver Elemente darftclien, die fortwährend aus ihnen entliehen. Die Aktivität des Radiums klingt erfl in etwa 1600 Jahren auf die Hälfte ihres urfprünglichcn Wertes ab. — Nicht allen Menfchen ift es möglich, Heilbäder aufzufuchen, fei es Infolge Zeitmangels oder Vermügensverhältniffen, und viele werden es daher begrüßen, wenn fic erfahren, daß es nach langen Verfudien gelungen ift, einen radioaktiven Badezufatz herzuftellcn, deffen Wirkung dem der bekannten radioaktiven Heilbäder glcichzuftellen ift. Außer der radioaktiven Subftanz enthält der Badezufatz „Sanitas“ Schwefel und äthcrifche Oele, die zur Belebung der Blutzirkulation beitragen, wodurch d:e Ausheilung der oben erwähnten Krankheiten bedeutend bcfchleunigt wird. Die Wirkung des Bades kann noch durch vermehrte Beimengung des radioaktiven Zufatzes nach Wunfch erhöht werden. In fehwereren Fällen ift es zu empfehlen, die Badekur mit der Trockenbehandlung durch die Radiumheilkompreffe „Sanitas“ zu kombinieren. Die Dauer einer Kui wird von der Aerztcfchaft in der Regel mit 4 bis 6 Wochen bemeffen, doch zeigen fich Erfolge in den meiften Fäiien fchon nach wenigen Bädern. Auffallend rafchc Bcfferung haben diele Bader bei Fußiejdcn gezeigt. 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