Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 127 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 127 Reorganisierung des Ffirsorgewesens in der Wiener Jüdischen Gemeinde Eiti Gespräch mit dem Obmann der Fürsorgezentrale KuKusvorsteher Dr. IsidorKlaber In der letzten Plenarsitzung der Israelitischen Kultusgemeinde wurde nach langwierigen Verhandlungen die Errichtung der Fürsorgezentrale endgültig beschlossen. Zum Amtsvorstand der Fürsorgezentrale wurde der frühere Kultusvorsteher und langjährige Sekretär der Gemeinde, Herr Emil Engel, ernannt. Als Abteilungsleiter wurden der frühere langjährige Leiter des Wiener Palästina-Amtes. Dr. Nahum-Blauer, Rudolf Kraus und Frl. Rosa Schwarz bestellt. Im Nachstehenden bringen wir ein Gespräch unseres Mitarbeiters mit Herrn Dr. Klaber über die Aufgaben der neugeschaffenen Fürsorgezentrale. Die Errichtung der «Fürsorgezentrale der israelitischen kultusgemeinde» hat allenthalben große Zustimmung gefunden. Seit Jahren haben Männer und Frauen, die beruflich oder freiwillig fürsorgerisch tätig waren eine derartige Zentrale vermißt. Die bisherige Zentralstelle war ein Verein außerhalb der Gemeindeverwaltung ohne jede Autorität. Es ist das unbestreitbare Verdienst der zionistischen Mandatare nach fast siebenjähriger Arbeit alle Mitglieder des Vorstandes ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit von der Notwendigkeit der Zentralisierung des Fürsorgewesens überzeugt zu haben. Wir Zionisten haben programmäßig die Schaffung eines modernen Fürsorgeinstitutes gefordert. Wir hatten schon längst erkannt und wiederholt darauf hingewiesen, daß nur durch ein Amt der Gemeinde großzügige Fürsorgearbeit geleistet werden könne. Die Errichtung der Fürsorgezentrale bedeutet aber einen Schritt zur Erreichung der Volksgemeinde. Die «nur Kultusgemeinde» hatte nichts übrig für die vielen Institutionen und Organisationen, etwas «Zedokah» und damit war es genug. Nun werden alle Probleme des jüdischen Lebens vom Kinde, das eben geboren, bis zum Greis, der ins Altersheim körnen soll, in einer «Zentralkommission» beraten werden. Waisenhäuser, Ausspeisungsvereine, Bekleidungsvereine, Kindergärten, Frauenvereine usw. unterstehen, soweit sie nur irgendwie für jüdische Menschen in Betracht kommen, der Zentralkommission. Diese Kommission ist aber nicht, wie die Kuratorien der früheren Zentralstelle aus Vereinsvertretern gebildet, von denen jeder nur in einer Organisation das Heil sah und wenn irgendmöglich Geldmittel für diese haben wollte, sondern außer den Mitgliedern der Fürsorgekommission der Gemeind esind zehn Fachleute delegiert: die Obmänner der Bezirkskommissionen. Außer dieser Zentraliserung ist eine, weitere Forderung der zionistischen Mandatare erfüllt worden, die Errichtung von Bezirksfürsorgekommissionen. Die Mitglieder werden den Titel «Fürsorgerat der Kultusgemeinde» führen. Es soll dem Wunsche vieler Mitglieder unserer Gemeinde Rechnung getragen werden, daß innerhalb der Bezirke selbst Fürsorgearbeit geleistet werden kann, d. i. Ueberwachung der Schützlinge in Privatpflege, Mitarbeit in den Heimen etc. Die Zusammenarbeit mit der Zentralkommission ist entsprechend geregelt. Wir sind überzeugt, daß die gemeinsame Arbeit alle Mandatare im Interesse der zu Befürsorgenden viele sonst sie etwa differenzierenden Dinge vergessen machen will. Auch Frauen können diesen Kommissionen angehören. Wir haben jetzt gemeinsam die Institution geschaffen, die weitere Arbeit müssen auch alle gemeinsam leisten. Wir haben der Ernennung des früheren Kultusvorstehers Herrn Emil Engel zum Amtsvorstand zugestimmt, weil Fürsorge für uns keine Parteiangelegenheit ist. Wir hoffen innerhalb der Zentralstelle auch unsere noch fehlenden Postulate wie Berufsberatung, Stellennachweis etc. baldigst durchführen zu können. Ich möchte noch bemerken, daß das seinerzeit über zionistische Initiative geschaffene Jugendreferat heute bereits einige vierzig Jugendgruppen organisatorisch umfaßt. Dieses Referat unterstellt derzeit der Schulkommission. Daß die entsprechende Förderung all unserer Jugendgruppen ein selbstverständliches Verlangen ist, muß nicht erst betont werden. Wir haben durch unsere Arbeit im Fürsorgewesen gezeigt, daß wir die Gemeinde und ihre Institutionen zu beleben und auszubauen verstehen. Wir werden in unserem Bestreben, die Volksgemeinschaft zu schaffen, fortfahren, wie ich persönlich hoffe, mit allen Parteien gemeinsam. Arabische Propaganda Jerusalem. Eine arabische Delegation beabsichtigt, sich nach Niederländisch-Indien zu begeben, um dort Propaganda zu betreiben. Andere Delegationen befinden sich in London, New York und dem Hedschas. Die arabischen Delegationen nehmen, wie sie selbst sagen, sich die Juden zum Beispiel, die durch eine solche Agitation große Vorteile erlangt haben. Aus Anlaß des Ablebens meiner Schwester, Frau Anna Zahler geb. Morgenstern, sind mir von seiten meiner Freunde und Gesinnungsgenossen viele tröstende Beweise ihrer Anteilnahme zugekommen, für die Ich hiemit auf diesem Wege meinen besten Dank abstatte. Mirjam Morgenstern. nm stimme Sehe 7 Die neue Welle antisemitischer Exzesse in Rumänien Dr. Fildermamt protestiert beim Präsidenten der rumänischen Kammer gegen die Beleidigung der jüdischen Religion durch Cuza Bukarest (J. T. A.). Dr. Wilhelm Fildermann, Präsident der Union rumänischer Juden und früherer Senator, wurde vom Präsidenten der rumänischen Kammer Ciceo Pop empfangen und legte bei ihm Protest ein gegen die Beleidigung der jüdischen Religion in öffentljcher Parlamentssitzung durch den Antisemiten Cuza lind gegen die Verhaftung der jüdischen Bürger in Targu-Frumos. Dr. Fildermann übergab dem Kammerpräsidenten zwei Denkschriften. Präsident Ciceo Pop erklärte, kein wirklicher Christ werde der Behauptung von Cuza, daß die jüdische Religion eine verbrecherische sei, zustimmen, denn jeder Christ weiß, daß die Bibel das Fundament des Christentums sei und daß darum eine Beleidigung der jüdischen Religion gleichbedeutend sei mit einer Beleidigung des Christentums. Er werde es nicht zulassen, daß im Parlament Ausdrücke, die gegen die Verfassung verstoßen, gebraucht werden. In Sachen der jüdischen Bürger von Targa-Frumos werde er bei der Regierung intervenieren und den Innenminister auffordern, aufs neue eine Untersuchung elimdeiten. Drohungen Cuzas im Parlament Bukarest (J. T. A.). In der letzten Kammersitzung brachte Professor Cuza eine Interpellation ein, in der er dagegen protestierte, daß die Juden in Kischineff sich «erfrechten», eine blau-weiße Fahne bei der Defilierung am 10. Mai zu tragen. Die Frechheit der Juden sei umso größer, als gerade vor einigen Tagen mehrere Studenten in Targu-Frumos das Opfer eines gemeinen Ueberfalles seitens der dortigen jüdischen Bevölkerung waren. Der jüdische Deputierte Dr. Landau rief dazwischen: Das ist eine Lüge! Die Juden sind ange- “UW Aufsicht Rabb. Luzern ciiuls/lardsp/ilotel Victoria Höhenluft, erstklass. Familienhotel, moderner Komfort, fließendes Wasser, Freiluftgymnastik im eigenen Park. Im Juni bedeutend ermäßigte Preise. A. Kempler, Prop. griffen worden. Aber wir werden uns immer gegen antisemitische Ueberfälle wehren! Cuza: Wenn wir an die Macht gelangen, werden wir Euch durch die Fenster und Türen des Parlamentes hinauswerfen! Präsident Ciceo Pop: Herr Cuza, Sie dürfen nicht im Parlament Groß-Rumäniens in der Weise sprechen! Cuza: Das bezieht sich nicht auf Ihr Parlament, in welchem Sie von den Juden beherrscht werden 1 Es gibt ein anderes Landesparlament, welches das tut, was ich sage. Es geht nicht an, daß die Juden die Behörden des Landes beleidigen, indem sie behaupten, diese erfüllen nicht ihre Pflicht. Die revolutionäre Studentenschaft, die schon in einigen Teilen des Reiches reagiert hat, wird sich im ganzen Lande gegen solche Behauptungen auflehnen. In Targu-Frumos sind die rumänischen Studenten von einer Armee von zweitausend Juden überfallen und mißhandelt worden. Finanzminister Madgearu: Die Studenten sollten sich eher gegen die Ignoranz auf lehnen. Ich habe vor einigen Tagen einen Wettbewerb ausgeschrieben, zu welchem sich 125 Kandidaten stellten. Von diesen mußten 100 zurückgewiesen werden. Dies ist die Foige davon, daß in den letzten Jahren die Universitäten und Höheren Schulen des Reiches von Ihren antisemitischen Lehren verseucht wurden. Grandiose Protestkundgebung der Czemowitzer Judenheit Czernowiiz (J. T. A.). Unter dem Vorsitz von Senator Dr. Meyer Ebner fand im Festsaale der jüdischen Toynbeehalle eine Protestversanimlung gegen die antisemitischen Exzesse statt, die von mehr als 2000 Menschen besucht war und einen grandiosen Verlauf nahm. Neue Ausschreitungen in Bukarest und in Baltzi. Bukarest, 18. Mai (J. T. A.). Während sich im Zentrum von Bukarest die Kämpfe zwischen den Gendarmen und den Verkäufern konfiszierter oppositioneller Blätter abspielten, benutzten etwa 15 Cuza-Studenten die Gelegenheit, um über jüdische Passanten herzufallen und sie schwer zu maßhandeln. Am Abend versuchten die Bewohner des Studentenheims, in welchem Cuza eben einen Vortrag gehalten hatte, einen Zug zu formieren und durch die Stadt zu ziehen. Den Studenten gelang es, den Kordon der Gendarmen zu durchbrechen und in das Zentrum der Stadt vorzudringen. Sie schrieen ununterbrochen: «Tod den Juden!» Kischinew, 18. Mai (J. T. A.). In der Ortschaft Baltzi ereignen sich seit einiger Zeit fast täglich antisemitische Ausschreitungen. Die Cuzisten durchziehen in Gruppen die Stadt und schlagen auf alle Juden, die ihnen in den Weg kommen, mit Stöcken und Knüppeln los. In der Nacht von Donnerstag zu Freitag richteten Antisemiten auf dem jüdischen Friedhof von Baltzi ungeheure Verwüstungen an Unter de rjüdischen Bevölkerung herrscht größte Erregung. Sämtliche jüdischen Schüler des Lyzeums «Creanga» in Balt2i wurden aus der Schule ausgeschlossen. Professor Stamate erklärte den christlichen Schülern, daß die Juden die ärgsten Feinde des rumänischen Volkes seien und darum ausgerottet werden müssen. „;v Cuza schmäht abermals die jüdische Religion. Bukarest, 18. Mai (J. T. A.). In der letzten Kammersitzung erklärte der jüdisch-nationale Abgeordnete Fischer, die Schmähungen Cuzas gegen Judentum und jüdische Religion setzen die Würde der Kammer herab und machen auf das Ausland den denkbar schlechtesten Eindruck. Das rumänische Parlament möge sich dagegen wehren, er als Jude halte es unter seiner Würde, Cuza zu antworten. Hierauf ergriff Cuza das Wort und erklärte, er werde für seine Behauptungen den Wahrheitsbeweis antreten. Er beharre auf seiner Behauptung, daß die jüdische Religion eine kriminelle Religion sei. Wenn jemand das. Gegenteil beweisen könne, möge er mit seinen Beweisen vor das Parlament treten. Der Präsident der Kammer ersuchte Cuza, das Wort «kriminell» gegen eine Religion nicht zu gebrauchen. Finanzminister Madgearu ersuchte den Präsidenten, nicht zu dulden, daß Religionsfragen vor das Haus gebracht werden. -.. a ,., , . , . . . n . / Wiederum antisemitische Exzesse in Galatz. Bukarest, 18. Mai (J. T. A.)". Die größtenteils au? Studenten bestehende «Eiserne Garde» veranstaltet in Galatz täglich antisemitische Kundgebungen, die auch in Exzesse ausarten. Die jüdische Bevölkerung von Galatz wandte sich an den Innenminister um Schutz und sandte ihm Exemplare der aufreizenden Plakate der Cuzisten ein, in denen die christliche Bevölkerung zur Ausrottung der jüdischen Einwohner der Stadt Galatz aufgefordert wird. Sir Herbert Samuel gegen Abschaffung der Todesstrafe in Palästina London (J. T. A.). Sir Herbert Samuel, der erste High Commissioner für Palästina, gab in seiner Eigenschaft als einstiger Innenminister des British Empire vor dem Unterhauskomitee zur Beratung über die Todesstrafe Bill eine Erklärung ab, in der er auch auf die Lage Palästinas zu sprechen kam, wobei er ausführte: In Palästina ereignen sich häufig Morde; ich würde davor zurückscheuen, die Abschaffung der Todesstrafe in einem Lande wie Palästina in der Jetzigen Zeit zu empfehlen. Das Risiko wäre zu groß. Todesstrafe ist gerechtfertigt, wenn sie als eine abschreckende Maßnahme nicht zu entbehren ist. Aber nur aus diesem Grunde. Wenn gefunden wird, daß in anderen Ländern, die unserem Lande gleichen, in denen die Todesstrafe abgeschafft worden ist, die erwarteten furchtbaren Folgen nicht eintraten, dann sollten Schritte zur Abschaffung der Todesstrafe in Angriff genommen werden; eine völlige Abschaffung der Todesstrafe kann ich nicht empfehlen; die Verantwortung ist ungeheuer. Victor Hugo hat richtig geschrieben: «Wer den Geier schont, ist verantwortlich für seine Krallen.» Louis Brandeis spendet 1500 Dollar für das Palästina-Arbeiterwerk New York (J. T. A.). Louis D. Brandeis, Mitglied des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten und einstiger Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation, hat 1500 Dollar für das Werk der Histadruth Haovdim (Palästinensische Arbeiterkonföderation) gespendet. Gegenwärtig wird in den Vereinigten Staaten eine Kampagne für das jüdische Arbeiterwerk Palästinas unter der Leitung des National Workers’ Committee for Eretz Israel durchgeführt. Oberrichter Brandeis war von je ein Freund der Arbeiterbewegung; 1896 wurde ihm der Titel «People’s Attorney» verliehen. Präsident Hoover beglückwünscht Felix M. Warb arg New York (J. T. A.). Der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover sandte Herrn Felix M. Warburg, Vorsitzenden des American Joint Distribution Committee und des Administrative Committee der Jewish, Agency, einen Glückwunsch aus Anlaß der Verleihung der Gottheil- Medaille an ihn. Die Gottheil-Medaille wird alljährlich an diejenige Persönlichkeit verliehen, die sich im Verlauf des letzten Jahres die größten Verdienste um die amerikanische Judenheit erworben hat. Die Beamtenschaft der Zionistischen Büros gratuliert Frl Frieda Hudes und Frl Hella Spiro zu ihrem 10 jährigen Arbeitsjubiläum. x k