Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 127 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 127 DIE STIMME Seite $ Imposante Protestkundgebung des Wiener Judentums gegen die Einwanderungssperre in Palästina (w.) Im überfüllten Saal des Konzerthauses fand Mittwoch, dfcn ai. Mai, die vom Zionistischen Landesverband für Österreich veranftaltcte Proteftkundgebung des Wiener Judentums gegen die unerhörte Maßnahme der Sperre der Chaluzimeinwanderung nach Palästina statt. Über 3000 Wiener Juden kamen, um ihrem Ausdrucke der Enttäuschung und der Entrüstung lauten Nachdruck zu verleihen. Die Protestkundgebung, der auch der Präsident der Kultusgemcinde, Univ.-Prof. Doktor P i ck beiwohnte, verlief würdig und trotz der erregten Stimmung, die sich zeitweilig in Zwischenrufen Luft machte, in Ruhe. Als erster ergriff das Wort der Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich Dr. Jakob Ehrlich: „In diesem Saal haben wir manches erhebende Ereignis gefeiert. Hier fand ein Weltkongreß der Zionisten statt, hier feierten wir San Remo, die Gründung der hebräischen Universität in Jerusalem. In überschwänglichen Worten, wie sie nur ein Volk finden kann, dem die Erfüllung eines uralten Wunsches winkt, haben wir in diesem Saale nicht selten großen Männern der Mandatarmacht England gehuldigt, einem Lord Balfour und anderen, voll Dankbarkeit und vor allem voll Vertrauen, daß die Regierung einer Weltmacht, die sich rühmt, das fair p 1 a y auch ins öffentliche Leben, in das zwischenstaatliche Leben übertragen zu haben, diesen Grundsatz auch uns gegenüber anwenden wird und um so mehr anwenden wird, als wir cm wehrloses Volk sind, das nicht über jene Mittel verfügt, die im Verkehr der Völker noch immer ausschlaggebender sind, als Verträge und verbrieftes Recht. Heute allerdings hat uns nicht das Gefühl der Freude hiehergeführt, sondern das Gefühl der schwersten Enttäuschung und sagen wir cs rund heraus, das Gefühl der Erbitterung über ein kränkendes, uns tief beschämendes Unrecht. Noch vor wenigen Wochen hat die zionistisdie Exekutive von der Palästinaregierung neue Einwanderungszertifikate angefordert und im ganzen 3300 Zertifikate bewilligt erhalten, einschließlich schon früherer vorschußweise bewilligter 930, so daß die Neubewilligung 2330 Zertifikate beträgt, eine gewiß nicht imponierende Ziffer, wenn man bedenkt, daß sie das Einwanderungskontingent für die Zeit vom April bis September enthält. Und wenige Wochen nadiher trifft uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Nachricht, daß diese bereits bewilligten Zertifikate zurüdegenommen und keine neuen ausgestellt werden, bevor nicht die englische Regierung auf Grund des Berichtes von Sir John Simpson, der erst an einigen Monaten zu erwarten sein wird, neue Beschlüsse faßt. Es ist nun allerdings richtig, daß auch schon in einer früheren Phase der zionistischen Kolonisation eine zeitweise Eindellung der Einwanderung stattgefunden hat. Was der jetzigen Maßregel aber eine ganz besondere Bedeutung gibt, sind zwei Momente: 1. Der Zeitpunkt, in dem sic erfolgt und 2. der Umstand, daß diese Maßregel n i ch t das Resultat w i r tschaftlicher Erwägungen ist, sondern ein w i 11 k ü r~ licher politischer Akt. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina so liegen würden, daß sic eine zeitweise Einschränkung der Einwanderung rechtfertigen, müßte man dies hinnehmen. Aber die englische Regierung weiß viel besser als wir, daß dies nicht der Fall ist, und wenn ich einige Daten darüber anführe, geschieht dies bloß, weil unsere eigene Öffentlichkeit hierüber nicht genügend informiert ist. Als der jetzige Gouverneur Palästinas Sir John Chancellor sein Amt antrat, hat er in einer öffentlich gehaltenen Rede auf den Menschenmangel des Landes und auf die vielen Arbeitsmöglichkeaten hingewiesen. Es hat sich seither nichts geändert. Von einem Platzmangel kann keine Rede sein. Auf den Flächen, die von uns bereits bebaut sind, haben noch zweieinhalbmal so viel Menschen Platz, als dort schon leben. Nach den gewissenhaften Expertenberichten der Jewish Agency könnten in den Tälern allein mehr als 80.000 j neue Farmen geschaffen werden, also die Lebensmöglichkeit für neue 400.000 Menschen. Es ist unwahr, was die Araber immer behaupten, daß für sie kein Land übrig bleibt. Staatsländereien haben bloß die Araber bekommen und wir mußten fie ihnen teuer abkaufen. Fast 93 Prozent unserer Böden haben wir von Großgrundbesitzern. Es war wahrhaftig kein Feld und kein Garten, Sumpf und Steine waren es. Unzähligen Arabern sind durch die Siedlungen neue Erwcrbsmöglichkciten gegeben worden. Sic leben in der Nähe unserer Siedlungen viel besser als früher, ihre Lebenshaltung hat sich gehoben. Wo sie entfernt von unseren Kolonien hausen, leben sie in den primitivsten Lehmhütten, wo sie neben unsern Siedlern leben, wohnen und leben sie menschenwürdig. Also nicht auf diesem Gebiete liegt der Grund der Maßregel. Daß sie trotzdem gekommen ist, daß sie gerade jetzt gekommen ist, macht sie ganz unverständlich und muß das größte Befremden hervorrufen. Denn es sind erst wenige Monate seit den blutigen Unruhen in Palästina verstrichen. Wir haben noch nicht an die hundertzwanzig Toten von Hebron und S a f e d vergessen, wir haben noch nicht daran vergessen, daß sich zügellose, aufgehetzte Horden plündernd, sengend und mordend auf unsere Kolonien gestürzt haben, und wir haben noch nicht die erstaunliche Tatsache vergessen, daß man paar aufgehetzte arme Teufel gestraft, in manchen Fällen sogar strenge gestraft hat, daß aber die Drahtzieher die Bestätigung bekommen haben, daß sie ihre Hände in Unfchuld XU wafchen berechtigt find. Soll alfo etwa mit diesem Einwanderungsverbot bezeugt werden, daß derartige gewaltsame Methoden erfolgverheißend sind? Auuch der nichtzionistische Teil der Jewish Agency hat nach dem blutigen Hcrbsteroignisscn die Forderung nach einer verstärkten Einwanderung erhoben. Ist dies die Antwort der englischen Regierung auf diese Forderung? Muß sich nicht bei den Arabern die Meinung bilden, daß cs nur einer Wiederholung derartiger Massakers bedarf, um die Einwanderung für immer still zu legen? Hat nicht die englische Regierung das Gefühl, daß mit uns ein furchtbar gefährliches Spiel gespielt wird? Beftiaüfche Grcueltaten an Wehrlofen, finnlofe, vandalifche Zerstörung der Früchte jahrelanger schwerer Arbeit, Überfälle auf Kolonien, Diebstahl und Plünderung: und hie für als Prämie das Verbot der jüdifchen Einwanderung? Ich kann mir nicht vorstcllen, daß ein anderes Mittel geeigneter wäre, zur Wiederholung solcher Taten anzuregen, als die jüngst erflossenc Maßregel des englischen Kolonialamtes. Es ist bekannt, daß nach den Unruhen in Palästina eine Un tersuchungskommission unter Vorsitz Shaws viele Wodien lang die Ursachen der arabischen Exzesse festzustellcn suchte und daß wir den vielfach einseitig gehaltenen Bericht dieser Kommission, dem sich bekanntlich das Mitglied der Labour Party Snell nicht angeschlossen hat, ablehnen mußten. Aber selbst dieser für uns ungünstige Bericht schlägt in seinen Empfehlungen an die englische Regierung in der Frage der Einwandcruung nur die Ueberprüfnng des administrativen Apparates vor, um die Wiederholung einer großen Imigration wie in den Jahren 1925/26, die nach Ansicht der Kommission über die zulässigen' Grenzen gegangen sei, zu verhindern; sic schlägt die Erforschung der Aussichten der Einführung intensiverer Methoden der Bodenkultivierung vor, aber mit keinem Wort ist eine Andeutung hiefür enthalten, daß eine wenn auch nur provisorische Einstellung der Einwanderung notwendig sei. England hat als Mandatar des Völkerbundes die Aufgabe übernommen, mitzuwirken an der Errichtung unfcrcs Nationalheims an Paläftina. Es wird niemand Ihrem lieben A. H. Dr. Leo Menczer anläßlich seiner Promotion zum Doktor der Philosophie gratuliert herzlichst und spendet einen Baum im Chajes-Walde die Lese- und Redehalle jüdischer Ilochschtller in Wien. t\ ► J. auf der Welt sagen können, daß die englische Regierung dieser Verpflichtung nachkommt, wenn sie aus. rein politif ch e n Gründen die Immigration fperrt. Diefe Maßregel verstößt also ganz offensichtlich und unverhüllt nicht nur gegen den Geist, sondern auch gegen den klaren Wortlaut des Mandates. Und daß diese V erletzung des Mandates aus politischen Gründen erfolgt ist, bedeutet für uns eine ungeheure Gefahr. In allen Berufen, in allen Aemtern, die fremde Intercffen zu wahren haben, gilt es als unzuläffig, ja gegen die guten Sitten verstoßend, gleichzeitig einander widerstreitende Interessen zu vertreten. Die englifche Regierung hat in Indien Schwierigkeiten, ich weiß nicht, ob man sie überschätzen darf, aber sie sind zweifellos vorhanden. Die Hindus befinden sich in einem Aufstand gegen England, die mohammedanische Bevölkerung hat sich dieser Bewegung nicht angeschlossen. Sollen die Mohammedaner in Indien auf Koften unferes Aufbauwerkes in Paläftina bei guter Laune erhalten werden? Das wäre ein Präzedenzfall von ungeheurer Tragweite. Palästina ist keine englische Kolonie, die nach den jeweiligen Bedürfnissen einer englischen Regierung verwaltet werden darf. Palästina ist Mandatsland, das vom Völkerbund verwaltet wird und England ist Treuhänder des Völkerbundes, Treuhänder . mit einem ganz beftimmten Auftrag, dessen Erfüllung nicht abhängig sein kann von Interessen, die außerhalb Palästinas liegen und mit dem Mandat nichts zu tun haben. Es wäre weit gefehlt, wenn das Gefühl der Entrüstung und Enttäuschung uns zu einer untätigen Resignation verleiten würde. Wir wußten immer, daß wir ein Werk von ungeheurer Schwierigkeit vor uns haben, daß es immer Hindernille geben wird und daß die Entwicklung des Zionismus nicht in einer gerade aufwärts strebenden Linie, sondern wellenförmig verlaufen wird. Wir sind heute an einem Tiefpunkt angelangt. Aber die Judenschaft der ganzen Welt wird die Situation, in die wir durch die letzten Ereignisse versetzt wurden, nicht als etwas Unabänderliches hinnehmen. Sie wird die unverzügliche Aufhebung der vollftändig ungerechtfertigten Einwandcrungsfpcrrc verlangen. Wir haben keine materiellen Machtmittel, die unlerer Forderung Nachdruck verleihen könnten, aber das Recht und die Möglichkeit haben wir, an das Gewiflen der Welt zu appellieren und an fein Sprachrohr, den Völkerbund, deffen Beauftragter England ift. Wir muffen uns aber in diefer ernften Stunde auch fagen, daß unfere Lage eine leichtere wäre, wenn wir in den vergangenen Jahren größere Anftrengungcn gemacht hätten, unfere Stellung in Paläftina auszubaucn. Eine erhöhte Arbeitsbereitfdiaft, eine gefteigertc Opferwilligkeit und der unbeugfame Entfchluß, von unferen Rechten nichts aufzugeben, werden unferem Proteft erhöhte Bedeutung geben. Unfere Gedanken weilen in diefer | ernften Stunde noch inniger als fonft bei unferen Brüdern in | fifiufk-lßotn bringt eine fabelhafte Auswahl schicker, reizender Modelle ln Eidechse, Krokodil und Chevreau in erstklassiger Qualität. Die soliden fixen Preise sind allgemein bekannt. tfrtlffk-jDorn, //., ‘Gaborstraße Sa Erez Ifrael, die uns in fehweren Stunden fchon wiederholt ein Beifpiel von Standhaftigkeit und vertrauensvoller Zuverficht gegeben haben. Die ernfte Lage in Paläftina wird unfer Volk zu folidarifcher Abwehr der Angriffe auf unfer Recht aufrufen, und wenn Treu und Glauben im Verkehr der Völker lebt, wird unfere Sache zum Erfolg geführt werden. (Stürmifdier Beifall.) Die Reden des Oberbaurates Robert S t r i ck e r (Radikaler), Dr. Karl Po 11 ak (Revifionift), Dr. Tartakower (Hitachduth), G a 1 i 1 i (Hechaluz) bringen wir aus technifdien Gründen in der nächften Nrmmer . Zum Schluffe der Verfammlung wurde unter ftürmifche* Kundgebungen folgende Resolution bcfchloffen: ^Die am 21.. Mai 1930 im Großen Konzerthausfaale zu Wien abgehaltenc Maffenverfammlung der öfterreidiifdhen Zioniften proteftiert aufs fdiärffte gegen die Sillierung der für mehrere taufend Arbeiter feitens der Paläftina-Regicrung bereits erteilten Einwanderungserlaubnis. Sie erblickt darin eine Verletzung von Gcift und Wortlaut des Großbritannien vom Völkerbund übertragen**) Paläftina-Mandates durch die englifche Regierung. Sic erblickt ferner darin eine Belohnung der Araber für die letzten Ueberfalle und eine Ermunterung zu neuen Angriffen. Da die Erteilung von Einwanderungizertifikaten ä«f Grund wirtfdiaftHdier Erfordernde und des Nachweifes beliebenden Arbeitermangels erfolgte, bedeutet die Sperre der bereits erteilten Zertifikate eine willkürliche Störung des Jüdifchen Aufbauwerkes. Die Verfammlung erklärt, daß eine ftetige Einwanderung die wichtigllc Grundlage für die im Mandatsvertrag garantierte Errichtung des jüdifchen Nationalheimes ift, proteftiert aufs nachdrücklichfte gegen ihre Einfdtränkung und verlangt die fofortige Ausfolgung der zurückgehaltenen Zertifikate. Die Verfammlung erklärt die Notwendigkeit der fchleunlgen Einberufung des Zioniftenkongreffes, damit die berufene Vertretung des jüdifchen Volkes vor aller Welt Stellung nehme gegen die Mißachtung des durch den Völkerbund dem jüdifchen Volke garantierten Rechtes auf Schaffung eines jüdifchen Nationalheimes in Paläftina.** ■ Die Verfammlung ftimmte hierauf die „Hatikwah" und dann das Lied „Techefakna“ an. Hicmit war die denkwürdige Verfammlung zu Ende. Abreise der arabischen Delegation;- London. Die arabische Delegation hat sivn Montag vom Premierminister Macdonald verabschiedet, da sie Freitag, den 23. Mai London verläßt. Verlangen Englands nach Abberufung des römischen Patriarchen in Jerusalem Der «Neuen Freien Presse» wird aus Jerusalem gemeldet: England forderte den Vatikan auf, den römischen Patriarchen in Jerusalem, Luigi Barlesina, und seinen intimsten Mitarbeiter, den Hilfsbischof Follinger, abzuberufen. Beide hätten durch ihre Verbindungen mit den Araberführern den Frieden mit den Juden gestört. Bereits unmittelbar nach den Unruhen liefen Gerüchte um, daß die arabischen Zentralstellen bedeutende Anleihen erhalten hätten. Follinger trat während der Unruhen als aktiver Teilnehmer der arabischen Propaganda hervor. Die polnische Poale Zion an die Labour-Partoi. Warschau, 18. Mai (J. T. A.), Eine aus Anlaß der Landeskonferenz der rechten Poale Zion stattgefundene Massenversammlung faßte eine scharfe Protestresolution gegen die Annullierung der gewährten Einwanderer-Zertifikate und beschloß, an die britische Labour-Partb zu appellieren, daß sie die in sie gesetzten Hoffnungen bezüglich der Hilfe für Verwirklichung des Jüdischen Nationalheims in Palästina erfüllen möge. Plan der Ansiedlung von tausend polnisch-jüdischen Mittelstandsfamilien auf dein Lande in Palästina Warschau, 16. Mai (J. T. A.). In einer Sitzung dei Präsidiums der polnischen Sektion der Jewish Agency, der auch Herr Dr. Bernhard Kahn beiwohnte, wurde über den Plan der Ansiedlung von tausend Familien aus dem polnisch-jüdischen Mittelstand auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds in Palästina beraten. Jede Siedlerfamilie sollte über einen Mindestbetrag von 300 Pfund verfügen. Es wurde beschlossen, eine schriftliche Darlegung des Planes nebst dazugehörigem Material allen Mitgliedern des Administrative Committee zuzustellen und sich dafür einzusetzen, daß dieser Plan auf die Tagesordnung der rächsten Sitzung des Administrative Committee, die im August d. J., wahrscheinlich in Berlin, stattfinden wi.v», gesetzt werde.