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Die Stimme · 1930-05-23 · Heft 127 (23.5.1930) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 127 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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ff $ctt€ 4 om $Ttmn Nr. 127 4 v?!(! '; v. < lli ■ Ui ■ 1 41 ■:i3? r< Hs)er die Zukunft des jüdischen Volkes sichern will — muß den ZKeren SKajemeth fördern. Ueberall und jederzeit! iler am 12. Mai bestätigten Zertifikate verfügt habe. Diese bleiben bia zur Vorlegung d«r Ergebnisse der Untersuchung von Sir Simpson suspendiert. Col. Kish hat hierauf namens der Agency beim High Commissioner Protest eingelegt. Die hebräische palästinensische Presse protestiert mit aller Schärfe gegen die Maßnahmen der englischen Regierung. Der „Haarez“ erklärt, daß unsere Loyalität und Geduld bereits am Ende sei. Die ganze jüdische Welt betrachte die Einwftnderangssperre als eine Kriegserklärung, da sie die Grundlagen unseres ganzen nationalen Werkes gefährdet. Das Organ der Arbeiterpartei „Dawar" erklärt, daß die Balfour-Defclaration, die Friedensverträge von Sevres und San Remo, die zahlreichen Erklärungen der englischen Regierung und die pro-zionistischen Reden Mac Donalds eine unerhörte Lüge bleiben werden, falls uns die Möglichkeit der Einwanderung genommen werden sollte. Der „Doar Hajom" hält es für unerhört, daß die jüdische Einwanderung von den Untersuchnngsergebnissen eines gewissen Simpson abhängig gemacht wird und verlangt die sofortige Einberufung eines außerordentlichen Kongresses. Die palästinensische Judenheit empfindet es als besonders beleidigend, daß der High Commissioner Sir Chancellor die Mitteilung über die Suspendierung der Zertifikate dem Vizevorsitzenden der arabischen Exekutive ge- Hochfrequenz-Bestrahlung gegen Nervenleiden, Rheumatismus, Ischias. Heilanstalt Sol-Ra, 1, Kärntnerstraße 10, Eingang Seitengasse. Tel. R 27-1-83. m macht hat, bevor noch die Zionistische Exekutive über die Suspendierung informiert wurde. Der ganze palästinensische Jischuw ist darüber entrüstet, ' daß die englische Regierung sich zurzeit in ihrer Einwanderungspolitik ausschließlich von politischen Erwägungen leiten läßt und verlangt, daß die zionistische Führerschaft diese Politik mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bekämpfen soll. Der Sonderkommissär Sir John Simpson hat nach seiner Ankunft in Palästina eine Erklärung veröffentlicht, in der er mit Nachdruck d e Absicht der englischen Regierung bekannt gibt, ihren M a n d a t s v e r p f 1 i c h t u ngen ohne Gefährdung der In teres t3 e n der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas nachzukommen. Nicht minder interessant ist die mit Genehmigung der Londoner Regierung veröffentlichte amtliche Mitteilung über die jüngsten < ngiisch-amerikanischen Verhandlungen in London, in der erklärt wird, daß sich die Regierung mit dem Problem beschäftigen wird, wie die Interessen der nichtjüdischen Gemeinschaften zu wahren sind. Damit die nichtjüdisclien Interessen bis zum Vorliegen des Simpson-Berichtes nicht beeinträchtigt werden, werden schon gegenwärtig Spezialmaßnahmen zum Schutze der Interessen der ackerbantreibenden Bevölkerung erwogen und sofort einstweilige Vorkehrungen getroffen, um die Einwanderung zu sichern und die wirtschaftliche Zukunft des Landes nicht zu gefährden. Die englische Regierung beabsichtigt nach wie vor den ihr durch das Mandat auferlegten Verpflichtungen nachzukommen. Großfleischhauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. A 17-3-99 u. A 16-9-84 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien A«atosu«tellun0 koalenlos (X, Berargasse 15 XVIII, Währingerstraße 97 Die Einwanderung gestoppt! Mitwelchem Rechte? So lautet die erste Frage, die aufgeworfen werden muß. Die Sperrung — auch eine zeitweise — der Einwanderung ist eine Hiobsbotschaft, die ein 15-Millionenvolk bis ins tiefste beleidigen und erschüttern mußte. Sie ist — das können und sollen wir unumwunden zugebeft — die größte Schlappe, die wir seit der Erlassung der Balfour-Deklaration erlitten haben. Es ist das erstemal in den letzten Jahren der Fall eingetreten, daß die Zentralregierung in London, die bisher immer unsere Appellationsinstanz war, an die wir uns mit. Beschwerden betreffend die Landesadministration wenden konnten, etwas unternahm, was den Bestimmungen und Verpflichtungen des freiwillig übernommenen Mandates polar entgegengesetzt ist. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sperrung der Einwanderung gar keinen Zusammenhang mit der Wirtschaftslage in Palästina und der Kapazität des Landes hat: sie ist eine Auswirkung politischer Berechnung und diplomatischer Kunststücke. Sie widerspricht den ökonomischen Notwendigkeiten im Lande, ln dem jetzt keine Arbeitslosigkeit herrscht und von wo der Schrei nach neuen Menschen hörbar ist. Sie bedeutet einen Kniefall vor den Arabern, die die Fähigkeit und Dreistigkeit besitzen, aus den von ihnen im August begangenen Verbrechen größte Vorteile für sich zu ziehen. Man spricht von den Schwierigkeiten Englands in Indien. Nun muß die Frage aufgerollt werden: mit welchem Recht kompensiert England seine Indischen Schwierigkeiten mit unseren Lebensinteressen? Großbritannien hat das Mandat in Palästina übernommen, nur zu dem einzigen Zwecke, um dort eine jüdische Heimstätte aufzubauen. Mit welchem Rechte schließt die Londoner Regierung Palästinas Tore vor jüdischen Einwanderern? Mit welchem Rechte verbleibt England in Palästina, wenn es seine freiwillig übernommenen Verpflichtungen verletzt? Um sich den Weg nach Indien zu bewahren? Vom Suez-Kanal ist weder in der Balfour-Deklaration noch im Wortlaute des P a 1 ä s t i n a-M a n d a t e $ die Rede. Das einzige Recht, auf welches sich England stützen kann, wenn es Palästina beibehält, ist die Hilfe bei dem Aufbau der jiddischen Heimstätte. In dem Momente, wo Englatid infolge verworrener Lage in anderen Teilen seines Imperiums diese seine Verpflichtung, mitsamt den Interessen eines in äußerster Not nach ein bißchen Freiheit sich sehnenden Volkes, verletzt, muß der Völkerbund sein Machtwort sprechen! Es ist sdh-on höchste Zeit, daß wir den Mut haben, dies offen und vor aller Welt herauszusehreien. Worte, Proteste, Schreien — sind unsere einzige Waffe, über die wir verfügen. Wer ist schuld? Das ist die zweite Frage, die sich aufdrängt. Das leichteste wäre, in dieser Stunde, nach einem Sündenbock zu suchen, das naheliegendste, die zionistische Leitung zu beschuldigen, daß sie mit nicht genügendem Nachdruck unsere Interessen verfolgte. Dies wäre ein Fehler. Dies wäre ein Nicht-erkennen-wollen der dC Lage beherschenden Bedingungen. Wir, die wir nicht unmittelbar an der Stätte leben, wo die zionistische Exekutive mit der britischen Regierung verhandelt, ahnen nicht die Anstrengungen, die gemacht wurden und werden. Es ist bestimmt der Fall, daß die Araber einerseits schlauer sind, andererseits sich auf Realitäten stützen können, wo wir, die wir im Lande keine Majorität haben, nur auf moralische Werte uns stützen können. Dennoch muß jetzt die Frage aufgeworfen werden, ob nicht eine Aenderung und zwar eine grundsätzliche Aenderung des Verhältnisses zwischen unserer verantwortlichen Leitung und den britischen Machtfaktoren eintreten müsse. Man kann es bereits zwischen den Zeilen der verschiedenen Nachrichten und Ennunziationen der führenden zionistischen Männer herauslesen: auch ihre Geduld ist zu Ende; auch sie haben eingesehen, daß man mehr verlangen muß, um wenig zu erreichen, anstatt, daß man wenig verlangt und nichts erreicht. Es wäre zu wünschen — und dies deshalb, weil wir keinen anderen Ausweg haben, weil uns jede andere Möglichkeit verschlossen wurde und weil wir uns in äußerster Not befinden — daß man auf den Tisch schlägt, daß man im Namen eines 15-Milllonenvolkes, erhobenen Hauptes, zornentbrannt, gerechtigkeitsheischend die primitivste Erfüllung der Mandatsverpfllchtungen verlangt. Dieser Ruf erschallt heute aus allen Ecken und Enden der jüdischen Welt. Wo Immer Juden leben, sind sie durch die unerhörte Maßnahme der britischen Regierung aufs tiefste empört. Dieser Druck von unten, dieser Schrei der Massen, muß auch in London gehört werden und wir hoffen, daß er unsere Leitung nicht schwächen sondern stärken wird, daß sie mutiger und fester sein wird können, wenn sie hinter sich ein einiges Volk fühlen wird. Schuld ist England, schuld Ist die größte Macht der Welt, für die es eine moralische und völkerrechtlich verankerte Pflicht ist, die den Juden gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Und schuldsindauch wir. Es fehlte uns an Einigkeit. Wir haben uns ln Inneren Kämpfen aufgerleben, wir reiben uns nach wie vor ln unnützen Streitigkeiten auf. Wir haben Energien auf unverzeihliche Art verschwendet, die teuren Energien, die notwendig waren, um ein einig sein Recht verlangendes Volk zu stärken. Wir haben die Lage nicht aus der geschichtlichen Perspektive überschaut. In vielen Fällen ist der Zionismus au einer kleinen, lokalen Angelegenheit, zu einem Tummelplatz persönlicher Ambitionen und Streitigkeiten geworden. Das Endziel lag irgendwo entfernt — wir verloren uns in den kleinlichen Alltagskämpfen. Hier tut eine Aenderung notl Wenn nicht heute unter dem Einflüsse der katastrophalen politischen Geschehnisse eine grundsätzliche Aenderung eintritt, dann sind wir verloren. Denn dann haben wir auch den letzten Rest unserer Kraft eingebüßt. Folgen: Pessimismus? Die Folgen der neuesten Maßnahmen des britischen Kolonialamtes sind ohne Zweifel ernster Natur. Was wird uns der morgige Tag bringen? Was wird man Im britischen Kolonialamt noch gegen uns unternehmen, um den Bau der jüdischen Heimstätte zu hemmen? Es ist besser, sich gegen Ueberraschungen zu wappnen als Vogel-Strauß-Politik zii treiben und sich einzureden, daß passives Warten für uns nutzbringend sein kann. Die Zeit arbeitet nicht für, sondern gegen uns. Jeder Tag, den wir verlieren, ist verloren ■und kann nicht wieder eingebracht werden. Jedes Schiff, das nach Palästina ohne jüdische Einwanderer kommt, bedeutet für uns einen Rückschritt. Doch dürfen wir nicht mutlos die Hände fallen lassen. Wir können, wir werden nicht für einen Moment an der Verwirklichung der zionistischen Idee zweifeln. In dieser Stunde können und müssen neue große Kräfte, die in uns verborgen waren, zum Vorschein kommen. In dieser Stunde tut es not, sich zusammenzuschließen, unerschüttert zu bleiben, zu glauben, zu kämpfen und zu arbeiten! Auf jede Art, in jeder Weise, in jedem Lande, in jeder Gruppe — politisch, wirtschaftlich und organisatorisch. Wir müssen umbauen, umdenken, sich neu einstellen und vor allem einig werden. Das jüdische Volk uhd Palästina sind für ewige Zeiten verknüpft In Palästina-wird und muß eine jüdische Heimstätte entstehen. Die Gerechfgkeit muß sich durchsetzen und ein zerstreutes Volk seine Heimat zurückbekommeK Daran wird auch die Hiobsbotschaft der «stop Immigration!», die wir vor einigen Tagen vernommen haben, nichts ändern. w. Amery über die jetzige Lage Berlin. Anläßlich des Paneuropa-Kongresses weilt hier der bekannte englische Politiker und ehemalige Kolonialminister Amery, der sich in einem Gespräch mit dem Korrespondenten des «Hajnt» zur gegenwärtigen Lage wie folgt äußerte: Die Palästina-Regierung hat die Einwanderungszertifikate auf Grund der alten Verordnungen ausgefoigt. Nach dem Shaw-Bericht glaubte die englische Regierung, daß es besser sei, die Expertise des Spezialdelegierten Simpson über die wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande abzuwarten. Seiner Meinung nach, ist das Verbot der jüdischen Einwanderung nicht als ein Kompromiß an die Araber zu betrachten, mit der etwaigen Tendenz, auf diesem Wege die Sympathien der indischen Mohammedaner zu gewinnen. England wird auf keinen Fall das einmal gegebene Versprechen an die Juden brechen, da es weiß, daß. das gesamte Weltjudentum an der Palästinafrage interessiert ist England wird sicherlich die Mandatsverpflichtungen einhalten. Ein palästinensisches Parlament kommt nicht in Betracht, es sei denn eines mit einer gesicherten Mehrheit der Mandatarmacht, welcher Vorschlag bereits seinerzeit den Arabern vorgelegt, von ihnen aber abgelehnt wurde. Simpson kennt er als einen gründlichen Fachmann auf dem Gebiete der Kolonisierungsprobleme und als einen objektiven Menschen. Er glaubt nicht, daß Gefahr vorhanden sei, den Bodenkauf für Juden zu verbieten. Die arabische Delegation habe unmögliche Konzessionen verlangt, auf die die Regierung keinesfalls eingehen könnte, weswegen die Verhandlungen unterbrochen wurden. In Zukunft glaube er, sei eine Zusammenarbeit der Juden mit den Arabern notwendig, um einen gemeinsamen Palästina-Patriotismus zu erzielen, ähnlich wie ein solcher gemeinsamer französisch-englischer Patriotismus in Kan ad a und ein englisch-holländischer in Südafrika herrsche. Auf einem zu seinen Ehren vom deutschen Pro-PJitstina-Komitee veranstalteten Bankett hielt Amery eine längere Rede, in der er seinen Weg zum Zionismus schilderte. Er erklärte, daß England nach wie vor die übernommene Verpflichtung in der Balfourdeklaration und ira Palästina-Mandat erfüllen werde. Die Mission John Simpsons verdiene Zutrauen, weil durch seinen Bericht sich die Möglichkeit ergeben werde, im englischen Parlament in einer Palästina-Debatte das gesamte Palästina-Problem aufzurollen. pie frühere Imigration war, nach Ansicht Amerys, eine vielleicht zu schnelle. Gegenwärtig sei es notwendig, der Imigration ein geduldigeres Tempo vorzuschreiben, das zu einem sicheren Ziel führen wird.

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