Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 126 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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» tk.m PTE STIMME mmrnmmm n im i —— " Der „Bibelforscher* Benjatnin Donath und sein Kampf gegen den „Gott der Rache* Von Hofrat Prof. Df. S. Frankfurter. (Schluß.) Der unschuldige h. Hieronymus und (Wr klage KartHnal. Da «Ich nun einmal der sonderbare Schwärmer es ln den Kopf gesetzt hat, daß die allgemein übliche und zweifellos richtige Uebersetzung ein Jahrtausende alter Irrtum verursacht habe, verfiel er darauf, der Vulgata (um 400 n. Ohr. G.), d. h. ihrem Verfasser, dem h. Hieronymus, einem guten Kenner dies Hebräischen, diesen Irrtum zuzuschreiben. Seine Bibelübersetzung nähert sich Im Gegensatz zur Sextuaginta wieder mehr dem hebräischen Text; sein Latein ist gewählt und entbehrt nicht einer gewissen Eleganz. Die beiden Steilen lauten bei ihm: 2. M. 20, 7: «ego sum Dominus Deus tuus fortis zetotes visitans iniquifatem in filios in tertiam et quartam generationetn eorum, qui oderunt me uswj>, 2. M. 34, 7: «qui reddis iniquitatem patrum fiiiis ac nepotibus in tertiam et quartam progeniein». Es braucht ja kaum erst gesagt zu werden, daß auch Hieronymus die Stellen nicht mißverstanden hat, weil sie gar nicht mißzuverstehen sind und daß er sie ebenso verstanden hat wie der Talmud und wie jeder Kenner des Hebräischen sie versteht und übersetzt Daß aber der arme Mann, von der fixen Idee dieses Irrtums beherrscht, an die vatikanische Kommission zur Revision des Vulgatatextes mit dem «konkreten Ziel» herantrat, «den falschen Begriff des Rachegottes aus der Vulgata auszumerzen», zeugt nicht nur von seiner Naivität, sondern auch von [Seinem Mangel an philologischem Sinn. Denn sonst hätte er wissen müssen, daß die vatikanische Vulgata- Kommission ja nur die Aufgabe haben kann, den Text der Vulgata einer genauen Revision zu unterziehen und Fehler, die als Textverderbnisse bezeichnet werden müssen, also Abschreib- und Druckversehen, zu beseitigen oder, wenn man will, auszumerzen, also den Text so herzustellen, wie er vom h. Hieronymus herrüflirt, daß Sie aber nicht die Aufgabe, auch nicht das Recht hat, Fehler oder Mißverständnisse des h. Hieronymus selbst auszumerzen, d. h. diesen zu verbessern. Also, auch wenn die Kommission sich von Herrn Donath hätte überzeugen lassen, daß der h. Hieronymus den biblischen Text mißverstanden und daher unrichtig übersetzt habe, könnte sie diesen Irrtum nicht beseitigen. Uebriigens muß man nicht gerade Philologe sein, um .das zu verstehen. Jeder gebildete Laie wird das begreifen, wenn er sich folgendes vor Augen hält: Der römische Dichter Horaz wundert sich, wie oft der gute Homer schläft, und auch bei den größten Geistern sind Fehler, Versehen und Widersprüche, etwa in Dramen und Romanen usw., festgestellt worden. Um nur ein bekanntes Beispiel anzuführen: Man muß nicht Shakespeare-Forscher sein, um zu wissen, daß im «Wintermärchen» Böhmen am Meere liegt, und man muß kein Gelehrter sein, um zu wissen, daß das unrichtig ist. Wind ein Vernünftiger deshalb auf den Gedanken kommen, es sollen im Homer oder in anderen großen Dichtwerken oder im «Wintermärchen» diese [zweifellosen Fehler ausgemerzt werden? Es ist Sache Ider Kommentatoren, die Fehler festzustellen und eventuell zu erklären, wie sie entstanden, aber der vom Attfof Iterrüfirende Text darf, nicht geändert werde«. Nun stelle man sich die merkwürdige Situation im Vatikan vor, wie sie kt dem Aufsatze so anschaulich geschildert wird: Es entspinnt sieh eine wissenschaftliche Diskussion über den Rachegott, d. h. Ober die Stelle im Dekalog (wozu eine Diskussion», eine Stelle, an der po-kad al einrechnen usw. heißt, würde genügen). Folianten werden herbeigeschileppt (natürlich müssen es Folianten sein, als ob diese etwas anderes enthielten al« kleinere, handlichere Bücher). Das gelehrte Kollegium, natürlich sind auch tüchtige Kenner aller in Betracht kommenden Sprachen, auch des Hebräischen* darunter, merkt, wen es vor steh habe, niokt sich schmunzelnd zu (was der Berichterstatter weise verschweigt) und der kluge Kardinal Gasquet beruhigt den «kleinen, beweglichen Miann mit dem klaren, gütigen Blick, mit dem etwas deformierten, kahlen Schädel», mit den Worten «II senso 6 veramente ambiguo und beglückwünscht den Finder der Wahrheit herzlich zu seinem gottgefälligen Unterfangen, setzt aber hinzu, das gesamte Judentum möge offizielle Schritte in Rom unternehmen, um die Reparation des verhängnisvollen Irrtums zu verlangen». Wenn schon Herr Donath die Ironie dieser Worte nicht merkte, der Berichterstatter hätte sie doch erkennen sollen. Zunächst den Widerspruch, der darin liegt, den Sinn zweideutig zu nennen und den Finder der Wahrheit zu beglückwünschen, das eine hebt das andere auf, und zweifelhaft sind ja nur die Worte visitare und reddere an sich, jenes heißt «besuchen», dieses «zurückgeben». Aber die. Verbindungen visitans iniquitatem patrum in filios und reddis iniquitatem patrum fiiiis sind nicht mehr zweifelhaft, jene heißt: «Die Schlechtigkeit der Väter heimsuchen an den Kindern», diese: «Die Schlechtigkeit der Väter heimzahlen den Kindern», also in beiden Fällen, was einzig und allein richtig ist und dem hebräischen Text entspricht, «bestrafen». Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt in der Aufforderung, die gesamte Judeniheif zu einem Einschreiten in Rom zu veranlassen. Darin liegt aber doch auch eine Grausamkeit. Der Bedauernswerte glaubt, einen Erfolg erzielt zu haben, und bemüht sich nun — selbstverständlich vollkommen vergeblich —, was in Rom verlangt wurde, zu erreichen, und die Tragikomödie wird zur Tragödie. Er gilt jetzt als Querulant und findet bei den Juden kein Gehör. Begreiflicherweise, weil ja so etwas ebenso unmöglich wie unsinnig wäre, denn so wenig wie der Einzelne, würde ja die gesamte Judenheit, für die e§ ja obendrein gar keine Instanz gibt, in Rom etwas erreichen, weil sie nichts erreichen kann, wie oben gezeigt wurde. Höchstens, daß man der gesamten Judeniheit sagen würde: Merzt aus dem hebräischen Text die Stelle aus, dann werden wir sie auch aus der Vulgata streichen. Er wendet sich an Katholiken und Protestanten, da auch sie am Alten Testament interessiert sind, und ja der Gott des Alten Testaments auch der des Neuen ist. Und hier wird ihm die Bedingung gestellt, sich taufen zu lassen. Das klingt wie Hohn, denn auch durch die Taufe würde der arme Mann das, was er anstrebt, nicht erreichen. Und der Sinn dieser Aufforderung kann doch nur sein: wenn du mit dem lieben Gott im Alten Testament nicht zufrieden bist, nun, so sag’ dich von ihm los. Aber all das klingt so unwahrscheinlich, daß man es nioht gut glauben kann. Warum hetzt man ihn immer weiter hinein, anstatt ihn aufmerksam zu machen, daß nicht nur seine Annahme der fehlerhaften Ueberseizmd itfiitt öftrer. Quefte «richtig tot, sonderst auc& auch seine ganze von Unkenntnis zeugende Argument tation, dte m widerlegen gar .nicht lohnt?*) Wie verhält slch’s mft dem Gott der Rache? Weder das Wort, noch der Begriff de« Raehegott-es findet sich an der Stelle, gegen die Donath so heftig amkämpft. Es würde daher, auch wenn man ihnt beipflichten und pofcari al, was sprachlich unmöglich ist« und, wie gezeigt, unsinnig wäre, nicht als Bestrafung, sondern als mildernde Einrechmmg verstehen wollte, damit der Gott der Rache oder der Rachegott aus dem Alten Testament keineswegs ausgerottet sein. In Psalm 94, 1, heißt es ja geradezu «Gott der Rache, Ewiger, Gott der Rache, erscheine» und 5. M. 32 läßt Moses Gott sagen: «Mir gehört die Rache und die Vergeltung», «Ich werde wenden die Rache auf meine Widersacher», «Preiset Nationen sein Volk, denn das Blut seiner Knechte rächt er, wendet Rache an seilte Widersacher, daß sühnet sein Land sein Volk». Diese Worte richten sich gegen die Feinde Gottes und seines Volkes, Psalm 94 gegen die Frevler, die Witwen und Waisen, den Fremdling bedrücken und sich ihrer Taten freuen, ihnen wird der rächende Gott entgegengehalten;; den Bedrückern als Drohung, den Bedrückten als Trost Man denke nur an die Judenverfolgungen. Diese Stellen, namentlich der «Gott der Rache» in Psalm 94, 1 (et nekamoth wird von Luther an so übersetzt, in def Vulgata «Deus ultionum», also Gott der [rächenden] Bestrafungen) sind es, die die Vorstellung des Rachegottes begründen. Und die Strafandrohung Im Dekalog soll sie in Verbindung mit dem bekannten «Aug’ um Aug’» bekräftigen. Was gegen den daraus gegen das Alte Testament im Gegensatz zum Neuen erhobenen Vorwurf zu sagen ist, das ist in den Schriften, die darüber erschienen sind, so ausreichend geschehen, daß, wer sich belehren lassen will, leicht Gelegenheit findet. Hier sei nur auf das ebenso lehrreiche, wie vortreffliche Buch «Das Judentum und seine Umwelt» von Prof. Dr. Michael Guttmann (Berlin, Philo-Verlag, 1927) verwiesen, der in dem Kapitel «Der jüdische Rachegott» eingehend die Sache behandelt und die jüdische Auffassung von der Rache Gottes darlegt und zeigt, daß auch dem Neuen Testament**) den Kirchenvätern und Luther der strafende, rächende Gott nicht fehlt, daß die Liebe Gottes das Grundprinzip der jüdischen Religion ist und wie es sich in Lehre und Leben auswirkt. Einige Bemerkungen mögen genügen: Der Gott voll Liebe und Barmherzigkeit ist auch der strafende Richter. Unter Rache, rächen, ist nicht das hämische Rachege- *) Was soll man zu der ungeheuerlichen Behauptung des famosen Bibelforschers (nach dem Bericht des Korrespondenten) sagen: «Die als klassische Zeugen angeführten Propheten Jeremias und Arnos, die als authentische Ausleger des Gesetzes gelten dürfen, erheben ihre Stimmei gegen die von den falschen Propheten verkündete Auslegung, daß die Kinder für die Sünden der Väter verantwortlich gemacht werden, und stellen fest, daß der Gott Israels jedermann für seine eigenen Sünden zur Rechenschaft ziehe.» (Das gilt, wie am Schluß erwähnt wird, allein von Ezechiel, aber selbstverständlich ohne jede Polemik.); **) Donath zeigt auch hier und mit Bezug auf Jesus seine Unkenntnis. Zwei Stellen mögen genügen: Matth. 21, 41 heißt es, er wird die Bösewichteriibel um bringen und Hebr. 12, 29 sagt Paulus unser Gott ist ein fressend Feuer. Daniel Soldat Von Beno Neumann. Ich leb« im Westen und bin ein westlicher Mensch geworden. Aber meine Wiege Ist im r cn gestanden. In einem kleinen Städtchen kam ich zur Welt. Einige Schritte von unserem Häuschen entfernt floß der Dnjestr. Man sagte, daß er jedes Jahr ein Opfer fordere. Auf der einen Seite des Flusse« waren Feleen, .wilde, sandige Felsen, und auf ihrem Rücken breiteten sich Friedhöfe aus, der jüdische und der christliche Friedhof. Ueber die Friedhöfe herrschte Eintracht. Unter ihren Grabsteinen lag alles das, was Menschen von einander trennt, beigraben. Auf diesen Friedhöfen habe ich die freien Stunden meiner Jugend verbracht. Ich weiß nicht, was es gewesen sein mochte, daß es mich immer zu diesen alten Grabsteinen zog. Alle« schien mir dort geheimnisvoll. Da« Gras wuchs anders als anderswo, die Vögel sangen anders als anderswo — alles war anders al« anderswo in der Welt. Oft legte ich mich zwischen zwei Grabsteinen nieder, näherte mein Ohre der Erde und horchte. Habt Ihr schon einmal die Erde sprechen gehört? Ich entsinne mich ganz genau: Der jüdische Friedhof war von einem alten, stellenweise schon eingefallenen Steinzaun umgeben. Belm Eingang stand eine kleine Lehmhütte mit einem Strohdach. Die Wände der Hütte waren weiß gestrichen und in ihrer Mitte lief eine horizontale, mit einer Kohle gezeichnete Linie. Es wurde mir erklärt, daß diese Linie ein Zeichen für den nach Opfern Ausschau haltenden Tod sei, in die angezeichuete Hütte nicht einzutreten. Ich war stets der Ansicht, daß diese Schutzmaßregel gerade hier, Im Reiche der Gräber, überflüssig sei. Hier lagen ja die schon «erledigten» Fälle. Und wegen dem einzigen Einwohner der Lehmhütte hätte sich sicherlich der Tod, den ich Immer für einen großzügigen Unternehmer hielt, nicht herbemtlhL Dieser einzige Einwohner hieß Daniel Soldat und war Wächter des jüdischen Friedhofes. Das Wort «Soldat» Ist selbstverständlich kein richtiger Familienname, sondern nur ein Zuname. Er kommt daher: Zu jener Zeit war es eine Seltenheit, daß ein Jude beim * Militär diente. Wer nur halbwegs in der Lage war, wehrte sich dagegen. «Ein Jude ist kein Soldat . . .», wurde allgemein behauptet. Daniel aber, die Vollwaise, war ein Kerl wie ein Bau ml Mit einem Wort: er wurde assentiert und mußte zur Kavallerie einrücken. Ich gebe zu, daß gerade diese Waffengattung, bei der angeblich sogar der Sohn vom Rothschild gedient haben soll, in unserem Städtchen vollständig unpopulär war. Was einem Rothschild gefällt, muß einem Juden aus Horodernka noch lange nicht gefallen. Wir sind ein Wüstenvolk, lieben Esel und Kamele, aber nicht Pferde! Und die militärischen schon gar nicht . . . Daniel war aber irgendwie anders. Hört und staunt: er war ein richtiger Kavallerist! Er verständigte sich mit dem Pferd viel leichter al« mit mir oder anderen Einwohnern des Städtchens. Er aß die Militärknödel wie ein Huzul, nur das Schweinerne bereitete ihm anfänglich Schwierigkeiten Und al« er nach Jahren heimkehrte, erzählte er selbst, daß er den Kaiser gesehen habe, und trug auf seiner linken Brustseite eine goldene Medaille auf einem roten Band. Im ganzen Städtchen gab es nur einen Menschen noch, der so eine Medaille hatte: den Bezirkstiauptniann! ... Seit damals wurde Daniel im Städtchen «Daniel Soldat» genannt. Ihr wollt wissen, wie er Friedhofswächter wurde? Zufall! Vieles hängt im Leben vom Zufall ab. Atisger rechnet zur 2eit seiner Heimkehr vom Militär hatte der Kultusvorstand beschlossen, einen Wächter für den jüdischen Friedhof aufzunehmen. Wer reflektiert auf die Anstellung? Niemand reflektierte. Trotzdem es unzählige arme Leute Im Städtchen gab und der Posten eines Friedhofswächters nicht schlecht war (es wunde freie Wohnung und das Recht, bei allen Leichenzügen zu schnorren, zugestanden), wollte ihn niemand übernehmen. Die einen hatten Angst, draußen in der Lehmhütte zu wohnen, und die anderen erklärten philosophisch, daß sie nicht fortwährend an die Vergänglichkeit der Kreatur erinnert werden wollen. Da kam der, Kultusvorsteher auf einen Gedanken: Daniel Soldat... Samstag, nach dem Gebet in der Synagoge, ließ er Daniel Soldat zu sich kommen und fragte ihn: «Bist du auch so feig wie die anderen? Hättest du auch Angst, auf dem Friedhof zu wohnen?» Der Kultusvorsteher wa® ein kluger Mann: er appellierte an Daniel Soldats Mut. Um sie herum war die ganze Gemeinde versammelt, die Chederjurigen höhnten: «Daniel Soldat hat auch Angstl Daniel Soldat hat auch Angstl» Das war für ihn ei« bißchen zu viel. Da streckte er sich wie auf «Habt acht!» aus und rief: «Wer hat Angst?! Ich? Ich, der den Kaiser gesehen hat? Ich, der die wildesten Pferde geritten hat? Ich soll Angst vor einigen Töten haben?» «Red’ nicht so daher!» warnte ihn ein Jeschiwebocher. «Die Toten erwachen in der Nacht und verlassen ihre Gräber.» Daniel Soldat dachte eine Weile nach. Dann siegte: ■in ihm aber doch seine Soldatenehre, die goldene Medaille auf dem roten Band flimmerte vor seinen Augen iind er antwortete: «Ich habe Angst nur vor Gott dem Allmächtigen. Wozu haben wir ,Zizes’? Wozu unseren .Schema Jlsroel?1 Ich, Daniel Soldat übernehme den Posten!» Der Kultusvorsteher freute sich seines klugen Einfalles, der Jeschiwebocher fiel vor Schreck fast in Ohnmacht und die Ohederjungen bewunderten Daniel Soldat mehr als König David. So wurde Daniel Soldat Friedhofwächter. Ein Mann, ein Wort! Sofort Übersiedelte er auf den Friedhof, bezog die Lehmhütte und richtete sich in ihr ein. Auf Anraten einer alten Frau zeichnete er mit Kohte jene horizontale Linie . .