Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 126 (15.5.1930)
- Date
- 1930-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME i». m i I I V:' I I Cuza redivivus Eitle nette Serie antisemitischer Studentenexzesse in Rumänien DI© Jassyer Behörden veranlassen die Verhaftung von 8 jüdischen Bürgern in Targu Frumos, dem Schauplatz: der Cuza-Exzcsse. — Anklage gegen 28 jüdische Bürger auf Grund der Aussagen der Cuza-Studcntcn. — Antisemitische Ausschreitungen in Bukarest. — Notruf aus Marmorosch. Bukarest (I. T. A.). Bei den EröffnungswaMen in die rumänische Kammer wurde der Führer der rumänischen Antisemiten Professor Cuza, der bei den Hauptwahlen unterlegen war, in Roman mit 15.424 Stimmen wieder in das Parlament gewählt. Der Regierungskandidat blieb mit 892t Stimmen in der Minderheit. Bukarest (J. T. A.). Die Wahl Cuzas ins Parlament gab das Signal zu einem Aufflammen der exzessiven antisemitischen Bewegung in Rumänien. In Targu Frumos, wo vor einigen Tagen die studentische Leibgarde des Antisemitenführers Cuza, während Cuza selbst im Orte weilte, schwere antisemitische Exzesse veranstalteten und die Judenschaft des Ortes mißhandelten und terrorisierten, wurden nun auf Veranlassung der die Untersuchung leitenden Jassyer Behörden acht Jüdische Bürger verhaftet und in das Gefängnis von Jassy eingeliefert. Es wird gegen s;e die Anklage erhoben, daß sie die Schlägereien verursacht hätten. Die Verhafteten beteuern, daß sie sich an den Zwischenfällen überhaupt nicht beteiligt haben und ihr Alibi für die kritische Zeit genau nachweisen können. Gegen 28 andere jüdische Bürger von Targu Frumos wurde die Anklage wegen Beleidigung der Polizisten erhoben; niemand in der Stadt kann es sich erklären, auf welche Tatsachen diese Anklage sich stützt, cg eoi denn, daß man den Angaben Cuzas und seiner Begleiter, die sich als die Ueberfallenen hinstellen, Glauben schenkt. In der Wirklichkeit befanden sich die aus Roman, w& Cuza zum Parlamentsmitglied gewählt wurde, zurückreisenden Studenten in Siegerlaune und terrorisierten einige Stunden lang die jüdische Bevölkerung. Von diesen Exzedenten wurde niemand verhaftet. Dagegen werden Juden, die sich geschlossen den Cuzisten entgegenstellten, um größeres Unglück zu verhüten, und solche, die mit der Sache überhaupt nichts zu tun hatten, in den Anklagezustand versetzt. Im Verlaufe des 8. Mai ereigneten sich in mehreren Straßen von Bukarest Ueberfälle antisemitischer Studenten auf jüdische Bürger. Sie wurden fürchterlich mißhandelt. Vor dem rumänischen Studentenheim wurden einige Stunden später die beiden jüdischen Bürger Isak Krenzier und Herman Grün von Studenten angefällen und fürchterlich verprügelt. », Beim Innenministerium ist eine Meldung eingetroffen, wonach vor einigen Tagen in dem Städtchen Borscha, Kreis Marmorosch, das größtenteils von Juden bewohnt ist, große antisemitische Exzesse stattgefunden haben. Dort fand ein Kongreß der Vereinigung «Cultul Patrei» statt. Nach Schluß des Kongresses zogen Studenten durch das Städtchen, zertrümmerten die Scheiben in allen jüdischen Häusern, zerstörten zahlreiche jüdische Geschäftslokale und verprügelten jeden Juden, dessen sie habhaft werden konnten. Die Behörden von Borscha haben von diesen Vorfällen die höheren Behörden nicht unterrichtet. Erst die jüdische Kultusgemeinde von Viseu, eines benachbarten Städtchens, richtete av. das Direktorat in Cluj (Klausenbürg) ein Telegramm, in welchem sie wegen der Vorfälle in Borscha protestiert«]. Erst dann wurde die Untersuchung eingeleitet. Präfekt Juga begab sich mit 40 Polizisten in die Ortschaft Visen und veranJaßte die Verhaftung des dortigen Pfarrers Dumitrescu, der sich an den Ausschreitungen in Borscha aktiv beteiligt hat. Daraufhin verbarrikadierten sich 300 Bürger und ein anderer Pfarrer in der Kirche der Gemeinde. Der Präfekt ordnete an, daß die Gendarmerieposten verstärkt werden. Das Innenministerium hat strenge Maßnahmen getroffen, um eine Wiederholung von antisemitischen Ausschreitungen in Borscha und Umgebung zu verhindern. Der dortige Gendarmeriekommandant wurde seines Amtes enthoben. Die Bukarester Presse protestiert auf das schärfste gegen antisemitische Ausschreitungen und die passive Haltung der Ortsbehörden. Czernowitz, 11. Mai (I. T. A.). Senator Dr. Mayer Ebner erhielt aus Borscha und Vatra-Dornei dringende telegraphische Mitteilungen, in denen mitgeteilt wird, daß die Judenheit des Kreises Marmorosch in schwerer Panik lebt. Zwei cuzistische Agitatoren forderten die Bevölkerung auf, die Juden aus Borsche zu vertreiben und die jüdischen Häuser anzuzünden. Viele Juden wurden auf der Straße mißhandelt. Die Juden im benachbarten Visoul fühlen sich bedroht. Die Juden aus Borscha bereiten sich zur Flucht vor; in Vatra-Dornei sind bereits Flüchtlinge eingelangt. Senator Dr. Mayer Ebner hat sich telegraphisch an das Innenministerium , und an das Czernowitzer Ministerialdirektorat mit dem Ersuchen, schleunigst Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, gewandt. Der Inhalt des Memorandums der arabischen London- Delegation Jerusalem. (I. T. A.) Die arabische Exekutive Palästinas veröffentlicht eine offizielle Mitteilung über den Inhalt des Memorandums, das die arabische Delegation in London dem Kolonialamt überreicht hat. Darin wind die Einstellung der jüdischen Einwanderung, Verhinderung von Bodenverkauf an Zionisten und ein Parlament mit nationaler Regierung gefordert. In der Mittelung wird gesagt, daß die Delegation die besten Hoffnungen hinsichtlich ihrer Wünsche hegt. Erhöhte jüdische Einwanderung in Palästina Jerusalem. (I. T, A.) Im Verlauf des Monates März 1930 sind 1068 Einwanderer, unter ihnen 899 Juden, nach Palästina gekommen; in dem gleichen Monat haben 271 Juden und 108 Nichtjuden das Land verlassen. Im Februar 1930 betrug die Zahl der Einwanderer 772, unter ihnen 593 Juden. Im Jänner 1930 wanderten 555, im Dezember 1929 517 Juden ein. Die Zahl der jüdischen Auswanderer betrug Im Februar 1930 190, im Jänner 1930 167 und im Dezember 1929 128. Die arabische Delegation führt ©ine Sammelaktion in Amerika durch Jerusalem. Die arabische Delegation, die jetzt in den Vereinigten Staaten Amerikas weilt, teilte telegraphisch mit, daß sie btsnun 3000 Dollar für die palästinensischen Araber gesammelt habe. Dr. Bernhard Kahn über die Not des polnischen Judentums. Warschau, 8. Mal. (I. T. A.) Herr Dr. Bernhard Kahn, Direktor des Joint Distribution Committee in Europa, der seit einigen Tagen in Polen weilt, um die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung im Zusammenhang mit dem Hilfs- und Aufbauwerk des Joint Distribution Committee zu erforschen, erklärte Vertretern der Presse, auf an ihn gerichtete Fragen u. a. folgendes: In Amerika ist man sich über den Ernst der Lage der Juden in Polen durch Berichte des europäischen Joint-Büros im klaren. Ueber die zukünftige Hilfsarbeit in Osteuropa sind wohl Pläne ausgearbeitet, aber es wäre zu früh, über dieselben zu sprechen, da ja deren Realisierung von dem Erfolg des Joint-Drive in den Vereinigten Staaten und auch von den Ergebnissen meiner Osteuropa-Reise abhängt. Ein endgültiger Hilfs- und Aufbauplan wird erst aufgestellt werden können, wenn ich die Lage erforscht und in Amerika persönlich hierüber Bericht erstattet haben werde. Ueber die Beziehungen der American Joint Reconstruction Foundation zu der Bank der Kooperativen in Polen befragt, eklärte Dr. Bernhard Kahn: Wir haben zu der Bank der Kooperativen, die alle ihre Schwierigkeiten überwunden hat, auch hinsichtlich ihrer Zukunft vollstes Vertrauen, haben wjr doch dieser Bank erst vor kurzem einen weiteren Kredit von rund 70.000 Dollar eingeräumt. Auf die Frage, ob ln den Beziehungen des Joint Distribution Committee zu dem kulturellen Werke des polnischen Judentums eine Aenderung eingetreten ist, erwiderte Dr. Bernhard Kahn, Joint wird die höheren Lehranstalten, wie Gymnasien und Lehrerseminar« auch weiterhin unterstützen. besserte BefcatndUmg der polfSscbet! Häftlinge werde za einer Besserung der politischen Atmosphäre in Palästina beitragen. Dr, Drummond Shirts erwiderte, die Gefängnisse seien zwar alt, aber die Regierung sei bestrebt, die Verhältnisse fortlaufend za verbessern. Sie scheut keine Anstrengung, um die Gefängnisverwaltung so za gestalten, daß sie jeder Kritik standhäft. Im Verlauf der Debatte ergriffen mehrere andere Mitglieder des Unterhauses das Wort, so u. a. McShane, Hndson, Mander, Gordon Lang, die erklärten, die Antwort von Dr. Shiels habe sie nicht befriedigt, die Regierung möge die Veröffentichung der Korrespondenz zwischen MacMahon und Sheriff Hussein nochmals ernstlich in Erwägung ziehen. Der amerikanisch-jüdische Kongreß gegen den Bericht itar Unfersuehungskommission. New York. An eine vom Amerikanisch-Jüdischen Kon- * greß einberuferte Versammlung zur Behandlung des Berichtes der Untersuchungskommission über die Unruhen in Palästina hatten 36 jüdische Organisationen Delegationen entsandt. Die Konferenz beschloß, durch die Jewish Agency an die englische Regierung ein Memorandum zu richten, wonach die Annahme und Verwirklichung der Empfehlungen der Untersuchungskommission eine Verletzung der Balfour- Deklaration und des Palästinamandates bedeuten würden. Der Bericht bedauert, daß die Verantwortlichkeit des Mufti und der englischen Verwaltung an den Unruhen im Berichte nicht klargestellt wurde. Zum Schlüsse verlangt das Memorandum, die englische Regierung solle die sich aus dem Palästinamandat ergebenden Verpflichtungen voll erfüllen. Der Vatikan begehrt das Protektorat über Jerusalem. Rom. Wie auf einen höheren Wink hat die katholische Presse ganz Italiens eine scharfe Kampagne eröffnet, in welcher das Begehren gestellt wird, daß dem Vatikan als souveränem Staat das Protektorat über die Stadt Jerusalem, sowie über Nazareth und Bethlehem, zuerkannt werde. Das Begehren wird mit den zu Ostern vorgekommenen Zusammenstößen an den katholischen heiligen Stätten begründet. Die Klagemauerkommission des Völkerbundes wird im Verlauf der Ratstagung ernannt werden Genf. 12. Mai (I. T. A.) Auf der Tagesordnung der jetzt tagenden 59. Session des Rates des Völkerbundes steht keine Angelegenheit zur Beratung, die irgendwie mit Palästina in Bezug steht. Es ist daher kaum zu erwarten, daß der Vertreter Englands dem Rate Vorschläge seiner Regierung in Angelegenheit der Konstituierung der Klagemauer-Kommission unterbreiten wird. Wie der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erfährt, wird die britische Regierung dem Völkerbundsrate im Verlauf der gegenwärtigen Session die Namen der Mitglieder der Völkerbundskommission zur Festlegung der arabischen und der jüdischen Rechte an der Klagemauer in Jerusalem unterbreiten. Bekanntlich hat die britische Regierung vom Völkerbund den Auftrag erhalten, drei Persönlichkeiten als Mitglieder der Klagemauer-Kommission vorzuschlagen, von denen keiner Engländer sein soll. Palästina auf der Berliner Tagung der Exekutive der zweiten Internationale Berlin, 12. Mai. (I. T. A.) Am Sonntag, den 11. Mai, begann in Berlin eine Tagung der Exekutive der sozialistischen (Zweiten) Internationale. Seitens des Weltverbandes Poale Zion nehmen an dieser Sitzung S. Kaplansky (bekanntlich Mitglied der Zionistischen Weltexekutive) und M. Jarblum (Paris) teil. Wie der ITA-Vertreter erfährt, bildet die Frage der Arbeit der Liga für das arbeitende Palästina Gegenstand der Beratungen. In der vorigen Sitzung, die in Zürich stattgefunden hat, hat Friedrich Adler die Frage der Liga für das arbeitende Palästina unter Mitarbeit von Sozialisten an dem Palästinawerk angeschnitten. Die Vertreter der Poale Zion hatten gefordert, daß man dem Verband Poale Zion die Möglichkeit geben solle, die Mitglieder der Exekutive der Internationale über Wesen und Arbeit der Liga für das arbeitende Palästina zu informieren. Der Vorschlag wurde damals angenommen, so daß dieser Punkt auf der Tagesordnung der jetzigen Berliner Tagung der Internationale steht, ln Berlin weilt auch der Leiter des Verbandsbureaus der Poale Zion, Ing. A. Reis aus Warschau. Luke kehrt nach Palästina zurück? Jerusalem. (I. T. A.) Die in Jerusalem weilende Gattin des gegenwärtig auf einem längeren Urlaub in England befindlichen Chefsekretärs der Palästina- Regierung, H. C. Luke, erklärte dem I. T. A.-Vertreter, ihr Gatte werde nach Beendigung der Juni-Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes, auf der er ate Begleiter des beglaubigten Vertreters der englischen Regierung anwesend sein und auf Fragen der Kommisslorvsmltglleder Auskünfte erteilen wird, nach Palästina zurückkehren und seine Amtsgeschäfte wieder aufne hmen. TreflpiiBk! der Zttleo Cafe „(Utes Rathaus“ (Cafetier Leo Löwy) Größere und kleine Klublokale 1« Be«»» WippltagerstraSe 24 Tel U 274.8*, U 26-2.74 OOOOOOOOOCHXXXOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC Auf die Frage nach seinen allgemeinen Eindrücken in Polen, erklärte Dr. Kahn: Ich habe sehr viel Not nud Elend im polnischen Judentum angetroffen, ich werde viel darüber in Amerika zu erzählen haben. Ich gebe mich aber dennoch nicht einem endgültigen Pessimismus hin. Ich halte die Wirtschaftskrise zwar für eine langdauernde, aber letzten Endes doch vorübergehende, Alle Länder leiden unter einer Wirt, schaftskrise, Polen freilich mehr als andere Länder. Dieses Land wird darum auch einen längeren Weg. zur Ueberwindung der Krisis zurücklegen müssen, aber schließlich wird dieser Weg in bessere Zeiten führen. Jfcren'Jftajemeffi'föllc/iseTifeerifrig vom 18. ZMai bis inklusive 1. 3uni. Spendet der Bodennot entsprechend/