Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 125 (8.5.1930)
- Date
- 1930-05-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 DIE STIMME Nr. 125 Der „Bibelforscher" Benjamin Donath und sein Kampf gegen den „Gott der Rache" Von Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter. Vo r be m e t k u ng. Bereits vor etwa zwei Jahren berichtete der Budapest Korrespondent der «Neuen Freien Presse» von einer aufsehenerregenden angeblichen Entdeckung Benjannn Donaths und in der Sonntagsbeilage der «N. F. P.» vom 6. April d. J. erschien ein größerer Artikel aus derselben Feder unter dem Titel: «Das Ende des Rachegottes. Eine Tragödie eines ungarischen Bibelforschers.» Einen Auszug daraus brachte Nr. 122 der «Stimme» vom 17. April d. J., Seite 11, unter dem Titel: «Der Gott der Rache — eine falsche Uebcrsetzung. Benjamin Donath und sein Kampf um die Korrektur in der Vulgata» — ohne ein Wort der Kritik, so daß der Leser den Eindruck gewinnen mußte, die Behauptungen Donaths seien richtig und seim Kampf berechtigt. Man erfährt auch aus den Einleitungsworten, daß die jüdische Presse darüber (wie man annehmen muß, gleichfalls ohne Richtigstellung) schon vor längerer Zeit berichtet habe. Zur Aufklärung der Leser und um dem ganz zweck- und grundlosen Spuk ein Ende zu machen —Benjamin Donath fehlten zum Bibelforscher wirkliche Kenntnis der Bibel und der in Betracht kommenden Sprachen und philologische Schulung, der Budapester Korrespondent spricht ihm gläubig alles nach ■— mögen die folgenden Ausführungen dienen: Vier Tatsachen müssen vorerst festgestellt werden: 1. Benjamin Donath hat überhaupt keine Entdeckung gemacht, geschweige denn «eine Entdeckung, die wissenschaftlich unwiderleglich begründet ist». 2. Seine Behauptungen sind unzutreffend und unbeweisbar. 3. Sein Kampf gegen die Vulgata ist unberechtigt und grundlos. 4. Er verwandelt einen klaren und verständlichen biblischen Satz in einen unverständlichen, ja geradezu unsinnigen. Das läßt sich auch ohne Aufgebot von großer Gelehrsamkeit zeigen. Vernunft wird Unsinn — Unsinn Plage. Es handelt sich um das eindringliche Verbot des Götzendienstes im Dekalog: 2. Moses 20, 3. 5. 6. Man muß den ganzen wesentlichen Wortlaut festhalten. Er lautet in Mendelssohns Uebersetzung: «Du sollst keine fremden Götter haben neben mir . . . Du sollst dich nicht vor ihnen bücken, auch sie nicht (gottesdienstlich) verehren, denn ich, der Ewige, dein Gott, bin ein eifervoller Gott (der keinen anderen neben sich leiden kann), der das Verbrechen der Väter ahndet an Kindern, Enkeln und Urenkeln, nämlich bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erzeugt bis ins taiusendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten.» Es wurde hier absichtlich die Mendelsso'hnsche Uebersetzung wiedergegeben. Aber ebenso, mit unwesentlichen Abweichungen, ist die der späteren jüdischen Uebersetzer, Philippsohn, Herxheimer, Zunz usw., bis auf die jüngsten, Martin Buber und Franz Rosenzweig. Natürlich auch in Bibelübersetzungen, die von Nichtjuden herrühren, wie im der besten von Kautzsch. Alle diese obgenannten jüdischen Uebersetzer und auch Kautzsch übersetzten aus dem hebräischen Original und sind zweifellose Kenner der hebräischen Sprache und der Bibel. Muß es nicht an sich absurd erscheinen, daß sie alle und auch die jüdische Tratitionsliteratur den hebräischen Text mißverstanden oder nicht richtig verstanden haben und daß erst Donath das Richtige gefunden haben soll? Und was hat er gefunden? Daß die entscheidenden Worte «poked ab nicht, wie alle Kenner des Hebräischen nach dem Sprachgebrauch verstehen und was an dieser Stelle einzig und allein Sinn hat, eine Strafandrohung bedeuten, ateo «ahnen, ahnden, heimsuohen, strafen», sondern «als mildernden Umstand einrechnen», d. h. Gott erklärt, daß er für die Schuld der Väter die Kinder und Kindeskinder nicht bestrafen, sondern sie ihnen als Milderungsgrund einrechnen werde, da sie ja unschuldig an der Schuld ihrer Väter, Großväter sind. Und nun versuche man, die Donathsche Uebersetzung in den Text zu setzen. Er würde dann lauten: «Denn ich, der Ewige, dem Gott, bin ein eifervoller Gott («El karma» nur gebraucht, wo es sich um Götzendienst, Abfall handelt* *), der die Schuld der Väter als mildernden Umstand einrechnet den Kindern und Kindeskindern, bis ins 3. umd 4. Geschlecht, bei denen, die mich hassen.» Wird da nicht in zweifacher Hinsicht Gott etwas Unsinniges in den Miumcl gelegt? Man mag über die Strafandrohung wie immer denken, in der allgemein üblichen und einzig richtigen Uebersetzung hat der Satz Sinn. Die Erklärung «ich bin ein eifervoller Gott», verlangt die Strafandrohung; die Zusicherung «ich rechne die Schuld der Väter den Kindern usw. als mildernden Umstand ein» stumpft sie ab und paßt dazu wie die Faust aufs Auge. Und was soll hier der Zusatz «bei denen, die mich hassen» und warum für die Einreebnung als mildernden Umstand die Beschränkung bis zum 3. und 4. Geschlecht? Verlangt die Verheißung der Huld bei denen, die Gott Heben, inoht zwingend als •) Noch deutlicher 2 M. 32, 14 «denn du sollst dich nicht vor einem anderen Gott bücken, denn der E\feige, Eiferer ist sein Name, ein eifervoller Gott ist er». Zentralwahlkomitee der Allgemeinen Zionisten Donnerstag, den 8. Mai 1930, 8 Uhr abends im Bürgercafö, II., Praterstraße Zionistische Wählerversammlung Tagesordnung: Der bevorstehende zionistische Delegierlentag Redner: Dr. Desider Friedmann, Dr. Josef Löwenherz Samstag, den 10. Mai 1930, 8 Uhr abends im Heim der Zionistischen Bezirkssektion, XX., Jägerstraße 30 Zionistische Wählerversammlung Redner: Dr. J. H. Körner, E. Nimhäuser Gegensatz die Androhung der Strafe bei denen, die ihn hassen? Diese Strafandrohung kommt ja nicht nur an dieser Stelle vor, sondern wird wiederholt, und zwar in einer Weise, die sie noch zweifelloser macht. 2. Mos. 34, 6. 7. verkündet Gott (nach dem Sündenfall des goldenen Kalbes): «Gott, Gott, allmächtig, barmherzig und gnädig, langmütig, voller Huld und Wahrheit, der bewahret 6eine Huld bis zum Tausendsten, der vergibt und rein-, macht von Schuld, Vergehen und Sünde. Aber er läßt nichts ungestraft, ahndend die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern am 3. und 4. Geschlecht»*) (auch hier mit Bezug auf Götzendienst), und kürzer 4. Mos. 14, 18: «Gott, langmütig und reich an Huld, der Schuld und Vergehen vergibt, aber nicht ungestraft läßt, ahndend die Schuld der Väter an Kindern, am dritten und vierten Geschlecht.» (Moses bittet um Vergebung für die Auflehnung des Volkes bei der Aussendung der Kundschafter, indem er an die Worte Gottes erinnert.) Unkenntnis sprachlicher Dinge. In sprachlichen Dingen entscheiden einzig und allein die Grundbedeutung eines Wortes und einer Wortverbindung und der Sprachgebrauch. Hier heißt es: usus tyrannus. Auskunft darüber geben die Lexika. Wer sich über das Zeitwort pokad und die Verbindung pokad al unterrichten will, findet ausreichende Belehrung in Gesenius’ Wörterbuch. Dieser so bedeutende Hebraist und Bibelkenner darf doch wohl auch für Herrn Donath maßgebend sein, pokad heißt denken, pokad al seinen Sinn auf etwas richten. Für die Bedeutung wichtig ist hier die Präposition al (in, an, auf, gegen), bei Gesenius heißt es: «pokad al =s aufsehen (feindlich) auf etwas, heimsuchen (in üblem Sinne) animadvertere in, daher züchtigen, strafen m. d. acc. der Sünde und al von Gott Ex. 20, 5; 32, 34; 34, 7 Num. 14, 18 Jes. 13. 11, Jes. 23, 21; Hos. 1, 4 Am. 3, 2. 14. Von den Uebertreibungen, daß die Entdeckung Donaths in jüdischen Gemeinden das größte Aufsehen erweckte, daß das Oberrabbänat von Budapest amtlich verlautbarern ließ, es handle sich um einen jahrtausendealten Irrtum (was doch ganz unrichtig ist) usw., das alles klingt so unwahrscheinlich, daß davon hier abgesehen werden mag. Tatsache ist, daß es an Warnungen Herrn Donath nicht gefehlt hat: Wie Schreiber dieser Zeilen aus unmittelbarer Kenntnis weiß, hat Donath seine Uebersetzung von pokad a\ dem verstorbenen Wiener Oberrabbiner Dr. Chajes zur Beurteilung vorgelegt, dieser, ein hervorragender Kenner des Hebräischen, Bibelforscher und Kritiker, hat ihm geschrieben, sie sei sprachlich unmöglich, Herr Donath war darüber sehr gekränkt. Aber auch eine anerkannte Autorität, der Budapester Universitätsprofessor Dr. Mahler, hat ihm das Gleiche gesagt und ihn eindringlich gewarnt. Was vom hebräisohen Original gilt, trifft auch zu auf die griechische Uebersetzung der 70, die Juden waren, und dem Sinne nach, wenn auch nicht wörtlich, richtig übersetzt haben. Es ist natürlich völlig unrichtig, was Donath behauptet; «apo-didomi» heißt «geben, abgeben» und nicht «einrechnen». Es kommt aber nicht allein auf das Zeitwort an, sondern auf die ganze Verbindung: apodidous hamartias pateron epi ta tekna und in der ParaHelsteUe (2. M. 34, 7) noch deutlicher: epagon anomias pateron epi tekna, auch hier ist von Bedeutung die Präposition epi, also wörtlich: 2. M. 20, 7, der da gibt, legt die Sünden der Väter auf die Kinder; *) Man versuche, an dieser und an der folgenden Stelle pokad al mit «als mildernde«) Umstand einrechneo» zu übersetzen. Die Sache wird nach «er läßt nichts unbestraft* noch unsinniger. Es Ist nicht nur ein sprachlich unmöglicher, sondern ein völlig sinnloser Einfall. (es mag erinnert werden an Klagelieder 5, 7; «Unsere Väter haben gesündigt urc& sind nicht mehr, und wir tragen schwer an ihren Sünden»); ln 2. M. 34, 7: der da überführt die Vergehungen der Väter auf die Kinder, d. h. der bestraft usw. Die Behauptung, apodidsmi bedeute hier nicht «bestrafen», sondern «einrechnen», beweist klärüch die völlige Unkenntnis des gewesenen Bäckergesellen in sprachlichen Dingen, wenn er auch, wie imtgeterlt wind, in neun Sprachen das Alte und das Neue Testament zitiert (Schluß folgt in nächster Nummer.) Palästinafragen im Unterhaus London, 1. Mai. (I. T. A.) In der Sitzung des Unterhauses fragte Howard Bury den Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Shiels, ob er angesichts der gegenwärtig in England herrschenden Arbeitslosigkeit nicht Schritte ergreifen wolle, daß bei allen zukünftigen Aufträgen für hydro-elektrische Anlagen in Palästina Engländern Gelegenheit gegeben werde, Angebote zu machen. In seinen weiteren Ausführungen führte Howard Bury darüber Beschwerde, daß die Aufträge für die Kraftstationsanlage in Haifa an Deutsche vergeben wurden, ohne daß man sich um irgendein Angebot von englischer Seite bemüht hat. Unterstaatssekretär Dr. Drummond Shiels erklärte in seiner Erwiderung, daß es sich hier um Aufträge einer Privatfirma handelte, wobei der Regierung eine Befugnis zur Einmischung nicht zusteht. Palästina, fuhr er fort, ist Mandatsterritorium und wir haben nicht das Reoht^ in solchen Angelegenheiten Unterschiede bestehen zu lassen. Sir Frederic Hali (kons.): Wir anerkennen durchaus, daß wir keine besonderen Befugnisse haben, aber könnte nicht Dr. Shiels hierin einen Vorschlag machen? David Kirkwood (Unabh. Arbeiterpartei)i Haben wir nicht das Recht, einen Minister zu ersuchen, seine guten Verbindungen auszunutzen, um es zu erreichen, daß Arbeiten solcher Art möglichst England zugeführt werden, wo wir doch so viele unbeschäftigte Ingenieure haben? Dr. Shiels erwiderte: leb sympathisiere natürlich mit diesen Ergänzungsfragen, aber, das Haus wird sich wohl klar darüber sein, daß es etwas schwierig sei, zwischen offiziellem und inoffiziellem Einfluß zu unterscheiden. Wir sind gewiß bestrebt, darauf zu achten, daß alle solchen Kontrakte in England arrangiert werden, aber — wie ich bereits ausgeführt habe — wird sind nicht in der Lage, durch eine Einmischung der Regierung die Entschlüsse einer privaten Firma zu beeinflussen. Sir Herbert Samuel, der frühere High Commissioner für Palästina, bemerkte: Ist es nicht Tatsache, daß die große Mehrheit solcher Aufträge in England placiert worden ist? Doktor Shiels bejahte diese Frage. Jewish Agency und Agudas Jisroel Frankfurt a. M., 1. Mai. (I. T. A.) Vom Geschäftsausschuß der Agudas Jisroel-Weltorganisation wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt: Die politische Exekutive der Agudas Jisroel hat die von der Kenessio Gedaulo im September 1929 zur Jewish Agency-Frage gefaßte Resolution dem Vorsitzenden der Jewish Agency, Mr. Felix Warburg, seinerzeit zur Kenntnis übermittelt. In der Resolution war bekanntlich ausgesprochen und begründet, daß Agudas Jisroel auf Grund der Entscheidung des Rabbinischen Rates den Beitritt zur Agency nur dann ins Auge fassen könne, wenn diese auf jede Finanzierung kultureller Aufgaben, die angesichts der weltanschaulichen Gegensätze nicht gemeinsam bearbeitet werden können, verzichtet. Mr. Felix Warburg hat nunmehr der Exekutive der Agudas Jisroel unter dem 1. April mitgeteilt, daß er eine Kommission ernannt habe, um mit Vertretern der Agudas Jisroel „einen Plan auszuarbeiten, innerhalb dessen Agudas Jisroel in der Lage sein könnte, mit der Jewish Agency zu kooperieren“. Zu Mitgliedern dieser Kommission hat Mr. Warburg folgende Herren ernannt: Rabbiner Dr. Leo Baeck in Berlin, Rechtsanwalt Dr. Aron Barth in Berlin, Heschel Farbstein in Warschau, Doktor Morris Hexter in London und Leo Motzkin in Paris. Von seiten der Agudas Jisroel wird für die Verhandlungen ebenfalls eine fünfgliedrige Kommission ernannt werden, deren Zusammensetzung noch nicht feststeht