Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 124 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette« füg STIMME Nr. m BISTPflKHI eines jeden Zionisten, der fRerzUQedenkfeier, am Samstag, den 3. Vilai im Qroßen a Vdusikvereinssaal, bei der der ifräsident des Zionistischen Aktionskomitees £eo Vdotzkin I die Qedenkrede hältL beizuwohnen* ZKartcnvorverkaxtf in den Zionistischen Züros, V L, iXärtnentrmß* SNr. 78 Telephon SVr, Sk-27-4-85186 9 «Warten!» Wir steigen ab und Jagern im Kreise. «Wann soll er kommen?» — fragen die gespannten Ge» dichter, und die Blicke richten sich häutig nordwärts, dem Wege nach Rischon zu. Bin Junge ist Späher. Er soll das Nahen eines Wagens auf dem Wege von Rischon melden. Wir sitzen am Hügel und warten. Sprich doch, erzählet» fordern mich die Jüngsten auf. Aber was soll ich ihnen erzählen? Wenn das Herz auch schier übergeht vor Fülle, der Mund bleibt doch stumm. Wenn es auch in der Seele braust und stürmt, die Zunge bleibt doch wie gelähmt. Niemand sagt ein Wort. Nur Blicke wandern von einem zum andern. Manchmal funkelt eine Träne, manchmal leuchtet ein Lächeln auf den Lippen — und schon ists verschwunden. Berele, der Schmied, springt ungeduldig auf und blickt den Späher an. Er hält es nicht aus, stillzuhalten wie seine Kameraden. «Ruhig», herrscht ihn der Anführer der kleinen Truppe an, ein großgewachsener, stämmiger, gutäugiger Bursche voll lebhafter Jugend, hi dessen Sprache noch der russische Anschlag vernehmbar ist «So wahr ich lebe — ein bißchen Kognak würde die zitternde Unruhe bändigen... so wahr ich lebe!» so spricht ein Bursche (feine Gesichtszüge, gerunzelte Stirn, kleine schwarze Augen) — schon Vater und doch bezeugt er eine erbärmliche Schwäche für den Schnaps und die Lebensfreude. Stillschweigen wird als Einverständnis gedeutet. Er springt auf und jubelt: — «Ein Hoch der Lebensfreude! Ein schwarzhaariger Junge schwingt sich auf sein Pferd und jagt in die Kolonie zurück; schon ist er wieder da, zwei Flaschen in der Hand schwingend. Man trinkt! Es lebe Herzl! Es lebe das Judentum! Es lebe Rechoboth! Es leben die JudenI Der «Rote» (dreißigjährig, der lebende Geist der Gesellschaft und unermüdliche Sänger) beginnt ein Lied zu summen. Aber niemand kann zuhören. Auch das Singen wird der beladenen Seele schwer. «Ein Wagen», schreit der Späher. Augenblicklich werfen wir uns auf die Pferde und im Trab geht es nordwärts. Vom zweiten Hügel, jenseits des Wadi-al-Taniu, auf dem Wege von Rischon kommen zwei Wagen heran. «Warten Ws cfie Wagen den Wadi-al-Tanin passieren!» Wir warten. Nur kurze Zeit verweilen die Gäste im Wadi, schon setzen sie ihre Fahrt fort. Sie biegen links ein — nach Rechoboth. Vorwärts! Wir geben den Pferden die Sporen, war reiten im Galopp. Von ferne sehe ich einen Kopf am Wagenfenster erscheinen und verschwinden. Einige Schritte vor dem Wagen halten wir. Auch der Wagen steht still. Ein Reisender vertritt ihm den Weg und ruft dem Kutscher ein «Halt» entgegen. «Es lebe Herzl!» ertönt der Ruf, als ob er aus der Ferne käme. Schon sind wir unten. Der Wagenschlag öffnet sich, und wie ein Jüngling springt der schwarzbärtige, schwarzäugige, hochgewachsene Mann heraus. Ich sah nur seine großen, tiefen Augen, Und aus denen blickte tiefe Trauer. Sogar sein Lächeln trug den Stempel der Trauer... Sein Gesicht bezaubert mich. Angst vor der Majestät war mir bis zu dieser Stunde unbekannt gewesen. Jetzt aber zitterten meine Kniee vor Aufregung und Spannung. Meine Zunge lallte: «Die Kolonie Rechoboth grüßt durch ihre Boten Dr. Herzl!» Aber meine Freunde hörten mich; donnernd brauste es durch die Luft: «Hoch lebe Dr. Herzl!» Es waren keine einfachen Hochrufe. Das war ein Angstschrei. Bleiche Gesichter... Und doch waren es keine Feiglinge ... Mein Bück war gebannt. Ein Zittern ging durch die Ach, einundvierzig Jahre werde ich heute, aber eine Last von Jahrtausenden drückt mich zu Boden. Sechs Jahre sind es kaum, seit ich den Judenstaat im Pariser Hotelzimmer erträumte, und ich bin schon alt und müde. Berühmt? Ach, was nützt einem der Ruhm, wenn man sein Herzblut für ihn hergeben muß. «Der Wind saust durch die Stoppeln —■ Ich muß meinen Schritt verdoppeln» summte er durch die Lippen. Und während er in den Spiegel blickte, bereitete er sich die Unterredung mit dem Sultan vor, wie sie sich möglicherweise abspielen wird: «Est-ce que la Majeste permet que je parle simptement, ouvertement, serieusement? ... Wie er sich im Audienzsaale als Abgesandter eines Volkes vor dem Sultan dünkte, bückte er für eine Wedle aufmerksamer in den von Sonnenstrahlen umfluteten Spiegel und starrte bewegungslos in sein eigenes Bild. Wie ein Peitschenhieb schlugen ihm da die von Gram verzerrten Gesichtszüge entgegen. Aufgewühlt, überlebensgroß, starr und fremd stand er seinem eigenen Bilde gegenüber. Mit großen, weitaufgeriseenen Augen blickte er in den Spiegel, in dem die Larve eines Schicksal gewordenen Juden ihm entgegen starrte. Dieses finstere Gewölk des Blickes, die wirren Strähne des schwarzen Bartes, den schon weiße Fäden wie rieselnde Tränen durchschimmern, die Lippen, die den Schmerz eines ganzen Volkes zu verbeißen schienen . . . Das Bildnis von Doryan Grey?... durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke und ein dumpfes Rauschen von Todesschwingen summte ihm in den Ohren. Ueberlebeiwgroß, stolz und vom Jammer der jüdischen Kreatur überflutet, stand ihm sein Dämop gegenüber — sein D ä m o n, der ihn zur Höhe und in den Abgrund treibt — unbarmherzig, schicksalsschwer und unentrinnbar . . . So baüfce sich in ihm die unendliche Traurigkeit zu j hohe Gestalt und in seinen Augen... war es wirklich eine Träne? Der Reihe nach reicht er jedem die Hand. Wir umringen ihn. Er spricht 2u uns. Seine Worte verstehen wir nicht. Wir sehen nur sein Gesicht. Noch einige Leute entsteigen dem Wagen. Alle nähern sich uns und reichen uns die Hände entgegen. Aber wir sehen sie nicht. Ein Siedler von Rösch Pina begleitet sie. Er raunt mir etwas ins Ohr. Ich aber verstehe es nicht. Ich sehe nur zwei schwarzglühende Zauberaugen, tiefe, traurige Augen. Es glänzt in ihnen, es leuchtet — war es wirklich eine Träne? «Pferde besteigen1» — Wir reiten. Dr. Herzl besteigt seihen Wagen. Er schließt nicht den Schlag. Sein Kopf nickt uns zu und seine Hand gibt uns Zeichen. «Es lebe Herzl 1 Es lebe Rechoboth! Es lebe Herzl!» Die Rufe hallen in der Luft, unsere Pferde rasen, springen wie toll. Die Stute des Anführers — Emila — setzt zum Wettlauf an. Unaufhörlich kreist sie um den Wagen. Reiter und Stute verschmelzen zu einer Gestalt Herzl wendet nicht seinen Blick von uns, ich spüre seine Augen. «Stehenbleiben!» Alles steht, (ge Pferde, der Wagen. Hier ist die Grenze Rechoboths. «Lange lebe Rechoboth I» Hat Herzl die hebräischen Rufe verstanden? Ich weiß es nicht. Aber das eine weiß ich sicher: die Träne fiel jetzt von seinem Auge und netzte seine Wange... sie rollte, rollte... da, noch eine... und noch eine... viele... zwei Augen weinten. Haben auch meine Genossen die Tränen gesehen? Scher haben sie sie gesehen, denn ihr Rufen brauste siebenmal stärker als früher. Auch ich schreie mit, ich schreie aus voller Kraft, ich habe mich vollständig vergessen. Ich fühle: da gibt es eine starke, mächtige, allmächtige Kraft und die zwingt mich zu schreien mit den anderen, ich bin, alle sind wie bemmmamommemmummnmsmmmMMmemmmmmm Hochfrequenz-Bestrahlung gegen Nervenleiden, Rheumatismus, Ischias. Heilanstalt Sol-Ra, L, Kärntnerstraße 10, Eingang Seitengasse. Tel R 27-1-83. rauscht. Und wenn mir damals jemand befohlen hätte: Springe ins Meer, so will ich es haben l — ich hätte es ohne Bedenken getan. Vorwärts! Es springen, es tänzeln die Pferde. Der Wagen fährt langsam und die traurigen, schwarzen Augen blickten uns unaufhörlich an und werden noch schwärzer, noch tiefer.. Auf dem Wege, der nach Ekron führt, erwarten uns alle Einwohner... An der Spitze die Ratsmifglieder, die Aeltesten. Links in der Jaakobsgasse die Schüler unter Führung ihrer Lehrer. Die Reiter bilden zwei Reihen und die Wagen fahren durch die so entstandene Gasse. Herzl springt herunter Nach ihm sein Gefolge. Der Ortsvorstand begrüßt ihn im.Namen der Gemeinde. Herzl nickt ihm za und reicht ihm und den anderen die Hand. Langsamen Schrittes kommt auf ihn Reb Jakob zu. Er hält ihm die alte, dürre Hand entgegen. Dann hebt er seine Hände gegen Himmel und spricht mit gehobener, feierlicher Stimme: «Gelobt seist Du Gott unser Herr, König der Welt, der uns leben ließ, der uns erhielt bis zu bis zu dieser Zeit!» Und zu der Gemeinde sprach er: «Gut-Jomtow, Juden, Gut-Jomtow! seinem eigenen Bildnis eines sturmgepeitschten VoHcsfÜhrers ... Da klopfte es plötzlich an die Türe und an der Schwelle erschien seine Mutter. Die Mutter! Wie ein stiller Engel stand sie da und bemerkte gar nicht den verstörten Blick des Sohnes, der gewaltsam die verzerrten Züge zu einem Lächeln hinüberleitete. Meine gute, gute Ma — wie schön, daß du so zeitlich gekommen bist. Zeitlich? — Du bist ja heute das richtige Geburtstagekind, mein Dori — und glühende -Küsse bedeckten das Gesicht ihres Sohnes. Nein, meine gute Mama — aber ich verreise heute — ich m u ß nach Konstantinopel — der Sultan ruft mich! Heute? — warst ja erst solange weg? Was wird die arme Julie sagen? Und die Kinder? — Frage nicht, Mutterl •— ln einigen Tagen bin ich zurück und dann feiern wir richtigen Geburtstag. — Weißt, Mutteri? — noch eine kurze Weile — sobald ich vom Sultan den Charter erlange — ziehe ich mich zurück. Dann bleibe ich schon bei Euch. Für immer i So ist’s recht, liebes Kind. Denke auch an Dich, an deine Kinder .. . . Die Julie weint sich ja ohnehin die Augen aus. Aber ich verstehe dich — ein Mutterherz versteht alles ... Bald entfernte ach die Mutter und Herzl zog es zum Spiegel zurück. Wut packte ihn plötzlich und schäumend keuchte seine Brust. Mein Dämon — mein Dämon... Zufällig erblickte er den Medschidije-Orden, den er für die Reise nach Konstantinopel vorbereitete, griff nach ihm und schleuderte ihn mit Wucht gegen den Spiegel. Dann biß er die Lippen zusammen, sammelte behutsam die Scherben und begann zur Reise zu packen... Ich schaue und sehe erregte Gesichter. Zarte Saiten werden angeschlagen in der Tiefe des Herzens... Heiliges Schweigen... Nur die Augen leuchten, beben, sprühen elektrische Funken ... Und plötzlich erschallt der gewaltige Ruf: «Es lebe Herzl! Es lebe Herzll Wie Besessene schreien wir, wieder hüllt uns der Sturm in seinen weiten Mantel... Wohin wird er uns führen? Auf dem Hügel stehen die Kolonisten. Herzl und sein Gefolge in der Mitte. Sephatdische Hausierer kommen vom Wege, der nach Ramleh führt. Zwei alte Sephardim fallen vor Herzl hi die Knie und küssen den Staub seiner Füße. Er schrickt zurück. Und Reb Jakob rückt den Sepharden näher: Wieso? So soll dem Messias, dem Sohne Josef geschehen!... erklärt einer der älteren Sephardim. Herzt tritt in die Wohnung des Gemeindevorstehers ein. Ihm folgt eine große Menschenmenge, eine weitaus größere muß draußen bleiben. Niemand rührt sich von seinem Platze. Herzl ruht wenige Minuten aus und setzt sich dann zum gedeckten Tisch. Während der Mahlzeit erhebt er sich, ergreift ein Glas Wein und hält eine längere deutsche Rede. Seine Worte verstehen die Anwesenden nicht, aber es genügt, seine Stimme zu vernehmen. Seine Stimme zittert. Zeitweise ersticken die Worte in Tränen. Manchmal unterbricht er die Rede, da er nicht weiter sprechen kann. Dessen ungeachtet hört man ihm weihevoll zu. Vor abends verläßt Herzl die Kolonie. Wiederum begleitet ihn die ganze Einwohnerschaft. Dem Menschentrupp folgen unsere Reiter mit ihren wiehernden Pferden. Sie begleiten 8m bis zum Hügel. Da macht sein Wagen halt, er steigt aus und ersucht die Reiter, in die Kolonie zurückzukehren. Alle entsteigen ihren Pferden und nehmen von ihm Abschied. Jedermann einzeln. Et reicht einem jeden die Hand. Als letzter tritt auf ihn Berele zu und sagt: «Möge es uns beschieden sein, Herzl als den Präsidenten der Jüdischen Republik zu sehen.» Man bemerkt ein leises Lächeln auf Herzls Lippen, als er dem auf den Arm klopft. Noch lange, lange bleiben die Reiter auf der Anhöhe und folgen mit ihren Blicken dem dahinsausenden Wagen, bis er ihren Augen ganz entschwindet Herzl-Worte Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder auf stehen. Noch einmal sei das Wort des Anfangs wiederholt: Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben. (Schlußwort zum Judenstaat) Die Macht einer Idee besteht darin, daß es vor ihr kein Entkommen gibt. (Tagebücher.), Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt. (Tagebücher.) Dieser Kongreß ist unsere erste Institution und ich wünsche, daß er immer unsere beste, höchste und würdigste bleiben soll, bis wir ihn hinübernehmen in das schöne Land unserer Väter, das wir. nicht zu untersuchen brauchen, um es zu lieben. (Tagebücher.) Palästina ist das einzige Land, wo unser Volk zur Ruhe kommen kann. Aber sofortige Hilfe tut Hunderttausenden not. (Tagebücher.) Vom Anfang an war ich der Ansicht, daß eine diplomatische Initiative von England werde kommen müssen, weil England, wenn es — gleichsam in der Luftlinie — nach Indien blickt. Palästina streifen maß. (Tagebücher.)' Möge die englische Regierung erkennen, welchen Wen es hat, düs Jüdische Volk za gewinnen. (Tagebücher.) Wem ein Stück Orientfrage mit der Judenfrage zugleich gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Kulturvölker. (Tagebücher.) Ich werde wohl auch den Charter einmal in einem ganz unvorhergesehenen Augenblick bekommen — wenn überhaupt. Wenn wir ihn nämlich nicht erst nach der Teilung der Türkei von den Mächten bekommen werden. (Tagebücher.) Ob es ein Tory öder ein Whig sein wird, der mit der Judenfrage auch ein Stück der Orientfrage zu lösen unternimmt, er wird das Werk eines Staatsmannes im großen Stile tun. (Tagebücher.) Der Zionismus war der Sabbath meines Lebens. (Tagebücher.) Durch das, was ich getan, habe ich den Zionismus nicht ärmer, aber das Judentum reicher gemacht. (Tagebücher.) fch weiß fetzt eine gute Grabschrift für mich: tEr hatte eine zu gute Meinung von den Juden. (Tagebücher.) Der Hauptsatz meines Lebens? Wer die Menschen ändern will, muß die Bedingungen ihres Lebens ändern. Mein Testament für das jüdische Volk: Machet euren Staat so, daß sich der Fremde bei euch vnm WML (Tagebücher^ :