Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 124 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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rtr. 124 DIE STIMME Seite 5 Wiener Jwlei II Zu Herzls 70. QMstag ehrt das Andenken des großen jüdischen Führers. Beteiliget Euch zahlreich am Gang zum Grabe Herzls. Herzl in Palästina In Ness-Ziona Von S. Ben-Zion. Ein großer Tag war es, als Herzl im Jahre 1899 den Boden des Wadi Chanin betrat, ein Tag, der wie eine Offenbarung in diesem kleinen Ta! dahinzog. In der Kolonie ertönte plötzlich die Arbeitsglocke — Bestürzung erfaßte alle, und in dieser Bestürzung hörte man eine Stimme, die laut verkündete: «Theodor Herzl ist in Erez Israel»! Ein Zittern und Beben geht durch alle Herzen, Furcht, Freude und Staunen malt sich auf allen Gesichtern. Wie wagt Theodor Herzl es jetzt, nach Erez Israel zu kommen, zu einer Zeit, wo der deutsche Kaiser nach Jerusalem fährt? Und zu welchem Zwecke wohl? «Begegnung mit Kaiser Wilhelm in Jerusalem — vor den Augen der Türkei...» «Tage des Messiasl» Und wird er die Kolonien aufsuchen, von Rischon le Zion,; nach Rechoboth gehen — wird er an dem Wadi Chanin vorübergehen, ohne es aufzusuchen? Nein, gewiß wird er durch die Kolonien kommen, und er; wird auch des Wadi Chanin bedenken! Und rings um die Glocke bewegten sich alle im Kreise, und in ihrer Freude umarmten die Mütter ihre Kinder und küßten sie...; Und die entscheidende Nacht war gekommen — die Kolonie rüstete sich zum morgigen Empfang; Ehrentore wurden im «Tal der Rosen» errichtet, die Mütter wuschen und plätteten die Kleider der Kinder für den morgigen Tag. — Und am Morgen — ja, jener Morgen mit seinem blinkenden Tau — wie erhellte diesesmal in seinen Himmelsfarben die Feiernden — Licht des^Festes — An den Toren stand als Ehrenwache das ganze «Volk» —•. Männer, Frauen, Kinder — eine kleine Zahl. Doch seht nur die Buben und Mädchen, die hier erzogen, und die Kleinen, die hier geboren wurden — sie bildeten zwei Reihen in der Kolonie. Sie waren gekämmt und mit Zisternenwasser sauber gewaschen —und auf den Köpfen der Kleinen, jener die den Herzen der Väter und Mütter heute kostbarer waren denn je — wehte das «Ness Ziona», die Fahne Zions —. Selbst die ganz Kleinen standen in weihevoller Stille und warteten—. Da kam auch «er» schon mit seinem Gefolge, Wagen und Pferde! Und sie standen da! — Und er, in seiner Fürsten würde, «der vor Könige hintritt», steigt aus dem Wagen und nähert sich... und seine Augen — Augen der Gnade und des Erbarmens -— dringen in ihrem Glanze tief in jede Seele — sie schauen in die Augen der Kinder. — Er erhebt seinen Blick, er, der Herrscher, der König der Herzen — Symbol des. Messias 1 Er betrachtet die Bauart der Häuser der Siedlung und die Holzbaracken der Arbeiter, Wohnstätten, die sich auf gepachtetem Boden befinden. Er sieht alles und versteht. ... Da tritt ein Greis aus der Versammlung hervor, mit langem bis zu den Unterschenkeln reichenden Kaftan. Seine Gestalt ist wie die Herzls, seine Augen sind still auf die Herzls gerichtet, sein prächtiges Gesicht mit der silbernen Lockenkrone, ein weißer Bart und Peoth. Er wird blaß und gemessenen Schrittes nähert er sich Herzl, stellt sich vor ihn und angesichts des Fürsten erhebt er sein Glas zum Willkommengruß. «Schalom alechem!» Dieser Greis es ist der thoragelehrte Chassid, der «verborgene Gerechte», der in mitternächtiger Stunde seinen Gesang anstimmt — er ist es, der im Namen der ganzen Kolonie, mit Tränen in den Augen dem Erlöser einen Willkommengruß entgegen bringt. Fürwahr, ein Symbol des langen, schmerzensdurchtränkten Galuth und der neuen Erlösung zugleich — dieses Bild, als beide sich gegenüberstanden. Und diese Begebenheit an jenem Tage — sie allein bleibt als ewige Erinnerung allen lebendig — die Begegnung Benjamin Sew Herzls mit Rabbi Jehuda Leb, Lehrer auf dem Boden des Wadi Chanin, das der baldigen Erlösung harret —. In Rechoboth Von M. Smilansky. Es war dies an einem der ersten Tage des Monats Kislew, an einem Vorabend standen wir junge Leute der Kolonie auf der Landstraße in unser Gespräch vertieft, als plötzlich von der Anhöhe der Sohn des Gemeindevorstehers zu uns gelaufen kam. «Kommet sofort zum Vater, es ist eine dringende Angelegenheit.» Langsam w.; ’ten wir unsere Schritte dem Hügel zu, wo der Rosch-Hawaad sein Haus bewohnte. Als wir zu ihm kamen, war seih Gesicht blaß, er zitterte am Adiüuntff Neu eröflneß f Erstklassige orth. Pension Weiß laurona bei Abbaiio Herrliche Lage Zimmer mit Balkon und Meeresaussicht Vorzügliche Küche, mäßige Preise. Bitte Prospekte zu verlangen! ganzen Körper und nachdem wir eingetreten waren, schloß er hinter uns die Tür und sagte ganz aufgeregt: «Herzl ist in Jaffa, Herzl ist gekommen, heute entstieg er mit seiner Begleitung dem Schiff und noch heute wird er Rischon le Zion besuchen. In Rechoboth will er übernachten.» So schrieb ihm ein Landwirt aus Rösch Pinah, der mit Herzl in brieflicher Verbindung stand und ihn persönlich in Jaffa erwartet hatte. «Herzl inJaffa,1 woher,'^ie^Wann? \ , Wir, wüßten ja, daß jedes Geheimnis unserer. Politiker 40 Tage früher in allen Straßen bekannt wurde, und siehe, plötzlich weilt Herzl in Jaffa und-kein Mensch wußte was davon, S.elbst der Gemeindevorsteher, dessen Geheimnisse vor aller Welt "offen lagen, wußte nichts davon. Wir waren ganz erstaunt. Unser'Hirn durcheilten Verschiedene Gedanken. Nur ein hie und da erfolgender Ausruf des Gemeindevorstehers, der Raum innerhalb des Zimmers werde ihm zu eng, unterbrach uns in unserem Nachdenken. Plötzlich begann der Gemeindevorsteher die Motive der Palästinafahrt Herzls zu erörtern. «Ich verstehe schon den Sinn der Sache, Herzl und der Baron (Rothschild) haben wahrscheinlich beschlossen, gemeinsame Sache zu tun. Von nun an werden sie wohl gemeinsam für den Aufbau Palästinas arbeiten. Aus einer ganz sicheren Quelle weiß ich es, daß der Baron in einem Monat nach Palästina kommt. Und jetzt kam Herzl, versteht ihr wohl den Zusammenhang der Sache?» Keine schlechte Kombination. Und das Herz braust vor Freude auf. Vielleicht doch der Beginn der Erlösung. Wie oft glaubte man schon, daß sie bereits gekommen sei. «Noch kurze Zeit und Herzl wird eintreffen. Vielleicht ist er schon unterwegs und hir haben noch nichts vorbereitet. Beeilet euch also, junge Leute,» ersuchte uns der Gemeindevorsteher und er wies nochmals den Brief, in dem ihm die Ankunft Herzls angekündigt wurde. Schon wissen es alle draußen und überall ertönt der Ruf «Herzl ist in Jaffa!» Herzl? Ein zartes Zittern durchläuft einen jeden und die vor dem Hause angesammelte Jugend wird zahlreicher. Von allen Seiten der Kolonie kommen Menschen hergerannt, alle fragen sie, wann er kommen wird. In aller Augen sieht man Verwunderung. Hier und dort stehen kleine Kreise und besprechen alle möglichen politischen Kombinationen: «Der Baron macht mit Herzl gemeinsame Sache, er hat ihn bevollmächtigt, in seinem Namen zum Sultan zu gehen, jetzt kommt er wohl allein, bald wird aber der Baron folgen.» ’ Ein jeder will die Anzeichen der herannahenden Erlösung sehen. Bei all dem vergaß man aber an die Vorbereitungen. Plötzlich aber kommt ein Reiter in die Kolonie auf seinem Pferde heran galoppiert, und übergibt dem Gemeindevorsteher einen Brief. Er reißt ihn auf und liest mit zitternder Stimme: «Herzl wird in Rischon-le-Zion übernachten. Es wurde ihm vom Beamten des Barons ein herrlicher Empfang bereitet, im Hause des Arztes findet ein Bankett statt. Morgen früh trifft er in Rechoboth ein.» Die Beamtenschaft des Barons veranstaltete Herzl einen herrlichen Empfang. Das Gesicht des Gemeindevorstehers erstrahlte. Seine Kombination bewahrheitet sich also. Der Beamte des Barons erhielt wohl von Paris den Befehl, Herzl zu empfangen. Und aller Herzen jauchzen vor Freude. * In dieser Nacht wachte man in Rechoboth. Mit^Sonnenaufgang gingen alle Einwohner der Kolonie zur Arbeit; Straßen reinigen, die Höfe in Ordnung bringen. Die Jugend überprüft ihre Pferde, die Lehrer und die Schüler organisieren rasch einen Chor. Nach Mitternacht wird es still in der Kolonie. Die Herzen aber beruhigten sich noch lange nicht. Niemand kann einschlafen, denn wie kann man schlafen, wenn das Herz wach ist. Nach dem ersten Hahnenkrähen geht alles aus dem Hause. Draußen stehen zwei junge Leute aus Ekron und fragen: «Dürfen auch die Ekroner jungen Leute sich den Reitern von Rechoboth anschließen?» Vom Sandhügel kommt in eiligem Schritt ein alter Mann, klein und gebeugt, mit Talles und Tfillin unterm-Arm. Rew Jakob ist es. Er stand früher auf und eilt in die Synagoge. Schon frühmorgens waren alle Kolonisten auf den Beinen. Jede Straße, jeder Hof war reingefegt, festlich. Die Mädchen reingewaschen, weiß gekleidet, jedes Gesicht freudig erregt. Alle beraten, jeder bereitet sich vor: die AKen abgesondert, die Mädchen in ihrem Kreis, die Jungens unter Führung ihrer Lehrer haben auch etwas vor. Und da kommt er, der Bote der Freude, Reb Jakob. Er steht und streitet heftig mit den Alten ... Die einen behaupten, nur Brot und Salz sei entgegenzubringen, er aber besteht daruf, daß auch die Thorarole vorausgetragen werde. Wir Jungens, 16 an der Zahl, reiten auf feurigen Rossen, paarweise nebeneinander; auch zwei aus Ekron reiten hinter uns. Schweigend bewegt sich der Ritt längs der Straße, schweigend erreichen wir den Sandhügel, den Grenzpunkt der Kolonie. Herzls Geburtstag Ein Schattenbild von Z. F. Finkeistein. Gut hast’s gemacht, Vämbery bäcsi! Ein Prachtkerl!» — Ein Freudentaumel schüttelte ihn förmlich. Nach Jahren schweren. Ringens das Ziel in greifbare Nähe gerückt. Der Weg ist endlich zum Ildis-Kiosk und von da zum Charter geebnet. Diesmal geht es ums Ganze. Nur ruhig Blut! Steh ich einmal Aug in Aug vor dem Posträuber mit der Hakennase am Bosporus, so werden mir auch die Rothschilds und Hirschs folgen ... Ein Teufelskerl dieser ungarische Professor; den mache ich noch zum ersten Marschall des judenstaates. Und ich ziehe mich zurück. Der Mohr hat »eins getan. Fiducit! Er durchmaß mit großen Schritten das Arbeitszimmer in Währing und tausend Hoffnungen, Pläne und Gedanken durchbrausten seinen Kopf. Gestern nachts kam das Telegramm Vämbdrys, er möge sofort zur Audienz nach Konstantinopel abreisen und so schrieb er mit fiebernden Schläfen die ganze Nacht hindurch ein Expos6 für die Hohe Pforte, einen Bericht für das engere Aktionskomitee und schließlich ein Feuilleton für die Presse. Für eine Weile versuchte er noch einzuschlummern, doch die ersten Sonnenstrahlen rissen ihn vom Lager. Rasch entwarf er noch die Ordres für die nächsten Tage. Nordau erhält versiegelte Weisungen zu DelcassS zu gehen, Cowen soll Landsdown bearbeiten, Katzenelensohn soll durch Staats- * rat Bloch an Plehwe herankommen und Hechler wird zum Großherzog geschickt. Nebenbei ergeht an Gleichen-Rußwurm eine Bitte um die Vermittlung einer Audienz beim Rampolla und Papst — Eine chiffrierte Depesche von mir aus Konstantinopel und alles wird sich in Bewegung setzen. Wie ein Feldherr kam er sich jetzt vor. Alle Mann an Bord! Wie ein Feldherr? Zwei tiefe Furchen gruben sich auf tehuv Stirn. Ein'Führer eines Volkes, dessen Macht im Antichambre von Benedikt und Bacher in ein Nichts zerfließt. Ein Wink von ihnen und er ist brotlos. Ein Kommis, der um seine Entlassung stets, zittern muß, so oft er verstohlen eine Reise antritt, um vor Wilhelm, Eulenburg, Bülow, Salisbury oder vor dem Großherzog als Sachwalter eines auferstehenden Volkes zu treten ... Ein bitteres Lächeln verzerrte für eine Weile seine Züge. Inmitten der tiefsten Erniedrigung des jüdischen Volkes habe ich aus einem Lappen eine stolze Fahne geschaffen und aus einem gesunkenen Gesindel ein Volk; das sich aufrecht um diese Fahne schart . , Was sind dem gegenüber die Benedikts und die Bachers? Ja, wenn es nicht um das Schicksal meiner Familie ginge, die ich mit in den Abgrund ziehe ... Er schäumte auf bei diesem Gedanken und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein Sklavenkönig, der um seine lumpige Existenz zittert... In unserem Staate wird’s anders werden... dem Talent freie Bahn! Keine Herren und keine Knechte! Ob ich es erlebe? — einerlei! Er reckte sich unwillkürlich und öffnete die Fenster. Ein strahlender Frühlingstag umloderte die trüben Gedanken und die würzige Luft des Währinger Villenviertels erfüllte seine müde Brust. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Rudel lachender Kinder warf sich ihm entgegen. Die Poldi schleuderte ihm einen Blumenstrauß zu und Trude begann mit einem heimtückisch-süßen Kinderblick ein Gebürtstagsgedicht herzuplappern. Das donnernde Gepolter der engelhaften Gratulariteh unterbrach Herzls Gedanken. Beinahe hätte er’s vergessen. Heute ist doch der 2. Mai und da gilt’s ja Geburtstag zu feiern. Bald griffen drei Paar Händchen nach ihm und zögen ihn im Kreise herum. Papachen! Papachen! — amrauschte ihn die Melodie .der Kitiderlippen und er drehte sich im Kreise hüpfend und polternd nach Kindesart bis sich seine Lippen in die: drei zarten Gesichter vergruben, daß sie beinahe vor Schmerz aufschrieen ... Nun gehfs, Kinder, geht’s.-Wie, du bleibst nicht bei uns heute? Wir haben dich so lange nicht gesehen ... . Die Mama sagte doch, daß wir heute Gäste, viele Gäste kriegen. Bleib Papi bei uns — bleib ... Er blickte in die schimmernden Augen der Kinder und seine Brust krampfte sich zusammen. Erst gestern kam er aus Paris, vorgestern war er in London — morgen geht’s nach ctem Bosporus, wo ihn vielleicht die Schergen der Hofkamarilla an ihre Falle locken ... Ja, ja, ich bin nur ein armer Wanderer und so muß ich das Leid bis zu Ende auskosten. Und da kam ihm zum Bewußtsein, wie er sich in den letzten Jahren verändert hatte. Wie lange ist es her, daß Trudes erste Träne ihn zu tiefst erschauern ließ und der süße Kinderblick ihm eine Welt von Schönheit eröffnete?.,. Beinahe unwillig schob er die Kinder über die Schwelle und durchflog noch einmal das Telegramm Vämberys. Die «Land Company» übernimmt die Besiedlung des Landes. Die Verwaltung bleibt unter der Souveränität des Sultans... rumorte es im Kopfe, als ihm wieder der Gedanke, daß er die «Presse» für längere Zeit eigenmächtig verläßt, geradezu einen Hieb versetzte. Ich spiele vabanque! Ich kann nicht anders. Auch Benediktas der Grausame wird es schließlich einsehen! — Er schrieb einige Zeilen der Entschuldigung. In den Brief legte er den Schlüssel von seiner Feuilletonlade und obendrein zur Besänftigung den Bericht von der letzten Premiere in der Burg. Das Feuilleton, das er diese Nacht schrieb, schickt er von der nächsten Eisenbahnstation. Ut «liquid fecisse videatur ... Aus dem Nebenzimmer erscholl das fröhliche Kinderlachen und durchzuckte ihn förmlich bei. der Erinnerung seinen Geburtstag,