Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 124 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nt, 124 Unveröffentlichte Briefe Wolfsohns an Theodor Herzl Ans den Jahren 1896—1898. Im Archiv des Wiener Zionistischen Landeskomitees befindet sich eine Anzahl Abschriften von Briefen Wolfsohns an Theodor Herzl, von denen ein Teil in der Wolfsohn- Biographie von Dr. Robinsohn (Berlin (921) veröffentlicht wurde. Die im Nachstehenden zum Abdruck gebrachten Briefe, deren Sichtung und Glossierung Herr Dr. N. M. Gelber besorgt hat, sind in der erwähnten Biographie nicht enthalten und auch sonst nicht veröffentlieht worden. Die im Nach-' stehenden folgenden Briefe geben ein wertvolles Material zur Geschichte der ersten Zeit des Herzischen Zionismus. T, Köln, den M. Jänner 1896. Sehr geehrter Herr Doktorl Von Herrn Schub1) hatte ich aus Wien Nachrichten. Mit Begeisterung schrieb er von Ihnen und hatte auch, wie ich höre, nach Berlin geschrieben und gebeten, daß die Berliner Zionisten mit Ihnen in Verbindung treten möchten. Von Dr. Holzmann2) steht noch der Bericht aus. Obgleich ich unzweifelhaft glaube, daß auch er nicht anders wie Schub berichten kann, so zweifle ich doch, ob diese Berichte irgend welche Wirkung oder Tätigkeit in Berlin hervorrufen werden. In der letzten Sitzung unseres hiesigen Zionklubs habe ich den Antrag gestellt, daß wir endlich beginnen möchten, von hier aus eine Organisation zu schaffen und wurde Herr Fabius Schach beauftragt, an Sie und an verschiedene andere zu schreiben, um Adressen von Zionisten in Deutschland zu bekommen. Sobald wir damit versehen sind, werden wir einen Aufruf oder richtiger einen Sammelruf erlassen. Was ist aus Ihrem Schofar (Zeitung) geworden? V/ird der Kongreß, den Sie in der Schweiz abzuhalten vorhatten, Zustandekommen? Meine Reise nach Rußland und somit auch alle meine Pläne mußte ich leider aus geschäftlichen Gründen vorläufig aufgeben. Dagegen hoffe ich, gegen Ende März wieder in Wien zu sein und freue ich mich schon sehr, Sie bald wieder persönlich begrüßen zu dürfen. Mit Ziongruß Ihr Sie hochschätzender D. Wolfsohn. . 2. Belisec, den 30. Mai 1897. Sehr geehrter Herr Doktor! Dienstag, den 1., abends, sind wir wieder in Wien find werden dort bis Donnerstag abends oder Freitag früh bleiben. Ich hoffe, Sie zu treffen, um mit Ihnen wegen München Rücksprache zu nehmen. Von Dr. Rülf3) habe einliegende Antwort erhalten. Wenn Rülf den Kongreß für eine Geulah (Erlösung) hält, wird er schon kommen. Hier habe ich zwei jüdische Kroaten zum Zionismus bekehrt. Rechtsanwalt Dr. Spitzer, Esseg (Rosch-Hakohol), versprach mir fest, nach München zum Kongreß zu kommen, und wollen Sie, bitte, nicht vergessen, ihm s. Z. eine Einladung zu schicken. Staatsanwalt Dr. Alexander (Esseg), ebenfalls ein prächtiger Mensch, konnte nicht begreifen, wie Sie auf so verkehrte Gedanken kommen konnten. Er war, wie die meisten Assimilanten, Gegner des Zionismus,‘ohne auch nur eine Ahnung von unseren Zielen zu haben, und ist heute nach einer Unterredung begeistert von unserer Sache. Auch Edmund von Gutmann, hier, wird, wenn Zeit ihm erlaubt, nach München kommen. Der Zionismus war Hier ein Hauptthema, und ich war sehr erfreut, zu betrachten, wde es auch in diesen Kreisen zu dämmern, anfängt. Auf baldiges Wiedersehen, bin ich mit herzlichem Zionsgruß an Sie und Ihre liebe Frau Gemahlin Ihr Sie hochschätzender Dr. Wolfsohn. 3. K ö 1 n, 5. September 1897. Lieber Herr Doktor! Maseltow sei mein Maseltow, das ich Ihnen zurufe! Mit dem Geschäftlichen will ich Sie nicht belästigen, fch habe dem Aktionskomitee per Adr.: «Die Welt» geschrieben, Dr. Jasinowsky, Warschau, war hier bei mir. Er sagte mir, Dr. Mandelstamm habe sich geäußert, Brodzky (Kiew) sei bereit, eine Million Rubel für unsere Zwecke herzugeben, sobald wir etwas Positives geschaffen haben. Ad. Landau4) der Herausgeber des «Woschod», der bis jetzt unser Gegner war, schreibt mir, ich möchte ihm intime Mitteilungen über den Gang des Zionismus machen, die er zugunsten desselben verwerten will Die gewünschten Zeitungen habe ich gesammelt und werde noch heute sämtliche Ausschnitte der «Welt» zusendep. Daß unsere Studenten in Basel für den Nationalfonds zirka 3300 Franken gesammelt haben, dürfte Ihnen bekannt sein. Hier ist die Stimmung eine gehobene. Es sind Anzeichen vorhanden, daß unser Anhang sich bald vergrößern wird. Mit herzlichem Zionsgruß bin fch vön Haus zu Haus Ihr Sie hochschätzender D. Wolfsohn. 4. 25. Mai 1898. Lieber Freund! Ich schrieb Ihnen am 19. d., Seligmann hat an Schauer telegraphiert. «Bezweifle, ob Unterredung praktischen Erfolg usw.» Selbstredend kann ich das Prospekt5) befürworten, sonst wäre ich nicht des Landes wert. Daß wir in einer ernsten Arbeit sind, weiß ich. Sie wächst nur nun bald über den Kopf, aber ich hoffe doch, alles zu überwinden. Alle Versuche bei den größeren Banken scheitern. Entweder gar keine Antwort, oder Ablehnung, will uns aber Jakob nicht helfen, muß man zu Esau gehen, so dachte ich und ging zum A. Schaaffhausenschen Bankverein, zu dem ich geschäftliche Beziehungen habe.8) Sie wissen ja, daß diese Bank eine der größten Deutschlands ist. Der Direktor, ein früherer höherer Staatsbeamter, bewies großes Interesse für unsere Sache. Er wußte schon von uns, bat aber um ausführlichen Bericht, in einer einundeinviertelstündigen Unterredung habe ich ihm unsere Ziele und Zwecke auseinandergesetzt und das. Endresultat war, daß er mar ungefähr folgendes sagte: «Meine persönliche Meinung ist, daß der Bankverein eine , so erhabene Sache unterstützen muß, wo nicht aus geschäftlichen Rücksichten nur allein, weil damit ein großes gutes Werk gefördert werden kann. Ich werde die Sache dem Gesamtdirektorium vorlegen und bitte morgen vormittags um Ihren Besuch. So spricht Esau. Man könnte Philogoi werden!» Wir besprachen sämtliche technischen Schwierigkeiten. Es ist unmöglich, daß jeder Zeichner auf seinen Namen deponiert, dazu wird keine Bank sich hergeben. Auch die Vertrauensmänner können ohne weiteres nicht deponieren. Was würde bei einem Todesfall entstehen? Es sind, wie gesagt, viele Fragen zu lösen, wozu die Bank uns helfen wird. In einigen Stunden hole ich mir den Entscheid. Ein BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Moderne Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außerjden deutschen Büehern auch englische, hebräische, jiddische u.D e u ts c h-Ju da i c a in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebuhr nur S 3*— Keine Bandgebuhr bißchen aufgeregt bin ich heute doch, denn von dem A. Schaaffhausenschen Bankverein könnte vielleicht das ganze Gelingen abhängen. Eine lan&e Depesche habe ich für Sie fertig. Inliegend die Kopie. Diese soll aber nach der Unterredung mit dem Bankverein ergänzt werden. Bulletins. Der Einlauf ist gar nicht so wichtig. Es sind nur Fragen und wiegen, die für die «Welt» durchaus von keiner Bedeutung sind. Wir wollen lieber jetzt etwas weniger bringen und später mehr Tatsachen. Das wird besser wirken.- Wegen , dem Kongreß machen Sie sich kPine unnötigen Sorgen. Krakeeler werder immer kommen, ob einige mehr oder weniger, ist gleich. Wir müssen Freunde haben, und die haben wir. Vernachlässigen tue ich nichts. Zwei bis drei Stunden jeden Abend und ebenso jeden Morgen genügen, um die Arbeit zu erledigen. Einen Sekretär habe ich, der hilft mir jetzt ben der Banksache aber sehr wenig. Herzlichen Gruß, teurer Freund, von Ihrem D. Wolfsohn. 5. Köln, 22. Mai 1898. Lieber Freund! Ihre beiden Briefe vom 12. und 22. habe hier vorgefunden. Inzwischen habe ich Ihnen auf dem Rückweg von Frankfurt depeschiert, daß Seligmann7) erst Dienstag seinen Entschluß fassen will. Auch ich betrachte diese Zahlstelle als wichtig und habe S. alles gesagt, was Sie mir jetzt schreiben. S. sagte aber, er müßte mit seinem Sohn und hauptsächlich seinem Schwiegersohn (beide Teilhaber) die Sache besprechen und auch mit seinem Rechtsanwalt, da ich darauf bestand, daß seine Firma als Depotstelle veröffentlicht wird. Er übernimmt zwar keine Verantwortung, indessen wird seine Firma doch eng mit der Bank verknüpft und es können doch Schwierigkeiten — so meint er — von seiten der Einzahler entstehen. Schauer hat gestern schriftlich den Inhalt unserer Unterredung zusammengefaßt und an S. eingeschickt. Dienstag Früh bekomme ach telegraphisch Bescheid, hoffentlich mit ja. Sie werden, lieber Freund, jetzt noch oft solche wunderliche Dinge erleben. Sobald wir praktisch zu arbeiten beginnen, müssen wir Geduld haben. Ein Bankier tut keinen Schritt, ohne zu überlegen und ohne mit seinem Rechtanwalt zu sprechen. Von Königsberg usw. habe noch keine Antwort. Ich werde heute wieder'schreiben. FachSrztliche Beban dlung von Haut- und Geschlechtskrankheiten Physikalische Therapie, ärztliche Kosmetik. Heilanstalt Sol-Ra, I., Kärntnerstraße 10, Eingang Seitengasse. Tel. R 27-1-83. Daß Sie mich an die Spitze der Bank stellen wollen, ist von Ihnen sehr liebenswürdig. Ich möchte aber tüchtigere Leute dazu haben wollen und dann vergessen Sie nicht, daß ich meinen Beruf habe, ein großes Geschäft, das ich nicht vernachlässigen kann und darf. Ich soll quasi in der weiten Welt berühmt werden, vorläufig dürfen aber diejenigen, die mich schon kennen, mich nicht auslachen und das befürchte ich von den vielen Notizen. Uebrigens tue ich alles nur der Sache wegen und da die Sache bei mir mit Ihnen, teurer Freund, anfängt und aufhört, will ick'-alcn fügen. Die gewünschten Bulletins werde Ihnen täglich senden, in der Form wie einliegend. Herzlichen Gruß Ihr D. W o 1 f s o h n. 6. 29. Mai 1898. Lieber Freund! Ihr w. Schreiben vom 27. mit Einlage von Jelski8) habe erhalten. Bodenheimer hat Ihnen einen Abzug des neuen Aufrufes gesandt. Wir werden jetzt eiine große Menge davon drucken lassen. Wäre vielleicht lohnend, der «Welt» diese Bekanntmachung als Beilage beizugeben? Das Abkommen mit A. Schaaffhausensche-Bankverein wird ausgearbeitet. Es wäre, gut, wenn sämtliche Anzahlungen dieser Bank zufließen. Große Summen an eine Stelle, imponieren. . . Zeichenstellen müssen vorher in Galizien und Bukowina errichtet werden. Von hier aus kann ich es nicht unternehmen, da ich die Leute nicht kenne. Wer sind die etwaigen Vertrauensmänner, die Vertrauen verdienen? Haben Sie von England Nachrichten? Ich höre und sehe von drüben nichts. Kommenden Sonntag werde ich auf acht Tage verreisen, i werde bei dieser Gelegenheit die nötigen Reisen für die Bank machen, aber bitte, bringen Sie vorläufig darüber nichts. Sobald ich etwas erreiche, dann kann meinetwegen die «Welt» etwas publizieren, vorläufig genügt es vollkommen, wenn die «Welt» als Unterschrift in . der Rubrik Kolonialbank meine volle Adresse bringt, wohin die Zuschriften zu richten sind. . Ich werde .in . Berlin sein und zwar mit Ahrons korrespondieren, werde in Königsberg bis März sein und hoffe, von unterwegs auch die nötigen Arbeiten verrichten zu können. Auch Sie werden mit Nachrichten versehen sein, dafür werde ich schon sorgen. Die Hauptsache muß jetzt sein, das Bankkonsortium zusammenzubekommen und zwar zeitig. Ich bemerke Ihnen noch ausdrücklich, daß ich nicht allein wegen der Bank die große Reise mache. Ich muß .geschäftlich für mich selbst hinaus , und verbinde nur damit die Banksache. Ich wäre sonst (für mich) zwar später auf Reisen gegangen und beeile mich jetzt nur der Bank wegen. Einen Sekretär werde ich in diesen Tagen bekommen und werden Sie dann auch mehr Unterschriften für die «Welt» bekommen. Sobald unsere Zeichenstellen bekannt sind, wird die «Welt» darüber ein Register bringen müssen. Ich frage heute in Rußland an, ob sie dort nichts dagegen einzuwenden haben. Anbei eine Unterschrift des Einlaufes bis heute morgen. Für die «Welt» werde wieder Mittwoch depeschieren, was noch sonst angekommen ist. . Herzlichen Gruß von Ihrem getreuen Freund D. W o 1 f s o h n. Anmerkungen: *) Ein Kolonist aus Palästina. (Siehe «Herzls Taget bücher» 1, S. 578; 2, S. 211). 3) Dr. Holzmann wurde nach, dem Erscheinen des Herzischen «Judenstaates» von den Kölner Zionisten auf Kosten Wolfsohns na.ch Wien geschickt, um festzustellen, ob Herzl «zu uns oder zu unseren Gegnern gehöre». Siehe A. Robinsohris «Wolfsohn-Biographie», S. 20. ®) Auch Rülf zählte anfangs zu Herzls Gegnern, dem er vorwarf, daß er sich in seinem «judenstaate» fremde Ideen angeeignet habe. Erst als Herzl Wolfsohn erklärt hatte, daß er. die präzionistische Literatur nicht gelesen habe, schwand allmählich Rülfs oppositionelle Haltung. 4) Ein bekannter russisch-jüdischer Schriftsteller. 5) Wegen der J. C. T. 8) Siehe diesbezüglich Herzls Tagebücher, B. 2, S. 85, Auch dieser Bankverein lehnte im März 1899 ab. 7) Bankier in Frankfurt a. M. verhielt sich sehr ablehnend zu Wolfsohps Antrag als Depotstelle für J. C. T. Shares zu fungieren. (Herzls Tagebücher, 2, S. 72, 85,,97. 139). * 8) Prediger in Lodz. Ein Vertrauter des reichen Lodzer Industriellen Posnansky. (Herzls Tagebücher 2, S. 47, 48), Es hängt also von den Juden selbst ab, ob diese Staats- Schrift vorläufig nur ein, Staatsroman ist. Wenn die jetzige. Generation noch zu dumpf ist, wird eine andere,, höherct bessere kommen. Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen. (Vorrede zum Judenstaat.) Balfourehruna a Jede Gruppe trägt Balfour in den Balfour-Band des ■ öoMcncn-Bucnes des Keren Kleinem ein.